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Synthes/AO-Stiftung: Der Gesundheits-Check

Das deutsche Kartellamt verdächtigt die Schweizer Synthes, gegen europäisches Kartellrecht zu verstossen. Dem Hauptpfeiler des Synthes-Erfolges droht der Einsturz.

Von Lukas Hässig
03.05.2005

Synthes ist eine Success-Story: Die Firma wächst und wächst, sie verdient jedes Jahr mehr Geld und sorgt für gute Laune unter den Investoren. Ein leuchtendes Beispiel in schwierigen Wirtschaftszeiten. Nichts kann diese Medizinaltechnikfirma vom Erfolgspfad abbringen.

Tatsächlich? Ein Problem, von dem die Öffentlichkeit bis heute nichts weiss, trübt das Bild der heilen Synthes-Welt. Die Firma steht unter dem Verdacht, gegen europäisches Kartellrecht zu verstossen. «Wir führen eine breit angelegte Untersuchung gegen Synthes durch», bestätigt Anja Scheidgen Recherchen der BILANZ. Scheidgen ist Sprecherin des Bundeskartellamts mit Sitz in Bonn. «Unsere Spezialisten prüfen zurzeit, ob Synthes Vorschriften des Wettbewerbsrechts missachtet.»

Im Unterschied zu einem ersten Verfahren im letzten Frühling, als lediglich die Fusion mit dem ehemaligen Konkurrenten Mathys überprüft wurde, geht es diesmal um das symbiotische Verhältnis zwischen Synthes und der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthese (AO). Das enge Zusammenspiel mit der AO ist der Hauptpfeiler des weltweiten Synthes-Erfolges – und, so wird vermutet, ein Verstoss gegen Artikel 81 und 82 des EU-Kartellrechtes.

Das Resultat der Untersuchung gegen Synthes könnte bis zum Sommer vorliegen. Laut Sprecherin Scheidgen droht Synthes im Fall einer Verurteilung eine Unterlassungsverfügung, die Absprachen in Zukunft verbieten würde. Ausserdem könnte das Amt beschliessen, dass sich die Ärzte-Stiftung, die heute exklusiv mit Synthes zusam-menarbeitet, der Konkurrenz öffnen muss.

Der Schuldspruch hätte für den deutschen Markt, den für Synthes mit Abstand grössten in Europa, sofortige Wirkung. Und er würde möglicherweise einen Dominoeffekt auslösen: «Es ist nicht ausgeschlossen, dass andere europäische Kartellbehörden ebenfalls ein Missbrauchsverfahren einleiten und sich bezüglich der rechtlichen Bewertung auf die Bewertung durch das Bundeskartellamt stützen», heisst es dort.

Ein Schuldspruch hätte also weit reichende Folgen für Synthes.

Die Firma lehnt jeden Kommentar zum Verfahren ab. Das Dossier sei zur Chefsache erklärt worden, sagt ein Insider. Mehrheitsaktionär und Konzernchef Hansjörg Wyss, im letzten BILANZ-Rating der 300 reichsten Schweizer mit neun Milliarden Franken Vermögen auf den vierten Platz vorgestossen, kümmere sich persönlich um die Angelegenheit. Weder das eigene Management noch die Minderheitsaktionäre hat Wyss über das laufende Verfahren ins Bild gesetzt. Beraten lasse er sich einzig von seinen Anwälten.

Diese haben gegenüber dem Bundeskartellamt Ende März Stellung bezogen. «Die Synthes-Anwälte legten ihre Sicht der Dinge detailliert dar», sagt Sprecherin Scheidgen. «Zurzeit analysieren wir die Aussagen und holen dann bei den Konkurrenten die neuesten Marktdaten ein. Erst danach werden wir entscheiden.» Zum Inhalt des Synthes-Schreibens macht Scheidgen keine Angaben. Bereits im August informierten die Bonner Beamten die Synthes-Konkurrenzfirmen erstmals über das eingeleitete Verfahren. Der zuständige Kartellamtsangestellte schrieb einem deutschen Medtech-unternehmen, dass das «Lizenzvertragswerk über Osteosyntheseprodukte der Marke Synthes sowie dessen praktische Umsetzung kartellrechtlich» überprüft würden.

Nur dank diesem Lizenzvertrag war es möglich, dass sich kleine Schweizer Metallproduzenten in jenes globale Hightechunternehmen verwandeln konnten, das mit 15 Milliarden Franken Börsenkapitalisierung heute zu den zehn höchstbewerteten Firmen an der Schweizer Börse zählt. Die detaillierten Bestimmungen im Lizenzvertrag zwischen der AO-Stiftung und der Synthes werden geschützt wie das Geheimrezept von Coca-Cola. Lediglich die generellen Rechte und Pflichten zwischen der börsenkotierten Synthes einerseits und der AO-Stiftung andererseits sind bekannt. Doch bereits die haben es in sich: Nicht die reiche Synthes mit ihrem Milliardenwert besitzt die Rechte an der Marke Synthes, sondern die AO-Stiftung, die Tausenden von weltweit tätigen Chirurgen gehört. Sie ist die Hüterin des Synthes-Schatzes.

