Rund 30 Milliarden Franken hat Roche im letzten Jahr an Wert eingebüsst. Und nach der Bilanzpressekonferenz vom 2.  Februar ging der Kurssturz ungebremst weiter – fast drei Prozent verlor die Aktie im frühen Handel. Niedrige Wachstumszahlen und ein verhaltener Ausblick haben die Anleger enttäuscht. Dazu kamen bittere Schlagzeilen in der Presse: «Roche lahmt», titelte die «Neue Zürcher Zeitung», und der «Tages-Anzeiger» verwies sogar genüsslich auf Novartis, den ewigen Rivalen vom anderen Rheinufer: «Roche nur noch die Nummer zwei». Harte Zeiten für den lange so erfolgsverwöhnten Konzern. Harte Zeiten auch für den Mann an der operativen Spitze. Umso mehr, als der Wind fast zeitgleich mit seinem Amtsantritt 2008 zu drehen begann (siehe Grafik «Im Hintertreffen» im Anhang). Vorgänger Franz Humer, heute Präsident des Verwaltungsrats, fand damals den besten Moment für den Rücktritt als CEO – den ganzen Gegenwind bekommt nun Nachfolger Schwan ab. An dessen meist lächelndem Antlitz ist indes wenig Sorge abzulesen. Selbstbewusst stellte er sich an der Bilanzpressekonferenz sein eigenes Zeugnis aus – mit lauter Bestnoten. «2010 – Ziele erreicht», hiess es auf dem Lichtbild, anhand dessen Schwan aufzeigte, dass er vom Verkaufswachstum über die Nutzung von Synergien bis hin zum Dividendenausblick alle Anforderungen erfüllt habe. Rückhalt von Oben. Sorge um seine Position treibt den 43-jährigen also nicht um: «Das Management ist immer unter Druck, Ergebnisse zu liefern», sagt Schwan, «doch das ist ein gesunder Druck.» Bei Roche herrsche im Verwaltungsrat wie im Aktionariat eine betont langfristige Optik. Man lasse sich durch kurzfristige Rückschläge nicht beirren. In der Tat stärkt die Besitzerfamilie Oeri-Hoffmann, die 50,1 Prozent der Stimmrechte hält, dem CEO demonstrativ den Rücken. Einer der beiden Vertreter der Familie im VR von Roche ist André Hoffmann. «Wir schätzen die Arbeit von Herrn Schwan sehr. Er geniesst das volle Vertrauen der Familie und des Verwaltungsrates», sagt Hoffmann im Gespräch mit der BILANZ (siehe «Üppige Dividenden»). «Gerade in diesen Zeiten, in denen die Branche allgemein schwierigere Zeiten durchlebt, sind die Bodenständigkeit und die Fachkompetenz von Severin Schwan grosse Vorteile», so Hoffmann. Er hält die Kritik am Konzern ohnehin für aufgebläht und glaubt in den externen Kommentaren auch ein wenig Schadenfreude zu erkennen: «Man sagt sich: Sieh an, jetzt kommt die stolze Roche auch mal in Probleme.» Weniger wohlmeinend soll die Stimmung beim anderen grossen Aktionär von Roche sein, dem Lokalrivalen Novartis, der 30 Prozent der Aktien hält. Eingegangen wurde die Beteiligung 2001 mit dem Ziel einer Fusion der beiden Basler Konzerne. Doch Roche stellte sich quer. Für Novartis-Chef Daniel Vasella war das so lange kein Problem, wie sich der Kauf des Aktienpakets angesichts der jahrelang steigenden Kurse als tolles Investment präsentierte. Doch 2010 erlitt Novartis auf dem Paket einen Buchverlust von mehreren Milliarden. Das hat das ohnehin gespannte Verhältnis zur Roche-Führung kaum verbessert. Vasella wollte auf An­frage der BILANZ keine Stellung nehmen. Schwan selber ist nach wie vor optimistisch für Roche. Hauptgrund dafür ist aus seiner Sicht die gute Pipeline: Zwölf vielversprechende neue Wirkstoffe seien in der letzten Phase der Entwicklung. Zudem biete das bei Roche einzigartige ­Zusammenspiel zwischen Pharma und ­Diagnostik gute Chancen, weil die personalisierte Medizin (siehe «Behandlung nach Mass») immer wichtiger werde. «Wir agieren aus einer Position der Stärke heraus», betont Schwan. Diesen Optimismus teilen nicht alle. Analysten erinnern sich noch an die ­Bilanzpressekonferenz des Vorjahrs, als ­Roche ebenso viele Medikamentenhoffnungen weckte, von denen dann allerdings viele platzten. So stoppte die Food and Drug Administration (FDA), die Arzneimittelzulassungsstelle der USA, die Ausweitung des Anwendungsbereichs eines