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Provokation 
Rudolf Bohli, der Aktivist vom Zürichsee

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Rudolf Bohli: Nach GAM und Gategroup hat er die CS im Visier.  Ofelia De Pablo/ Javier Zuita

Mit 0,9 Prozent Aktienanteil will er die Führung der Grossbank Credit Suisse zu einer Aufspaltung zwingen. Was hat den aktivistischen Investoren Rudolf Bohli geritten?

Rudolf Bohli schlägt wieder zu. Nach den Angriffen auf den Vermögensverwalter GAM und den Airline-Caterer Gategroup im letzten Jahr, nimmt er sich jetzt die Credit Suisse vor. Mit 0,9 Prozent der CS-Aktien und zusammen mit rund 100 anderen Investoren will über die Medien Druck auf die Führung ausüben. Sie soll die Grossbank in drei Teile aufspalten. Sie würden alleine profitabler sein als die ganze Gruppe, glaubt Bohli.

Schon bei seinem Angriff auf Gategroup im Frühling 2016 war der aktivisitische Investor aus Küsnacht ZH mit seiner Finanzfirma RBR Capital Advisors der erste aktive Schweizer Anleger seit Martin Ebner, der es wagt, den Verwaltungsrat eines Schweizer Milliardenkonzerns öffentlich zu attackieren. Dafür braucht es nicht nur ­ordentlich Selbst­bewusstsein, sondern auch eine gewisse Verrücktheit, denn Freunde macht man sich damit kaum.

Nach 15 Jahren ein Sabbatical

Die verrückteste Geschichte, die der heute 48-jährige Bohli geboten hat, ereignete sich vor 15 Jahren. Nach fünf Jahren bei der Bank am Bellevue gönnte er sich ein Sabbatical. Die Tage verbrachte er in Los Angeles, wo er seine künftige Frau kennen lernte. Er kehrte mindestens einmal kurz in die Schweiz zurück. Im Flieger von Los Angeles nach Zürich geriet er in einen Streit mit der Stewardess. Das Wortgefecht muss derart heftig ­gewesen sein, dass der Pilot sich für eine Zwischenlandung in Montreal entschied, um Bohli dort von Bord zu weisen.

Er habe sich damals in Sabbatical-Laune ein Ticket in der ersten Klasse geleistet, in farbenfrohen Kleidern und mit Rockstar-Sonnenbrille. Er sei überrascht gewesen, als die Stewardess zu ihm kam und sagte: «So, jetzt haben Sie es geschafft, wir gehen runter.» Der Vorfall habe sich nicht lange nach dem Grounding der Swissair und den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 ereignet, gibt er zu bedenken, weshalb die Crew etwas angespannt gewesen sein dürfte. Im Nachhinein sei ihm klar, dass sein Verhalten falsch war. Er habe später eine Busse bezahlt und könne wieder Swiss fliegen.

Grosse Erfolge als Analyst

Lange vor diesem Vorfall schliesst Bohli, der Sohn eines Managers beim Zürcher Hotelierverband, ein Studium als Elektroingenieur an der ETH ab. An einem Absolventenkongress wird er für das Trainee-Programm bei der heutigen UBS angeworben. Dort landet er im Treasury, wo er die liquiden Mittel der Bank in Zinspapieren anlegt. Das langweilt ihn schnell. 1997 wechselt er für einen Grundlohn von weniger als 100 000 Franken zur Bank am Bellevue, wird Analyst, unter anderem für Aktien von Firmen aus den Branchen Luxus, Ingenieurwesen und Telekom.

Zu dieser Zeit hat Andreas Schmid schon ein Millionengehalt als Chef der Jacobs Holding, zu der unter anderem der Zeitarbeitskonzern Adecco und der Schokoladenproduzent Barry Callebaut gehören. Wenig später, im Jahr 1999, wird er Verwaltungsratspräsident von Barry Callebaut.

Auch Bohli steigt auf, wird Leiter der Aktienanalyse und führt acht Mitarbeiter. «Er war ein genialer Analyst», erinnert sich ein ­früherer Partner der Bank. Beispielsweise sieht Bohli um die Jahrtausendwende voraus, dass die Aktie von Sulzer Medica steigen wird. Beim internen Wettbewerb, bei dem die Mitarbeiter jeweils ihre drei Top-Aktientipps für das nächste Jahr abgeben, schreibt er dreimal Sulzer Medica auf. Deren Aktienkurs verdreifacht sich im folgenden Jahr. Mit dieser Empfehlung habe er viele Kunden und die halbe Belegschaft der Bank am Bellevue reich gemacht, sagt ein ehemaliger Arbeitskollege.

Besucht die Manager der Unternehmen

Als Analyst zeichnet ihn aus, dass er, anders als viele Bankanalysten, nicht einfach eine Excel-Vorlage mit Datenpunkten zu Zinskosten, Cashflows und Steuerbeträgen füllen will, sondern die grossen Züge sieht. Er versucht zu eruieren, was den Aktienkurs einer bestimmten Firma treiben könnte. Darum besucht er die Manager der Unternehmen. Er selber absolviert rund 500 solche Treffen im Jahr. Zusammen mit seinen Mitarbeitern sind es rund 1000. Dabei investiert er mit seinem Fonds nur in rund 30 Firmen.

