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Roche: Harziger Machtwechsel

Franz Humer: Opfer seiner offensiven Informationspolitik.

Hochkarätige Kandidaten haben abgesagt. Jetzt wird die Suche nach einem Nachfolger für Roche-Präsident Franz Humer intensiviert – auch extern.

Von Erik Nolmans
26.06.2013

Noch im Frühling dieses Jahres war Franz Humer guten Mutes. Er hatte an der Generalversammlung überraschend angekündigt, dass er 2014 nicht wieder antreten werde, und plauderte anschliessend in den Medien angeregt über mögliche Nachfolgeregelungen. Etwa darüber, ob der Neue aus den Reihen der bestehenden Verwaltungsräte kommen solle: «Das könnte ohne weiteres eine sinnvolle Lösung sein», so Humer.

Doch nach der Absage mehrerer Schwergewichte aus dem VR ist die Liste der internen Kandidaten inzwischen derart geschrumpft, dass der Neue nun eventuell sogar der Alte sein könnte: Im Umfeld des Präsidenten wird gemunkelt, dass eine Verlängerung der Amtszeit von Humer eine Option wäre, wenn sich in der gesetzten Frist kein geeigneter Kandidat für die Nachfolge finden liesse: «Er läuft sicher nicht einfach davon», sagt ein Vertrauter von Humer. Ob die Möglichkeit einer Verlängerung verfolgt wird, will Roche nicht sagen: «Roche wird über die Nachfolge im Präsidium im Herbst 2013 informieren. Es gibt daher keinen Anlass zur Spekulation», so die Pressestelle in einer schriftlichen Stellungnahme.

Für Roche, wo in der Vergangenheit Führungswechsel stets langfristig und umsichtig vorgespurt wurden, ist die derzeitige Unsicherheit beim Präsidentenwechsel ungewöhnlich. Dabei kümmerte sich Humer schon früh um gute Leute. Gezielt stockte er 2011 seinen heute 13 Mitglieder umfassenden Verwaltungsrat um drei Neue auf, obwohl er sich damit der Kritik aussetzte, das Gremium aufzublähen: «Wir hatten gleich drei exzellente Kandidaten – Paul Bulcke von Nestlé, Christoph Franz von Lufthansa und Peter Voser von Royal Dutch Shell. Da mussten wir unbedingt alle drei nehmen», rechtfertigte er sich in der Sonntagspresse.

Zugzwang. Enge Vertraute hatte Humer diesen Frühling wissen lassen, dass es just jene drei Topmanager seien, die er als Nachfolger auf dem Posten des Roche-Präsidenten sehen würde. Sie entsprechen jenen Kriterien, die Humer als wichtig erachtet: Erfahrung im Management eines börsenkotierten Grosskonzerns, deutschsprachig, vertraut mit der Schweiz und mit Verständnis für die Kultur eines Innovationskonzerns wie Roche.

Nach innen wie nach aussen sah es so aus, als ob die Nachfolge bereits vorgespurt sei. Doch das war sie nicht – vielmehr war Humer in die Zwänge seiner offensiven Informationspolitik geraten.

Sein Entscheid, zurückzutreten, war über Monate gereift und im kleinen Kreis bereits besprochen worden. Humer, 15 Jahre als CEO und Präsident bei Roche, sah den Zeitpunkt als ideal an: Die Firma steht derzeit sehr gut da, die Pipeline ist gut gefüllt, die Positionierung hervorragend, und mit CEO Severin Schwan steht ein starker Chef an der operativen Spitze. Auch privat gab es für Humer Veränderungen: Seine Frau hat ihr Geschäft verkauft, und der 66-Jährige wurde zum ersten Mal Grossvater.

Als Humer den VR seinen Entscheid wissen liess, beschloss Roche, diese Information nicht unter Verschluss zu halten. Erstens, weil sie börsenrelevant ist. Zweitens, um der Gefahr vorzubeugen, dass die Information auf anderen Wegen nach aussen dringen könnte. Als idealer Zeitpunkt für die Bekanntgabe wurde die Generalversammlung vom 5. März gewählt, weil dann die Aktionäre vor Ort waren, was Humer Gelegenheit gab, sich direkt an die Investoren zu wenden. Diese Überlegungen gaben laut Insidern den Ausschlag gegenüber den Bedenken, es sorge für Unsicherheit, wenn man mit der Ankündigung des Abgangs nicht gleich auch den Nachfolger bekanntgebe. Solches hatte kurz zuvor Novartis mit der Präsentation von Jörg Reinhardt als Nachfolger von Daniel Vasella vorgemacht.

Immerhin bestand für Humer die Aussicht, bald mit einer guten Lösung aufwarten zu können. Ganz oben auf der Liste der internen Wunschkandidaten stand ein Mann: Peter Voser, Schweizer an der Spitze des Ölmultis Shell. Der hatte schon im vergangenen Jahr im Interview mit der BILANZ Aussagen gemacht, die auf eine gewisse Amtsmüdigkeit hindeuteten. Siebzig Prozent seiner Zeit sei er auf Reisen, oft in abgelegenen Gegenden wie Ostsibirien oder dem Nigerdelta. Auch in der Führungsetage von Roche waren die möglichen Veränderungen der Lebensumstände von Voser ein Thema, stets auch vor dem Hintergrund seiner Aussagen, er wolle im VR verbleiben. Es waren Signale, die man als Hinweis deuten konnte, hier stehe ein Kandidat für den Topjob bei Roche zur Verfügung.