der wichtigsten Roche-Produkte, des Krebsbestsellers Avastin, auf die Brustkrebsbehandlung. Zudem musste Roche für das einst in den Himmel gelobte ­Diabetesmedikament Taspoglutide den endgültigen Entwicklungsstopp verkünden, weil sich Nebenwirkungen zeigten, etwa starke Übelkeit. «Wir hatten in der Tat Rückschläge im Portfolio», gibt Severin Schwan zu und sieht darin auch die Haupt­ursache für die harsche Reaktion der Börse. Gut möglich aber, dass Schwan mit seinem «Überoptimismus» selber dazu beitrug, dass die Enttäuschung nach den vollmundigen Versprechungen umso grösser war. Investoren sind mit der Kommunikation von Roche nicht zufrieden: «Roche war bei mehreren Produktkandidaten zu sehr begeistert von frühen Daten. Dies hat die Erwartungshaltung sehr hoch getrieben», sagt Christian Lach, Senior Portfolio Manager von Adamant Bio­medical Investments. Gerade im Pharma­bereich sei dies bei neuen potenziellen Blockbustern immer wieder der Fall. «Übereuphorie» lege den Grundstein für «übergrosse Enttäuschung», so Lach. Unter Preisdruck. Tatsächlich ist für Euphorie wenig Platz, kommen doch einige Probleme auf Roche zu. Da ist zunächst der generelle Trend zum Druck auf die Medikamentenpreise. Krankenkassen und Versicherer gelangen wegen der immer älteren Bevölkerung an die Grenzen. Und für die nach der Finanzkrise ausgebluteten Staaten sind die Gesundheitskosten ebenfalls immer weniger tragbar. Jahrelang betonte Roche, mit ihren innovativen Krebsmedikamenten und Spital­arzneien vor Preisdruck geschützt zu sein – im Gegensatz zu den Konkurrenten mit ihren Allerweltsprodukten. Doch im letzten Herbst, als Schwan ein einschneidendes Kostensenkungsprogramm und den Abbau von 4800 Stellen bekanntgab, wurde just der Preisdruck als eines der Argumente für die Massnahme angeführt. Hat Schwan das Problem zu lange unterschätzt? «Nein», sagt er, «im Grundsatz gilt für mich immer noch: Je grösser die Innovation ist, desto grösser der Schutz vor dem Preiszerfall.» Roche sei zwar vom Preisdruck betroffen, aber immer noch weniger als andere. Denn die Bezahler ­fokussierten in dieser Situation noch ­stärker auf jene Medikamente, die tatsächlich einen echten und spürbaren Zusatznutzen brächten. Gerade wissenschaftlich haben wichtige Blockbuster wie Avastin zuletzt allerdings nicht überzeugt. Bei einem Medikament, das rund 100  000 Franken im Jahr kostet, ist ein relevanter Zusatznutzen ein entscheidendes Argument. Der potenzielle Umsatz des Krebsmittels Avastin wurde noch vor kurzem auf neun Milliarden Franken geschätzt. Nun hat Roche die Erwartungen auf sieben Milliarden reduziert. Roche ist von wenigen Topsellern abhängig. Die drei Krebsmedikamente Avastin, MabThera/Rituxan und Herceptin sorgen für fast 40 Prozent des Umsatzes und – so schätzen Firmenkenner – zwei Drittel des Gewinns. Auch das Forschungs- und Biotech­umfeld insgesamt gibt wenig Anlass zu Euphorie. Eine Studie des Beratungsunternehmens Bain von Ende 2010 geht davon aus, dass in der Pharmaindustrie in den nächsten drei Jahren 100 Milliarden Dollar aus dem patentgeschützten Bereich herausfallen und durch Generika, ­also Nachahmermedikamente, ersetzt werden. Gemäss der Studie, in der 6300 Projekte im weiteren Umfeld von Pharma und ­Biotech analysiert wurden, kann dieser Verlust nur im Umfang von 30 Milliarden durch neue Produkte kompensiert werden. So werden die auf eigene Forschung setzenden Pharmakonzerne insgesamt einen Nachfragerückgang von 70 Milliarden hinnehmen ­müssen. «Die Branche wird sich in den kommenden Jahren mit einer grossen Herausforderung im Bereich der Innovation konfrontiert sehen», sagt Norbert Hültenschmidt, Head Global Healthcare Practice von Bain, «hier liegt aber auch die Chance für jene Unternehmen, die ihre Strategie genau auf dieses Thema fokussieren – für die Innovatoren eben.» Gerade die neuen Anwendungsgebiete, auf welche die Branche ihre Hoffnung setzt, etwa Alzheimer, seien