An sonnigen Frühlingstagen lässt Walter Kielholz schon mal die Firmen­limousine in der ­Garage und geht den Weg zwischen seinen beiden Arbeitgebern zu Fuss. Der Spaziergang von der Konzernzentrale der Swiss Re am Mythenquai ins Hauptquartier der Credit Suisse am Paradeplatz dauert nur wenige Minuten. Dort, wo die Seepromenade in die Bahnhofstrasse mündet, war Kielholz kürzlich auch in historischem Gewand zu sehen – er lief am Sechseläuten mit, wo der eingefleischte Stadtzürcher traditionell als Mitglied der Zunft zur Meisen dabei ist.

Der Mann mit der breiten Brust ist das Schwergewicht bei beiden Milliardenkonzernen: beim Rückversicherer Swiss Re, wo er seit 1997 als CEO, dann als ­Vizepräsident und nun als Präsident den Takt vorgibt; und bei der Grossbank Credit Suisse, wo er 1999 in den Verwaltungsrat kam, 2003 Präsident wurde und seit 2009 als einfacher Verwaltungsrat immer noch der Grandseigneur im Rat ist – 15 Jahre schon tanzt Kielholz seinen Reigen der Macht auf zwei Hochzeiten.

Bald ist Schluss mit dem Spagat: Bei der CS tritt Kielholz im Frühling 2014 aus. Dies ist eine Folge der Amtszeitbeschränkung, die er 2007 als Präsident der Bank selber eingeführt hat – keiner soll länger als 15 Jahre im Rat verbleiben. So muss er sich mit der Swiss Re begnügen – dort wurde er an der jüngsten Generalversammlung nochmals für eine weitere Amtszeit von drei Jahren gewählt. Auch wenn es bei der Swiss Re keine Amtszeitbeschränkung gibt, wird in seinem Umfeld vermutet, dies sei seine letzte Amtsperiode beim Rückversicherer. Er selber will sich auf derlei Spekulationen nicht einlassen: «Ich bin jetzt mal für drei Jahre gewählt», sagt er, «wir wollen dann nachher schauen, wie es weitergeht.»

Sein Rückzug bei der CS ist eine Zäsur – stete Machtausweitung kennzeichnete bisher sein Wirken. Nun steht für den 62-Jährigen eine neue Etappe an. Für den ehrgeizigen Manager ist es an der Zeit, sein Vermächtnis zu sichern – durch die Platzierung von engen Vertrauten.

Das Spiel auf dem Schachbrett der Macht beherrscht er perfekt – personell langfristig zu disponieren, gehört zu seinen Stärken. Bei der Credit Suisse hat er seine Nachfolge über Jahre gezielt vorgespurt und mit Urs Rohner 2011 seinen Ziehsohn im Präsidium platziert. Nun soll Ähnliches auch bei der Swiss Re geschehen, berichten Insider. Dort steht derzeit ein Hauptkandidat im Vordergrund: Renato Fassbind.

An seiner ersten Sitzung nach der Generalversammlung vom 10. April ernannte der Verwaltungsrat der Swiss Re die wichtigsten drei Repräsentanten im Gremium: Kielholz als Präsidenten sowie Mathis Cabiallavetta und Renato Fassbind als die beiden Vizepräsidenten. Bis 2012 hatte die Swiss Re mit dem 68-jährigen Ex-UBS-Konzernchef Cabiallavetta nur einen Vize. Der 57-jährige Fassbind, erst 2011 zur Swiss Re ­gestossen, wurde bereits im Jahr nach seinem Eintritt zum Vizepräsidenten ­erhoben und soll künftig als Leiter des Audit-Komitees wirken – bei einem stark von Risikofragen betroffenen Konzern wie der Swiss Re eine Schlüsselstelle, wie Kielholz betont.

