Die pharmazeutische Industrie hat eine entscheidende gesellschaftliche Aufgabe. Wir reduzieren die Sterblichkeit und die Anzahl von Erkrankungen mit unseren Medikamenten. Dank der pharmazeutischen Industrie sind viele Krankheiten, die früher ein Todesurteil oder andauernde Invalidität bedeuteten, heute heilbar, und die allgemeine Lebensqualität steigt seit Jahrzehnten. Nicht zu vergessen ist, dass der rationale Einsatz von Medikamenten eine signifikant positive Auswirkung auf die Produktivität von Menschen hat: Sie können einem normalen Erwerbsleben nachgehen, statt gepflegt werden zu müssen. Und dies hat in der Summe erhebliche positive Auswirkungen auf die Wirtschaftslage eines Landes.

Es ist jedoch kein Geheimnis, dass der Ruf der pharmazeutischen Industrie weltweit in den letzten Jahren gelitten hat. Besonders starke Kritik hat es in Bezug auf die Transparenz von klinischen Studien, die Sicherheit bestimmter Klassen von Medikamenten und im Zusammenhang mit produktbezogenen Gerichtsverfahren gegeben. Auch die Höhe und Angemessenheit der Preise führte zu Kritik. Zusammengenommen führen diese Faktoren zu einem ausgeprägten Verlust von Vertrauen in international operierende Unternehmen.

Ein guter Ruf hat einen messbaren ökonomischen Wert. Unser Ruf ist unsere gesellschaftliche «license to operate», unsere Betriebsgenehmigung. Diese Genehmigung muss regelmässig erneuert werden. Wenn die pharmazeutische Industrie nicht als geschätzter Partner im Bestreben, Gesundheit und menschliches Wohlergehen zu verbessern, anerkannt ist, sind wir dem permanenten Risiko des Nachteils in den Verhandlungen zu neuen Gesetzen oder Vorschriften ausgesetzt.

Wie ist Novartis in diesem komplexen Umfeld voller Herausforderungen positioniert? Novartis vertritt die Auffassung, dass ein pharmazeutisches Unternehmen eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat, die über die traditionelle ökonomische Rolle einer international operierenden, börsenkotierten Firma hinausgeht. Unsere Kernkompetenz ist die pharmazeutische Innovation – mit der Bereitstellung der Medikamente schaffen wir einen Wert, der vielen Menschen in der ganzen Welt nutzt.

Ein grosser Teil unserer Reputation ist damit verbunden, wie wir unser Geschäft betreiben. Deshalb hat Novartis im Jahr 2000 als eines der ersten Unternehmen den Global Compact der Vereinten Nationen unterschrieben und steht damit verbrieft für weltweite Menschenrechte, faire Arbeitsbedingungen, den Schutz der Umwelt und den Kampf gegen Korruption. Seit dem Jahr 2000 integrieren wir diese universellen Werte systematisch in unsere Strategien und unsere Geschäftstätigkeit in Form von internen Richtlinien. In der Umsetzung betrifft dies Themen wie den Zugang zu Medikamenten, das faire Verhalten in der Vermarktung unserer Produkte, den Kampf gegen Korruption, ethische Fragen der Forschung und der klinischen Studien, Produktsicherheit, Leistungen (Compliance) der Zulieferer, Tierversuche, die fairen Arbeitsbedingungen und Menschenrechte im Allgemeinen.

Wir führen intern wie extern intensive Diskussionen über unsere Rolle und unsere Verantwortlichkeiten – und wir sind uns durchaus nicht immer einig über die jeweiligen Grenzen. Den grössten Konsensus haben wir dort, wo unsere pharmazeutische Kernkompetenz einen deutlichen Unterschied für die betroffenen Patienten macht. Über die normale Geschäftstätigkeit unterstützen wir damit die individuellen und kollektiven Bemühungen, die Gesundheit der Menschen zu verbessern.

Novartis trägt weltweit viel dazu bei, dass auch Patienten, die nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, verbesserten Zugang zu unseren Medikamenten erhalten. Die Projekte von Novartis konzentrieren sich auf Gebiete, in denen wir entweder über ein einzigartiges Medikament verfügen oder wo die Not am grössten ist.

Über fünf Milliarden Menschen, die meisten von ihnen in Entwicklungsländern, können sich unsere innovativen Medikamente nicht leisten; auch in den USA haben über 20 Prozent der Bevölkerung keine Krankenversicherung und sind so von der Versorgung mit unseren Produkten ausgeschlossen. Damit ist die Frage nach dem Zugang zu unseren Medikamenten nicht auf die Entwicklungsländer beschränkt, und die Frage der Erweiterung der Versorgung drängt sich auf.

In den Entwicklungsländern sind die Projekte gegen Malaria, Lepra und Tuberkulose die wichtigsten – in den entwickelten Ländern sind es vor allem Patientenhilfsprogramme zur Verbreitung von Glivec, dem revolutionären Mittel gegen Leukämie, und die Projekte für Vergünstigungen bei rezeptpflichtigen Medikamenten in den USA. Allen diesen Projekten ist gemeinsam, dass sie in Partnerschaft mit externen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umgesetzt werden.

