BILANZ: Herr Humer, Roche fuhr 2004 einen Gewinn von rund 4,5 Milliarden Euro ein – das entspricht einer Umsatzrendite nach Steuern von 21 Prozent – und schüttet zum 18. Mal in Folge eine Dividende aus. Verdienen die Aktionäre auf Kosten der Kranken?

Franz B. Humer: Im Gegenteil. Patienten profitieren von Unternehmen, die wie Roche neue Medikamente gegen ihre heute noch unheilbaren Krankheiten entwickeln. Dazu braucht es Investoren, die bereit sind, die grossen Forschungsrisiken zu tragen. Kein Aktionär wäre bereit, sich bei uns zu engagieren, wenn für ihn nichts dabei herausschaute. Wir haben sogar in Verlustjahren die Dividende erhöht, um das in uns gesetzte Vertrauen zu belohnen.

Ihre Grosszügigkeit schlägt sich in höheren Medikamentenpreisen nieder.

Viele Unternehmen schütten über 50 Prozent ihres Gewinnes an die Aktionäre aus, bei uns sind es nur zwischen 20 und 30 Prozent. Wir wollen gewappnet sein, damit wir auch in schlechten Zeiten neue Medikamente und Diagnosetests entwickeln können.

Sie haben eine Nettoliquidität von rund acht Milliarden Euro. Das ist eine ungewöhnlich hohe Summe bei einem Jahresumsatz von 20 Milliarden Euro.

Unsere Reserven entsprechen weniger als zwei Jahresausgaben für Forschung und Entwicklung. Wenn wir mal nicht so viel verdienen, können wir nicht einfach die Labors zumachen. Wir beschäftigen da fast 7000 Mitarbeiter; 80 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung entfallen auf Personalkosten. Sollen wir in Krisenzeiten 2000 Leute entlassen und sie zwei Jahre später wieder einstellen? Das wäre fatal.

Sie sprechen von Forschung und Entwicklung, wofür Roche rund 16 Prozent des Umsatzes ausgibt. Noch mehr aber verschlingen Vertrieb und Marketing, nämlich 25 bis 30 Prozent.

Stimmt, aber in den Ausgaben für Vertrieb und Marketing sind auch die Kosten der klinischen Entwicklung enthalten, die erst nach der Zulassung eines Produkts anfallen. Mit diesen Studien gewinnen wir weitere medizinische Erkenntnisse für Patienten und Ärzte.

Einen beachtlichen Teil des Geldes geben Sie doch aus, um Ihre Beziehungen zu Ärzten zu pflegen.

Was ist daran falsch? Die forschende Industrie macht keine Werbung im klassischen Sinn. Wir informieren Ärzte und Patienten über neue Studienergebnisse, besuchen medizinische Kongresse, unterstützen Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften.

Könnte dieser Aufwand angesichts überbordender Gesundheitskosten nicht verringert werden?

Mal langsam. Pharmaprodukte machen in Europa rund zehn Prozent der Gesundheitskosten aus. Medikamente sind also ein relativ kleiner Kostenfaktor. Ihr Einsatz hilft aber oft, viel höhere Ausgaben zu vermeiden. Dank neuen Arzneimitteln können etwa Krankenhausaufenthalte vermieden werden oder HIV-Infizierte wieder ihrer Arbeit nachgehen.

Oftmals werden neue Medikamente mit geringem Zusatznutzen als Innovation deklariert. Für diese angeblichen Neuerungen sollen die Patien-ten exorbitante Preise zahlen.

In der Medizin gibt es nur wenige Quantensprünge, etwa die Erfindung der Antibiotika. Fortschritt entsteht normalerweise über viele kleine Schritte. Zum Beispiel bei Aids: Da hatten die Patienten anfangs eine Überlebenschance von sechs Monaten. Heute liegt sie zwischen 15 und 20 Jahren.

Es geht nicht immer um Leben und Tod, wie Sie suggerieren.

In der Krebsmedizin und bei Aids, wo wir forschen, schon. Wenn Leute da sagen, dieses Medikament verlängert das Leben nur um vier Monate, kann ich nur antworten: Wenn Sie 40 Jahre alt sind und drei Kinder haben, machen vier Monate sehr wohl einen Unterschied.

Die Wirkung von Arzneimitteln stellt niemand in Frage. Trotzdem muss auch die Pharmabranche zur Kostensenkung im Gesundheitswesen beitragen.

Genau daran arbeitet Roche intensiv. Wir entwickeln immer mehr personalisierte Lösungen für jeden Patienten. So haben wir einen Gentest eingeführt, mit dem der Arzt feststellen kann, welche Dosierung eines Medikaments individuell die richtige ist. Da liegt die Zukunft. Zudem muss Europa daran gelegen sein, eine blühende Pharma- und Biotechnologieindustrie aufrechtzuerhalten, die jungen Menschen hoch qualifizierte, gut bezahlte Jobs bietet.

Den Krankenkassen hilft das wenig.

Aber der Volkswirtschaft. In der Schweiz hat sich die Pharmaindustrie zu einem der wichtigsten Wachstumsträger entwickelt. Ein Drittel des Exportüberschusses des Landes wird von Arzneimittelfirmen erwirtschaftet. Wenn der Standort Europa weiter durch staatliche Eingriffe geschädigt wird, dann entstehen Probleme, die weit über das Gesundheitswesen hinausreichen. Wir brauchen eine vorhersehbare und nicht eine ständig wechselnde Gesundheitspolitik. Ausserdem ist es schädlich, dass beispielsweise Deutschland Parallelimporte zu staatlich festgesetzten Niedrigpreisen erlaubt.

