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Social Management, Teil 4: Hanspeter Fässler: Mehr als ein Feigenblatt

Soziales Verhalten und Wettbewerb schliessen sich nicht aus, meint ABB-Manager Hanspeter Fässler. Indes: Nur wer profitabel arbeitet, könne gesellschaftliche Verantwortung auch langfristig wahrnehmen.

Von red
04.10.2005

Wie andere Unternehmen steht ABB im täglichen Wettbewerb um Aufträge und Marktanteile. Wie viel soziales Verhalten, wie viel gesellschaftliche Verantwortung erlaubt dieser Wettbewerb? In welcher Beziehung stehen überhaupt gesellschaftliche Verantwortung und Unternehmenserfolg? Sind dies gegenläufige Zielsetzungen, oder bedingen sie sich gar gegenseitig?

Die Antworten auf diese Fragen mögen je nach kulturellem Umfeld und Tradition etwas unterschiedlich ausfallen. Für mich ist aber klar: Die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung bringt für ein Unternehmen wie ABB langfristig auch einen wirtschaftlichen Nutzen.

Deshalb müssen Unternehmen wie ABB einer nachhaltigen Geschäftsführung verpflichtet sein. Die Geschäftsleitung hat die Aufgabe, sowohl den langfristig profitablen Geschäftserfolg und damit auch Arbeitsplätze zu sichern als auch zu einer Weiterentwicklung der Gesellschaft als Ganzes beizutragen. Fliesst zum Beispiel in Tansania mehr Strom, vermag dies den Lebensstandard einer ganzen Region zu heben.

Es scheint, dass nach einigen turbulenten Jahren sozial verantwortliches Verhalten in der Wirtschaft generell wieder neu entdeckt wird. Bei ABB Schweiz hat die Selbstverpflichtung zur nachhaltigen Geschäftsführung jedoch eine lange Tradition, der seit Jahren durch viele Aktivitäten mit gesellschaftlicher Relevanz Rechnung getragen wird. Bereits 1924 haben wir als eine der ersten Schweizer Firmen im Industriebereich eine Pensionskasse für unsere Mitarbeitenden gegründet oder 1966 die erste von heute sieben ABB-Kinderkrippen eröffnet. Das Gesundheitszentrum, das unseren Mitarbeitenden kostenlos zur Verfügung steht, die Sozialberatung, die Vermögensbildungsstiftung oder die flexible Jahresarbeitszeit sind weitere Beispiele für sozial verantwortliches Handeln und werden von unseren Mitarbeitenden entsprechend geschätzt.

Die Versuchung ist gross, sich als Unternehmen mit aktuellen Beispielen wie den oben genannten zu schmücken. Das darf allerdings nicht genügen. Soziale Verantwortung darf keine kurzfristige Modeerscheinung, kein Feigenblatt sein, das sich eine Firma je nach Zeitgeist umhängen kann. Der Härtetest kommt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Es ist einfach, grosszügig zu sein, wenn es dem Unternehmen gut geht – viel schwieriger ist es, die soziale Verantwortung auch in härteren Zeiten, von denen auch ABB nicht verschont blieb, wahrzunehmen. Dass dies durchaus möglich ist und auch in schwierigen Zeiten nicht im Widerspruch zum Unternehmenserfolg stehen muss, möchte ich mit einem Beispiel illustrieren:

Im Jahr 2001 waren wir gezwungen, die Serienfabrikation von Grossmotoren in Birr nach mehreren Verlustjahren aufzugeben. Obwohl ABB damals in einer finanziell sehr unkomfortablen Lage steckte, war es uns wichtig, gegenüber den betroffenen 300 Mitarbeitenden unsere soziale Verantwortung wahrzunehmen. Dieser Anspruch hat zu ganz neuen Ansätzen geführt: So wurde zusammen mit der kantonalen Arbeitsvermittlung ein fabrikinternes Stellenvermittlungsbüro auf die Beine gestellt und den betroffenen Mitarbeitenden über mehrere Monate intensive Unterstützung bei der Stellensuche angeboten. Das Resultat war, dass für 94 Prozent der Mitarbeitenden eine nachhaltige Lösung gefunden werden konnte, sei dies nun eine interne oder externe Stelle gewesen oder eine Speziallösung. Dieses Resultat wurde nicht nur von Gewerkschaftern positiv gewürdigt, sondern auch von den betroffenen Mitarbeitenden; 77 Prozent gaben bei einer späteren Umfrage an, ABB Schweiz als Arbeitgeberin weiterempfehlen zu können. Darauf dürfen wir stolz sein.

Beispiele wie dieses haben unsere Personalpolitik geprägt. Wir können und wollen nicht einzelne Arbeitsplätze garantieren. Ich erwarte deshalb von unseren Mitarbeitenden ein gewisses Mass an Flexibilität und Eigeninitiative, um sich ihre Arbeitsmarktfähigkeit selber zu erhalten, indem sie sich kontinuierlich weiterbilden. Ein guter ABB-Mitarbeiter sollte jederzeit auch ausserhalb des Unternehmens eine Anstellung finden.

