Jesus Alejandro Garcia Alvarez war in der Schweiz noch keine grosse Nummer, als er im Mai 2010 auf der Website einer IXE Group Family-Office-Dienstleistungen anbot. Man verfüge über «jahrelange Erfahrung mit internationalen und Schweizer Kunden», hiess es. Der damals 33-Jährige bot Finanzdienste an, Rechtsberatung, Hilfe bei 
der Ausbildung der Jüngsten wie auch ­Rat beim philanthropischen Engagement. Halt alles, was eine reiche Familie so braucht.

Seitdem machte Garcia mit Agrar­geschäften im ganz grossen Stil Furore – im Internet und in Wirtschaftsmedien, allerdings weniger in der realen Wirtschaftswelt. Storys über gigantische 
Ländereien in Südamerika und weltumspannenden Getreidehandel machten die Runde, Garcia wurde als Milliardär gehandelt. «Real Economy, Real Investments, Real Returns», so sein Motto. Klar war: Garcia nimmt die superbreite Spur. Doch heute wissen seine Geschäfts­partner nicht mehr so recht, was real und was irreal ist.

«Substanzielle Kapitalbasis»

Im Dezember 2014 kündigte Garcia seinen Einstieg in die Schweizer Bankenwelt an. Die Tessiner Banca Arner, bis anhin als diskrete Schaltstelle für Geschäfte des ehemaligen italienischen Premiers Silvio Berlusconi bekannt, erklärte den Verkauf des Geldhauses an Garcias IXE Capital in Zürich. Garcia wolle eine eigene Bank für Handelsfinanzierungen haben.

Zunächst erwarb er 9,8 Prozent der Anteile für 3,9 Millionen Franken. Für die komplette Übernahme der Bank mit rund 700 Millionen Franken Kundenvermögen müsse nur noch die Finma ­zustimmen. Dies sei «ein strategischer Meilenstein», erklärte die Bank. Garcia werde die Kapitalbasis «substanziell stärken», meldete ein Fachmedium, und als neuer VR-Präsident wurde der Zürcher Banker Mike Bär berufen. Er hat den Job inzwischen dankend wieder abgegeben.

Garcia platzierte zunächst seine Ehefrau in der neu gegründeten Zürcher ­Filiale der Arner-Bank, und die Finma stellte Fragen. Denn wer mehr als 10 Prozent an einer Bank ­besitzt, muss eine Gewährsprüfung bestehen, zum Beispiel Vermögensnachweise erbringen. Doch so weit kam es nie: Die Finma erteilte ihm nie eine Bewilligung. Der Deal platzte, Garcia kündete den Kaufvertrag im ­Februar 2016.

Pingpong mit Auskunftsersuchen

Nun sitzt er mit seinem Anwalt in seinem Zürcher Büro und redet und redet. Bewaffnet mit einem Bundesordner, verteidigt er sich in rasend schnellem Englisch mit starkem Latino-Akzent. Man stecke jetzt in Trennungsverhandlungen. Er wolle nicht mehr, weil er aus der Korrespondenz erfahren habe, dass die Bank von ihm unbekannten Stressfaktoren ­geplagt sei.

Verkäufer und Finma erwarteten definitiv und mit Frist Finanzdaten von Garcia und die versprochenen 22 Millionen Franken für die Aktienmehrheit, Garcia konterte vor Ende der Frist mit einem Auskunftsersuchen an die Verkäufer. Eigene Dokumente hinterlegte er in einem versiegelten Umschlag mit der ­Aufschrift «Finma» bei einer Zürcher Anwaltskanzlei. Nur er weiss, was darin steckt. Und ja, die Sache mit seinem Milliardenvermögen war gar nicht so ­gemeint. Alles sei weltweit verteilt in ­familiären Netzwerken.

«Die Bank weiss nicht, wo die gescheiterte Transaktion steht», erklärt der neue Bank-CEO Patrick Coggi. Was stimmt nun an der Garcia-Story, was nicht?

Geschäftszahlen im Nachhinein

Die Sache wird schon mysteriös bei der Geschichte des jungen Mannes aus ­reichem mexikanischem Hause, den die Familie auf US-Universitäten geschickt habe. Aus dem Jahr 2007 ist ein Curri­culum Vitae von ihm bekannt, das ihn als MBA-Absolventen der University of Texas und mit einem Abschluss in «Finance Strategies» an einem Institut in Mexiko ­ausweist. 2013 zeigt sein akademisches CV hingegen, dass er 1995 bis 2000 in Lima studiert und dort auch 2006 einen Master in Economics absolviert habe. Wie soll man das verstehen?

Seit 2013 begeisterte Garcia mit einer fulminanten Story als Agrarindustrieller die Wirtschaftspresse, sogar den US-Fernsehsender CNBC. Auch die «Bilanz» liess sich auf seine Geschichten ein. Seine Familie sei im fernen Amerika Herr über 50'000 Hektaren Ackerland und 60'000 Rinder, Geschäftszahlen versprach er nachzuliefern. Später wurde berichtet, dass seine Familie in den USA und ­Lateinamerika Ländereien im Wert von 4,5 Milliarden Dollar besitze.