Warum sollten Medikamente nicht aus dem Ausland importiert werden, wenn sie dort billiger sind?

Weil die forschende Industrie daran überhaupt nichts verdient, und auch die Krankenkassen sparen kaum Geld – nur die cleveren Zwischenhändler werden Millionäre. Dagegen wehre ich mich!

Sie werden ja richtig wütend.

Wütend werde ich nie. Ich bin nur sehr dezidiert, sonst glaubt man mir nicht.

In den letzten fünf Jahren kamen in Europa 15 Prozent weniger neue Medikamente auf den Markt als in den Vereinigten Staaten. Liegt das an den höheren Preisen für innovative Arzneien in den USA?

Nein, die Ursache liegt in der konfusen Zulassungspolitik in Europa. Erst brauchen wir die Erlaubnis der europäischen Zulassungsbehörde in London. Dann warten wir drei bis vier Monate, bis in Brüssel die entsprechenden Formulare abgestempelt werden.

Und dann?

Danach beginnt das bürokratische Prozedere in den einzelnen EU-Staaten. Manche Länder verlangen eine Extrazulassung. Wenn wir die haben, kommen die Preisverhandlungen mit den Krankenkassen. Bis das alles erledigt ist, sind oft zwei Jahre vorüber. Ganz anders ist die Situation in den USA. Wenn dort ein neues Präparat zugelassen wird, kann der Arzt es dem Patienten eine Woche später verschreiben.

Vor zehn Jahren entfielen noch rund 60 Prozent der globalen Forschungsausgaben in der Pharmabranche auf Europa, heute werden 60 Prozent aller Forschungsgelder in den USA ausgegeben. Wohin führt diese Entwicklung?

Wenn wir in Europa nicht eine starke forschende Industrie fördern, werden die Amerikaner über kurz oder lang entscheiden, welche Medikamente wir bekommen und zu welchem Preis. Das ist nicht in unserem Interesse. Wir müssen gegenüber Amerika konkurrenzfähig bleiben.

Dazu müssen Sie nicht nur in Europa und den USA dagegenhalten, sondern auch in Asien mit seinen aufstrebenden Märkten.

In Japan sind wir schon lange präsent. Und auch in China produzieren wir seit zehn Jahren. Das ist ein interessanter Markt für uns.

Roche hat letzten Oktober ein Forschungslabor in Shanghai eröffnet. Wollen Sie jetzt Forschung aus Europa auslagern?

Nein. Wir glauben, dass China in wenigen Jahren eine der weltweit führenden Forschungsnationen sein wird. Deshalb haben wir in Shanghai als erstes ausländisches Unternehmen der Branche ein Forschungsinstitut in Betrieb genommen.

Wann wird sich Ihre Investition in China auszahlen?

Wir denken langfristig. Es dauert sicher 10 bis 15 Jahre, bis in China die ersten Originalsubstanzen entstehen. Bis dahin werden die Chinesen in unsere weltweiten Forschungsaktivitäten eingebettet und betreiben gewissermassen Auftragsforschung.

Die Chinesen sind berüchtigt für ihren ungenierten Umgang mit fremdem geistigem Eigentum. Haben Sie keine Angst vor Patentverletzungen?

Seit China der Welthandelsorganisation beigetreten ist, werden Patente einigermassen respektiert. Das ist übrigens in Indien anders. Wenn Sie dort ein Genehmigungsdossier für ein Produkt einreichen, kommt es schon mal vor, dass das Papier innerhalb einer Woche bei einem Generikahersteller landet. Das ist ein Grund, warum wir auf diesem Markt bislang zurückhaltend sind.

Roche betreibt weltweit mehr als ein Dutzend Forschungsstätten, auch die Produktion ist dezentralisiert. Nur wenn es um das Produktportfolio geht, streuen Sie Ihr Risiko nicht. Sie konzentrieren sich auf innovative Medikamente sowie Diagnostika und lassen den wachsenden Generikamarkt ausser Acht. Ist das nicht gefährlich?

Das Risiko, dass eines unserer Mittel wegen unerwünschter Nebenwirkungen vom Markt genommen werden muss, ist relativ gering. Wir produzieren vor allem lebensrettende Medikamente, die nur über einen begrenzten Zeitraum verordnet werden.

Roche wächst derzeit schneller als der Markt und verdient hervorragend. Was machen Sie mit dem vielen Geld, wenn es weiter so prächtig läuft?

Mir brennt das Geld, das ich noch nicht verdient habe, nicht in der Tasche.

Franz B. Humer (58), aus Salzburg, studierte Jura in Innsbruck, 1969 promovierte er. 1973 heuerte er beim US-Pharmakonzern Schering-Plough an. 1981 wechselte er zum britischen Konkurrenten Glaxo, wo er ab 1993 für alle Konzernaktivitäten (ausser in den USA) verantwortlich war. 1995 führte Humer die Roche-Pharmasparte. Ab 1998 bildete er mit Konzernchef Fritz Gerber eine Doppelspitze, 2001 übernahm er die alleinige Führung bei Roche.

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