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Ringier: Cash as cash can

Mit «Cash daily» will Ringier zur multimedialen Plattform bei Wirtschaftsmedien werden. Das Redaktionsmodell birgt Konfliktpotenzial.

Von Bernhard Raos
12.09.2006

Wenn es um den eigenen Arbeitgeber geht, bleiben auch Journalisten lieber in Deckung. Das ist bei der Wirtschaftszeitung «Cash» nicht anders. Dort schwant einigen Redaktoren Übles nach dem Start der Gratiszeitung «Cash daily»: Wenn «Cash daily» ein Erfolg wird, dann stirbt die Wochenzeitung, lautet der Tenor. Das Hauptblatt schreibt seit Jahren tiefrote Zahlen.
Gemäss Dirk Schütz, «Cash»-Chefredaktor, ist die Stimmung «keineswegs im Keller». Im Gegenteil: Das gute Dutzend neuer Journalisten bei «Cash daily» bringe eine Blutauffrischung und versprühe Pioniergeist im Ringier-Pressehaus im Zürcher Seefeldquartier. Mit dem multimedialen «Cash daily», ausgeheckt von Konzernleitungsmitglied und «Cash»-Gründer Thomas Trüb, verspricht Ringier nicht unbescheiden die ultimative Zeitungszukunft. Man wolle keine weitere Tageszeitung von gestern machen. Denn über die wichtigsten Vortagesereignisse wisse das Zielpublikum längst Bescheid.

Angepeilt wird ein jüngeres, weiblicheres und gleichwohl wirtschaftsinteressiertes Publikum. Dorthin zielen bekanntlich alle Medienpläne. Geld verdienen will man mit Mobile-Applikationen, etwa mit fürs Handy aufbereiteten Börseninfos. Ferner sollen im E-Paper die Inserate animiert, mit ausklappbaren Bestellformularen ergänzt und vom Inserenten selbst in «Cash daily»-Verpackung an ausgewählte Adressaten weitergemailt werden. Letztlich geht es um Skaleneffekte und ein möglichst grosses Stück der umkämpften Marketingbudgets.

Wie beurteilen Medienfachleute die Chancen des ambitioniertesten Ringier-Projekts? Pierre C. Meier, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Werbewoche», gibt «Cash daily» nur eine Chance, wenn der geplante multimediale Verbund mit dem wöchentlichen «Cash» funktioniert: «Sowohl die Print-Version als auch das E-Paper von ‹Cash daily› haben allein keine Zukunft.» Von einem «interessanten Ansatz» spricht Daniel Perrin, Leiter am Institut für angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule Winterthur. Gefragt sei allerdings ein langer Schnauf: «Erst ultraflache, papierartige Bildschirme werden elektronische Zeitungen attraktiv machen. Der Zeitungsleser von heute blättert noch nicht online am Bildschirm.» Ganz abgesehen davon, dass die animierte Werbeflut manchen Online-User nervt.

Doch bei Multimedia-«Cash» geht es derzeit um viel profanere Dinge als LCD-Displays oder Papierfasern. Wer entscheidet, über welchen Kanal eine heisse Story zuerst verbreitet wird? Auch hier wird es wohl ein Gerangel geben. Als Vorbild gilt die knapp vor «Cash daily» lancierte Zeitung «Österreich» des Medienunternehmers Wolfgang Fellner. Die Tageszeitung gibt es ebenfalls als E-Paper – mit gemeinsamem Newsroom und Redaktionssystem für Print und Online. Beide sind gleichberechtigt.

So weit ist man bei «Cash» nicht. Rüdi Steiner, Redaktionsleiter von «Cash daily» ist zwar hierarchisch «Cash»-Chefredaktor Schütz unterstellt, arbeitet mit seinem Team aber selbständig. Und Fritz Spring, Chefredaktor von Cash-TV, hat seinen Chef bei Ringier TV. Das birgt Konfliktpotenzial und hat dem Vernehmen nach bereits zu diversen Friktionen geführt. Was selbstverständlich keiner der drei gegenüber BILANZ bestätigen will. Dazu stellvertretend Dirk Schütz: «Wir sind unterschiedlich positioniert, arbeiten gut zusammen, und der multimediale Verbund wird sich einspielen.»

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