Im Kampf gegen Malaria hat Novartis durch die Partnerschaft mit der WHO viele Millionen Leben gerettet. Das derzeit wirksamste Medikament gegen Malaria, unser Coartem, liefern wir der WHO zum Selbstkostenpreis zur Distribution in Ländern mit Malaria-Endemien. Die hohe Wirksamkeit des Präparats hat zu einem dramatischen Anstieg der Nachfrage für Coartem geführt. Dieses Jahr liefern wir deshalb 30 Millionen Behandlungen, für 2006 sind über 100 Millionen geplant. Da einer der beiden aktiven Wirkstoffe in Coartem ein Pflanzenderivat ist, ist diese drastische Erhöhung eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit und innerhalb unserer Industrie bisher einmalig.

Durch die Arbeit der Novartis-Stiftung für Nachhaltige Entwicklung und die kostenlose Abgabe von Lepra-Medikamenten haben wir in Zusammenarbeit mit der WHO und Lepra-Hilfswerken dazu beigetragen, dass allein in den letzten fünf Jahren fast vier Millionen Lepra-Patienten geheilt wurden.

Auch in der Forschung gehen wir eigene Wege. Pharmafirmen entwickeln hauptsächlich Produkte, mit denen eine grosse Patientenanzahl in der westlichen Welt behandelt werden kann. Damit wird sichergestellt, dass die Investitionen für die jahrelange Entwicklung des Medikaments sich finanziell auszahlen. In einer Partnerschaft mit Singapur hat Novartis das Institut für Tropenkrankheiten gegründet. Die Forschung konzentriert sich auf Denguefieber und Tuberkulose, beides Krankheiten, die vor allem in tropischen, armen Ländern endemisch sind. Diese Forschung ist international führend, und Medikamente aus diesen Projekten sollen den Patienten in den Entwicklungsländern ebenfalls ohne Gewinn unsererseits zur Verfügung gestellt werden.

Unsere Stiftung für Nachhaltige Entwicklung arbeitet seit Jahrzehnten mit Regierungen und internationalen Partnern zusammen, um Massnahmen in der Prävention, Behandlungsprogramme und andere Gesundheitsdienstleistungen zu ermöglichen und dadurch den Menschen in den Entwicklungsländern zu Menschenrechten in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zu verhelfen.

Wir integrieren die hohen ethischen Anforderungen des Global Compact in unseren geschäftlichen Alltag, indem wir zunächst klare Zielsetzungen und Verantwortlichkeiten festgelegt haben. Zum Beispiel verpflichtet ein weltweiter Verhaltenskodex alle Mitarbeitenden zur Einhaltung ethischer Grundsätze wie des Verbots der Korruption oder jeglicher Diskriminierung sowie zur Einhaltung von Gesetzen. Für Mitarbeiter des Marketings wurden spezielle Richtlinien erstellt, um sicherzustellen, dass Informationen transparent sind und Zuwendungen einen bestimmten bescheidenen Rahmen nicht überschreiten. Weltweite Trainingsprogramme stellen sicher, dass die Mitarbeiter ihre Verpflichtungen kennen, und kontinuierliche interne Kontrollen überwachen die erfolgreiche Umsetzung der Richtlinien.

Ein integraler Bestandteil unserer Strategie ist die Verstärkung der nichtfinanziellen Beiträge zum Wohle der Gesellschaft; dies bedingt, dass auch unser Social Management systematisch verbessert wird. Wir beteiligen uns regelmässig an Projekten zum effizienten Management von Daten und Informationen zu sozialen Themen.

Der Marktwert der Produkte, den Novartis letztes Jahr in diese Projekte einbrachte, entsprach etwa dem Gegenwert von 700 Millionen Franken und erreichte über vier Millionen Patienten. Um sicherzustellen, dass die Aktionäre und die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil bilden können, publiziert Novartis detaillierte Reports inklusive der finanziellen Kennzahlen zu den verschiedenen Projekten. In Wortmeldungen unterstützen Aktionäre Novartis in diesen Projekten, auch Finanzanalysten beurteilen uns als ein führendes Unternehmen nicht nur in Bezug auf unsere pharmazeutische Kompetenz, sondern auch in Bezug auf die systematische Umsetzung unserer sozialen Verantwortung.

Fazit: Wir wollen in der pharmazeutischen Innovation weiter führend sein. Geschäftlicher Erfolg beruht auf dem Vertrauen der Geschäftspartner, Regierungen, Patienten, medizinischen Fachkreise in uns und unsere Mitarbeiter. Das Recht auf Gesundheit als ein Grundrecht aller Menschen ist heute in aller Munde. Wir unterstützen dieses Konzept als ein erstrebenswertes Ziel. Gleichwohl kann kein Einzelner und keine Organisation allein dieses Ziel erreichen und die vielfältigen Bedürfnisse von Patienten erfüllen. Alle Beteiligten – Unternehmen, Regierungen, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft – müssen hier Verantwortung übernehmen.

Michael Plüss ist Leiter von Novartis Schweiz. Der Text ist Teil einer BILANZ-Serie über Social Management und Wettbewerbsfähigkeit. In der nächsten Nummer lesen Sie den Beitrag von Hanspeter Fässler, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von ABB Schweiz, über den Zusammenhang von sozialer Verantwortung und Unternehmenserfolg. Zum Thema findet zudem am 27. September 2005 an der Zürcher Hochschule Winterthur eine Veranstaltung statt, an der an Workshops und Podien das Thema mit Exponenten aus Wirtschaft und Wissenschaft erörtert wird. Info: www.socialmanagement.ch, Anmeldung: can@zhwin.ch.

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