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Roche: «Patientendaten aus klinischen Studien reichen nicht aus»

Daniel O'Dary
Daniel O'Day: Pharma-Chef von Roche will den Patienten besser analysieren können – zu seinem Besten.Quelle: Chris Sorensen

Mit Hilfe des New Yorker Software-Startups Flatiron will Roche Patienten besser analysieren können. Pharmachef Daniel O’Day erklärt, was das Unternehmen so wertvoll macht.

Seraina Gross
Von Seraina Gross
15.05.2018

Herr O’Day, die Übernahme von Flatiron hat Roche 1,9 Milliarden Franken gekostet. Was macht das Unternehmen so wertvoll?
Daniel O’Day: Flatiron ist führend auf dem Gebiet der Erfassung von standardisierten Patientendaten, die regulatorische Standards erfüllen. Wir haben bereits gesehen, welchen Wert diese Daten für die Gesundheitsversorgung haben können und sehen grosses Potential für die Zukunft. Es gibt eine Menge Daten da draussen, aber nur wenige sind gut. Flatiron hat nicht nur strukturierte, sondern auch unstrukturierte Daten wie Angaben zu anderen Erkrankungen der Patienten, Untersuchungen, die gemacht wurden, oder Informationen aus Notizen der behandelnden Ärzte. Das macht die Daten so wertvoll.

Warum sind Patientendaten so wichtig?
Wir glauben, dass wir, wenn wir Erkenntnisse aus Patientendaten routinemässig anwenden, viel fundiertere Entscheidungen treffen können. Wir gewinnen Erkenntnisse darüber, wie bestimmte Behandlungen im Laufe der Zeit funktionieren und welche Patientengruppen auf bestimmte Therapien ansprechen. Die Patientendaten, die wir aus klinischen Studien erhalten, reichen nicht aus, um umfassende Schlussfolgerungen zu ziehen, so dass wir auf zusätzliche Quellen zugreifen müssen.

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Wie viele Patienten sind in klinischen Studien?
Vier Prozent, doch das ist viel zu wenig. Zum Vergleich: Vor einigen Jahren befanden sich achtzig Prozent der krebskranken Kinder in einer klinischen Studie. Wenn wir auf andere Datenquellen zugreifen können – auf die anderen 96 Prozent –, werden die Erkenntnisse dazu beitragen, die Entwicklung neuer Medikamente zu beschleunigen, die Kostenerstattung zu unterstützen und in einigen Fällen werden wir in der Lage sein, Studien zu ergänzen oder zu ersetzen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wir haben bei Alecensa mit Daten von Flatiron gearbeitet. Alecensa ist ein Medikament gegen ALK-positiven Lungenkrebs, einer sehr schweren Krankheit. Es handelt sich um eine Mutation, die bei fünf Prozent der Lungenkrebspatienten vorkommt. Nachdem Alecensa auf der Grundlage einer traditionellen klinischen Studie zugelassen wurde, mussten wir dann in mehreren Ländern nachweisen, dass es besser wirkt als die jeweils etablierte Behandlung. Dazu haben wir die Flatiron-Daten verwendet. Das Ergebnis war, dass wir das Medikament in zwanzig Ländern rund ein Jahr früher auf den Markt bringen konnten.

Was ist darunter zu verstehen?
In Studien wird ein Teil der Patienten immer mit einem Placebo oder mit einer bereits etablierten Therapie behandelt. Man nennt das die Kontrollgruppe. Doch das ist nicht optimal für die Patienten. Patienten gehen zum Arzt, um die beste Behandlung zu bekommen. Wir greifen deshalb auf Daten von Patienten zurück, die bereits ausserhalb von klinischen Studien mit der Standardtherapie behandelt wurden; das ist dann der synthetische Kontrollarm. Tatsächlich wird die Studie nur noch bei den Patienten durchgeführt, die den neuen Wirkstoff bekommen.

Flatiron arbeitet mit den 15 grössten Biotechunternehmen zusammen. Wird das so bleiben?
Unbedingt. Flatiron hat gerade einen neuen Dreijahresvertrag mit Bristol-Myers Squibb unterzeichnet. Uns geht es darum, neue Industriestandards zu kreieren. Doch das geht nur, wenn die ganze Branche mit im Boot ist. Sonst nimmt uns die FDA nicht ernst. Wir wollen das ganze Krebs-Ökosystem auf eine höhere Stufe heben. Klar, Roche ist ein grosser Player in diesem System, aber es ist nicht das einzige.

Trotzdem, einen Grund muss es gegeben haben, gleich das ganze Unternehmen zu kaufen?
Wir arbeiten ja schon seit zwei Jahren mit Flatiron zusammen und sicher: Wir hätten auch beide unabhängig von einander erfolgreich bleiben können. Doch dann haben wir uns im vergangenen Sommer zusammen gesetzt und uns gefragt: Können wir nicht noch erfolgreicher sein, wenn wir die Kräfte zusammenlegen? Die Antwort war ja.

Ist es denkbar, das Prinzip auf andere Therapiegebiete auszurollen – auf die Neurologie zum Beispiel, wo Roche zur Zeit sehr erfolgreich ist?
Unser Ansatz der personalisierten Medizin ist grundsätzlich in allen therapeutischen Bereichen möglich. Bei Krebs ist das physiologische und medizinische Verständnis zweifellos am grössten. Doch auch bei der Neurologie kommt die Forschung jeden Tag einen Schritt weiter und wir wenden Datenerkenntnisse auch in diesem Bereich an. Wir verwenden digitale Marker zum Beispiel auch bei Multipler Sklerose. Wir bauen unser internes Know-how auf und ergänzen es durch externe Partnerschaften mit führenden Unternehmen wie Flatiron und Foundation Medicine, so dass wir den Wert für unsere gesamte Arbeit nutzen können.

Würden Sie sagen, dass diese damit strukturell im Unternehmen verankert ist?
Roche ist zwar in einer starken Position, aber da wird sicher noch mehr kommen, Partnerschaften und weitere Übernahmen. Wir haben diese Reise der personalisierten Medizin ja vor mehr als dreissig Jahren gestartet. Ich war damals neu bei Roche. Die Idee war, genomische Merkmale zu finden bei Patienten, die dazu führten, dass sie mehr oder weniger gut auf Medikamente ansprachen. Das war damals revolutionär. Das machen wir noch immer. Aber jetzt kommen die analytischen Tools dazu, die die personalisierte Medizin auf eine ganz neues Niveau bringen.

Und wo wird die Reise noch hinführen?
Wir kratzen erst an der Oberfläche dessen, wie wir die Analyse von Patientendaten im Gesundheitswesen nutzen können. Roche ist in einer guten Position, um diesen Fortschritt zu beschleunigen.