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Mindfulness 
So sollen Angestellte stressresistenter werden

Yoga: Unternehmen lassen sich einiges einfallen, damit Angestellte stressresistenter werden.Flickr

Wer sich im ­Arbeitsalltag stressen lässt, ­riskiert ein Burn-out. Durch Mindfulness lehren Unternehmen ihre ­Angestellten innere Ruhe und ­Gelassenheit. Ein Trend mit ­Entspannungspotenzial.

Von Maren Meyer
09.02.2016

Als Luzia Sieber am Gesundheitsparcours, dem Achtsamkeitskurs der Swisscom, teilnahm, hatte sie keine grossen Erwartungen. Gesundheit war der Kundenberaterin wichtig, Tipps für die korrekte Schreibtischhaltung waren willkommen, denn ihre Schulter schmerzte schon länger – vielleicht würde der Kurs helfen. Ein Jahr später waren die Tipps verinnerlicht, die Schmerzen verschwunden.

Was im Silicon Valley schon zum guten Ton gehört, hält in Schweizer Unternehmen gerade Einzug: Achtsamkeit am Arbeitsplatz. Denn was bei Google und Co. so gut funktioniert, kann sich für Swisscom, SBB oder Credit Suisse doch auch lohnen. Im Kern geht es um Stressreduktion, innere Ruhe, Entspannung. Daraus resultieren sollen mehr Effizienz und Ausgeglichenheit am Arbeitsplatz. Den Weg dorthin bieten Kurse in Meditation, Yoga, gesunder Ernährung und der Stärkung des eigenen Bewusstseins: Bewusst leben, bewusst arbeiten, lautet die Devise.

Pionier Google

Im Silicon Valley legte Chade-Meng Tan, offizieller Jobtitel «Jolly Good Fellow» und Google-Mitarbeiter Nummer 107, mit seinem Kurs «Search Inside Yourself» 2007 den Grundstein für die Umsetzung des Mindfulness-Gedankens in Unternehmensstrukturen. Die Nachfrage war gross: Über 1000 Google-Mitarbeiter nahmen bisher teil, weitere 400 stehen auf der Warteliste. Auch in Zürich können die «Zoogler» von Yoga- und Meditationskursen profitieren.

In den Führungsetagen scheint sich die Wirksamkeit von Meditation herumgesprochen zu haben: Unternehmer Loïc Le Meur, Ray Dalio, Gründer von Bridgewater, Bill Gross, Gründer von Pimco, und Peter Ng, CIO der Singapore Investment Corporation, tun es – sie alle meditieren täglich. Philipp Hildebrand, Ex-SNB-Präsident und heutiger Blackrock-Vize, geht sogar so weit, dass er auch im Flugzeug meditiert – so sagte er es zumindest einst in der «Financial Times»: «In einer von Bildschirmen, Papier, Handys und Informationsüberfluss geprägten Welt sind 20 Minuten, um gezielt nicht an etwas zu denken, eine wunderbare Sache.» Es sei eine Pause, die ­erfrische – in der Finanzwelt ein Muss.

Erstaunliche Ergebnisse

Weitere Mindfulness-Anhänger sind der BMW-Aufsichtsrat Norbert Reithofer und RWE-Chef Peter Terium. Weltweit bieten neben Yahoo, Apple und der Nasa auch die Deutsche Bank oder PwC Achtsamkeits-Kurse für Mitarbeiter an.

In Schweizer Unternehmen finden sich seit 2015 immer mehr Kurse, die sich mit Mindfulness befassen. Nachdem Luzia Sieber am Swisscom-Gesundheitsparcours teilgenommen hatte, fühlte sie sich bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. «Unsere Selbsteinschätzung wurde in allen Bereichen getestet: Wie fit sind wir, wie gesund ernähren wir uns? Die Ergebnisse waren erstaunlich», sagt Sieber. Ein wichtiger Punkt bestand darin, die eigenen Ziele zu definieren. Bei Sieber war es die erwähnte Schulter, die sich mit der Zeit verbesserte.

Die Welt konstruieren

Was viele für Humbug halten mögen, kann so falsch nicht sein. Der Blick nach innen, die Suche nach dem eigenen Selbst liegen im Trend. Matthias Horx vom Zukunftsinstitut Horx spricht von der Achtsamkeit als «irritierendem Phänomen». Aus seiner Sicht konzentriert sich der Begriff auf die Frage: «Wie konstruiere ich Welt?» Dabei geht es nicht, wie im Buddhismus, um die Auflösung des Ich, sondern um die Wiederentdeckung des Selbst – um Selbstwirksamkeit.

