Es war ein harmloses Interview, das die «NZZ» Anfang März mit Jürgen Dormann (69) führte. Es ging um Inflation, die Dauer der Wirtschaftskrise und das Bankgeheimnis. Bis Dormann mitten im Gespräch ein völlig anderes Thema anschnitt. Er erwäge ein neues Engagement in der Industrie, sei vom russischen Oligarchen Viktor Vekselberg für ein Treffen angefragt worden, und nun sei er bereit, als Verwaltungsratspräsident von Sulzer zu kandidieren.

Die Nachricht war ein Paukenschlag. Denn Dormann, der sich eigentlich aus der Wirtschaft zurückziehen wollte, ist der perfe­k­te Mann, um Sulzer-Grossaktionär Vekselberg Glaubwürdigkeit zu verleihen. Andere hatten abgesagt: Andreas Schmid, Flughafen-Präsident und Multi-Verwaltungs­rat; Fred Kindle, einst selbst Sulzer-CEO, dann unter Dormann ABB-CEO, heute Partner bei der Beteiligungsgesellschaft CD&R; Rolf Soiron, Präsident von Holcim, Lonza und Nobel Bio­care. Sie alle wollten sich nicht vom umstrittenen russischen Oligarchen in den Streit um Sulzer einspannen lassen.

Peter Jürgen Dormann will es. Ausgerechnet er. Der Saubermann. Der Retter von ABB. Der letzte Säulenheilige der Managerwelt. Und die Schweizer Wirtschaft fragt sich seither: Weshalb riskiert einer wie er vorsätzlich seinen Ruf? Er selber will Fragen zu dieser Liaison dangereuse nicht beantworten, gibt keinerlei Statements bis zur ausserordentlichen Generalversammlung von Sulzer am 18.  August. Doch bereits jetzt ist klar: Der Deutsche und der Russe passen so gar nicht zusammen.

Dormann steht für Transparenz: Als ABB-Chef kommunizierte er in seinen Friday Letters schonungslos die dramatische Lage. «Das Unsozialste ist die Verschleierung von Wahrheiten», ist seine Maxime. Bei ihm weiss jeder, woran er ist. Vekselberg (53) ist intransparent: Man weiss nicht, wie er nach der Privatisierung in Russland in kurzer Zeit zu seinem Milliardenvermögen gekommen ist. Weiss nicht, was alles zu seinem verschachtelten Imperium gehört. Fragt sich, wie er finanziert ist, wie viel ihm in der Krise noch bleibt. Und, vor allem, was er vorhat mit seiner Beteiligung an den Schweizer Industriefirmen Sulzer (31,2 Prozent) und OC Oerlikon (44,7 Prozent).

Dormann steht für Ehrlichkeit, gilt als gradlinig und prinzipientreu. Krumme Dinger dreht er nicht. Vekselbergs kometen­hafter Aufstieg in Russland lieferte immer wieder Stoff für die Gerichte: Lang ist die Liste derjenigen, die ihn eingeklagt haben wegen betrügerischer Manipulation, Beamtenbestechung, Erpressung oder Geldwäscherei. Auch seine Beteiligung an Sulzer hat der Russe auf fragwürdige, möglicherweise illegale Weise aufgebaut: Die Finanzmarktaufsicht Finma hat Strafanzeige eingereicht, das Finanzdepartement ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet.

Anti-Abzocker. Dormann steht für Unabhängigkeit: Als ABB-Präsident bot er Grossaktionär Marcus Wallenberg (10 Prozent der Aktien) die Stirn, als Adecco-Prä­sident legte er sich mit Grossaktionär ­Andreas ­Jacobs (23 Prozent) an. Die Rolle des unabhängigen Gremiumführers aber wird er bei Vekselberg (31 Prozent) nicht spielen können. Erwartet wird vom neuen Sulzer-Präsidenten nämlich eine «enge Absprache mit dem Grossaktionär und dessen Vertretern im Verwaltungsrat», wie einer der angefragten Kandidaten sagt. «Ich habe bei dem Gespräch gespürt, dass die Thematik Unabhängigkeit nicht gefragt ist. Ich wäre Diener von Vekselberg gewesen», berichtet ein anderer vom Vorstellungs­gespräch. «Herr Dormann ist kein Renova-Vertreter», sagte der Oligarch in einem Interview. Dormann selbst bezeichnet sich als «unabhängiger Kandidat, der die Unterstützung von Vekselberg hat». Aber der pflegt ein klassisch-russisches, sprich hierarchisches Führungsverständnis. Dormann wird bei Sulzer nur genau jenen Freiraum haben, den ihm Vekselberg zugesteht.

