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Rolf Dobelli über das Leben: «Doppeltes Glück: Geld haben und keines brauchen»

Die Betrachtungen des Unternehmers und Schriftstellers Rolf Dobelli: ein Vorabdruck seiner Aphorismensammlung.

Von Rolf Dobelli
2006-12-04

- Ich bin der Monopolanbieter meiner Gefühle. Deshalb die miserable Qualität.

- Gegen nichts bin ich so gut versichert wie gegen den Freudentaumel.

- Gesucht: die Börse, an der man äusseren gegen inneren Reichtum tauschen kann.

- Was nach dem Tod übrig bleibt, ist nicht die Seele, sondern es sind die Dateien auf der Harddisk.

- Jeden Tag kommen dreihunderttausend mögliche Konkurrenten auf die Welt.

- Er ist froh, dass ihm sein Glaube verbietet, mehrere Frauen zu haben. Seine ist ihm schon sehr viel. Er wünscht sich einen Glauben, in dem man eine halbe Frau haben könnte.

- Es quält den Selfmademan ein Leben lang, dass er sich nicht selbst gezeugt hat.

- Wir sind vom Leben überzeugt wie von einer steigenden Aktie.

- Es gibt Leute, die benötigen nur fünf Stunden Schlaf. Er braucht mindestens sieben. Schlaf ist sein grösstes Hindernis auf dem Weg nach oben.

- Das Ziel beim Verhandeln ist nicht, zu gewinnen, sondern den anderen glauben zu machen, er habe gewonnen – den anderen sogar glauben zu machen, er habe mich glauben gemacht, ich hätte gewonnen.

- Ich bin froh, dass ich nicht Lehrer geworden bin. Oder Anwalt. Oder Automechaniker. Oder Fussballer. Oder Politiker. Oder Nachrichtensprecher. Oder Werbetexter. Ich bin glücklicher über das, was ich nicht geworden bin, als über das, was ich geworden bin.

- Es genügt nicht, wenn ich sage: «Ich will das nicht.» Das Nichtwollen verlangt nach Gründen. Das Wollen hingegen ist immer schon grundlos legitimiert. Deshalb mein lästiges Übertreiben beim Nichtwollen.

- Sein Expansionsdruck ist so hoch, dass er sich bereits heute überlegt, Filialen auf anderen Planeten zu eröffnen, einfach um präsent zu sein, wenn es dann losgeht mit der Besiedlung.

- Paradies: ohne Verletzungsgefahr mit dem Kopf durch die Wand.

- Ich stimme oft Meinungen zu, die ich nicht verstehe, einfach damit ich Ruhe habe. Die Ruhe bedeutet mir mehr, als es Meinungen tun.

- Es brauchte eine persönliche Entleerung, bevor eine persönliche Erfüllung stattfinden könnte.

- Immer wollen alle von A nach B. Ich wäre schon glücklich, einmal nach A zu kommen.

- Manager sein heisst, die Pfeile des Jenseits ins Diesseits umzubiegen.

- Nichts ist ermüdender als die Vorbildfunktion. Wie ich mich danach sehne, blind einem Führer hinterherzulaufen!

- Um meine Ziele zu erreichen, zeige ich mich gern verwundbar, aber nur an Stellen, wo ich es nicht bin.

- Er hütet sich davor, mit seinen Mitarbeitern persönlich zu werden. Sonst werden sie auf einmal zu Freunden. Und als Freunde sind sie keine richtigen Mitarbeiter mehr. Ein Grossteil seines Managements besteht aus dem aktiven Vermeiden von Freundschaften.

- Gegenüber sich selbst kann er ganz schön hart sein. So hart kann er sonst nur gegenüber anderen sein.

- Alle appellieren immer an mein Verständnis – als wäre ich eine riesige Verständnismaschine. Von allen Sätzen, die an mich herangetragen werden, sind mir die appelllosen die liebsten.

- Reife: Nein sagen, ohne Nein zu sagen.

- Als Manager reisse ich gern Neues an. Mein Lebensraum ist tapeziert mit angerissenem Neuem.

- Woher die Probleme nehmen für die unzähligen Lösungsvorschläge?

- Immer häufiger, etwa in Diskussionen, erkenne ich, dass ich nichts wirklich durchdacht habe. Ich plaudere dann flott der Oberflächlichkeit entlang, plaudere, dass es mich innerlich fast zerreisst. Der Muskel, der diese Spannung aushält, wird stärker mit jedem Jahr.

- Um meine Worte zu relativieren, lasse ich ihnen Taten folgen.

- Man verlangt Klärung und erhält sie in einer neuen Sicht der Dinge. Eine Inflation an Perspektiven.

- Topmanagement: sich selbst motivieren, andere zu motivieren, andere zu motivieren, andere zu motivieren, andere zu motivieren.

- Gott wäre in jedem Führungsseminar durchgefallen.

- Ich möchte gern einmal an den Ort reisen, wo sich Angebot und Nachfrage treffen. Ich möchte gern einmal an dieses Treffen eingeladen sein.

- Geduld: das Sekret der Verlierer.

- Der oft Jahrzehnte währende, mit dem Eintrittsgespräch beginnende Absturz einer Karriere.

- Er sah sich immer als Macher, bis er einmal zurückgeschaut hat. Jetzt hat er Mühe, ein Wort zu finden, das ihm entspräche.

- Mit meinem seelischen Gezeitenwechsel könnte man ein Kraftwerk betreiben.