Kein Verständnis hat Bohli, wenn ein Analyst etwas nicht versteht. An einer Investorenkonferenz in Madrid etwa stellte ein anderer Analyst immer wieder die gleiche, sehr technische Frage, die das Management offenbar nicht so beantwortete, wie der Analyst es gerne gehabt hätte. Schon bei der zweiten Wiederholung der Frage hörte Bohli nicht mehr zu, sondern schaute auf sein Telefon. Bei der dritten Wiederholung stand er auf und antwortete dem Analysten genervt: «Weil die Aktien dann auf null sein werden.» Eine Vertreterin des Managements nickte zustimmend, Bohli verliess den Saal und lachte draussen laut über den begriffsstutzigen Analysten.

Eigene Ideen selber umsetzen

Neben der Analyse war Bohli in der Zeit bei der Bank am Bellevue auch dafür zuständig, institutionellen Kunden seine Anlageideen zu verkaufen. Damit verdienten diese viel Geld, und Bohli begann sich zu fragen, warum er seine Anlageideen nicht selber umsetzte.

2003 entscheidet sich Bohli dafür, einen Hedge Fund zu lancieren. Einen, mit dem er nicht nur auf steigende, sondern auch auf fallende Aktienkurse setzen kann. Er startet mit rund zwei Millionen Franken Fondsvermögen von Freunden und Familie, wie er sagt. Das Büro befindet sich anfänglich in seiner Wohnung im Niederdorf, ausgestattet mit zwei Laptops und einem Bloomberg-Terminal.

Risk Manager für mehr Vertrauen

Trotz guter Performance muss er mit seinem Fonds schnell rea­lisieren, dass niemand auf ihn ­gewartet hat. Anfang des Jahres 2004 engagiert er einen Risk Manager, damit die Investoren mehr Vertrauen in die Firma fassen. Er stellt den ausgebildeten Nuklearphysiker Lucio Soso an. Dieser arbeitet noch heute mit Bohli zusammen, ist aber hauptsächlich für Bellevue Asset Management tätig, wo er einen eigenen Hedge Fund verwaltet, den BB ­Global Macro.

Tatsächlich gelingt es ab 2004, erste Investoren aus der Westschweiz von Bohlis Fonds zu überzeugen. «Dann kamen die ersten grossen Checks», sagt Bohli heute. Es war die Blütezeit der Funds of Hedge Funds in der Westschweiz, Investmentvehikel, die für ihre Kunden viel Geld in Fonds wie jenen von Bohli investierten. Sein Fondsvolumen steigt in der Folge bis auf 800 Millionen Franken.

Fonds in eine Krise

Doch schon bald gerät er mit seinem Fonds in eine Krise. Durch einen Performance-Einbruch in den Jahren 2007 und 2008 verlieren seine Kunden über die Hälfte ihrer Investments. Panik macht sich bei ihnen breit, sie wollen ihr Geld wiederhaben. Das Fondsvermögen schmilzt dermassen, dass Bohli sogar Mitarbeiter entlassen muss.

Zwar zieht seine Performance in den Folgejahren rasant an (rund 45 Prozent im Jahr 2009 und 20 Prozent 2010), aber die grosse Zeit der Funds of Hedge Funds ist vorbei. Er muss direkt an die Investoren gelangen, wofür er aber von den Behörden eine Zulassung zum Vertrieb braucht. «Das dauerte zwei Jahre», erinnert sich Rudolf Bohli. Im Jahr 2010 ist es so weit. Waren früher erste Investments ab einer Viertelmillion Franken möglich, so kann jetzt bereits ab 1000 Franken in seinen Fonds investiert werden.

Performance dringend gesucht

Derzeit verwaltet Bohli einige hundert Millionen Franken. Von den Investoren erhält er eine fixe Gebühr zwischen 1,4 und 2 Prozent des verwalteten Vermögens plus 20 Prozent der erreichten Performance. In guten Jahren verdient er damit selber deutlich über eine Million Franken. Arbeiten müsste er eigentlich nicht mehr zwingend. «Aber was soll ich dann machen?», fragt er. «Ich kann ja nicht einfach den ganzen Tag Tennis oder Golf spielen.»

Das macht er gerne, sein grösstes Hobby ist aber sein Job. Manchmal rauche er am Wochenende oder am Abend zu Hause auf seiner Terrasse in Küsnacht eine Zigarre – im Haus dürfe er wegen seiner Frau nicht – und lese Analyseberichte zu Firmen. Die Diskussionen mit den Firmenlenkern, die Auswahl der Aktien: «Ich sehe das nicht als Arbeit», sagt der Vater eines Sohnes.

Trotz Hobby als Beruf sah die Performance seines Fonds auch schon besser aus. Über die letzten fünf Jahre erzielte er durchschnittlich einen Gewinn von rund fünfeinhalb Prozent pro Jahr. Seit Jahresanfang ist er rund elf Prozent im Minus.

(HB/ALP)

Teile dieses Artikels erschienen in der Bilanz-Ausgabe 7/16.

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