Fassbind, ein Mann mit Erfahrung in der Industrie und im Finanzsektor, ist seit Jahren einer der engsten Vertrauten von Kielholz. Als Präsident der Credit ­Suisse holte dieser Fassbind 2004 zunächst zur Bank, wo der Ex-Finanzchef des Industrieriesen ABB bis 2010 als Chief Financial Officer wirkte. Zeitweise galt Fassbind auch als möglicher Nachfolger von Kielholz auf dem Präsidentensessel der Credit Suisse, doch dort machte ein anderer Vertrauter das Rennen: Ex-Chefjurist Urs Rohner, wie Fassbind im ­Rahmen der kielholzschen Management-Ausweitung 2004 zur Bank gelotst.

Weil Rohner bei der Neubesetzung des CEO-Postens 2007 nicht zum Handkuss kommen konnte – der Amerikaner Brady Dougan machte als Nachfolger von Oswald Grübel das Rennen –, spurte Kielholz für seinen Ziehsohn dafür im Verwaltungsrat die Wege vor. Zunächst gab es ein Schaulaufen als ­Vizepräsident, zwei Jahre später wurde Rohner Präsident. Die jetzigen Weichenstellungen bei der Swiss Re bezüglich Fassbind erinnern an die Berufung Rohners: zunächst gab es ein Schaulaufen als Vizepräsident, später wurde Rohner Präsident. Kielholz will zu Fassbind nicht Stellung nehmen – derlei personelle Spekulationen kommentiere er generell nicht. Wichtig für ihn als Präsidenten sei es, sowohl auf der Ebene des Verwaltungsrats als auch auf jener der operativen Führung einen Fächer möglicher Optionen zu bieten, aus dem der Verwaltungsrat im gegebenen Fall dann auswählen könne.

Gesamterneuerung. Sowohl bei der CS wie bei der Swiss Re sind die Veränderungen im obersten Gremium vor dem Hintergrund eines generellen Revirements zu sehen. Im Rahmen der Erneuerung und Verjüngung der Verwaltungsräte werden an beiden Orten etliche langjährige Vertreter herausgespült. Den neuen Präsidenten kommen dabei sehr wichtige Rollen zu – in der Neubestimmung der Räte liegt auch die Chance für die Neubestimmung der Zukunft.

Bei der Credit Suisse wird 2014 laut Angaben aus dem Verwaltungsrat gleichzeitig mit Kielholz auch die andere dominante Figur im Rat zurücktreten: Nestlé-Präsident Peter Brabeck, der seit 1997 im Rat ist. Andere alteingesessene Mitglieder des Gremiums sind an der GV 2013 zurückgetreten (wie Robert Benmosche, Aziz ­Syriani und David Syz) oder tun dies im Jahr darauf (wie Anton van Rossum).

Für CS-Präsident Urs Rohner eine Chance, eigene Duftmarken zu setzen. Eine eigene Handschrift war beim neuen Präsidenten bisher nicht erkennbar, obwohl er schon zwei Jahre an der Spitze der Bank ist – in der Belegschaft ist die Hoffnung angesichts der Wahl des jungen Präsidenten inzwischen längst der Ernüchterung gewichen. Grund für die rohnersche Zurückhaltung sei gerade die Dominanz von Kielholz, vermuten Bankkenner. Kielholz und sein Grüppchen handverlesener Mitstreiter im Verwaltungsrat haben die jetzt noch gültige Strategie der Einheitsbank geprägt. Strategische Änderungen des Neuen wären vor diesem Hintergrund stets auch Kritik an den strategischen Konzepten der Vorgänger.

Kielholz sieht das überhaupt nicht so, im VR werde sehr konstruktiv über Strategie diskutiert. Als Bremser sieht er sich nicht. In jedem Verwaltungsrat sei ein «Corporate Memory» wichtig und wertvoll: «Dass man einige langjährige Vertreter im Gremium hat, die sich noch an die Entwicklung der Firma erinnern, ist so schlecht nicht», betont er. Natürlich gebe es zwischen den neuen Mitgliedern und den alteingesessenen mitunter Friktionen. «Das hat aber nichts damit zu tun, dass man an veralteten Konzepten festhält», so Kielholz.

Der Markt weiss die Konzepte wenig zu schätzen – der Kurs der Bank ist in den letzten vier Jahren um rund 40 Prozent gesunken, der Schwung der Jahre der ­Finanzkrise, als die CS besser dastand als viele Konkurrenten, ist verflogen.