- Er ist gegen Affären, aus Prinzip, so wie man gegen Zinsen sein kann.

- Der geglückte Plan ist ein blosser Spezialfall des wütenden Zufalls.

- Nach so vielen Jahren Betriebssicherheit könnten wir uns langsam eine Katastrophe leisten.

- Ich pflege bewusst ein schlechtes Namensgedächtnis, weil ich den Eindruck vermeiden möchte, ich biederte mich an.

- Je weniger ich von etwas weiss, desto leichter fällt es mir, bereitwillig darüber zu sprechen.

- Solange wir uns über Konkretes unterhalten, kommen wir um das Grundsätzliche herum.

- Gesucht: ein Butler, der meine Rückschläge einsteckt.

- Mein Knowing-Doing Gap, ein Graben, so weit wie der Grand Canyon. Bald erkläre ich mich zum Nationalpark und verlange Eintritt.

- Konferenz. Man sitzt an kreisrunden Banketttischen und tauscht Visitenkarten aus, die, sobald man allein ist, weggeworfen werden. Ich biege sie wie Spielkarten und lasse sie aus einiger Entfernung ins Klo springen. Je mehr in die Schüssel flattern, desto besser der Tag. Konferenzorakel.

- Vor mir: Sie kann nicht ohne Übergepäck reisen. Beim Check-in wird der Mann mit einem Blick bestraft, der ausdrücken will: Schon wieder einer, der seine Frau nicht im Griff hat. Dieser Stimmung könnte er höchstens entgegnen, indem er seine Frau vor den Augen der Check-in-Dame zwingen würde, die Kosten für das Übergewicht selbst zu begleichen. Aber wenn er das könnte, dann könnte er sie auch zwingen, ohne Übergepäck zu reisen.

- Er hat seiner Computermaus einen Namen gegeben.

- Nachdem ich die Steuerrechnung bezahlt habe, fahre ich ein paar Extrakilometer auf der Autobahn, um die Infrastruktur zu gebrauchen. Manche Leitplanke kommt mir vor, als gehörte sie mir.

- Gäbe es weniger Möglichkeiten im Leben, würde man sie ernster nehmen.

- Chicken or Beef? Diese Frage wird von Flight Attendants täglich dreissig Millionen Mal gestellt und müsste für den extraterrestrischen Besucher als die zentrale Frage der Erde gelten. Nicht einmal die Frage nach dem Lebenssinn wird auf Erden so häufig gestellt.

- Beim Anflug auf Zürich Kloten, wenn die Flight Attendants von Reihe zu Reihe gehen und die letzten Plastikbecher einsammeln und die Alpenkette sich langsam über den Horizont erhebt, denkt er: Hoffentlich gibt es Zürich Kloten noch. Und er denkt: Es wäre so schön, wenn Zürich Kloten das Gleiche über ihn denken würde.

- Auch wenn er eine Art emotionale Beziehung zu seinem Laptop aufgebaut hat – noch ist es nicht so weit, dass er darüber nachdenkt, mit ihm zu schlafen.

- Definition der Existenz: You are your files.

- «Langfristig sind wir alle tot» (John Maynard Keynes) – der gescheiteste Satz, den er je von einem Ökonomen gehört hat.

- Ich bin berechenbar und werde auch dementsprechend behandelt. Jetzt nehme ich mir vor, ein bisschen unberechenbarer zu werden – wenigstens mir selbst gegenüber.

- Jedes Hinaustreten ist immer gleich ein Hineintreten. Man verlässt das Flugzeug und tritt in den Terminal. Man verlässt den Terminal und tritt in die Stadt. Man verlässt die Stadt und tritt in die Natur. Man stirbt und tritt ins Jenseits. Nie kommt man wirklich weg.

- Doppeltes Glück: Geld haben und keines brauchen.

- Man müsste, bevor man stirbt, gelebt haben. Man müsste, bevor man gelebt hat, tot gewesen sein.

- Ich behandle meine Freunde, als müsste ich an den Punkt gelangen, an dem ich sie vermisste, weil ich keine mehr hätte.

- Die grösste Befriedigung ziehe ich aus der Tatsache, dass das Leben voller Interpretationsspielräume ist – Spielräume, so gross wie Hallenstadien.

- Wären wir alle mit Bluetooth geboren, müssten wir nicht mehr miteinander reden.

- Wenn das Fernsehen ihn sehen könnte, würde es sich über ihn genauso aufregen wie er sich über das Fernsehen.

- Seine Untergebenen sollen ihn mal motivieren statt immer umgekehrt!

- An seinem Todestag wird er in seine übervolle E-Mail-Box schauen und sagen: Jetzt könnt ihr mich alle am Arsch lecken.

- Ich muss mir einreden zu glauben, dass das, was ich sage, ungefähr dem entspricht, was zu sagen ich beabsichtige, was dazu führt, dass ich meine Absicht nachträglich dem anpasse, was ich gerade von mir gegeben habe.

Rolf Dobelli (40) studierte Betriebswirtschaft in St. Gallen. 1988 gründete er zusammen mit Freunden die Firma GetAbstract. Dobellis Romane «Fünfunddreissig», «Und was machen Sie beruflich?» sowie «Himmelreich» sind im Diogenes Verlag erschienen. Sein Buch «Wer bin ich?» erscheint im Frühling 2007, und seine Aphorismensammlung kommt im Herbst 2007 auf den Markt. Dobelli lebt in Luzern und Miami.

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