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Singapur: Traumhafte Aussichten

Nummer eins in Singapur im Private Banking: UBS-Länderchef Edmund Koh.  Ahmed Munshi

Berechenbarkeit statt Kakofonie: Für viele Schweizer Banker ist Singapur längst die bessere Schweiz. Der Erfolg gibt ihnen recht. Sie sind die Platzhirsche im Stadtstaat.

Von Dirk Schütz
14.04.2014

Vom 50. Stock aus hat Edmund Koh eine Aussicht, die ihn stolz macht. Der UBS-Chef in Singapur, vor 50 Jahren im Stadtstaat geboren, blickt aus dem UBS-Tower im Finanzdistrikt seiner Heimatstadt direkt auf Marina Bay Sands, den Stolz seiner Landsleute. Der futuristische Zement­riese erhebt sich auf einer Halbinsel vor der Küste und besteht aus drei gigantischen Türmen, die auf 191 Metern Höhe ein Betonschiff tragen, das grösser ist als die «Titanic» und den mit 146 Meter längsten Aussenpool der Welt bietet. Das ist das neue Singapur, das seine Landsleute mit grosser Energie aus dem Boden gestampft haben. «Bei der Infrastruktur haben wir Schweizer Niveau erreicht», sagt Koh mit leuchtenden Augen. «Jetzt wollen wir es auch punkto Lebensqualität auf diesen Standard schaffen.»

Hier ist er aufgewachsen, als die Stadt noch ein armer Hafen inmitten malaria-verseuchter Sümpfe war. Er ging für ein Psychologiestudium nach Kanada, arbeitete für die Bankriesen Citigroup und HSBC und leitete für DBS, die grösste einheimische Bank, das Retailgeschäft. Als er vor zwei Jahren für die UBS die Leitung des Wealth Managements in der grössten Wachstumsregion der Bank übernahm, setzte die Grossbank damit ein Zeichen: Zum ersten Mal übertrug sie die Leitung ihres Schlüsselmarktes Singapur einem Einheimischen. «Wenn Sie als lokale Bank wahrgenommen werden wollen, ist ein Manager mit Kenntnis der Region extrem wichtig», betont UBS-Wealth-Management-Chef Jürg Zeltner. Die Rivalen wie Credit Suisse, Julius Bär oder HSBC setzten dagegen noch auf Expats. Wo denn der Unterschied liege? «Im Umgang mit asiatischen Kunden ist es wichtig, die sozialen Regeln der Gesichtswahrung zu verstehen», sagt Koh und ­lächelt. «Wenn Sie etwa von einem vermögenden Unternehmer an einen Verwandten verwiesen werden, obschon er eigentlich selbst der Entscheidungsträger wäre, dann sagt er Ihnen damit indirekt, dass er kein Interesse hat.» Will heissen: Der Banker aus Europa sucht dann noch nach einem Termin mit dem Verwandten – was vertane Energie ist.

Imposantes Wachstum

Das Private Banking ist auch in Asien härter geworden, doch der grosse Trend ist intakt: Um über 30 Prozent sind die verwalteten Vermögen in den letzten Jahren gewachsen. Wer europäischem Wehklagen entfliehen will, muss nur den Zwölf-Stunden-Flug in den tropischen Stadtstaat auf sich nehmen. «Wachstum ist nicht unser Problem», betont Mark Jansen, Partner bei PricewaterhouseCoopers (PwC) in Singapur. Für 2014 schätzt der jüngste Private Banking Survey des Prüfkonzerns das Wachstum der verwalteten Vermögen in Singapur und Hongkong auf 21 Prozent, wovon der grös­sere Teil im asiatischen Offshore-Zentrum Singapur landet – davon können das stagnierende Europa oder das nur schwach wachsende Nordamerika nur träumen.

Das Schöne daran aus Schweizer Sicht: Sie sind die stärksten Spieler in der weltgrössten Wachstumsregion. «Für die reichen Asiaten ist unser Land die klare Nummer eins in der globalen Vermögensverwaltung», betont Ex-Sal.-Oppenheim-Schweiz-Chef Christian Camenzind, der für die Deutsche Bank nach Singapur gegangen ist und dort heute als Berater arbeitet. Unter den ersten fünf Privatbanken befinden sich drei Schweizer. Die UBS thront mit verwalteten Vermögen von 215 Milliarden Dollar über der Konkurrenz, die CS liegt auf Platz drei, Julius Bär auf Platz fünf. Camenzind: «Hier wird man als Schweizer wieder stolz auf sein Land.»

