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Top-100-Firmen der Schweiz: Von 0 auf 100

Novartis hat sich an die Spitze der Top-100-Firmen der Schweiz katapultiert. Den Aufstieg verdankt der Konzern auch der Finanzkrise. Sie hat 2008 die Unternehmenslandschaft umgepflügt.

Von Dirk Ruschmann
09.04.2009

Gepriesen sei Novartis: Zusammen mit seinen 97 000 Mitarbeitern hat «Super-Dan» Vasella seinen Pharmakonzern vom drittletzten Platz des Vorjahres auf die Spitzenposition gehievt – 2008 schuf Novartis den meisten Wert. Satte 22 Milliarden Franken bescherte Daniel Vasella den Eigentümern an zusätzlichem Firmenwert, und das mitten in der hereingebrochenen Finanzkrise. Das ist doppelt so viel, wie der Zweite, Roche, zulegen konnte, und rund 50 Milliarden besser als die «Leistung» des – kaum überraschenden – Letztplatzierten, der UBS. 27 Milliarden Franken Wertverlust verantworten der Bankpräsident auf Abruf, Peter Kurer, und der bereits abgetretene Marcel Rohner als Konzernchef. Nachfolger Oswald Grübel muss jetzt die Scherben zusammenfegen.

Bereits zum sechsten Mal präsentiert BILANZ die Rangliste der Schweizer ­Unternehmen mit der grössten Wertschöpfung. Wie viel Mehrwert die Firmen für ihre Eigentümer im Kalenderjahr geschaffen haben, berechnen die Finanzspezialisten von OLZ & Partners mit wissenschaftlichen Methoden. Die Gründer von OLZ sind ehemalige Mitarbeiter des Instituts für Finanzmanagement der Universität Bern. Massgeblich für die Wertschöpfung ist in erster Linie die Entwicklung des Börsenkurses und der Dividende – also das, was tatsächlich cash oder zumindest als Buchgewinn im Depot des Aktionärs ankommt. Berücksichtigt wird aber auch das Risiko für den Investor, und zwar in Bezug auf die Schwankungen des Aktienkurses (zur genauen Berechnung und zu den Auswahlkriterien siehe Seite 54). Auch die Firmengrösse wird mittels der Börsenkapitalisierung berücksichtigt.

ZYKLIKER VERLIEREN. 2008, das Jahr der weltweiten Finanzkrise. Kein Wunder, «haben die weniger zyklischen Branchen dieses Jahr klar gewonnen», sagt OLZ-CEO Pius Zgraggen. So landet Novartis, die im langjährigen Vergleich ganz hinten liegt, an der Spitze, Ciba in den Top Ten oder Clariant auf Platz 28. Auch diese beiden rangieren in der Langfristbetrachtung unter den schlechtesten Investments. Dass die Grossbanken 2008 hinten liegen, kann ohnehin niemanden überraschen; die katastrophalen Resultate der zurückliegenden beiden Jahre bescheren UBS und Credit Suisse auch im Fünfjahresranking die hintersten Plätze. Kantonal- und Regionalbanken, mit Ausnahme der Zürcher Kantonalbank, haben dagegen von der Anlegerflucht aus den Grossbanken profitiert, allen voran die Institute aus Bern, Basel und Graubünden. Versicherer indes «konnten sich 2008 noch ans Ufer retten», sagt Zgraggen. Da sie im Finanzzyklus den Banken etwas hinterherlaufen, dürfte sich bei den Assekuranzen die Krise erst im Geschäftsjahr 2009 niederschlagen; dann aber deutlich.

Dass die beiden Pharmamultis nun an der Spitze liegen, verdanken sie ihrem stetigen, wenig zyklischen Geschäftsmodell: Firmen mit stabilem Cashflow und nicht von Industriekunden abhängig – «da hätte man operativ grobe Fehler machen müssen, um letztes Jahr schlecht abzuschneiden», sagt Christian Gattiker, Leiter des Research von Julius Bär. Novartis habe im Wesentlichen ihr Tagesgeschäft kontinuierlich fortgesetzt und lediglich etwas Druck auf die Gewinnmargen zu verkraften, den der Aufbau des Geschäfts mit Generika mit sich bringt. Hier winkt grosses Volumen, nicht aber die hohe Marge. Letztere ist eher auf dem Privatkonto von Novartis-Lenker Vasella zu orten (siehe auch Artikel auf Seite 40). Und so ist der Spitzenrang eher ein «Ausrutscher»: Im Langfristvergleich über fünf Jahre liegt der Konzern an drittletzter Stelle. Denn, abgesehen von 2008, bescherte Novartis seinen Eigentümern jedes Jahr Wertverluste, die zudem immer umfangreicher wurden.

ABSTURZ VON ABB. Für einmal hat Novartis den ewigen Konkurrenten Roche ausgestochen. Mit der Fokussierung auf Krebsmedikamente setzte Roche früh aufs richtige, weil margenträchtige Rezept. «Fokussierter und berechenbarer» als Novartis habe Franz Humer die Roche aufgestellt, urteilt Christian Gattiker. ­Roche hat zudem im aktuellen Fusions­karussell der Pharmabranche – Merck will Schering-Plough, Pfizer schluckt Wyeth – ­ihren Appetit mit der Vollübernahme von Genentech bereits gestillt. Will Vasella hier nachziehen, muss er es vielleicht ­sogar? Die Unsicherheiten beim Wertschöpfungsmeister 2008 sind erheblich. Dass das nicht vergessen wird, dafür sorgt Roche-Präsident Franz Humer. Der «SonntagsZeitung» diktierte er kürzlich, Roche und Genentech wollten «die Fokussierung vorantreiben. Von einer Diversifikation, etwa einem Eintritt in den Generikamarkt, halten wir nichts.» Vasellas Replik hätte man gern gehört.

