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Anmutung 
Swissness: Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Schweizerkreuz vermittelt Schweizer Werte - bei vielen Produkten übertrieben.  Keystone

Mit Pfiff und einer gehörigen Portion Bluff werden Dienstleistungen und ­Produkte auf ­Swissness gepimpt, selbstverständlich völlig legal. Daran wird auch ein neues Gesetz nichts ­ändern, im Gegenteil

Von Leo Müller
23.06.2015

Die Grillkohle glüht, Plastiktischdecken und Servietten tauchen die Szene in Schweizerrot. Es kommen schweizerische Cervelats auf den Tisch, Pouletspiessli und dazu ­natürlich urschweizerischer Gerstensaft. Schweizerkreuze überall, die ­Nation im Swissness-Fieber.

Alles Erdenkliche, vom Toilettenpapier bis zur hoch qualifizierten Dienstleistung, wird uns mit helvetischer Anmutung verkauft. Aber steckt hinter dem Schweizer Label wirklich so viel Schweiz, wie es anmutet? Und erzeugt Swissness noch immer so viel Anziehungskraft, dass sich mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund viel höhere Preise durchsetzen lassen? Oder hat die Swissness-Euphorie ihren Höhepunkt erreicht, mit Schweizerkreuzen auf Slips und Socken sogar einen Overkill produziert?

Ein Blick hinter weiss-rote Verpackungen

Erlauben wir uns einen zaghaften Blick hinter weiss-rote Verpackungen. An unserem Grill­abend feuern wir mit bester Kohle aus Buchenholz. Wir entnehmen sie einem Sack in schreiend roter Verpackung. «In der Schweiz geprüft» steht darauf. Aber woher die Grillkohle stammt, das finden wir in ganz, ganz kleinen Lettern am Boden des Sackes: aus Bosnien. Die Streichhölzer stammen aus Schweden, die dekorative Tischdecke und die Servietten aus EU-Produktion. Freilich, der Cervelat, er ist ein gutes Schweizer Stück: Wir schauen nicht so genau hinein.

Bei den leckeren Pouletspiessen wird die Sache komplizierter. Der Metzger spricht von Schweizer Herkunft, einem durch und durch glücklichen schweizerischen Güggel. Bei Nachforschungen entdecken wir allerdings, dass ­dieses Tierchen allenfalls als Secondo durch­gehen kann, der von einem industriellen Zuchthuhn aus einem Geflügelkonzern in der EU geboren und dann mittels Hochgeschwindigkeitsmästung in einen aufspiessbaren Aggregatzustand transformiert wurde. Ist das ein Schweizer Poulet? Nun ja, wohl eher ein Papierli­schweizer Hühnchen aus EU-Landen, dessen Eltern im Strom einer gigantischen Massenimmigration den Weg in die Schweiz fanden.

Deutsches Schweizer Bier

Und das Bier, das uns mit schwiizerdütschem Markennamen verkauft wurde? Wieder eine Enttäuschung: Streng genommen stammt die Essenz des kultigen Tranks aus Bayern. Denn es wurde mit Hopfen und Braugerste aus Deutschland hergestellt, schlicht und einfach deshalb, weil von diesen entscheidenden Zutaten auf Schweizer Boden nur geringe Mengen hergestellt werden, die lediglich für wenige Kleinbrauereien und Nischenmarken innerhalb der Grossbrauereien ausreichen.

Ja, es darf ein wenig gezweifelt werden. Denn just die grössten Apologeten der Swissness haben uns ins Grübeln gebracht. Die Zweifel kommen ausgerechnet aus dem Bundeshaus. Als dort nämlich kürzlich die Schweizer Fahne auf der Kuppel wieder von den anwesenden Parlamentariern kündete, da platzte die ganze Herrlichkeit. Eine längst beschlossene Sache, die Swissness-Vorlage, sollte nun endlich, nach vier Jahren parlamentarischer Debatte, mit der passenden Verordnung umgesetzt werden und im Januar 2017 in Kraft treten. Dahinter steckte eine gute Idee: Gute schweizerische Qualitätsprodukte, in der Schweiz gefertigt und mit Schweizer Rohstoffen erstellt, sollten einheitlich mit der Schweizer Herkunftsangabe verkauft werden dürfen. Sie wurde auf eine volksnahe Politformel gebracht: «Nur dort soll Schweiz draufstehen, wo auch Schweiz drin ist.»

Schweizer Eigentore

Das Gesetz wurde 2013 endlich beschlossen, danach folgte die Vernehmlassung über die Verordnung. Die Uhrenindustrie, der Bauerverband und die Migros sind immer noch für das Projekt. Doch ausgerechnet einstige Befürworter der Gesetzesvorlage haben nun erstaunt festgestellt, dass ihre Idee einen Haken hat: In vielen Produkten steckt offenbar gar nicht so viel Schweiz, wie die Swissness-Werbung verspricht. Vor allem Lobbyisten der Food-Industrie laufen plötzlich Sturm.

Ihre Marketingstrategien könnten scheitern und ihre Preisbildungskonzepte leiden. Zum Beispiel die SVP, die Partei mit dem Logo «Schweizer Qualität». Erst war sie Treiber, nun tobt sie. Im März 2008 forderte sie das Heimatschutzgesetz für Schweizer Produkte: «Der Bund muss ­sicherstellen, dass nicht ausländische Unternehmen vom guten Ruf der Schweiz profitieren und ihre Produkte fälschlicherweise als Schweizer Produkte anschreiben.» Heute spricht die Partei von «unnötigen Regelungen» und einem ­«Bürokratiemonster».

Als «Eigentor» bezeichnete der Schaffhauser SVP-Parlamentarier Hannes Germann das Gesetz in der Juni-Session des Ständerates. Und er nannte zwei Fall­beispiele, die durchaus nachdenklich ­machen. So habe der amerikanische ­Toblerone-Produzent Mondelez Inter­na­tional angedroht, künftig auf Schweizer Milchpulver und die «Swiss made»-­Angabe zu verzichten. «Kakao, der wichtigste Bestandteil, wächst ja schliesslich auch nicht bei uns», bemerkte Germann. «Die Marke ist dermassen stark, und man assoziiert damit aufgrund der bekannten Ausstattung so viel Schweiz, dass die Toblerone das Kreuz möglicherweise gar nicht braucht.»

Die Folgen, wenn Mondelez ­International die Drohung wahr macht: 500 Landwirte könnten ihre Milch nicht mehr liefern, so Germann, weil der Toblerone-Produzent nicht mehr Schweizer Milch verwenden muss. «Sie können sich wahrscheinlich selber ausmalen, was passiert, wenn die Produktion nicht mehr hier stattfindet», sagte er.

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