1. Home
  2. Unternehmen
  3. Schweizer wollen Deutschen Insekten-Food bringen

Trends 
Schweizer wollen Deutschen Insekten-Food bringen

Schweizer wollen Insekten-Food nach Deutschland bringen
Produkte von Micarna: Pop-Bugs klingt besser als Grillenmehlbällchen. Micarna

Heuschrecken-Frikadellen möchte Micarna gern nach Deutschland liefern. Noch ist Nahrung aus Insekten dort allerdings verboten – doch das Tabu soll fallen.

Von Carsten Dierig («Die Welt»)
2017-10-11

Die kleinen frittierten Bällchen kommen ganz unscheinbar daher. Dabei lässt ihre schicke Verpackung keinen Zweifel am Inhalt. Grün auf schwarzem Grund zeigt die edle Snackbox rund herum Abbildungen von kleinen und grossen Grillen. Und auch die Wortwahl auf dem Deckel ist eindeutig: «Bugs» steht dort, also das englische Wort für «Ungeziefer».

Tatsächlich verdeckt die würzige Panade der frikadellenähnlichen Kugeln zusammengepresstes Grillenmehl, erklärt Patrick Hersche, der Exportleiter von Micarna. Das Unternehmen gehört eigentlich zu den grössten Fleisch- und Wurstproduzenten in der Schweiz, wagt sich nun aber in ein neues Segment.

Insekten in Deutschland nicht zugelassen

«Alternative Proteinquellen werden in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen», begründet Hersche die exotische Neuentwicklung, die Micarna dieser Tage auf der weltgrössten Lebensmittelmesse Anuga in Köln vorstellt.

Bis die Heuschrecken-Bällchen auch in deutschen Supermärkten landen, dürfte es allerdings noch dauern. Denn als Lebensmittel sind Insekten in Deutschland nicht zugelassen, anders als beispielsweise in der Schweiz oder auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Grossbritannien, wo Insekten-Snacks zumindest geduldet sind.

«Schnecken sind ja auch erlaubt»

2018 könnte das Verbot in Deutschland allerdings fallen. Denn die Europäische Union wird in den kommenden Monaten die entsprechenden Gesetze überarbeiten. Und Experten sehen keinen Grund, warum Insekten nicht auf dem Speiseplan landen sollten. «In Asien werden sie schon lange gegessen», unterstreicht auch Micarna-Vertreter Hersche. Zwar werde es genug Menschen geben, die sich davor ekeln. Aber das sei bei Schnecken ja auch nicht anders. «Und die sind als Delikatesse schon lange erlaubt.»

Micarna liefert in seiner Snackbox ohnehin zwei Saucen mit, deren Geschmack am Ende dominierend sein wird. Ohne die Dips behält die vergleichsweise salzige Panade die Oberhand. Die frittierten Grillen können dadurch auf die Funktion von Protein-Lieferanten reduziert werden.

Genau das ist einer zunehmend grossen Gruppe von Konsumenten mittlerweile extrem wichtig. Schliesslich sollen stark eiweisshaltige Lebensmittel zum einen schlank machen und zum anderen beim Muskelaufbau helfen.

Absoluter Megatrend Protein

«Protein ist derzeit der absolute Megatrend in der Ernährung», bestätigt GfK-Marktforscher Robert Kecskes, der in der aktuellen Studie «Consumers Choice ’17» die Ess- und Verzehrgewohnheiten der Deutschen untersucht hat. «Dahinter steht der Wunsch nach einer gesunden Ernährung und gleichzeitig nach einer ästhetischen Körperlichkeit», sagt Kecskes.Da ist es kaum verwunderlich, dass parallel auch die Anmeldungen in den Fitnessstudios weiter kräftig steigen. Die Ernährungsindustrie reagiert dementsprechend, das zeigt die Neuheitenschau der Anuga. Auf der Messe werden zum Beispiel zahlreiche Joghurts mit extra viel Protein vorgestellt, unter anderem «Qjo» von Branchengrösse Ehrmann oder auch «Protein 22» vom britischen Label Graham’s.

Sie alle folgen damit Pionier Arla, der mit dem isländischen Quark-Joghurt «Skyr» schon vor einigen Monaten einen Überraschungshit im Kühlregal gelandet hat. Dazu präsentiert die Branche proteinhaltige Eiscreme, Chips aus Soja und Maniok oder auch Pflanzenmilchgetränke, etwa vom slowakischen Hersteller McCarter. «Body&Future» enthält frisch gepresste Säfte und dazu viel Pflanzenprotein, unter anderem aus Chia- und Basilikum-Samen.

Bratwürste im Fitnessstudio verkauft

Und es gibt Fitnesswurst. Das Münchener Start-up Grillido zeigt auf der Anuga Landjäger mit 50 Prozent Eiweissgehalt und gerade einmal sechs Prozent Fettanteil. «Wir ersetzen den Geschmacksträger Fett durch Rohgewürze», erklärt Gründer und Geschäftsführer Michael Ziegler. «Zwei Würste haben dabei so viel Eiweiss wie ein kompletter Shake.»

