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Accenture-Studie: Teure Egoismen

Die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Handel kostet das Land sechs Milliarden Franken.

Von red
28.03.2006

Schweizer Konsumgüterhersteller und Detailhändler arbeiten bei der Warenverteilung zu wenig intensiv zusammen. In der Schweiz fehlt im Gegensatz zu Frankreich, Italien, Spanien, aber auch Deutschland der Wille weitgehend, einheitliche Standards durchzusetzen. Besonders der Handel ist nicht sehr darauf erpicht, mit den Produzenten intensiver zu kollaborieren. Der so entstehende Schaden ist enorm. Die Beratungsfirma Accenture schätzt das daraus resultierende Effizienzsteigerungspotenzial in naher Zukunft auf sechs Milliarden Franken. Dies geht aus einer unveröffentlichten Studie hervor, die BILANZ vorab einsehen konnte. Sie entstand zwischen Accenture und der Unternehmerorganisation One Global Standard (GS1), einem Zusammenschluss von Schweizer Technik- und Logistikverbänden mit mehr als 4200 Mitgliedern aus allen Branchen. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, einheitliche technische Standards beim Warenaustausch zu fördern. Konsumgüterproduzenten und Detailhandel stellen zwei Drittel der GS1-Mitglieder.

Die Studie geht davon aus, dass sich «Händler, Hersteller und Logistik-Dienstleister in der Schweiz zunehmend mit gesättigten, sich verändernden Märkten und einem stark technologisierten Umfeld konfrontiert» sehen. Sie postuliert deshalb, dass die Firmen eine Kollaborationskultur entwickeln, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. «Kollaboration» heisst, dass Hersteller, Händler und Logistiker mit kompatiblen technischen Plattformen arbeiten und einen aktiven Informationsaustausch pflegen. «Im heutigen komplexen Umfeld können sich Marktteilnehmer kaum im Alleingang behaupten», sagt Jan Burger, Leiter des Bereichs Consumer Markets von Accenture und einer der Autoren der Studie. Burger und seine Mitarbeiter werteten im vergangenen Winter 300 Fragebögen aus und befragten zusätzlich rund zwei Dutzend Akteure in Interviews vertieft.

Die Resultate der Studie lassen sich zu vier zentralen Aussagen bündeln:

– Alle Akteure sehen den Nutzen von Prozessen der Zusammenarbeit nur aus ihrer eigenen partiellen Sicht. Sie haben dabei nicht die Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette vor Augen.

– Interessengegensätze behindern die Zusammenarbeit auf den verschiedenen Handelsstufen. Während die Logistiker bereits heute intensiv kooperieren, zeigen sich die Händler zurückhaltend und skeptisch. Gerade sie aber wären als wichtigster Faktor in der Wertschöpfungskette gefordert, als treibende Kraft zu fungieren.

– Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass in der Schweiz modernste Kommunikationsnormen und -standards im Vergleich mit dem Ausland noch wenig verbreitet sind. Radio Frequency Identification Device (RFID), ein mit einem Sender ausgestatteter, mit Daten versehener Chip, gilt als Vision der kommenden Jahre. Damit können Warenflüsse präzis erkannt und gesteuert werden. In der Praxis hat sich RFID indessen noch nicht genügend bewährt. In der Schweiz laufen erste Pilotversuche.

– Ein gemeinsames Vorgehen zur Durchsetzung einheitlicher Datenstandards ist gefragt. Die Umfrageteilnehmer sind sich jedoch einig, dass technische und psychologische Hindernisse bei der Verbreitung von neuen Standards bestehen. Konsumgüterindustrie und Logistiker erhoffen sich von einer besseren Kollaboration bedeutende Effizienzgewinne. Immerhin erwarten alle Befragten, dass sich die Zusammenarbeit eher verstärkt.

Die Accenture-Studie zeigt, dass sich die Schweizer Marktteilnehmer einen potenziellen Wettbewerbsnachteil gegenüber ausländischen Konkurrenten aufbauen. Die Konsequenzen könnten gravierend sein: «Ausländische Firmen kaufen Schweizer Unternehmen oder gründen hierzulande effizientere Tochtergesellschaften.» Die Studie weist zudem darauf hin, dass auch für die Konsumenten Nachteile resultieren dürften: «Das Sortiment könnte wegen des schwindenden Interesses der internationalen Hersteller schrumpfen, die Preise könnten hingegen steigen.»

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