Warum der Mensch ein wachsendes Bedürfnis nach dem eigenen Selbst verspürt, lässt sich durch die Reizüberflutung, die mit der digitalen Revolution einhergeht, erklären. Über das Smartphone tragen wir das Internet immer mit uns herum. Prozesse und Abläufe werden schneller, und diese Schnelligkeit wird auch von Unternehmen und ihren Angestellten verlangt. Dies führt zu Stress, der sich wiederum auf Gesundheit und Produktivität auswirkt.

Job-Stress-Index zeigt Alarmierendes

Seit 2014 ermittelt die Gesundheitsförderung Schweiz im Job-Stress-Index die Auswirkungen für Arbeitnehmer und -geber durch arbeitsbedingten Stress. Die Erhebungen 2015 zeigen, dass 22,5 Prozent an Stress und 22,6 Prozent unter Erschöpfung leiden. Laut Index befinden sich 1,1 Millionen Arbeitnehmer im «kritischen Bereich». Dies bedeutet, dass die Ressourcen am Arbeitsplatz nicht ausreichen, um die Arbeitsbelastung zu bewältigen.

Rund 2,4 Millionen Mitarbeiter befinden sich im «sensiblen Bereich» – die vorhandenen Ressourcen reichen nur knapp, um die Belastungen auszugleichen. Stressbedingte Ausfälle kosten Schweizer Unternehmen jährlich rund fünf Milliarden Franken. Ausserdem führt Stress zu Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, was wiederum die Kündigungsabsicht erhöht.

Abschalten ist erwünscht

Wagt man einen Blick in Schweizer Unternehmen, stösst man auf die unterschiedlichsten Angebote in Sachen Achtsamkeit. Neben dem bereits erwähnten Gesundheitsparcours bietet die Swisscom ihren Mitarbeitern Referate zum Thema Stress, Gesundheit und Aktivitäten wie Entspannungs- und Bewegungskurse bis hin zu Coachings und Lachyoga. Auch in Industrieunternehmen wie Georg Fischer werden den Mitarbeitenden Yogakurse angeboten, ebenso beim Baudienstleister Implenia.

Weitere Unternehmen mit Angeboten sind die LGT Bank, Credit ­Suisse, Roche, SBB oder ABB. Laut eigenen Angaben bietet das Industrieunternehmen unter Konzernchef Ulrich Spiesshofer seinen Mitarbeitenden Kurse, die Stress am Arbeitsplatz vorbeugen sollen. Der Schwerpunkt liege dabei auf den Bereichen Ergonomie, Ernährung, Bewegung und Entspannung.

Auch beim Pharma­riesen Roche gibt es Kurse im Bereich der Achtsamkeit, «die es Menschen ermöglichen, gezielt abzuschalten und neue Spielräume für einen klaren und bewussten Umgang mit sich selbst zu schaffen». Roche bietet einen Kurs an, der auf dem Achtsamkeitstraining des MBSR-Konzepts – Mindfulness-Based Stress Reduction – nach Prof. Jon Kabat-Zinn beruht.

Von der Nische zum Mainstream

Er gilt als Pionier des Mindfulness-Gedankens. 1979 gründete er das Center for Mindfulness an der Universität von Massachusetts. Damals war das MBSR-Konzept noch eine Nischenerscheinung, heute ist es Mainstream. Christian Bünck ist Berater und befasst sich seit über zwanzig Jahren mit dem Thema Achtsamkeit. Er gibt Kurse in Unternehmen, die auf dem MBSR-Konzept beruhen. Ursprünglich wurde dieses auf acht Wochen ausgelegt. Bünck bietet dieses Acht-Wochen-Konzept in kompakter Form an und macht damit gute Erfahrungen.

Es geht um das Erlernen von Achtsamkeit durch Übungen wie Sitzmeditation, Yoga und das Spüren des eigenen Körpers. «Mindfulness bedeutet, ganz da zu sein – mit einer freundlichen Grundhaltung», sagt er. Derzeit sei Achtsamkeit ein «Megatrend», der auch Ausdruck einer neuen Offenheit Dingen gegenüber sei, die früher mal als esoterisch verpönt waren. Dazu gebe das Mindfulness-Konzept Antwort auf die Bedürfnisse einer Multioptionsgesellschaft, in der jeder ­oft überfordert und verwirrt sei. Durch Achtsamkeit könne man aus dieser Verwirrung heraustreten, sich eigene, neue Räume schaffen.

Achtsamere Menschen tun auch dem Unternehmen gut

Für Bünck geht es bei Achtsamkeit aber nicht darum, etwas zu erreichen, sondern darum, loszulassen, Dinge ehrlich wahrzunehmen. «Daraus entspringt eine stimmige, gesunde Veränderung, Resilienz entwickelt sich als Nebenprodukt.»