Für Kielholz kein Grund zur Sorge. Wie Rohner verweist auch er gerne auf die gedrückte Lage in Europas Bankensektor. Viele Unsicherheiten schreckten die Investoren ab, etwa die Neubeurteilung der Margen und Returns im Banking, die Suche nach tragbaren Business-Modellen fürs Private Banking oder rechtliche Unsicherheiten bezüglich der Regulierung. Seien diese Fragen geklärt – und das geschehe in nächster Zeit –, werde das Vertrauen zurückkehren, und die Kurse würden wieder steigen. Kein Grund also für eine strategische Umkehr, wie es Konkurrent UBS mit seiner radikalen Reduktion des Investment Bankings und der Konzentration aufs Private Banking kurswirksam vorgemacht hat.

Was ist es denn, das er seinem Nachfolger Rohner als Ratschlag noch auf den Weg geben möchte, was ist sein Vermächtnis? «Ich werde Rohner doch jetzt keine Koch­rezepte geben», antwortet Kielholz. «Wenn ich ein Anliegen formulieren müsste, dann dieses: dass man ganz sorgfältig mit diesem Unternehmen umgehen soll, das eine grosse Geschichte und hervorragende Mitarbeiter hat.»

Stabile Swiss Re. Wenig Veränderungsbedarf sieht er auch bei der Swiss Re. Strategisch sei der Konzern nach der verstärkten Rückbesinnung auf das Kerngeschäft gut aufgestellt. Pläne, ähnlich wie Hauptkonkurrent Munich Re ins Erstversicherungsgeschäft zu expandieren, hat er keine, grosse Übernahmen sieht er nicht. Die Konsolidierungswelle im Rückversicherungs-Business habe in den neunziger Jahren stattgefunden, jetzt stünden eher Arrondierungen im Vordergrund.

Das Motto bei CS wie bei Swiss Re lautet: den Status quo in die Zukunft führen. Auf seiner letzten Etappe zeigt sich der Stratege Kielholz als sehr bewahrend.

Diese Vorsicht mag auf wenig ermutigenden Erfahrungen gründen: Als Stratege ist Kielholz’ Leistungsausweis bei der Swiss Re durchzogen. Die grossen Innovationen, die auf ihn zurückgingen, führten zu Problemen. Dabei war sein Eifer als CEO nach 1997 und als exekutiver Vizepräsident nach 2003 gross. Gross war auch sein gestalterischer Spielraum: Das Dossier der Strategieentwicklung war ausdrücklich bei ihm als Vizepräsidenten angesiedelt.

Nach 1997 versuchte Kielholz unter dem Stichwort «Alternative Risk Transfer» die ­Kapitalmärkte vermehrt in den Bereich der Übernahme von Risiken einzubringen – doch die hochfliegenden Pläne erfüllten sich nicht. Dann die Expansion des Grosskundengeschäfts, das laut Insidern schlechte Zahlen brachte. Nach 2006 erfolgte dann – unter dem von Kielholz gepushten neuen CEO Jacques Aigrain – die Expansion weg vom Kerngeschäft in Bereiche, die sonst eher Investmentbanken ab­decken, was 2009 mit Verlusten endete. Wegen Wertberichtigungen in Milliardenhöhe schrumpfte das Eigenkapital um 25 Prozent. Investorenlegende Warren Buffett musste mit einer Kapitalspritze einspringen – er stellte dem verunsicherten Konzern drei Milliarden Franken zur Verfügung, zu Vorzugszinsen von 12 Prozent. Aigrain musste den Hut nehmen. «Sobald wir es merkten, legten wir den Hebel um», sagt Kielholz heute, «doch da war der Schaden schon angerichtet.»