Bislang hat Grillido schon Bratwürste im Sortiment, die vor allem in Fitnessstudios verkauft werden, mittlerweile aber auch bei Edeka und Rewe gelistet sind. Das Wachstum beim Protein-Produkte-Absatz dürfte sich damit weiter beschleunigen. Aktuell meldet die GfK Umsatzsprünge von jährlich mehr als 60 Prozent auf zuletzt 175 Millionen Euro. «Die Dynamik ist immens und lässt für die kommenden Jahre noch mal deutliche Marktanteilszuwächse erwarten», sagt Konsumexperte Kecskes.

Allerdings dürfte nicht jeder Hersteller daran partizipieren. Denn sowohl der Verbraucher als auch der Handel sind wählerisch. «Unser Regalplatz ist schlichtweg begrenzt», sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE).

100'000 neue Produkte jährlich

Ein klassischer Supermarkt führt heute rund 15'000 Artikel. Und zwei Drittel davon sind Genth zufolge Dauerbrenner, auf die der Konsument nicht verzichten will. «Trotzdem sind Neuheiten natürlich das Salz in der Suppe und unverzichtbare Impulsgeber im Lebensmittelhandel.»Also wird in der Industrie geforscht und probiert, was das Zeug hält. Locker 100'000 Produkte bieten etablierte Hersteller wie auch Start-ups dem Handel jedes Jahr an. In den Markt schaffen es davon am Ende allerdings nur gut 40'000, meldet die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Zumindest vorübergehend.

«13'000 Produkte halten sich über zwei Jahre, der Rest weicht neuen Trends», sagt BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff, der das aktuell verfügbare Warenangebot in Deutschland auf rund 170'000 Produkte schätzt. «Ernährung ist nicht statisch, sie passt sich immer den Lebensumständen und gesellschaftlichen Trends an.»

Kühne versucht es mit Gin-Gürkchen

Das hat teilweise auch skurrile Auswüchse: Feinkosthersteller Kühne zum Beispiel bringt die aktuelle Gin- und Whiskey-Welle nun auch in die Küche, indem er Cornichons neben Würze auch einen Schuss Gin oder Whiskey mit ins Glas gibt.

Allerdings gibt es auch Grenzen. «Extreme Ernährungstrends wie paleo, wo ausschliesslich Zutaten genutzt werden, die es schon in der Steinzeit gab, oder auch Insekten und das im Reagenzglas gezüchtete In-Vitro-Fleisch haben so gut wie keine Akzeptanz beim Verbraucher», beschreibt Konsumforscher Kecskes.

Veganer bleiben die Ausnahme

Auch Veganer bleiben dem Experten zufolge die absolute Ausnahme, auch wenn es zuletzt einen kleinen Hype um die entsprechenden Produkte gab. «Das ebbt gerade wieder ab und wird immer eine absolute Nische bleiben», meint Kecskes.

Vegetarische Produkte dagegen, also sozusagen die Vorstufe von vegan, bleibt weiterhin gefragt, zumal dieser Trend mittlerweile vornehmlich von sogenannten Flexitariern getragen wird, die zwar nicht komplett auf Fleisch verzichten wollen, ihren Konsum aber mit Blick auf Tierwohl und die eigene Gesundheit deutlich reduzieren.

Foccacia mit Roter Beete

Veggie-Produkte sind dementsprechend ein weiterer Schwerpunkt bei den Neuheiten der Anuga. Vorgestellt werden zum Beispiel bunte Brotscheiben. Hersteller Barboli Benelux aus den Niederlanden mischt wahlweise Blumenkohl, Rote Beete, Grünkohl oder auch Kürbis in Focaccias, die dann für zwei Minuten im Toaster aufgewärmt werden.

Dazu gibt es reihenweise neue Smoothies und Nahrungsmittel mit Superfoods, also mit Beeren und Saaten wie Acai, Chia, Goji oder Quinoa, die von Natur aus hohe Nährstoff- und Enzym-Gehalte haben und damit einen Zusatznutzen versprechen. Verbraucherschützer indes kritisieren den hohen Preis von Superfoods, zumal manch heimische Früchte und Gemüse der propagierten Gesundheitswirkung in nichts nachstehen würden, darunter Heidelbeeren, Holunder und Kirschen oder auch Grünkohl, Spinat und Brokkoli.

Bio-Qualität wird vorausgesetzt

Im Trend sieht GfK-Forscher Kecskes zudem noch immer die Bio-Bewegung. «Neue Trends werden nicht mehr ohne Bio-Bezüge auskommen», prognostiziert er. Aus seiner Sicht müssen Neuheiten in Zukunft grundsätzlich biofähig sein, um überhaupt eine dauerhafte Chance zu haben. «Bio hat heute eine Käuferreichweite wie Toilettenpapier», begründet Kecskes seine Einschätzung.

98 Prozent der Haushalte in Deutschland würden mindestens einmal pro Jahr ein Bio-Produkt kaufen. «Bio ist inzwischen Mainstream und wird von den Verbrauchern nicht mehr hinterfragt, sondern erwartet.» Das zeigt sich auch in den Zahlen: Mit Bio-Lebensmitteln wurde zuletzt ein Jahresumsatz von rund sechs Milliarden Euro erzielt, meldet die GfK. Der Anteil an den Lebensmittelausgaben hat sich dabei innerhalb von zehn Jahren auf fast sechs Prozent nahezu verdoppelt.

Dieser Artikel erschien zuerst in «Die Welt» unter dem Titel «Das ist der neue Megatrend bei der Ernährung».

 

Anzeige