Der dramatische Einbruch der Credit Suisse ist aus Unternehmenssicht die überraschendste Entwicklung in diesem aufreibenden ersten Quartal 2016. Zwar galt die Grossbank unter dem langjährigen Chef Brady Dougan schon lange nicht mehr als Erfolgsgeschichte, doch von einem Sanierungsfall war sie weit entfernt. Jetzt ist sie genau das.

Mit der Deutschen Bank leistet sie sich  einen traurigen Wettbewerb um den Rang des europäischen Branchenschlusslichts. Die CS hat jedoch – nach der UBS – das zweitbeste Wealth Management der Welt, während die Deutsche Bank die Trümmer ihrer Investment-Banking-Strategie   bestaunt. Dass die CS dennoch im ersten Quartal an der Börse sogar schlechter abschneidet, zeigt vor allem eines: Der Markt traut dem Management nicht. 

Nie wieder ein Nicht-Banker

Als 2002 Oswald Grübel die Scherben des gescheiterten Lukas Mühlemann  zusammenkehren musste, gab er ein Verdikt aus: Es dürfe nie wieder passieren, dass ein Nicht-Banker diese Bank führt. Heute steht mit Tidjane Thiam ein früherer Minister, McKinsey-Berater und Versicherungs-CEO an der Spitze des Bankkonzerns.

Eingestellt hat ihn Urs Rohner, ein früherer Staranwalt und Medienmanager. Dass viele eingefleischte Banker darüber die Nase rümpfen, hat sicher viel mit Standesdünkel zu tun, der in dieser Branche trotz teilweise fatalstem Missmanagement noch immer so verbreitet ist wie nirgends sonst.

Quereinsteiger haben es im Bankgeschäft schwer

Doch Fakt ist auch: In keiner Branche haben es Quereinsteiger so schwer wie im Bankgeschäft. Denn gerade für die komplexen Produkte und Mechanismen im Investment Banking gilt eine jahrelange Zugehörigkeit zu dieser sehr speziellen Spezies als Voraussetzung, um als Rudelführer akzeptiert zu werden. Und das gilt nicht nur im Tagesgeschäft, sondern auch in einer Phase des Abbaus, in der sich die CS gerade befindet.

Denn ein Abstossen der zahlreichen Positionen, wie es Thiam jüngst verkündet hat, braucht viel Know-how, um den besten Verkaufszeitpunkt zu erwischen und  unnötige Verluste zu vermeiden. Dass die Bank jetzt ihre lange so verhätschelten Investment Banker gleichzeitig mit den Positionen rüde vor die Tür setzt, erhöht das Risiko weiterer negativer Überraschungen.

Eine spezielle Wette

Das CS-Führungsduo geht eine spezielle Wette ein. Es ist der Kampf der Händler gegen die Analytiker, der Geldhaie gegen die Kopfmenschen, der Macher gegen die Berater – also der ewige Wettstreit der Grübels, Ermottis oder Dougans gegen die Mühlemanns, Thiams, Wufflis und auch Rohners.

Schaffen die CS-Chefs die Sanierung, schlagen sie eine Bresche für alle Quereinsteiger in dieses komplexe Geschäft. Schaffen sie sie nicht, wird bald wieder ein Banker kommen, der den Satz sagt: Es darf nie wieder passieren, dass ein Nicht-Banker diese Bank führt.

 

Mehr zum dramatischen Absturz der Credit Suisse, den Zweifeln an Tidjane Thiam und wie sich VR-Präsident Urs Rohner an seinen neuen CEO kettet, lesen Sie in der neuen «Bilanz», erhältlich am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.

 

 

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