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Roche: Dienstschluss

Nicht nur mit CEO Severin Schwan, auch mit Präsident Franz Humer hatte Finanzchef Erich Hunziker das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Hintergründe eines Abgangs.

Von Dirk Ruschmann
28.01.2011
Mit 57 Jahren ist Erich Hunziker (links im Bild) für einen Pensionär eigentlich noch etwas jung. So war es auch eine Überraschung, als Roche vor wenigen Tagen bekanntgab, ihr Finanzchef habe sich entschieden, Ende März in den Ruhestand zu treten. In der Pressemitteilung zum Abschied ist der Pharmakonzern des Lobes voll. Der Verwaltungsrat dankt Hunziker für seinen «ausserordentlich grossen Beitrag zum Gesamterfolg des Unternehmens». Der freundliche Ton ist wenig kennzeichnend für die Atmosphäre, die zwischen der Unternehmensleitung und ihrem Finanzchef bislang herrschte. Im Gegenteil: Hunziker eckt bei den Roche-Chefs seit langem an. Im Konzern war es ein offenes Geheimnis, dass er mit dem 2008 neu ange­tretenen CEO Severin Schwan nie zurecht­gekommen ist. Doch auch mit dessen Vorgänger Franz Humer, heute Präsident des Verwaltungsrats, habe Hunziker das Heu nicht auf der gleichen Bühne gehabt, ­berichten Eingeweihte. So soll es mit ­Humer schon kurz nach Hunzikers Amtsantritt im Jahr 2001 zu Reibereien ge­kommen sein. Unter anderem, weil sich Hunziker auch stark für die strategische Entwicklung des Konzerns verantwortlich sehen wollte. Die Roche-Führung habe gar ­einen Wechsel auf dem CFO-Posten erwogen, berichten Insider. Doch Hunzikers Vorgänger, Anton Affentranger, war nur vier Monate Finanzchef. Nach so kurzer Zeit erneut einen Wechsel auf dem CFO-Sessel vorzunehmen, wäre intern wie extern kaum gut angekommen. Hunziker, der als Ex-Chef des Handelshauses Diethelm Keller auch CEO-Erfahrung hatte, galt in der Konzernleitung als überaus ehrgeizig und machte aus seinen Ambitionen auf einen weiteren Aufstieg im Konzern kein Hehl. 2005 wurde er zum stellvertretenden Konzernchef ernannt, 2007 aber, als es um die Neubesetzung des CEO-Postens ging, wurde nicht er, sondern der Humer-Vertraute Schwan berücksichtigt. Der leitete damals die Diagnostiksparte. Schon länger amtsmüde. Das Verhältnis zwischen Hunziker und der ­Roche-Führung verschlechterte sich weiter. Schon damals soll er signalisiert haben, er wolle dem Konzern den Rücken kehren. Doch dann kam 2008 die Genentech-Übernahme dazwischen, mit einem Preis von 47 Milliarden Dollar die grösste in der Geschichte der Schweiz. In dieser Phase brauchte Roche Stabilität – der Abgang des CFO hätte für Unruhe gesorgt. Zu möglichen Reibereien wollen weder die Firma noch Hunziker Stellung nehmen. Roche-Sprecher Alexander Klauser weist lediglich darauf hin, Hunziker habe schon vor längerer Zeit den Wunsch geäussert, in den Ruhestand zu treten. «Auf ausdrückliche Bitte von Herrn Schwan wurde Herr Hunziker gebeten, im Unternehmen zu bleiben, um die für die Firma entscheidenden Projekte umzusetzen», so Klauser. Nicht nur bei der Genentech-Übernahme, auch beim Umbauprogramm «Operation Excellence», bei dem 4800 Stellen abgebaut werden, spielte Hunziker eine wichtige Rolle. Fachlich ist dem CFO wenig vorzuwerfen. Den Genentech-Deal brachte Hunziker reibungslos über die Bühne. Mit dem unter ihm eingeführten Credit Rating konnte Roche die Finanzierung des Kaufs zu attraktiven Konditionen organisieren. Hunzikers Nachfolger wird allerdings nicht zwangsläufig mehr Ruhe in die ­Teppichetage bringen, zumindest nicht langfristig. Denn Alan Hippe (rechts im Bild), der neue Mann, gilt als höchstgradig ehrgeizig. Als einer, der sich mit dem zweiten Platz nicht zufriedengibt. Hippe besticht mit einem schillernden Lebenslauf. Als Jugendlicher war er Leistungsschwimmer in der deutschen Nationalmannschaft, es folgte das Studium der Betriebswirtschaft an der renommierten Hochschule Mannheim und in Toulon, danach der Berufseinstieg bei einer Immobilienfirma. Nach zwei Jahren holte ihn der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Dort organisierte er 2001 die Teilprivatisierung via Börsengang mit. Der Anruf eines Headhunters katapultierte Hippe in die erste Liga: Im Juni 2002, mit nur 35 Jahren, avancierte er zum Finanzvorstand des Autozulieferers Continental. Nun begann der interne Aufstieg: 2005 übernahm Hippe das lange Jahre verlustreiche Reifen­geschäft in den USA und brachte es in die schwarzen Zahlen. Im April 2008 wurde er Leiter des weltweiten Autoreifengeschäfts, das bis dahin CEO Manfred Wennemer persönlich geführt hatte, noch im selben Jahr stieg er auf zum Chef der gesamten «Gummigruppe»: Reifen für Autos, Lastwagen und Spezialkunden sowie die «Schlauchsparte» ContiTech, die sich als weltgrösste Kautschuk- und Kunststofftechnik-Anbieterin sieht – das alles zusätzlich zu seinem Job als Finanzchef. In dieser Rolle war er auch eine Zentralfigur im Abwehrkampf von Continental gegen den feindlichen Aufkäufer Schaeffler. Verbissen kämpfte er an der Seite Wennemers. Hinauf oder hinaus. Früh schon galt Hippe als Liebling der Journalisten und der Analysten: Er kommuniziert offen und verständlich, sieht mit seiner Brille und den zurückgegelten Haaren immer elegant aus. Verheiratet ist er mit einer Tochter des Daimler-Benz-Topmanagers Manfred Bischoff. Und er war immer wieder für Top-Positionen im Gespräch, darunter als Finanzchef der ehemaligen Staatsriesen Post und Telekom. Als Wennemer gehen musste, galten Hippe und Technikvorstand Karl-Thomas Neumann als beste Kandidaten. Hippe unterlag und wurde mit dem neuen Posten eines stellvertretenden Konzernchefs abgefunden. Ein kapitaler Fehler dürfte dazu beigetragen haben. Bei einem Investorentreffen im Januar 2009 sprach er, wohl versehentlich, über eine mögliche Kapital-erhöhung für Continental. Die Investoren fürchteten eine Verwässerung ihrer Werte, der Aktienkurs rauschte in die Tiefe. Schon damals allerdings wurde vermutet, Hippe würde als Finanzchef zum Industriekonzern ThyssenKrupp wechseln, im April 2009 fing er dort tatsächlich an. Wieder leistete Hippe gute Arbeit, wieder galt er als Kandidat für den Chefposten, den der langjährige CEO Ekkehard Schulz freimachen würde. Wieder unterlag er; ThyssenKrupp holte einen erfahrenen Ingenieur von Siemens: Heinrich Hiesinger. Hippes Scheitern erinnert an den ­Nestlé-Finanzchef Paul Polman, auch er ein Favorit der Analysten, den viele als CEO-Nachfolger für Peter Brabeck sahen. Das Rennen machte aber der Belgier Paul Bulcke. Polman setzte sich bald zum Wettbewerber Unilever ab, den er heute führt. Hippe setzt sich nun zu Roche ab, einem kleineren Konzern als ThyssenKrupp. Dass sich sein Salär, vorsichtig geschätzt, beim Basler Pharmakonzern auf etwa fünf Millionen Franken verdoppeln dürfte, könnte den Wechselwunsch beflügelt haben. Am zehn Monate jüngeren CEO Severin Schwan wird er allerdings so bald nicht vorbeikommen. Up or out, wie es Hippe bisher hielt, dürfte bei Roche schwierig werden. Über kurz oder lang stehen in Basel unruhige Zeiten an.
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