Die Appartementhäuser Zerfreila, Selva und Tomül rund um das Hotel Therme in Vals GR versprachen, ein Ort der Ruhe und Erholung für die Stockwerkeigen­tümer zu sein. Sie kamen, meist aus Deutschland und der Schweiz, zum Wandern und Entspannen. Doch die jährlich wiederkehrenden Eigentümerversammlungen trübten allmählich ihre Stimmung. Grund waren die Geschäfte des jungen Verwalters Remo Stoffel, der sich um die Gemeinschaftskasse sorgen sollte. Es ging zunächst um unerledigte Geschäfte, um Akontozahlungen und Spesen und um zu hohe Grundbuchkommissionen.

Der Zorn der Eigentümer war kaum noch zu besänf­tigen, als sie von einem verdächtigen Bankdokument erfuhren. «Sehr geehrter Herr Stoffel», be­ginnt das Schreiben, in dem die Graubündner Kantonalbank Termingeldanlagen für das Vermögen im gemeinsam geäuf­neten Erneuerungsfonds der Stockwerk­eigentümer bestätigt. Merkwürdig bloss: Das Schreiben war nicht wie banken­üblich mit zwei Prokuristen-Unterschriften versehen, sondern mit dem ­Kürzel «R.G.».

Die Revisoren wurden misstrauisch und gingen der Sache nach. In ihrem ­Revisionsbericht hielten sie fest: «Die Bank war mit ihren Auskünften sehr ­vorsichtig, musste jedoch auf direkte ­Frage einräumen, dass sie mit den Belegen nichts zu tun habe».

Stoffel verlor den Job in Vals Ende 2006. Es war sein erster grosser Auftrag, nachdem er sich nach Abschluss einer Banklehre selbständig gemacht hatte. Die Episode konnte seinen rasanten Aufstieg als ­Immobilienunternehmer freilich nicht ­bremsen. Nach einer berauschenden Blitz­karriere herrscht er über ein stattliches Imperium mit Wohnhäusern und Hotels im Bündnerland sowie dem Immobilienportfolio aus der Insolvenzmasse der Swiss­air rund um den Flug­hafen Zürich. Im Zentrum: der einstige Swissair-Bürokomplex mit der Facility-Management-Firma Avireal.

Doch ­gelegentlich wird Stoffel wieder an seine früheren Geschäfte erinnert. ­Mehrere Straf­untersuchungen laufen gegen ihn. Anfang Juli gestand Remo Stoffel in ­einer Medienmitteilung ein, dass die von ihm beherrschte Avireal am 9.  Juni «von der Eidgenössischen Steueraufsicht über eine Steuerunter­suchung informiert ­wurde». Im Kern gehe es um die Frage, «ob es im Rahmen der Kaufpreisfinanzierung der Avireal im Jahr 2005 zu einer verdeckten Gewinnausschüttung an die ­Aktionäre ­gekommen» sei. Die Avi­real weise diese ­Vermutung als «belegbar faktenwidrig» zurück.

Damit kam Stoffel einem Bericht der BILANZ zuvor, dessen Erscheinen er am Folgetag erwarten konnte (BILANZ 13/2010: «Das seltsame Geschäftsgebaren des Remo Stoffel»). Der Artikel enthüllte, dass die Avireal Ziel einer gross angelegten ­Hausdurchsuchung der Steuerermittler war, die vom Vorsteher des Finanz­departements bewilligt wurde. Die Untersuchungen werden von der Abteilung Strafsachen und Unter­suchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) geführt, Stoffel und weitere Beschuldigte werden des Steuerbetruges verdächtigt (Aktenzeichen 26 / KPR 2611). Nach wie vor gilt die ­Unschuldsvermutung hinsichtlich der laufenden Strafuntersuchungen. Über die Rechtmässigkeit von Stoffels Verhalten entscheiden die hierfür zuständigen Behörden und Gerichte.

Wegen der alten Geschichte in Bad Vals wiederum wird in Chur ermittelt. Der Verdacht: Urkundendelikte. Stoffel hat laut einem Sonderbericht der Revisoren zum Dokument der Graubündner Kantonalbank gegenüber den Valser Stockwerk­eigentümern bereits eingeräumt, «dass das Schreiben nicht von der Bank stamme, sondern der Unterzeichner R.G. der Rechtsanwalt Dr. Greminger sei». Der Name des St.  Galler Anwalts und Notars René Greminger taucht in den Akten zum Fall Stoffel wiederholt auf. Stoffel und Greminger machten Dar­lehensgeschäfte miteinander, während Greminger gleichzeitig für Stoffel Treuhandguthaben verwaltete und dessen Geschäfte beurkundete.