In seiner 2012 erschienenen Biografie schiebt Walter Kielholz die Schuld für das Debakel recht einseitig Aigrain in die Schuhe, was bei intimen Kennern der dama­ligen Situation, Mitgliedern der Führungsetage der Swiss Re, nicht gut ankommt: «Er sieht sich gerne als Feuerwehrmann und vergisst dabei, dass er das Feuer mit gelegt hat», sagt ein enger Weggefährte. Kielholz laufe zwar nicht davon, wenn es heiss werde, doch Verantwortung für Fehler zu übernehmen, gehöre nicht zu seinen herausragenden Eigenschaften, was auch Verwaltungs­räten aufgefallen ist, welche die damalige Situation hautnah miterlebten. Heute ist die Swiss Re wieder, was sie traditionell war: ein aufs Kerngeschäft der Rückversicherung fokussierter Konzern.

Erfolg bei der CS. Bei der Bank – nicht sein angestammter Bereich – hatte er mit seinen strategischen Weichenstellungen mehr Fortüne. Als er 2003 für den geschassten Lukas Mühlemann als Präsident einspringen musste, war die CS am Boden. Zusammen mit CEO Oswald Grübel war Kielholz massgeblich an der schnellen Sanierung des wankenden Riesen beteiligt, was die Rückkehr zu guter Profitabilität zur Folge hatte. Er riss das Ruder radikal herum. Kein zersplittertes Finanzkonglomerat sollte die CS fortan sein, sondern eine integrierte Bank.

Unter ihm beschloss der Verwaltungsrat, die Versicherungstochter «Winterthur» zu verkaufen. Im Sommer 2006 kaufte die französische Axa das Unternehmen, wodurch 12,3 Milliarden Franken in die Kasse der CS flossen, was die Kapitalbasis stärkte: «Anfang 2007 hatten wir so viel neues ­Eigenkapital, dass wir die schwierige Phase der Finanzkrise gut ausreiten konnten. Das Timing war hervorragend, auch wenn wir das damals nicht wussten», sagt Kielholz und lacht.

Doch in seiner Zeit wurde die CS auch zum Synonym für gierige Banker. Die 70-Millionen-Zahlung an CEO Brady Dougan sorgte 2010 für einen Aufschrei im Land. Darauf angesprochen, verweist Kielholz gerne auf die Notwendigkeit, mittels eines stark gehebelten langfristigen Aktienprogramms im wenig lukrativen Bankjahr 2004 wichtige Investment Banker bei der Stange zu halten. Auf die Frage, was er in seiner Zeit als CS-Präsident nicht gut gemacht habe, gibt er zu: «Wir konnten die Kompensationsfrage nicht sauber lösen, das hat viel Schaden angerichtet.» Der Verwaltungsrat habe zu wenig Durchschlagskraft entwickelt: «Es gibt natürlich massiven Widerstand in einer Organisation, wenn Sie in diese Fragen reingehen.» Man habe aber reagiert: Heute sei der Anteil am verfügbaren Gewinn stärker auf die Kapitalgeber und weniger auf die Angestellten verteilt.

Dass Kielholz selber für derlei Fragen die nötige Glaubwürdigkeit mitbringt, darf bezweifelt werden. Als Präsident der CS und der Swiss Re gehörte er mit seinen Salärpaketen von bis zu 15 Millionen Franken stets zu den Topverdienern von Corporate Switzerland.

Die Startbedingungen für die letzte Etappe des Walter Kielholz sind derzeit günstig. In der Rückversicherung sprudeln die Erträge, der Kurs ist seit Anfang Jahr um 12 Prozent gestiegen.

Auch bei der CS hat der lange dümpelnde Kurs zuletzt Erholungszeichen gezeigt. Der Markt im Banking ist stabiler als zuletzt, nach den US-Banken legte auch die Credit Suisse am 24. April ein gutes Quartalsergebnis vor.

Für Kielholz dürfte es auch aus pekuniärer Sicht wichtig sein, dass seine Weichenstellungen von Erfolg gekrönt sind. Bei der Swiss Re hielt er per Ende 2012 290 230 Aktien im heutigen Wert von rund 21 Millionen Franken, bei der Credit Suisse 292 424 Aktien mit einem Wert von 8 Millionen Franken. Ein durch steigende Kurse erhöhtes Vermögen würde Walter Kielholz die Pension in einigen Jahren sicher versüssen.

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