Grundsätzlich streben wir eine weit gehende Übereinstimmung der Interessen der Unternehmung mit den Interessen der Mitarbeitenden an, und wer bei uns tätig ist, sollte überzeugt sein, am richtigen Ort zu arbeiten. Um zu dieser Überzeugung zu gelangen, muss nicht nur der Arbeitsinhalt stimmen und der notwendige Gestaltungsfreiraum vorhanden sein – für mich muss eben auch die Unternehmenskultur stimmen. Zudem möchte ich als Arbeitnehmer in einem Unternehmen tätig sein, auf das ich stolz sein kann. Dazu gehört für mich auch, dass mein Arbeitgeber aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes mitwirkt.

Die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung kann sich deshalb nicht auf das interne Verhalten beschränken. ABB Schweiz spielt als eine grosse Arbeitgeberin eine wichtige Rolle in der Schweizer Industrie. Und als solche wollen wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bei für uns relevanten Themen mitgestalten. Dazu braucht es den regelmässigen Austausch mit Sozialpartnern, Behörden und Politikern auf allen Ebenen, vom Gemeinderat einer Standortgemeinde bis zum Bundesrat. Dies erlaubt es uns, wirtschaftliche und soziale Handlungsfelder zu erkennen und wenn möglich gemeinsam anzugehen.

Nehmen wir als Beispiel die Verkehrsdichte: Die geeignete Steuerung des steigenden Mobilitätsbedarfs ist ein gesellschaftlich relevantes Thema in den Städten. Zusammen mit den Behörden an unseren Standorten Baden und Zürich Oerlikon haben wir dazu ein erfolgreiches Mobilitätsmodell entwickelt. Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommt und keinen Parkplatz beansprucht, wird mit einem Ökobonus belohnt.

Oder das Thema Jugendarbeitslosigkeit: ABB Schweiz engagiert sich seit vielen Jahren im Sinne von Ursachenbekämpfung bei der Ausbildung von Jugendlichen in den «Lernzentren für die Wirtschaft». Dort bereiten sich rund tausend Lehrlinge praxisbezogen und eigenverantwortlich auf ihren Berufseinstieg vor. Dank dem hohen Ausbildungsniveau gelingt diesen Jugendlichen in den meisten Fällen der Einstieg ins Berufsleben.

Auch im Umgang mit Kunden ist gesellschaftliche Verantwortung gefragt: Verzichten wir auf einen lukrativen Auftrag, bei dem wir unsere unternehmensethischen Regeln nicht zu hundert Prozent einhalten können? Bei ABB lautet die Antwort heute, ohne zu zögern, Ja. Dies bedingt aber, dass die ethischen Grundsätze Teil der gelebten Unternehmenskultur sind und die Mitarbeitenden keine Kritik befürchten müssen, wenn sie einen entsprechenden Auftrag ablehnen und damit bei einem grösseren Auftrag vielleicht auch kurzfristig die Arbeitsauslastung ihrer Kollegen gefährden. Braucht dies Mut? Eigentlich nein – oder nur, wenn diese Null-Toleranz-Politik nicht zweifelsfrei in der Unternehmenskultur verankert ist.

Gelten denn für ein weltweit tätiges Unternehmen wie ABB mehrere gesellschaftliche Verantwortungen, die zueinander eventuell gar im Widerspruch stehen? Soll sich ein Unternehmen beispielsweise an Projekten in Entwicklungsländern beteiligen, die zwar zweifellos den Aufbau der Infrastruktur im Land unterstützen und damit zur Erhöhung des dortigen Lebensstandards beitragen, aber aus der Sicht schweizerischen Moralempfindens nicht über alle Zweifel erhaben sind? Eine komplexe Frage, die nicht einfach generell mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, sondern in jedem einzelnen Fall eine differenzierte Güterabwägung verlangt.

Um zur ursprünglichen Fragestellung zurückzukommen: Ich bin absolut überzeugt, dass ein nachhaltiger Unternehmenserfolg eine aktive Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung bedingt. Dass eine Firma, die den Ruf einer verantwortungsvollen und in gesellschaftlicher Hinsicht innovativen Unternehmung geniesst, daraus bei Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten und Investoren auch noch einen Sympathiebonus ziehen kann, ist eine nicht zu vernachlässigende positive Begleiterscheinung, kann aber nicht den Hauptantrieb bilden.

Mathematisch gesprochen: Die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Unternehmenserfolg. Ein Unternehmen wie ABB muss auf hart umkämpften Märkten bestehen, sich regelmässig den neuen Rahmenbedingungen anpassen und dabei eine gute Profitabilität erwirtschaften. Nur wenn das gelingt, können wir auch längerfristig gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Hanspeter Fässler ist Vorsitzender der Geschäftsleitung ABB Schweiz. Der Text ist Teil einer BILANZ-Serie über Social Management und Wettbewerbsfähigkeit. In der nächsten Nummer lesen Sie den Beitrag von Peter Forstmoser, Präsident des Verwaltungsrates der Swiss Re, über Corporate Social Responsibility sowie den Spagat zwischen Eigennutz und Dienst an der Allgemeinheit. Zum Thema «Allianzen in der Arbeitsintegration: Mehrwert auch für Unternehmen?» findet zudem am 9. November im Schulhaus Im Birch, Zürich Oerlikon, eine Veranstaltung statt, an der an Workshops und Podien das Thema mit Exponenten aus Wirtschaft und Wissenschaft erörtert wird.

Info: www.sustainability-zurich.org

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