Enttäuschtes Vertrauen. Doch nicht nur der Vorfall mit dem Bankbeleg der Graubündner Kantonalbank wird ­untersucht. Laut BILANZ vorliegenden Unterlagen wird auch bezüglich Bankenurkunden ermittelt, die Remo Stoffel in den ­Folgejahren der Eigentümergemeinschaft präsentierte. Eine Saldobestätigung der Bank Julius Bär vom 17.  Juni 2004, die «frei verfügbare Vermögenswerte» in ­Höhe von knapp über einer Million ­Franken nachwies, war tatsächlich von Mitar­beitern der Bank Bär verfasst ­worden. Das Papier kam den Revisoren dennoch merkwürdig vor. An die Adresse des Stoffel-Unternehmens «Ability AG, ETV Bad Vals» in Chur eröffneten die Bär-Banker ihr Schreiben: «Der Kunde der Konto-/Depotbeziehung 301.9775 hat uns ­gebeten, Ihnen Folgendes zu bestätigen.» Aber wer war der Kunde des Kontos 301.9775?

«Aus der Bestätigung geht nicht hervor, wer der berechtigte Kunde ist», ­vermerkten die Revisoren misstrauisch. BILANZ-Recherchen ­ergaben: Das ­Konto 301.9775 gehörte Remo Stoffels früherem Geschäftspartner ­Hannjörg Hereth, der Stoffel eine ein­geschränkte Vermögensverwaltungsvollmacht über das Konto ­gewährt hatte, aber von dieser Präsenta­tion nichts ahnte. Eine weitere Saldobestä­tigung, wieder ­ohne namentliche Angabe des Kontoinhabers, lieferte Julius Bär am 3.  März 2005, abermals für ein Hereth-Konto an die Adresse der Stoffel-Firma. Hereth, der einstige Mitaktionär beim Kauf der ­Avireal, ging nach einem anfänglichen engen Vertrauensverhältnis mehrfach gerichtlich gegen Stoffel vor. Er reichte Zivilklagen sowie Strafanzeigen ein und beendete im Sommer 2008 entnervt die Geschäfts­beziehung. Auch ohne dieses Wissen über den wahren Berechtigten der Vermögen hielten die Valser Revisoren fest: «Herr Stoffel ist als Verwalter nicht geeignet.» Er könne nicht entlastet und nicht ­wiedergewählt werden.

Am 27.  Mai 2005 ging für das ge­schuldete Fondsvermögen endlich eine Million Franken auf einem Konto der Eigen­tümer ein – «ohne ­Absenderangabe», wie die Revisoren betonten. Stoffel trat ab und versprach ­weiterhin, richtige Bankbelege zu liefern. Nach wie vor gilt auch für die laufenden Untersuchungen in Chur die Unschuldsvermutung.

Der Mann an der Kasse. Nur einen Monat vor dieser Zahlung hatte Stoffel mit Hereth und einem weiteren Geschäftspartner die Avireal aus der Insolvenzmasse der Swissair gekauft. ­Dabei soll gemäss ESTV-Dokumenten der Verdacht bestehen, dass «schwere Steuerwiderhandlungen» begangen wurden, unter ­anderem ­Treuhandguthaben verbucht ­worden sind, die nicht werthaltig waren.

Stoffel war als Verwaltungsrat der Avireal für die Finanzen zuständig, er war der Mann an der Kasse. Nach den BILANZ-Enthüllungen erklärte er in einer Stellungnahme, die Vorwürfe seien haltlos, die «Vermutungen» diffamierend. Konkret verwies Stoffel auf seinen damaligen ­Mit­aktionär: «Hereth war vollständig in die Transaktionsabläufe involviert.» Doch interne Finanzdokumente und Bankbelege, die der BILANZ vorliegen, zeichnen ein anderes Bild. Demnach orchestrierte Stoffel den Deal über verschiedene Konten bei der liechtensteinischen VP Bank, die zunächst teils gemeinschaftlich von Hereth und Stoffel für diesen Zweck eingerichtet wurden, teils aber auch von Stoffel im Alleingang.

