Der 16. Oktober 2008 wird dereinst in den Geschichtsbüchern der Schweiz stehen, und es sieht ganz danach aus, als könnte dieser Tag als Datum einer gleicher­massen patriotischen wie erfolgreichen Operation beschrieben werden. Eine Operation, die in der jüngeren Geschichte der Schweiz einmalig ist.

Es war der Tag, an dem um 6.52 Uhr die Nachrichtenagenturen im Bürokra­ten­deutsch unter dem Titel «Massnahmen zur Stärkung des Finanzsystems» eine denkwürdige Meldung absetzten. In diesen Minuten begann das Räderwerk des Stabfunds zu arbeiten, das in einer konzertierten, geheimen Operation von Bundesrat, UBS-Spitze und Schweizerischer Nationalbank (SNB) unter Leitung von Jean-Pierre Roth vorbereitet worden war, um die Grossbank vor der denkbaren Gefahr eines Untergangs zu bewahren. Präzise begann es zu laufen. Und schon heute wissen wir, dass der Stabfund zur Stützung der UBS seinen Dienst wie ein feinmechanisches Wunderding verrichtete. Er hat nicht nur die Bank stabilisiert – er ist im Ergebnis auch weltweit einzigartig. Eine vorläufige Bilanz zeigt bereits jetzt, dass die gesamte Rettungsaktion der öffentlichen Hand bisher mehr als sechs Milliarden Dollar Gewinn einbrachte.

Die Schweden wählten in ihrer Bankenkrise 1990 als Erste das Rettungs­modell der «Bad Banks» – Abwicklungsgesellschaften, in denen faule Kredite allmählich abgebaut wurden. Die Amerikaner griffen 2008 zur grossen Kelle, überschütteten ihre Banken mit einem Billionenprogramm. Die Iren setzten auf eine Bad Bank, und die Deutschen ­tapsten kopflos von einer Rettungsaktion in die nächste, verstaatlichten und hatten am Ende die grössten Bad Banks der Welt. Keines dieser Programme war so gut ­vorbereitet wie das schweizerische, und keines lief so reibungslos.

Die Idee. Vor dem 16. Oktober hatten Experten der Nationalbank bereits wochenlang daran gearbeitet, wie eine optimale Stützungsaktion verlaufen könnte, die gleichzeitig die Bank rettet und den Geldbeutel der Steuerbürger schont. Und auch die Verantwortlichen der UBS stolperten keineswegs ahnungslos diesem Tag entgegen wie einige ihrer Kollegen im Ausland. So war es Marcel Rohner, der damalige Konzernchef der UBS, der einen tragfähigen Vorschlag machte. ­Gegenüber BILANZ beschreibt er heute seine Idee in einfachen Worten: «Wir gründen einen Fonds, der die Papiere der UBS abkauft. Die UBS liefert das Eigenkapital, die SNB das Fremdkapital. Die UBS schreibt das Eigenkapital ab und übergibt die Anteile der SNB. Falls der Fonds, wenn alle Papiere entweder ausgelaufen, verfallen oder verkauft sind, am Schluss noch einen Wert hat, geht die erste Milliarde an die SNB, der Rest wird zwischen UBS und SNB aufgeteilt.» Dieses Modell wurde letztlich umgesetzt.

Die Konstruktion hat viele Vorteile. Allfällige spätere Gewinne werden auf beide Parteien verteilt, sodass auch die Aktionäre berücksichtigt sind, und der Staat musste zu keinem Zeitpunkt Garantien sprechen. Ein grosser ­Vorteil war es, dass die Bank rechtzeitig agierte, denn zu diesem Zeitpunkt war sie noch handlungsfähig, verfügte über ausreichend Eigenkapital und deutlich über hundert Milliarden Franken Liquidität. «Aber es gab noch Risiken», erinnert sich Rohner, «Gelder flossen ab. Wir wussten nicht, was noch kommt. Deshalb handelten wir.» Zu warten hielt er für unverantwortlich: «Vielleicht wäre es gut gegangen, vielleicht aber auch nicht.»

Beim Ankauf der Papiere achteten die Nationalbank-Experten darauf, dass sie sich nicht nur Unverkäufliches aufluden. Ein Insider beschreibt sie als «gut organisiert, kompetent, professionell und streng gegenüber der Bank».

Das Resultat. Das Zwischenergebnis kann sich sehen lassen (siehe Tabelle «Zwischenbilanz» unter 'Downloads'). Anfangs musste der Stabfund zwar Bewertungsverluste hinnehmen, doch seither stiegen die Marktwerte. Dies war auch ein wenig dem Glück der Marktentwicklung geschuldet und brachte einen Buchgewinn von 1,15 Milliarden Dollar.

Das Eigenkapital des Funds betrug Ende 2012 rund 5,5 Milliarden Dollar. Vereinbart ist, dass davon die erste ­Milliarde an die SNB geht, während der Rest zu gleichen Teilen aufgeteilt wird. Das bringt der Nationalbank 3,27 Mil­liarden Dollar. Der Fonds liefert ihr aber auch Zinsen, und zwar mit einem Zuschlag von 2,5 Prozent über dem Libor. Bis Ende 2012 waren es immerhin 1,66 Milliarden. Ein weiterer Profit von 1,1 Milliarden Dollar fiel dem Bund in Form von Kursgewinnen und Zinsen zu, nachdem er eine damals emittierte Pflichtwandelanleihe günstig hatte verkaufen können. Das Resultat: Gesamthaft haben Bund und Nationalbank bereits mehr als 6 Milliarden Dollar gewonnen. Und die Aussichten sind günstig: Das Risiko von ursprünglich 34,7 Milliarden Dollar wurde auf 5,6 Milliarden vermindert. Es ist nun vom Eigenkapital gedeckt.

Den Erfolg kann man erst wirklich ­ermessen, wenn man die Bilanz inter­national vergleicht. So verabschiedeten sich die Amerikaner rasch vom Bad-Bank-Modell. In das Rettungsprogramm für die Banken investierten sie 475 Milliarden Dollar, vor allem direkt in Bank­aktien. Davon ist inzwischen fast alles zurückgezahlt, Anfang April waren nur noch 6,3 Milliarden ausstehend. In Deutschland wiederum gründeten sechs Banken interne und externe Bad Banks. Sie sind die grössten der Welt, auf dem Höhepunkt erreichte ihr Gesamtvolumen mehr als 600 Milliarden Franken. Die Bewertungsverluste werden oftmals geheim gehalten.

«Das war das beste Geschäft, das die Nationalbank je gemacht hat», resümiert Ex-UBS-Chef Oswald Grübel.

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