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Mindestkurs 
Schweiz berechnet Kosten des Franken-Tsunami

Thomas Jordan: Der SNB-Präsident stellt diese Woche die ersten Konjunkturprognosen vor.Keystone

Es war der grösste an einem einzigen Tag erfolgte Währungsschock der Geschichte: Zwei Monate nach dem SNB-Entscheid wird Präsident Thomas Jordan offenlegen, welcher Schaden der Schweiz entstanden ist.

Veröffentlicht 16.03.2015

Thomas Jordan wird diese Woche offenlegen, welcher Schaden der Schweiz aus dem grössten an einem einzigen Tag erfolgten Währungsschock in einem Jahrhundert entstanden ist.

Zwei Monate nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Franken-Deckel abgeschafft hat, bereiten die Währungshüter ihre ersten Konjunkturprognosen vor, die die Auswirkungen dieses Schritts berücksichtigen. SNB-Präsident Jordan stellt den Ausblick am Donnerstag bei seiner geldpolitischen Lagebeurteilung vor.

Weiterhin eine abwartende Haltung

«Die starke Aufwertung des Franken nach Aufgabe des Mindestkurses dürfte die Schweizer Wirtschaft erheblich getroffen haben», sagt Martin Güth, Ökonom bei der LBBW in Stuttgart. «Wir gehen davon aus, dass die SNB weiterhin eine abwartende Haltung einnehmen wird. Sollte der Franken jedoch aufwerten, wird sie erneut an den Devisenmärkten intervenieren oder sogar die Zinsen erneut senken.»

Nach der Aufgabe des Mindestkurses des Franken zum Euro - ein Schock, der vom Swatch-Chef Nicolas Hayek als «Tsunami» bezeichnet worden war - hat das drei Mitglieder umfassende SNB- Direktorium am Donnerstag Gelegenheit, sich gemeinsam an die Öffentlichkeit zu wenden. Sie werden eine Pressekonferenz abhalten und brechen so mit der bislang üblichen Praxis, der zufolge eine solche Veranstaltung erst im Juni vorgesehen wäre.

Unverändertes Zielband erwartet

Die Notenbank wird den Einlagensatz diese Woche bei minus 0,75 Prozent belassen, sagten 21 von 26 befragten Ökonomen in einer monatlichen Bloomberg-Umfrage voraus. Der Rest erwartet, dass die SNB die Kosten anheben wird. Die Volkswirte rechnen auch mit einem unveränderten Zielband für den Dreimonats-Libor von minus 1,25 Prozent bis minus 0,25 Prozent.

Als die SNB am 15. Januar den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufhob, verteuerte sich die eidgenössische Devise gegenüber mehr als 150 von Bloomberg beobachteten Währungen um mehr als 15 Prozent. Dies verursachte bei einigen Finanzfirmen starke Verluste. Auch nahm dadurch die Wahrscheinlichkeit einer höheren Arbeitslosigkeit und einer Konjunkturabschwächung in einem Land zu, das die Finanzkrise besser als viele europäische Nachbarn verkraftet hatte.

Wirtschaftlicher Rückgang möglich

Jordan warnte bereits, dass in dem einen oder anderen Quartal auch ein wirtschaftlicher Rückgang möglich sei. Die bisherige Prognose eines Wachstums von etwa zwei Prozent in diesem Jahr kann nach Aussagen des SNB-Präsidenten nicht mehr erreicht werden. Sie war im Dezember abgegeben worden, als die Deckelung noch bestand.

Die drei Direktoriumsmitglieder «fühlen sich wahrscheinlich genötigt, ihre Entscheidung vom Januar zur Aufgabe der Deckelung zu erläutern», sagt Julien Manceaux, leitender Ökonom bei ING in Brüssel. «Es hat sehr viel Kritik gegeben, auch von politischer Seite.»

Parlamentarier haben die Notenbank gedrängt, heimische Pensionsgelder vom negativen Einlagensatz auszunehmen, um die Altersvorsorge ihrer Wähler zu schützen. Die Regierung dementierte Anfang des Monats einen Bericht, wonach sie versucht haben soll, mehr Einfluss auf die Zentralbank auszuüben, einschließlich der Einführung einer neuen Franken-Deckelung.

Einlagensatz bei minus 0,75 Prozent

Fünfzehn von 20 Ökonomen erwarten, dass die SNB für den Rest des Jahres den Einlagensatz bei minus 0,75 Prozent belässt.

«Der Wert des Franken wird der wichtigste Faktor für die SNB bei ihrer Politik hinsichtlich des Einlagensatzes sein», sagt Bernard Yaros von Moody’s Analytics. «Wenn der Franken über das gegenwärtige Niveau hinaus an Wert gewinnt, gefährlich nahe an die Parität zum Euro heranrück oder sie sogar durchbricht, würde das im späteren Jahresverlauf eine weitere Senkung des Einlagensatzes auslösen.»

Fast alle zwischen dem 6. und 13. März befragten Ökonomen stimmen dem zu. Eine weitere Abschwächung des Wirtschaftswachstums oder der Inflation könnten ebenso eine erneute Senkung des Einlagensatzes auslösen, sagten einige.

Tiefe Rezession vermeidbar

Seit Anfang Februar notiert der Franken schwächer als 1,04 je Euro, obwohl die Europäische Zentralbank auf eine quantitative Lockerung eingeschwenkt ist. Auf diesem Niveau sei die Schweizer Währung massiv überbewertet, sagte Thomas Moser, ein stellvertretendes Mitglied des Direktoriums, im vergangenen Monat. Dennoch sei er zuversichtlich, dass die Schweiz, die einen grossen Teil ihrer Waren in den benachbarten Euroraum exportiert, eine tiefe Rezession vermeiden könne.

Während die SNB wiederholt erklärt hat, sie werde selbst nach Aufgabe des Mindestkurses an den Devisenmärkten intervenieren, weisen die Sichtguthaben - die Barguthaben, die Geschäftsbanken bei der Notenbank haben - nicht auf sehr viel Aktivität hin.

«Die SNB hat seit Ende Januar keine erheblichen Volumina am Markt gekauft», sagt Valentin Bissat von Mirabaud Asset Management. «Das signalisiert, dass sie sich mit einem Niveau von über 1,05 Franken wohl fühlt.»

(bloomberg/ccr)

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