Kein Wunder, dass sich gerade Schweizer Banker in dem Stadtstaat so wohlfühlen. «Für mich ist Singapur wie ein Zweitsitz. Ich verbringe in der Region ein Drittel meiner Zeit», betont UBS-Wealth-Managment-Chef Zeltner. «Ich reise viel nach Asien», sagt auch sein CS-Pendant Hans-Ulrich Meister. Beide Banken haben zudem gewichtige Aktionäre in der Stadt: Der Staatsfonds GIC ist mit 6,4 Prozent der grösste Einzelaktionär der UBS, der andere Staatsfonds, Temasek, ist vor zwei Jahren bei der CS eingestiegen. Und auch die Nummer drei hat eine enge Verbindung zu Singapur: Julius-Bär-Chef Boris Collardi, zu CS-Zeiten lange dort stationiert, hat Asien zum zweiten Heimmarkt ausgerufen und kommt sehr oft hierher – seine Frau stammt aus der Stadt.

Für viele Banker die bessere Schweiz

Sie finden hier etwas, das in der Schweiz verloren gegangen ist: Singapur ist für viele Banker die bessere Schweiz. In den achtziger Jahren hat der Finanzplatz des Stadtstaates die Schweiz mit ihrem weltweit führenden Private Banking offen kopiert, heute liegt die Region Singapur/Hongkong laut Boston Consulting Group mit 1200 Milliarden Dollar bei den verwalteten Offshore-Vermögen bereits auf dem zweiten Platz hinter der Schweiz mit 2200 Milliarden.

Doch das Klima ist anders. Politische Stabilität und Berechenbarkeit hätten ­absolute Priorität in Singapur, betonte ­Finanzminister Tharman Shanmugaratnam unlängst in einem Interview: «Diese Berechenbarkeit nahm wegen der Finanzkrise in einigen Ländern ab – wir müssen sie hochhalten.» Ein nur schwach verklausulierter Seitenhieb auf die Schweiz, die sich eine Finanzplatz-Kakofonie sondergleichen leistet. Mal meldet sich die Finanzministerin spontan mit neuen Regulierungvorschlägen und verbrennt so mehrere Milliarden Franken Börsenwert, mal fordert die Nationalbank harte Massnahmen gegen eine angebliche Immobilienblase, was die Finma wiederum kritisiert, um dann – wie derzeit – noch härtere Massnahmen zu fordern, woraufhin die Bankiervereinigung das Gespräch mit ihr abbricht. Da kommen die geplagten Schweizer Banker, von der heimischen Debatte sichtlich genervt, alle gern in den Stadtstaat, und im kleinen Kreis kaschieren sie ihre Bewunderung für das autoritäre Regime kaum.

Bündelung der Kräfte

Inbegriff der Macht ist die Superbehörde Monetary Authority of Singapore (MAS). Sie ist dem Finanzministerium unterstellt und wirkt als ­Notenbank, Regulator und Promoter in einem. Auf Schweizer Verhältnisse übertragen wäre das etwa so, als wären SNB, Finma und Bankiervereinigung unter einem Dach vereint, gesteuert vom Finanzdepartement. Ihre Vertreter meiden die Öffentlichkeit, selbst die Pressesprecher verschicken lieber trockene Communiqués, als sich mit Journalisten zu treffen. Als unlängst MAS-Chef Ravi Menon mit wenigen dürren Zitaten im deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» auftauchte, galt das fast als Sensation.

Doch bei den Banken ist die MAS sehr präsent. Alle führenden Finanzplatzvertreter haben regelmässige Treffen und schildern den Dialog als extrem konstruktiv. «Das Zusammenspiel mit den Behörden ist viel enger als in der Schweiz», betont der Ex-Deutsche-Bank-Manager Camenzind. Wie hart die Behörde durchgreift, zeigt ihr Vorgehen in Bezug auf angebliche Schwarzgeldzuflüsse aus Europa. Besonders in Schweizer und deutschen Medien kursierten über längere Zeit Berichte über die angeblichen Abschleicher nach Singapur. Aufgeschreckt hatte die MAS auch das harte Vorgehen der Amerikaner gegen die Steuerhinterzieher bei Schweizer Banken. Die USA liefern der wehrlosen Tropeninsel militärischen Schutz in einer unsicheren Region, den Unmut der Supermacht will diese sich partout nicht zuziehen. Kurzerhand erliess sie im letzten Jahr ein Gesetz, gültig ab 1. Juli, das Steuerhinterziehung als Vortat zur Geldwäsche taxiert. Seitdem wissen die mehr als hundert Banken des Stadtstaates: Alle europäischen Kunden mit steuerlich zweifelhafter Historie müssen gehen. «Das grösste Risiko für jede Bank hier ist heute, mit Schwarzgeld erwischt zu werden», betont PwC-Partner Jansen.