In der Tat verkündete Voser Anfang Mai seinen Rücktritt bei Shell. Er freue sich darauf, «mehr Zeit für Familie und Privatleben zu haben». Der Rückzug ins Private war radikaler, als alle erwartet hatten. Sein «Wechsel des Lebensstils» liess eine Präsidentenfunktion bei Roche nicht zu: «Peter Voser teilte Roche mit, dass er nicht als Kandidat für das Amt des VR-Präsidenten zur Verfügung steht», so ein Roche-Pressesprecher.

Doch damit nicht genug – wenig später gab es vom nächsten Topkandidaten ein Njet: Nestlé-CEO Paul Bulcke liess Anfang Juni in einem Interview wissen, Spekulationen, er werde Roche-Chairman, seien «ohne Grundlage», ihm gefalle seine Arbeit bei Nestlé. Bleibt von den Schwer­gewichten gerade noch Lufthansa-Chef Christoph Franz. Doch der ist beim Umbau der Airline hundertprozentig gefordert und will das auch durchziehen.

Nun ist Humer in der Zwickmühle: Soll der ursprüngliche Plan, den Neuen aus den Reihen der eigenen Verwaltungsräte zu rekrutieren, aufrechterhalten werden, muss er auf Kandidaten ausweichen, die nicht dem Idealprofil entsprechen. Etwa Pius Baschera, als Präsident des Bauzulieferers Hilti zwar mit den Gepflogenheiten eines familiendominierten Unternehmens vertraut, doch ohne Erfahrung in den Abläufen eines börsenkotierten Weltkonzerns. Anderen wie Ökonomin Beatrice Weder di Mauro fehlt die Führungserfahrung auf oberster Ebene. Wiederum andere wie Branchenprofi Arthur Levinson, Ex-Chef der US-Tochter Genentech, wären ein Fremdkörper oder gar ein Spaltpilz für die Kultur des Konzerns.

Klar ist einzig, wer sicher nicht Präsident werden soll. So kommen die beiden Vertreter der Besitzerfamilie, André Hoffmann und Andreas Oeri, nicht in Frage: «Wie bereits kommuniziert wurde, hat die Familie deutlich gemacht, dass sie keinerlei Anspruch auf ein solches Amt erhebt», schreibt Roche auf Anfrage. Auch der eigentlich für eine solche Rolle am besten geeignete Mann im VR, CEO Severin Schwan, wird nicht zum Handkuss kommen: Der Verwaltungsrat habe bereits entschieden, dass das Präsidium durch einen non-exekutiven Chairman ausgeübt werden solle: «Damit setzt Roche die Aufgabentrennung zwischen dem Präsidenten des Verwaltungsrats und dem CEO fort», so Roche weiter.

Erste Namen. Weitet Humer seine Suche extern aus, könnte sich der Zeitplan seines Rückzugs verzögern. Denn idealerweise würde der Verwaltungsrat einem Externen die Möglichkeit geben, den Konzern in einer Übergangsphase kennen zu lernen. Dies ist etwa bei der Zurich Insurance Group geschehen, wo Präsident Josef Ackermann zunächst als Vizepräsident einstieg. Vorgänger Manfred Gentz verlängerte um ein Jahr, um Ackermann diese Schlaufe zu ermöglichen.

Auch auf die Frage, ob nun extern gesucht werde, liess sich Roche mit dem Hinweis, man wolle über die Nachfolge nicht spekulieren, nicht ein. Klar ist: Roche kann auf das sehr breite Netzwerk von Humer sowohl in der nationalen wie internationalen Managerwelt bauen.

Als einer der potenziellen externen Kandidaten gilt laut Branchenkennern etwa Renato Fassbind, heute Vizepräsident des Verwaltungsrats der Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re. Fassbind ist ein ehemaliger Roche-Mann, war er doch von 1984 bis 1990 in Diensten des Pharmakonzerns, zuletzt als Leiter Internal Audit. Als ehemaliger Finanzchef bei ABB und Credit Suisse verfügt er über Erfahrung sowohl im Industrie- als auch im Finanzbereich. Als Vice Chairman von Swiss Re ist er zudem mit Führungsfragen innerhalb des Verwaltungsrats eines Milliardenkonzerns vertraut.

Ob Fassbind allerdings bereit wäre, seine vorgespurte Karriere bei Swiss Re aufzugeben, ist fraglich – gilt er doch als Nachfolger für das Präsidium beim Rückversicherer, wenn der derzeitige Amtsinhaber Walter Kielholz in einigen Jahren zurücktritt (vergleiche BILANZ 09/2013: «Abgang in Raten»).

Ein anderer Name, der an der Gerüchtebörse gehandelt wird, ist Michel Orsinger. Doch Orsinger, der auch im Verwaltungsrat von Nobel Biocare sitzt, leitet mit der Orthopädie-Gruppe von Johnson & Johnson ein deutlich kleineres Unternehmen als Roche.

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