Beim Drittplatzierten, Nestlé, geht es nicht um Fokussierung oder Diversifizierung. Konzernpräsident Peter Brabeck hat lange darauf hingearbeitet, die bestehenden Geschäftsbereiche auszubauen, die Marken zu stärken und vor allem in höherpreisige Bereiche vorzustossen – dort, wo mehr Gewinn vom Umsatz hängen bleibt. Die Ausweitung der Ertragskraft trägt nun Früchte. «Fraglich ist, ob nun, in einem weltweiten Konjunkturabschwung, die Margen gehalten werden können», sagt Gattiker. Tatsächlich zeigt sich im Detailhandel, wie mittlere und hochpreisige Markenlinien Mühe haben, während Discount- und Billigsegmente profitieren. Nestlé liefert zwar auch Produkte für den anspruchslosen Grundbedarf, genannt PPP (popularly-priced products), wie Nescafé-Ableger, Milcherzeugnisse oder Maggi – aber hier sind die Gewinnspannen deutlich niedriger als bei den glitzernden Nespresso-Kaffeekapseln oder Mövenpick-Glace. 2009 dürfte auch Supertanker Nestlé die Krise zu spüren bekommen.

Diese Erfahrung haben die Letzten unserer Rangliste bereits gemacht, und zwar mit voller Wucht. Denn der Industrie­gigant ABB, in den zurückliegenden Jahren ein verlässlicher Lieferant steigender Wertschöpfung, ist in der Börsenkrise massiv unter die Räder gekommen. «Ein klarer zyklischer Einbruch», konstatiert Gattiker, da sei «vom Markt sehr viel von der erwarteten Konjunkturabkühlung eingepreist worden». Etwa die Sparte Industrieroboter, die unter der Schwäche ihrer Kunden, den Autoherstellern, leiden dürfte, oder das Geschäft mit Infrastruktur im Bereich Elektrizität, das derzeit nicht von den milliardenschweren Stimulierungsprogrammen profitiert. Hinzu kommt der übliche Abschwungzyklus: Sinkende Industrieproduktion schlägt sich in sinkender Nachfrage nach Strom nieder, dies drückt die Strompreise und endet in geringeren Investitionen in die Strominfrastruktur. Noch allerdings stehen im Bestellbuch von ABB mehr als 20 Milliarden Franken Auftragsvolumen, und CEO Joe ­Hogan will erst einmal «Überstunden und Ferienguthaben abbauen», bevor er an Stellenstreichungen denkt. Dramatische Verhältnisse hören sich anders an.

Zumindest die grössten Dramen dürften die beiden Schlusslichter, UBS und Credit Suisse, bereits hinter sich haben. Beide mussten sich frisches Kapital beschaffen, hohe Abschreiber auf toxische Wertpapiere vornehmen, bei beiden kam es zu personellen Konsequenzen an der Spitze – die CS schüttelte es jedoch lange nicht so heftig durch wie die UBS. Weniger Risiko und straffere Kontrollen zahlten sich aus bei der kleineren Grossbank, die folgerichtig ihre Aktionäre 2008 nur um ein gutes Drittel dessen an Wert erleichtert hat, was die alte UBS-Führung unter Peter Kurer und Marcel Rohner ihren Anteilseignern nahm: rund 27 Milliarden Franken. Credit-Suisse-CEO Brady Dougan und Präsident Walter Kielholz liessen es bei 10 Milliarden bewenden.

INTERESSANTERE UBS. Auch deshalb konnte sich Kielholz bei der Ankündigung seines Rückzugs aus dem CS-Präsidium zitieren lassen, er sei «froh, dass wir diesen Wechsel zu einem Zeitpunkt machen können, in dem die Credit Suisse sehr gut aufgestellt ist» – die Erleichterung, halbwegs heil aus der Sache herauszukommen, ist unverkennbar. Zu verdanken hat Kielholz das im Wesentlichen noch Oswald Grübel, der die CS mit harter Hand wieder profitabel machte und das Husarenstück nun mit der UBS wiederholen soll.

Bänk-Bär-Aktienstratege Gattiker würde zwar nicht so weit gehen, die Grossbanken zum Kauf zu empfehlen (Julius Bär ratet UBS und CS derzeit mit «hold»), aber die Aktien «kommen von sehr weit unten», sagt er. Allerdings sei «bei der UBS vielleicht mehr Fantasie drin – vor allem wenn man sein Interesse auf die Leistung eines Managers konzentriert». Tatsächlich rechnet die Finanzgemeinde fest damit, dass Grübel die UBS systematisch mit der Drahtbürste auskehren wird. Insofern kommen harte Zeiten auf die UBS zu. Einen Trost gibt es in jedem Fall: Punkto Wertschöpfung kann die UBS nicht mehr schlechter werden.

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