Dormann steht für Bescheidenheit. Als ­einer der Ersten forderte er öffentlich ­eine Begrenzung von Managerlöhnen auf den einstelligen Millionen­bereich. «Geld zu verdienen, sollte nicht das primäre Ziel eines Wirtschaftsführers sein», sagte er 2006 und geisselte die «Selbstüberschätzung» und den «eventuellen Realitätsverlust» mancher seiner Kollegen. Durch den Sulzer-Deal gerät der Saubermann jetzt selber unter Abzocker­verdacht. Zwar wird sein Gehalt etwa in der gleichen Grössenordnung liegen wie jenes seines Vorgängers Ulf Berg (1,035 Millionen Franken), zu dessen Sturz Dormann mit seiner Kandidatur beigetragen hat. Doch da­neben winken einträgliche Zusatzverdienste im weitläufigen Vekselberg-Imperium. «Man hat von weiteren lukrativen Mandaten gesprochen», sagt einer der Kandidaten. «Renova hat klar durchblicken lassen, dass Geld keine Rolle spielen würde», ein anderer.

Renova-Sprecher Daniel Grotzky lässt zwar verlauten, es gebe «keinerlei Anknüpfungen mit und keinerlei finanzielle Zuwendung an Dormann». Für die Zukunft kann er sie jedoch nicht ausschliessen. Solange Dormann nicht von sich aus völlige Transparenz schafft, steht er im Verdacht, noch einmal so richtig abkassieren zu wollen.

ABB-Retter.Nicht, dass er es finanziell nötig hätte: Bei ABB hat Dormann in den acht Jahren als VR, als Präsident und als CEO insgesamt rund 15 Millionen Franken kassiert sowie Optionen, die bei seinem Abgang im Mai 2007 rund 3,5 Millionen wert waren. Bei Adecco schaffte er es in fünf Jahren auf 6,1 Millionen. Heute bekommt er ein reich dotiertes Rentenpaket von Sanofi-Aventis, das pro Jahr 2,2 Mil­lionen Franken einschenkt, sowie das Präsidentenhonorar bei der Metall Zug von knapp 450  000 Franken. Manche, die ihn gut kennen, würden Dormann nie als geldgetrieben bezeichnen. Stutzig macht aber, wie hartnäckig er seine Finanzen optimiert – er ist in den letzten Jahren von der Steuer­oase Küsnacht ZH in die Steueroase Erlen­bach ZH, weiter in die Steueroase Meggen LU und kürzlich ins Steuerparadies Feusis­berg SZ gezügelt.

Lorbeeren kann er sich als Sulzer-Präsident kaum holen: Das Unternehmen läuft trotz Krise vergleichsweise rund, ist solide finanziert, hat keine grösseren ­strategischen Baustellen. Die unternehmerische Herausforderung ist minimal, verglichen mit der damaligen Situation beim grössten Schweizer Industriekonzern, ABB, als dessen Retter er heute landläufig gilt.

Das ist rückblickend übertrieben: Zwar sind seine Verdienste bei ABB unbestritten, was die strategischen Weichenstellungen, die Kommunikation und die Vertrauensbildung angeht. Die Knochenarbeit freilich hat Dormann – damals im Doppelmandat als Präsident und CEO – weitestgehend delegiert: Finanzchef Peter Voser (heute CEO von Shell), Hausjurist Beat Hess, Personalchef Gary ­Steele und die beiden Spartenleiter trugen in den schwersten Stunden der Jahre 2002 und 2003 die operative Last; der industriell unerfahrene Dormann liess ihnen freie Hand. In der Konzernleitung kursierte über Dormann zu jener Zeit gar das böse Wort des «Non-Executive CEO», in Anlehnung an den in angelsächsischen Ländern üblichen Non-Executive Chairman, den Präsidenten ­ohne Tagesgeschäft. Dennoch heimste Dormann nach gelungenem Turnaround den Ruhm des Retters fast alleine ein – zum Unmut einiger der anderen Beteiligten.

In seiner ABB-Zeit liegt wohl die Motivation für seinen ungewöhnlichen Schritt heute zu Sulzer. Denn der Abgang bei ABB verlief deutlich weniger harmonisch, als gegen aussen dargestellt wurde. Im März 2006 berief Grossaktionär Klaus Jacobs Dormann an die Verwaltungsratsspitze des Zeitarbeitskonzerns Adecco. Eigentlich hätte Dormann dieses Amt gerne parallel zur Funktion des ABB-Präsidenten geführt, doch oberster Steuermann von gleich zwei SMI-Konzernen zu sein, war zumindest damals nicht vereinbar mit den Grundsätzen der guten Unternehmensführung (der heutige Adecco- und Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig sieht das inzwischen anders). Im ABB-VR kündigte Dormann daher seinen Rücktritt an. Zwei seiner Vertrauten im Gremium, der Ex-Dresdner-Bank-Finanzchef Bernd Voss und der Rhône-Poulenc-Manager Michel de Rosen, baten ihn daraufhin, wegen seiner grossen Verdienste zu bleiben. «Sie wurden von Dormann vorher entsprechend instruiert», behauptet ein Insider. Beweisen freilich lässt sich das nicht.

