1. Home
  2. Unternehmen
  3. Schweizer Verlage eifern der Datenkrake Google nach

Gläsern 
Schweizer Verlage eifern der Datenkrake Google nach

Daten: Schweizer Verlage rüsten sich gegen Google und Co.Keystone

Google und Facebook sammeln massenhaft Daten von Konsumenten und ermöglichen so zielgerichtete Werbung. Auch Schweizer Verlage rüsten auf und passen ihre Datenschutzerklärungen entsprechend an.

Veröffentlicht 15.08.2017

Nicht nur internationale Unternehmen wie Google oder Facebook sammeln massenweise Daten von Konsumenten. Auch Schweizer Unternehmen rüsten auf. Allein in diesem Jahr haben das Medienunternehmen Tamedia und der Telekomriese Swisscom ihre Datenschutzerklärungen entsprechend angepasst.

In den letzten Wochen haben Nutzerinnen und Nutzer des Online-Marktplatzes Ricardo elektronische Post erhalten. In einer Email werden sie über eine Änderung der Datenschutzerklärung informiert. Neu soll Ricardo die Nutzerdaten an die Muttergesellschaft Tamedia weitergeben können, «um den internen Datenaustausch zu ermöglichen», wie es in der Email heisst.

Persönlichkeitsprofile aus Daten erstellen

Was das bedeutet, beschreibt Ricardo auf zehn A4 Seiten. So kann Tamedia die Daten aller ihrer Internetseiten verknüpfen und daraus Persönlichkeitsprofile erstellen, die für Marketing- und Analysezwecke verwendet werden können. Laut Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer hat Tamedia vor eineinhalb Jahren damit begonnen, die Datenschutzerklärungen aller Tamedia-Portale zu vereinheitlichen.

Derzeit tauscht Tamedia Daten zwischen «20 Minuten», den bezahlten Tages- und Sonntagszeitungen sowie Zeitschriften, Homegate, Olmero, Ricardo, Starticket und Tutti aus. Ziel der ganzen Übung ist es, Inhalte und vor allem Werbung spezifisch auf Nutzergruppen auszurichten.

Zielgerichtete Werbung

Zu diesem Zweck erfasst Tamedia bei registrierten Nutzern neben Namen, Adresse, Geschlecht, Emailadresse und Alter vor allem das Verhalten auf dem Internet. Tamedia steuert damit zum Beispiel auf den Smartphone-Apps des «Tages-Anzeiger», der «Berner Zeitung» und der «Tribune de Genève», welche Einträge in der Rubrik «Was Sie verpasst haben» erscheinen.

Durch die Auswertung ihrer insgesamt 29 Internetportale kann oder könnte Tamedia aber auch in Erfahrung bringen, welche Musik und Sportarten jemand mag, ob er Kinder hat oder ob er gerade auf Wohnungssuche ist.

Google und Facebook beherrschen Schweizer Internet-Werbemarkt

Für Werber ist das sehr interessant. Denn wer eine Wohnung sucht, könnte ja auch neue Möbel brauchen. Wer Babysachen verkauft, ist vielleicht auch an Familienferien interessiert. Dabei ist das, was Tamedia zurzeit gruppenweit vollzieht, weder neu noch einzigartig. Google und Facebook werten für personalisierte Werbung schon seit Jahren die Nutzerdaten aus.

Dank diesem Vorsprung beherrschen diese eigentlichen Datenkraken zurzeit auch den Schweizer Internet-Werbemarkt. Gemäss einer Schätzung der Stiftung Werbestatistik haben Google und Co. allein mit Suchmaschinenwerbung im letzten Jahr 450 Millionen Franken eingenommen, was 41 Prozent des gesamten Schweizer Online-Werbeumsatz entspricht.

Konkurrenz für Google und Co.

Das soll jedoch nicht so bleiben. «Klassische Medien aber auch Telekommunikationsunternehmen wie Swisscom versuchen zurzeit, sich einen Teil des Internetwerbemarktes zu sichern», sagt Medienökonom Manuel Puppis von der Universität Freiburg auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

In diesem Zusammenhang sei die Verknüpfung von Nutzerdaten sinnvoll. «Es ist auch ein Versuch der Medienhäuser, durch personalisierte Werbung und Inhalte mit der journalistischen Eigenleistung wieder mehr Geld zu machen», sagt er.

Einnahmen haben sich halbiert

Das haben sie auch nötig. Denn innerhalb von nur zehn Jahren haben sich in der Schweiz die Einnahmen mit Zeitungsinseraten fast halbiert. Tamedia aber auch Ringier haben darum schon vor Jahren begonnen, ihr Geschäft zu diversifizieren. Mit dem Zukauf von Internetportalen haben sie sich ein zweites Standbein aufgebaut, deren Daten sie jetzt auch für die Werbung stärker nutzen wollen.

Ringier ist dazu mit der SRG und Swisscom eine Partnerschaft eingegangen. Seit einem Jahr vermarktet das gemeinsame Unternehmen mit dem Namen Admeira die Werbeplätze der Partner und anderer. Admeira, das sich in einer Mitteilung selbst als «Schweizer Antwort auf die ausländische Werbekonkurrenz» bezeichnet, bietet mit den Daten der Partner diesen auch zielgruppenspezifische Online-Werbung an.

Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Ein Ziel von Admeira ist es, gezielte Werbung auch auf den TV-Kanälen der Partner anzubieten. Aus rechtlichen Gründen ist das zurzeit nicht möglich.

Daten von der Swisscom

Die Daten für gezielte Werbung erhält Admeira vor allem von der Swisscom. Der Telekomkonzern wertet dazu das Verhalten seiner Kunden auf dem Internet und bei Swisscom-TV aus. Gemäss der im Frühling neu aufgesetzten Datenschutzerklärung beschafft sich Swisscom zudem Daten von Dritten zu «Haushaltsgrösse, Einkommensklasse und Kaufkraft, dem Einkaufsverhalten und Kontaktdaten zu Angehörigen».

Das Medienhaus Ringier dagegen, das mit seinen diversen Internetportalen und Medienerzeugnissen ebenfalls über Personendaten verfügt, ist noch nicht soweit. Gemäss Auskunft der Ringier-Medienstelle werden zurzeit auf Gruppenebene Nutzerdaten weder verknüpft noch zentral gesammelt. Bei den Blick-Websites werden Personendaten nicht ausgewertet und auch nicht genutzt.

Informationsangebot unter Druck

Medienkonsumenten sollten sich gemäss Puppis darüber informieren, wie und welche Daten sie im Internet preisgeben und was damit gemacht wird. Doch gerade das sei nicht einfach. Denn: «Für Nicht-Juristen sind Datenschutzerklärungen selten verständlich.»

Gleichzeitig weist der Professor für Mediensysteme und Medienstrukturen darauf hin, dass das «Ausspionieren» und die Einengung der Information nicht die einzigen Probleme des Wandels auf dem Werbemarkt sind.

Mit der Konzentration der Werbeeinnahmen bei ausländischen Internetriesen bestehe auch die Gefahr, dass sich die Medienkrise in der Schweiz fortsetze, sagt Puppis. «Damit geraten nicht nur die Medienunternehmen, sondern auch das Informationsangebot immer stärker unter Druck.»

(sda/ccr)

Anzeige