Familienunternehmen haben ein Problem: Die meisten Kinder wollen nicht in die Fussstapfen der Eltern treten. Sie haben andere Karrierepläne, als im heimischen Betrieb das Zepter zu schwingen. Das zeigt eine Studie der Universität St. Gallen (HSG) und des Beratungsunternehmens EY (vormals Ernst & Young), die auf einer Befragung von 34'000 Unternehmerkindern aus 34 Ländern beruht und die zum zweiten Mal publiziert wurde.

Besonders prekär ist die Situation in der Schweiz. Weniger als ein Prozent der Befragten will direkt nach dem Studium ins Familienbusiness einstiegen. Vier Prozent können sich vorstellen, nach fünf Jahren im elterlichen Betrieb zu landen. Und immerhin jedes zehnte Unternehmerkind kann sich vorstellen, irgendwann einmal die Nachfolge anzutreten.

Boom-Wirtschaft bietet Chancen

Das gleiche Bild zeigt sich in Deutschland und Österreich. Damit steht die deutschsprachige Region am unteren Ende der untersuchten Länder. Im weltweiten Vergleich können sich knapp 20 Prozent der Befragten eine Zukunft im elterlichen Betrieb vorstellen.

Die Differenz erklärt sich mit dem Arbeitsmarkt: Wo die Wirtschaft nur behäbig in die Gänge kommt, sind viele auf einen Arbeitsplatz im Familienbetrieb angewiesen. Wo die Wirtschaft aber boomt, bieten sich mehr Chancen für eine Karriere abseits der Eltern. Unternehmerkinder können so ihrem Wunsch nachgehen, selbst eine Firma zu gründen. Denn ein Drittel von ihnen sehnt sich danach, ein eigenes Unternehmen aufzubauen.

Unternehmergeist ist vorhanden

«Dies zeigt, dass es nicht primär am fehlenden Unternehmergeist der nächsten Generation liegt», analysiert HSG-Professor Thomas Zellweger, Mitautor der Studie. «Viele Unternehmerkinder wollen unternehmerisch aktiv werden, aber eben meist nicht im elterlichen Unternehmen.»

Peter Englisch vom Beratungsunternehmen EY ergänzt: «Unternehmerfamilien stehen vor der Herausforderung, die jüngeren Familienmitglieder davon zu überzeugen, dass ihre langfristige Zukunft in ihrem Unternehmen liegen kann.»

Sinkendes Interesse

Die Nachfolgeabsichten sind in den vergangen Jahren schwächer geworden. Bei Studierenden von Hochschulen, welche sowohl an der Vorgänger – als auch an der aktuellen Studie teilgenommen haben, zeigt sich weltweit ein Rückgang der Nachfolgeabsichten um etwa 30 Prozent. In der Schweiz beträgt der Wert 6 Prozent.

Eine mögliche Erklärung sei, dass die Alternativen auf dem Arbeitsmarkt zum Zeitpunkt der aktuellen Befragung noch zahlreicher und attraktiver waren als bei der ersten Befragung, wie es in der Mitteilung heisst.

Unwillige Töchter

Unterschiede gibt es auch zwischen den Geschlechtern. Töchter haben weniger Lust, im Familienbetrieb zu enden – unabhängig von Studienfach, Kultur und Geburtenreihenfolge, wie die Autoren schreiben.

Dies ist auch der Fall, wenn das Familienunternehmen von der Mutter gehalten wird. «Es zeigt sich, dass Töchter eine unternehmerische Laufbahn als riskanter erachten als Söhne», sagt HSG-Professor Zellweger. «Ausserdem sind Söhne überzeugter von ihren eigenen unternehmerischen Fähigkeiten als Töchter.»

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