AlphaTiere. Gleichzeitig hatte das Verhältnis zwischen Dormann und dem von ihm drei Jahre zuvor rekrutierten CEO Fred Kindle Risse bekommen. Dormann, der stets zurückhaltend und leise, dabei aber deutlich in der Sache auftrat, störte sich am bisweilen ruppigen Stil Kindles, der seine Leute auch mal lautstark öffentlich abkanzelte. Kindles Mikromanagement war ihm ein weiterer Dorn im Auge, hatte er selber seinem Team doch alle Freiheiten gelassen. Hinzu kamen unterschiedliche Vorstellungen über Tempo und Umfang von Akquisitionen. Das Fass zum Überlaufen brachte einer jener zahlreichen Compliancefälle, welche die ABB damals plagten. Die beiden Alpha­tiere stritten über die Verantwortlichkeit, und die Auseinandersetzung eskalierte schliesslich so stark, dass Kindle dem Verwaltungsrat mit Rücktritt drohte.

Das Gremium stand vor der Wahl, den erfolgreichen CEO zu verlieren oder den angekündigten Rücktritt von Dormann anzunehmen und das Problem auf diese Weise zu lösen. Es entschied sich für die zweite Variante – auch, weil sich gleich drei Verwaltungsräte Hoffnungen machten auf Dormanns Nachfolge: Ex-IBM-Europachef Hans Ulrich Märki, als einziger Schweizer im Gremium ein starker Mann; Grossaktionär Marcus Wallenberg, der traditionelle Vertreter der schwedischen Seite; sowie der Ex-GM-­Manager Louis Hughes, der sich ­bereits um den CEO-Posten beworben hatte, in der Endausmarchung gegen Kindle unterlag und nun seine zweite Chance witterte.

Abwahl. Vom eigenen VR derart ausgekontert zu werden, liess sich Dormann nicht bieten. Er setzte für die Nachfolgesuche ein Findungs­komitee ein mit seinem Vertrauten Michel de Rosen an der Spitze. Weitere Mitglieder: der heutige Ericsson-Präsident Michael Treschow – und Dormann selbst. Das Anforderungsprofil, welches das Komitee für den neuen Präsidenten erarbeitet, war, Zufall oder nicht, so gestaltet, dass keiner der internen Kandidaten in Betracht kam. Selbst Wallenberg, der beste Reputation geniesst und als Grossaktionär die Führung selber in die Hand nehmen wollte, hatte keine Chance. Der Kriterienkatalog sah ­einen «accomplished industrialist» vor – Wallenberg ist gelernter Banker.

Nur fünf Monate, von Oktober 2006 bis Februar 2007, hatte das Komitee Zeit, um einen neuen Präsidenten zu finden. Ein Kandidat war BMW-Chef Joa­chim Milberg. Voss brachte dann seinen Board-Kollegen beim Reifenhersteller Continental, Hubertus von Grünberg, ins Spiel.

Die Wege von Dormann und Hughes kreuzen sich nun im Vorfeld der Sulzer-GV ein weiteres Mal. Hughes ist seit acht Jahren Mitglied des Sulzer-VR und damit der Dienstälteste im Board. Für die GV hat Renova seine Abwahl traktandiert. Bei Sulzer ist man überzeugt: Dormann, der Hughes 2003 ins ABB-Board holte, hätte ihn problemlos halten können. «Aber Jürgen Dormann ist extrem nachtragend», sagt einer, der mehrere Jahre eng mit ihm zusammenarbeitete. Gut möglich, dass Hughes’ Rausschmiss mit der ABB-Vergangenheit zu tun hat. Wohl auch deshalb konnte es sich der Amerikaner leisten, an der ordentlichen GV im April laut­stark auf Vekselberg loszugehen: «Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Taten sagen mehr als Worte, Herr Veksel­berg», polterte er vor den versam­melten ­Aktionären. Und: «In diesem Land gilt das Recht und nicht die Macht des Stärkeren!»