Massenweise Quinoa

Besonders verfing seine Erzählung vom ­Quinoa-Geschäft. Das alte Getreide ist Kennern aus Bioläden bekannt. Es wird traditionell in den Anden angebaut, hat viel Eiweiss und gilt als Wundermittel gegen Hunger und Klimakatastrophe. Garcia verkündete, er wolle innert 15 Jahren auf 2,1 Millionen Hektaren drei Millionen Tonnen Quinoa produzieren, vor allem in Bolivien.

Verdammt viel, wenn man bedenkt, dass weltweit nur 190'000 Tonnen Quinoa produziert werden und seine geplante Anbaufläche grösser ist als die Hälfte der Schweiz. Mit dieser Menge könnte er nicht nur alle Bioläden der Welt fluten, auch all die Walmarts, Tengelmanns und Migros müssten wohl eine bedeutsame Tonnage davon umsetzen und dafür den gewohnten Speiseplan ihrer Kunden ziemlich nachhaltig reformieren.

Nur ein Businessplan

Der deutsche Wirtschaftsreporter Ingo Malcher, ein Lateinamerika-Kenner, hat in bolivianischen Agrarinstituten in La Paz nachgefragt. Sein Recherche­ergebnis: Pläne für den Quinoa-Anbau auf 2,1 Millionen Hektaren hielten die befragten Experten für eine «verrückte» Idee. Es gibt kaum private Quinoa-Produzenten dort, weil rund 95 Prozent der Anbauflächen von Gemeinden und Genossenschaften gehalten werden, die nur ganz selten ihre Äcker verkaufen.

Heute erzählt Garcia in seinem Büro die Quinoa-Sache etwas anders. Es gehe nur um Pläne, nicht um bereits florierende Geschäfte. Man versuche, das ­Getreide nach China zu verkaufen. Ein Businessplan also, mehr nicht.

Die Aura und die Realität

Ein Augenschein an den Domizilen der vielen IXE-Firmen, die von der Garcia-Alvarez-Familie und ihren Freunden kontrolliert werden, endet ebenfalls ernüchternd. So gibt es mehr als ein Dutzend IXE­Companies an der­selben Büroadresse in Woodley, einem Ort in der Grafschaft Berkshire, westlich von London. Dort residiert auch die IXE ­Strategic Investments (UK), die über die ­Finanzfirma Serignac IXE Strategic Bonds emittiert hat, die angeblich mit Ländereien im Wert von fünf Milliarden Dollar hinterlegt sein sollen. Die Revisionsfirma der Bonds hat praktischerweise ihr Domizil am gleichen Ort in Woodley. «Wir haben nie Bonds emittiert», sagt Garcia heute.

Bei der Suche nach Vermögenswerten der IXE Agro USA stösst man unter ­anderem auf zwei Adressen, die nicht ­gerade eine Aura des Big Business ausstrahlen. So verbirgt sich hinter Agrarland in Okeechobee, Florida, eine Kartoffelfarm von 113 Hektaren. So etwas kostet dort ein paar hunderttausend Dollar. IXE Agro hat hingegen 2,1 Millionen hingeblättert. Im April wurde IXE Agro in Georgia mit einer Marktsperre vom US-Agrarministerium sanktioniert. Er sei in den USA nicht aktiv, sagt Garcia heute.

Nun denn, wir finden also nur die ganz zarten Anfänge für das welt­umspannende Geschäft, das auf der IXE-Website präsentiert wird: «IXE Agro ist bestens ­positioniert, um in neue Weltregionen aufzubrechen und ein Marktführer im weltweiten Agrargeschäft zu werden.»

Fäden zu Millionenbetrüger

Zeugen erinnern sich noch an einen langjährigen amerikanischen Geschäftspartner, den Garcia bereits 2007 beim Versuch, eine Schweizer Bank zu gründen, ins Spiel brachte: Burton Greenberg aus Florida. Der heute 75-Jährige hinterliess eine ­interessante Spur: In US-Gerichtsakten wird er beschuldigt, vor rund zehn Jahren als Mitglied einer Betrügerbande die Bank of Mongolia um 23 Millionen Dollar geschädigt zu haben. «Private Participation Investment Program» nannte sie ihre raffinierte Masche. Die mongolische Bank klagt gegen die mutmasslichen Täter in Florida.

Garcia ist dort nicht ­beschuldigt, aber als Teil dieser Gruppe wird er mitsamt vier seiner Firmen in der ­Klageschrift der Bank erwähnt. Garcia soll als Schweizer Operationsagent der Gruppe fungiert haben. Durch seine Hand seien in dem Betrugsfall Mil­lionenbeträge transferiert worden, klagt die Bank. Gelder der Transaktion sollen unter anderem in den Taschen von Greenberg und Garcia gelandet sein. «Ich glaube, Alejandros IXE-Büro in Zürich wird abgehört», warnte ein Kumpan.

Derzeit steht Garcias Ex-Partner Greenberg für Geschäfte nicht zur Ver­fügung. Er wurde im Februar 2016 wegen eines anderen Millionenbetruges von einem Gericht in Florida verurteilt: zu einer Genugtuungszahlung von 10 Millionen Dollar und acht Jahren Gefängnis. Für Alejandro Garcia gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.

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