Natürlich gehe es auch um Optimierung, so Bünck. Doch die Unternehmen müssten damit rechnen, dass ihre Mitarbeiter selbständiger würden und anfingen, sich ihren eigenen Raum zum Arbeiten zu schaffen. Aus eigener Erfahrung weiss Bünck, dass «Menschen, die achtsamer mit sich umgehen, sowohl sich selbst wie auch der Firma etwas Gutes tun». So gesehen, sei der Achtsamkeitskurs Teil eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Veränderte Hirnstruktur

Dass eine Achtsamkeitsmeditation in acht Wochen zu Veränderungen in der Gehirnstruktur führt, belegen diverse Studien. So hat ein deutsch-amerika­nisches Forscherteam der Universität ­Giessen, des Massachusetts General Ho­spital und der Harvard Medical School herausgefunden, dass sich Meditation ­positiv auf die Hirnregionen für Selbstwahrnehmung und Mitgefühl auswirkt.

Teilnehmer der Studie berichteten von einer Verbesserung im Stresserleben, was mit einer Abnahme der Dichte der grauen Substanz in der Amygdala einherging: einer Struktur, die eine wichtige Rolle in der Verarbeitung von Angst und Stress spielt. Wollen Unternehmen also ausgeglichene und entspannte Mitarbeitende, scheint Mindfulness laut Forschung der richtige Weg zu sein.

Yoga, Shiatsu und gar Jonglieren

Bei der Credit Suisse ist Yvonne Filli Leiterin des Competence Centre Health Services. Seit Jahren bietet die Abteilung Yoga, Pilates, Rückentraining, Massage am Arbeitsplatz und diverse Outdoor-Aktivitäten an. Die Kurse zielen darauf ab, die Mitarbeitenden zu befähigen, ihre Gesundheit zu stärken. Seit 2015 ist Achtsamkeit ein zentrales Thema, die Angebote haben an Bedeutung gewonnen: Neu gibt es auch Shiatsu. «Der Kurs war sofort ausgebucht», sagt Filli.

Neben Workshops zur Stressreduktion gibt es einen Jonglierkurs, von einer Zirkusartistin durchgeführt, als spielerische Art der Stressbefreiung. «Wir sehen, dass die Zahl der Teilnehmer steigt, die Geschlechterdurchmischung ist gut.» Zwar wird der Stressabbau durch die regelmäs­sige Teilnahme an Achtsamkeitskursen nicht systematisch gemessen, «aber für uns ist es eine Erfolgsgeschichte», sagt Filli. Eine Credit-Suisse-Mitarbeiterin berichtet, dass sie wöchentlich entweder Yoga, Yin & Yang Yoga, Vinyasa Flow, Yoga Flow oder Pilates besuche. Je eine Stunde über Mittag. Sie fühle sich frischer, motivierter und könne mit Druck viel besser umgehen.

Mindfulness ist eine Lebenseinstellung

Juan Humberto Young beobachtet die Entwicklung der Mindfulness-Bewegung in Unternehmen seit gut fünf Jahren. Er begrüsst zwar das Engagement, sagt aber deutlich, dass diese Kurse nichts mit Mindfulness zu tun hätten. Es sei eine Lebenseinstellung, kein Kursbesuch über Mittag. «Der Begriff wird viel zu inflationär benutzt», sagt Young, der an der Universität St. Gallen zu den Schwerpunkten Mindfulness, positive Psychologie und Strategie unterrichtet und einen Executive Master in ­Positive Leadership and Strategy an der IE Business School in Spanien leitet.

Im April startet er in St. Gallen eine Studie zum MBSAT-Konzept – Mindfulness-Based Strategic Awareness Training – mit Managern und Bankern, um herauszufinden, wie sich Mindfulness auf das Wesen und die Entscheidungsfindung auswirkt.

Oft trauten sich die Menschen nicht, das zu tun, was sie wirklich wollten, sagt Young und erzählt, wie ein Banker nach einem Mindfulness-Training seinen Job an den Nagel gehängt und eine Schauspielkarriere in Paris begonnen habe. «Wird Mindfulness gelebt, kann sie sehr viel Klarheit bringen.»

Warteliste für Yogakurse

Mit den SBB hat ein weiterer Schweizer Grosskonzern das Achtsamkeitsprinzip für seine Mitarbeiter entdeckt. Seit 2015 bietet Christina Meier Yogakurse an. Erst mit 20, heute mit 25 Teilnehmern, darunter drei Männer. Zudem besteht eine Warteliste. Meier bietet die Kurse zwar in ihrer Freizeit an, wird von den SBB jedoch durch das Programm «SBB aktiv» unterstützt: «Ich bekomme den Raum und das Material gestellt.»

Die Teilnehmer des Kurses geben an, sich entspannter zu fühlen. Schwierige Situationen könnten mit mehr Gelassenheit bewältigt, anspruchsvolle Aufgaben konzentrierter erledigt werden. Denn was im Silicon Valley so gut funktioniert, kann auch für Schweizer Unternehmen so schlecht nicht sein.

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