Auch seinem einstigen Zögling Kindle verzieh Dormann nicht: An der GV 2008 – der neue Präsident von Grünberg musste sich vor den aufgebrachten Aktionären für den Rausschmiss Kindles rechtfertigen – tauchte überraschend auch Dormann auf und setzte sich demonstrativ in die erste Reihe. Warum er denn hier sei, wurde er von einem Journalisten gefragt. Um öffentlich zu demonstrieren, dass er mit dem, was in den letzten Wochen geschehen sei, vollkommen einverstanden sei, gab Dormann als Antwort.

Bei Adecco war ihm als Präsident wenig Glück beschieden. Mindestens bis 2010 wollte er bleiben, doch 2007, nach dem Ausscheiden von Klaus Jacobs, mit dem er sich hervorragend verstand, fand er keinen Draht zum neuen starken Mann, Jacobs’ Sohn Andreas. «Dormann pflegte die Beziehung zum neuen Hauptaktionär zu wenig», wie ein Adecco-VR sagt, Jacobs fühlte sich nicht ausreichend informiert. Auch menschlich harmonierten die beiden nicht. So bauten sich schleichend Spannungen auf, bis Jacobs jr. Dormann im November 2008 offen zum Rücktritt aufforderte.

Aufräumen. Dormann reiht sich damit ein ins Schema der anderen Kandidaten: Fred Kindle ist bei ABB gegangen worden, Andreas Schmid bei Kuoni un­ehrenhaft ausgeschieden. Mit Ausnahme von Rolf Soiron, der nicht in diese Reihe passt, hat Vekselberg also gezielt Topmanager angesprochen, deren Ego in den letzten Jahren Schaden genommen hatte. In seiner Heimat Deutschland wird Dormanns Wirken freilich schon länger kritisch bewertet.

Bei Sulzer erwarten Dormann wenig spektakuläre Aufgaben: Nach den Turbulenzen gilt es vorerst, die Führungsebene zu stabilisieren. Dazu wird er auch im Gremium aufräumen: «Vekselberg möchte den gesamten VR austauschen», sagt einer, der als Präsident angefragt wurde. Der Oligarch wird dabei auf Gefolgsleute setzen: «Wer nicht für mich ist, ist gegen mich», so beschreibt ein anderer die Vorgabe.

Keine Änderung dürfte es dagegen auf Stufe Konzernleitung geben: «Vekselberg baut stark auf Ton Büchner», berichtet ­einer der Kandidaten. Büchner und Dormann würden ein sehr gutes Gespann abgeben, sagte Vekselberg auch gegenüber dem Winterthurer Stadtpräsidenten Ernst Wohlwend. Büchner dürfte damit gesetzt sein als CEO, wenn eines Tages die Fusion kommt zwischen Sulzer und OC Oerlikon, der anderen grossen Schweizer Vekselberg-Beteiligung. «Die Idee ist auf russischer Seite sehr weit gediehen, aber in der Umsetzung sind noch viele Fragen offen», sagt einer der Präsidiumskandidaten. Dormanns Aussage, er habe sich mit Vekselberg nie über das Thema OC Oerlikon unterhalten, wirkt vor diesem Hintergrund unglaubwürdig. Selbst Vekselberg gab in einem Interview zu: «Ich kann die Möglichkeit einer Fusion nicht für alle Zeiten ausschliessen.» Sie gäbe dem Präsidentenjob immerhin jene unternehmerische Dimension, die ihn für Dormann reizvoll machen könnte. Vorab jedoch, das sagt auch Vekselberg, muss OC Oerlikon ihre Finanzierungsprobleme alleine lösen. Auch weil Sulzers Kredite bei einem Kontrollwechsel durch die Banken abgerufen werden können. Das allein wäre angesichts der soliden Finanzierung von Sulzer eigentlich kein grosses Problem, zusammen aber mit dem gegenwärtigen Schuldenstand der OC Oerlikon würde eines entstehen.

Bei Sulzer wehrt man sich mit aller Kraft gegen eine Fusion mit OC Oerlikon – sie würde dem Konzern schaden, Vekselberg aber unter dem Strich vermutlich nützen. Dormanns Prüfstein wird sein, welches Wohl er höher gewichtet: das des Konzerns, dem er nun vorsteht, oder das des Oligarchen, der ihn dafür angeheuert hat. Dass Dormann ­gegenüber Grossaktionären hart auftreten kann, hat er bei ABB und Adecco gezeigt. Ähnliches traut er sich wohl auch diesmal zu. Doch Vekselberg ist ein anderes Kaliber, und er hat ein anderes Führungsverständnis. Sieht er seine Interessen von Dormann nicht ­genügend vertreten, wird er ihn ebenso kalt abservieren wie dessen Vorgänger.

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