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Ringier: Vom Klassenkampf zum Kuschelkurs

Viele Grossunternehmen inserieren nicht mehr im «Blick» – eine Folge der Kampagnen gegen Marcel Ospel oder Jürg Maurer. Nun will der Verlag wieder ins Geschäft kommen.

Von Dominik Flammer
12.10.2007

Mindestens einen «halben Ospel» soll der Klassenkampf des früheren «Blick»-Predigers Werner de Schepper das Haus Ringier in den vergangenen vier Jahren an Inserateverlusten gekostet haben, wird hausintern gemunkelt.

Zur Erinnerung: In seiner Kampagne gegen überhöhte Managerlöhne führte der im Frühjahr abgesetzte «Blick»-Chefredaktor vor zwei Jahren einen «Ospel» als Währungseinheit ein, und zwar in der Höhe des Jahressalärs des obersten UBS-Bankes, Marcel Ospel: 24 Millionen Franken. An den Inserateverlusten ändert wenig, dass die unter de Schepper lancierten Kampagnen gegen Managerlöhne oder Pensionskassenverwalter ein schweizweites Echo fanden und von den anderen Medien dankbar übernommen und in die Breite gewalzt wurden.

Den Schaden trug der «Blick», vor allem im Bereich der Inserate, die seit einigen Jahren spärlich gestreut sind. Werbung von Schweizer Grossunternehmen sucht man schon fast vegeblich. In der Branche leidet nur die linke Wochenzeitung «WoZ» unter einem noch krasseren Inserateboykott der Wirtschaft als der «Blick». Kein Wunder, dass das Verlagshaus und sein Verleger nun mit allen Mitteln den Wiederanschluss an die Wirtschaft suchen. «Der Klassenkampf ist vorbei», sagt denn auch ein hoher Ringier-Kader, «wir können uns weitere Inserateverluste schlicht und einfach nicht mehr leisten.»

Zwar wird bei Ringier nach wie vor betont, dass der «Blick» schwarze Zahlen schreibe, doch scheint es auch für interne Beobachter nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Boulevardzeitung in die Verlustzone abrutscht. Sagte Verleger Michael Ringier im Juli noch gegenüber der BILANZ, dass der «Blick» nur wenige Leser verliere, so zeigen die Auflagezahlen lediglich drei Monate später ein düsteres Bild. Nach Jahren des Niedergangs – der «Blick» hatte zu seinen besten Zeiten eine Auflage von 380 000 Exemplaren – musste Ringier Anfang Oktober einen weiteren Rückgang der «Blick»-Auflage von 255 000 auf 240 000 Exemplare hinnehmen.

Wieweit der «Blick» und seine Macher die Abwanderung der Leser sich selber und dem klassenkämpferischen Kurs der vergangenen vier Jahre zuzuschreiben haben, darüber lässt sich in Zeiten der Gratiszeitungen streiten. Anderen Boulevardzeitungen in Europa geht es auflagemässig nicht besser. Keine Zweifel bestehen in der Ringier-Chefetage über die Auswirkungen des früheren Kurses auf das Inserategeschäft. Selbst Verleger Ringier spricht davon, dass man sich aus diesem Geschäft hinausmanövriert habe.

Mit aussergewöhnlichen Schuldeingeständnissen und Richtigstellungen zum Fall Swissfirst und jenem des Thurgauer Pensionskassenverwalters Jürg Maurer versuchen nun die neuen Verantwortlichen, den Schaden zu begrenzen. Entscheidend für einen neuen Versöhnungskurs gegenüber der Wirtschaft dürften auch die Personalentscheide sein. Mit dem Promiexperten Marc Walder (Ex-Chefredaktor «Schweizer Illustrierte») hat Ringier einen publizistisch bis heute wenig profilierten Journalisten zum Chefredaktor des «SonntagsBlicks» und als «Chef Zeitungen» auch gleich zum Vorgesetzten des designierten «Blick»-Chefredaktors Bernhard Weissberg gemacht. Mit Weissberg soll sich hingegen hinter den Kulissen ein bewährter Boulevardprofi publizistisch um das Sorgenblatt kümmern. Weissberg soll zwar nicht vom linken Boulevard abweichen, doch hat er den Auftrag, den früheren Duktus gegenüber der Wirtschaft zu entschärfen.

Dass es lange dauern dürfte, bis dieser Spagat gelingt, zeigt sich in den Leserbriefspalten. Die im Klassenkampf geschulten Leser scheinen nämlich von dem Kurswechsel noch wenig mitgekriegt zu haben. So macht eine Leserin ihrer Empörung über die UBS-Milliardenverluste Luft und fordert, «dass Ospel und seine Kumpels gehen müssten, und zwar ohne Abfindung», ein anderer Leser bietet Ospel für seinen Bonusausfall mit hämischen Worten eine Sammelaktion der Glückskette an.

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