Alle Banken haben in den letzten ­Monaten akribisch ihre europäischen Konten durchforstet. «Wir haben Kundengelder von Europäern in Höhe von zwei Milliarden Franken abgelehnt und zurücküberwiesen», betont UBS-Singapur-Chef Koh. Die Credit Suisse nennt zwar keine Zahlen, doch François Monnet, Chief Operating Officer für die Region Asien, bestätigt: «Wir haben die europäischen Kunden einer Risikoprüfung ­bezüglich Steuerstatus unterzogen und haben uns anschliessend von einer sehr geringen Zahl von Kunden getrennt.»

Allerdings: Die Phase der grenzenlosen ­Euphorie ist selbst in Singapur vorbei. Die Wachstumsverlangsamung in Schlüsselmärkten wie China oder Indonesien spüren auch die Offshore-Banker im Stadtstaat. Der Bieterwettbewerb um die besten Mitarbeiter tobt nicht mehr ganz so heiss wie in den letzten Jahren. Die hohen Lohnkosten haben die Rentabilität der Banken geschwächt, das Kosten-Ertrags-Verhältnis liegt mit mehr als 80 Prozent deutlich höher als bei den meisten Banken in der Schweiz. «Singapur ist overbanked», betont der Julius-Bär-Asien-Chef Thomas Meier. «Die kritische Grösse an verwalteten Vermögen liegt bei mindestens 20 Milliarden Franken.» UBS-Chef Koh setzt die Grenze sogar noch höher an: «Eine Bank muss mindestens 50 Milliarden haben, sonst kann sie hier auf Dauer nicht überleben.» Kleinere Schweizer Anbieter wie Pictet, Sarasin oder EFG sind davon weit entfernt.

Vorbild Monaco

Die einheimischen Banken wollen den Schweizern nicht mehr kampflos das attraktive Geschäft überlassen. So übernahm die grösste einheimische Bank, DBS, vor kurzem die Vermögensverwaltung der Société Générale. Die Nummer zwei, OCBC, hatte sich vorher schon das Private Banking der ING geschnappt. Zudem wachsen die asiatischen Heimmärkte stärker, was den Druck auf Singapur erhöht. «Auch in Asien verlagert sich das Geschäft immer stärker onshore», sagt Bär-Asien-Chef Meier. Und wie die Schweiz hat auch der Fünf-Millionen-Einwohner-Staat mit seinem Ausländeranteil von 40 Prozent eine Einwanderungsdebatte. Erstmals kam es im Dezember zu ausländerfeindlichen Angriffen gegen indische Gastarbeiter, was die Regierung extrem beunruhigte. Obwohl Singapur weiterhin vor allem für hoch qualifizierte Ausländer attraktiv sein will, hat die Regierung jetzt auch der Finanzindustrie nahegelegt, die eigenen Staatsbürger zu bervorzugen. Der Wandel von einer Wachstums- zu einer Verteilungsgesellschaft hat begonnen.

Die Stadtregierung fahndet deshalb nach frischen Ideen. Neu ist nicht mehr allein die Schweiz das Vorbild, sondern auch Monaco. Das futuristische Marina Bay Sands, auf das UBS-Banker Koh so gern schaut, beherbergt ein Casino, gepriesen als teuerste Casinoanlage der Welt, mit 600 Tischen und 2500 einarmigen Banditen, mehr als dreimal so viel wie in Monte Carlo. Und auch beim Formel-1-Rennen, 2008 erstmals ausgetragen, will Singapur mehr bieten als ­Monaco: Das Rennen rund ums Casino findet als einziger Grand Prix nachts statt. Jede Bank, die etwas auf sich hält, muss ihren Kunden exklusive Tickets bieten.

Das Ziel Singapurs ist klar: Es will die Prognose der Boston Consulting Group Realität werden lassen. Die Berater prophezeien, dass Singapur zusammen mit Hongkong die Schweiz als Nummer eins im globalen Vermögensverwaltungs­geschäft ablöst – in 15 Jahren.

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