Den Grundstein zur Zusammenarbeit legte Ende der fünfziger Jahre eine Handvoll Schweizer Chirurgen. Sie richteten im Skiort Davos, wo es im Winter genügend Knochen zum Flicken gibt, eine kleine Praxis mit Labor ein, um die Behandlung von Brüchen zu revolutionieren. Statt wie bis anhin das verunfallte Bein mit Schienen gerade zu richten, setzten die jungen Spezialisten Skalpell und Tupfer ein und fixierten den freigelegten Bruch operativ mit Schrauben und Platten.

Dazu brauchten die Unfallchirurgen neuartige Materialien aus Metall, die ihnen kleine Schweizer Industriebetriebe lieferten. Ihnen überliessen die Ärzte die gesamte Produktion und den Vertrieb der Implantate und Operationswerkzeuge, um sich ausschliesslich um Forschung und Entwicklung kümmern zu können. Doch eines gaben sie wohlweislich nicht aus der Hand: die Rechte an der Marke Synthes. Diese liegen bei einer kleinen, der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Gesellschaft namens Synthes mit Domizil in Chur. Für den Fall eines Ausstiegs verpflichteten sich die Gründer, ihre Aktien an der Synthes zum Nominalwert den übrigen Mitbesitzern zu überlassen. Ein Verkauf an Dritte war damit ausgeschlossen. Als dann die AO-Stiftung gegründet wurde, brachten die Ärzte die Synthes Chur als wichtigstes Aktivum ein. Seither gehören die Markenrechte an einem der am schnellsten wachsenden Unternehmen im Medizinaltechnikmarkt einer Nonprofit-Organisation, von der die Finanzwelt kaum Kenntnis nimmt.

Dabei bestimmt allein die AO, welche Produkte zertifiziert werden und wer eine Synthes-Lizenz für die Herstellung und den Vertrieb erhalten soll. Das Schicksal der börsenkotierten Firma hängt von der Gnade einer Stiftung ab. Hansjörg Wyss (69) freilich hat vorgesorgt – und zieht weiterhin die Fäden. Er habe, sagen Kritiker, die Entscheidungsgremien innerhalb der AO mit seinen Vertrauensleuten besetzt und dafür gesorgt, dass niemand das enge Zusammenspiel von Synthes und AO stören könne. Als Gegenleistung zeigt sich Wyss grosszügig. Letztes Jahr überwies er 63 Millionen Dollar Lizenzgebühren nach Davos, das waren 26 Millionen mehr als im Jahr zuvor.

Wyss betont bei jeder Gelegenheit die Unabhängigkeit der AO-Stiftung. «Eine vollständig unabhängige AO-Stiftung liegt in unserem ureigenen Interesse», schreibt der Synthes-Chef im Jahresbericht 2004. Doch die Verflechtung ist evident. Synthes finanziert der AO-Stiftung mit ihren Lizenzgebühren Forschung auf Weltniveau, die Stiftung verzichtet im Gegenzug auf eine Öffnung ihres Netzwerks für die Konkurrenz. Die Rechnung geht bisher für beide auf.

Neben 180 Festangestellten forschen einige der berühmtesten Chirurgen und Wissenschaftler im holzverkleideten Zentrum der AO-Stiftung auf der gegenüberliegenden Seite des Landwassertals. Dass sich solche Koryphäen hierher verirren, lässt sich nicht allein mit der Höhenluft und mit Schussfahrten auf dem Parsenn-Skigebiet erklären. Das AO-Zentrum dürfte Höchstlöhne bezahlen.

Der wichtigste Anlass im AO-Center ist jeweils der Jahreskongress. Jeden Dezember reisen mehr als tausend der besten Unfallchirurgen aus aller Welt nach Davos, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Bei dieser Gelegenheit lernen die Ärzte – wenig erstaunlich – auch die neuesten Synthes-Produkte kennen, die sie später in ihren Operationssälen einsetzen. Für Synthes entwickelte sich das AO-Netzwerk über die Jahrzehnte zum perfekten, für die Konkurrenz unerreichbaren Marketingwerkzeug.

Nun muss Wyss beweisen, dass die AO eine unabhängige, nicht gewinnorientierte Stiftung zum Nutzen der Patienten ist. Für diese Version passt eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem früheren AO-Geschäftsführer nicht ins Bild. Die AO-Stiftung klagt gegen den Manager, weil er heute für eine Synthes-Konkurrentin in Deutschland tätig ist, was gemäss AO gegen den Arbeitsvertrag verstosse.

Man fragt sich: Wie kommt es, dass eine Nonprofit-Organisation eine gewinnorientierte Firma als Konkurrentin begreift? So verhalten sich üblicherweise profitorientierte Unternehmen, nicht aber Stiftungen, die einzig und allein im Dienste des Menschen stehen wollen.

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