ultrakomplex und befänden sich erst in einem frühen Stadium des Erkenntnisgewinns. Viele Experten sind denn auch skeptisch, ob die neuen Segmente bald in starkem Ausmass Medikamente hervorbringen werden. Vermehrt auf neue Therapiegebiete setzt auch Roche, nachdem man sich lange auf die Onkologie, die Krebsforschung, spezialisiert hat. Heute sehe sich Roche «in der Onkologie-Ecke gefangen», glauben die Experten von Adamant Biomedical Investments, da die Pipeline die Erwartungen bisher nicht erfüllen konnte. Zu lange stützte sich der Konzern auf die Medikamente der US-Tochter Genentech, aus deren Küche die wichtigen Blockbuster von Roche stammen. Die grossen Umsatzhoffnungen, die Medikamente wie Avastin schürten, gelten gar als wichtiger Grund für die teure Übernahme von Genentech 2008, an der Roche vorher lediglich eine bestimmende Mehrheit hielt. Angesichts der Hoffnung, Avastin lasse sich auch in der Frühbehandlung von Krebs und für ein breiteres Spektrum von Krebsformen einsetzen, ­zögerte Schwan-Vorgänger Humer nicht lange, als die Amerikaner eine Aufbesserung des Kaufpreises forderten – und legte noch einige Milliarden drauf. Mit einem Übernahmepreis von 47 Milliarden Dollar ist der Kauf der teuerste in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Kaum war der Deal unter Dach, wurden ernüchternde Testresultate bekannt. «Angesichts der aktuellen klinischen ­Daten hat Roche zu viel für Genentech bezahlt. Ein Drittel weniger wäre angemessen gewesen», meint Adamant-­Experte Lach. Kostensenkung. Auf die Rückschläge im Portfolio reagierte Schwan im letzten November mit dem Kostensenkungsprogramm «Operational Excellence». Für ihn ein Zeichen, dass Roche proaktiv ist «und den Dingen nicht hinterher­rennt». «Ein Kostensenkungsprogramm wäre schon längst fällig gewesen», kritisierten indes die Pharmaanalysten der US-Grossbank Morgan Stanley. Das «komplexe Managementsystem von Roche» habe die Aspirationen von Finanzchef Erich Hunziker frustriert und dazu beigetragen, dass in dessen Amtszeit «das Kostenmanagement signifikant vernachlässigt» wurde. Hunziker werden Reibereien mit Schwan und mit dessen Vorgänger Franz Humer nachgesagt. Mit Alan Hippe kommt nun ein erprobter Sanierer von ThyssenKrupp auf den Sessel des Finanzchefs. Damit konnte Schwan seine Position weiter stärken, wurden Kernjobs wie die Leitung der Pharma- und der Diagnostiksparte sowie der CFO-Posten doch von ihm besetzt. Die nächsten zwei Jahre dürften zur Bewährungsprobe von Schwan werden. Dann muss sich zeigen, ob die neuen Medikamente in der Pipeline halten, was sie versprechen, und die auslaufenden Produkte ablösen können. Schwan muss dabei auch für die Auswirkungen der Weichenstellungen seines Vorgängers Humer geradestehen, denn die Zyklen im Medikamentengeschäft sind lang. Humer aber ist nicht nur der Ziehvater von Schwan, er ist bei Roche auch eine unantastbare Autorität mit besten Beziehungen zur Besitzerfamilie Oeri-Hoffmann. Dass Schwan vom Verwaltungsrat keinen Druck verspürt, erstaunt vor diesem Hintergrund nicht. Auf der andern Seite sind neue strategische Massnahmen für Schwan schwierig, implizieren sie doch eine Kritik am Vorgänger. Die Neubesetzungen im VR lassen nicht erwarten, dass Humers Machtbasis aufgeweicht würde. Mit Nestlé-Chef Paul Bulcke oder Shell-Chef Peter Voser stärkt Roche das Schweizer Element im Rat und baut auf eingespielte Seilschaften wie jene mit Nestlé, die schon Bulcke-Vorgänger Peter Brabeck in den Roche-VR abgesandt hatte. Weder das wissenschaftliche Fachwissen noch die Stellung in wichtigen Wachstumsmärkten, wie etwa Asien, werden dadurch gestärkt. Als starker Vertreter im Rat gilt neben Humer der ehemalige CEO von Genentech, Arthur Levinson. Doch auch er ist kaum mit Humer unzufrieden: Im Rahmen der Voll­übernahme von Genentech konnte er Aktienoptionen im Wert von über 300 Millionen Franken ausüben.
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