Bei allen verwendeten Konten fiel auf, dass als Zustelladresse stets Stoffels Büro an der Gürtelstrasse 14 in Chur eingetragen war, so auch bei einem Hereth-Konto und einem Gemeinschaftskonto, das Stoffel und Hereth zusammen hielten. Auffällig waren mitunter auch die Kontobezeichnungen. So lautete das Konto 341.249.013 auf die Beteiligungsfirma Ability AG in Chur, als deren einziger Verwaltungsrat mit Einzelunterschrift ­damals Stoffel amtete. Aber im Zahlungsverkehr und auf den Kontoauszügen ­wurde das Konto mit «Avireal» bezeichnet. Selbst ein Konto, das offiziell auf den ­Namen der Zürcher Avireal AG in Kloten lautete, hatte für die Bankkorrespondenz die Adresse «Avireal AG, Postfach 563, 7001 Chur».

In den Tagen nach dem Avireal-Kauf sind gemäss Bankbelegen der VP Bank zahlreiche millionenschwere Transaktionen verzeichnet. So wies Stoffel am 27.  April 2005 die Finanzmanager der Genfer Avireal-Tochterfirma an, am ­darauffolgenden Vormittag, dem Tag des Kaufs der Gesellschaft, von ihrem Konto bei der UBS in Genf zehn Millionen Franken auf das VP-Bank-Konto 341.249.013 mit dem Vermerk «Avireal» zu transferieren. Es sah nach einer Transaktion zugunsten eines Avireal-Kontos aus, und die Manager folgten den Anweisungen Stoffels.

Gemäss Bankbelegen der Vaduzer VP Bank mit Datum vom 28.  April 2005 steht nun fest: Die zehn Millionen landeten auf dem Konto 341.249.013 – dem Ability-Konto mit der Bezeichnung «CHF ­Avireal». Der Kontoauszug zeigt, dass mit Valuta vom selben Tag die 10 Millionen zusammen mit weiteren 188 Millionen Franken auf ein zweites Ability-Konto mit der Nummer 341.249.010 überwiesen wurden. Von diesem zweiten Ability-Konto aus wurde ebenfalls gleichentags mit zwei Bankchecks und zwei Überweisungen der Kaufpreis von ­gesamthaft rund 198 Millionen beim ­Swiss­air-Sachwalter Karl Wüthrich bezahlt. Demnach wurden zehn Millionen Franken aus der Kasse einer übernommenen Unternehmenstochter für den Kauf des Unter­nehmens beigesteuert.

Als die Genfer Avireal-Manager und Ex-Verwaltungsratspräsident Hereth später dieser Zahlung nachgingen und von Stoffel Aufklärung über den Verbleib der zehn Millionen verlangten, erhielten sie eine Bestätigung des Notars René Greminger, dass das Geld auf einem Treuhandkonto unter dessen Kontrolle liege, einem sogenannten Escrow-Konto.

Die Steuerermittlergruppe geht laut einer Stellungnahme der ESTV nun dem Verdacht nach, «dass ein Escrow-Gut­haben verbucht wurde, das nicht werthaltig ist». In ihren Akten haben sie einen Treuhandvertrag, den Stoffel am 1.  Mai 2005 mit Greminger unterzeichnete. Damit hatte Greminger als Notar eine Urkunde ­erstellt, die seine eigene Tätigkeit erfasste. In diesem Vertrag vereinbarten die ­beiden, dass Greminger als Escrow-Agent 196 Millionen Franken Avireal-Vermögen «treuhänderisch verwahren» sollte. ­Greminger sollte «ausschliesslich nur auf Instruktion von Remo Stoffel» handeln, der lediglich einfaches Verwaltungsratsmitglied war. VR-Präsident Hereth wurde in der Urkunde mit keinem Wort erwähnt, seine Unterschrift fehlt. Und: «Sämtliche Korrespondenz der Parteien in Zusammenhang mit dem Escrow-Vertrag» war an die Adresse Avireal AG, ­Remo Stoffel, Verwaltungsrat, Zürich Flughafen, zu richten.

Stoffel vs. Bilanz. BILANZ befragte Stoffel detailliert zu diesen Finanztransaktionen. Er antwortete nicht. Stattdessen liess Stoffel beim Bezirksgericht Plessur im Bündnerland eine superprovisorische Verfügung gegen Behauptungen erwirken, dass er sich im Zusammenhang mit den fraglichen Vorgängen unrechtmässig verhalten habe. Und Greminger verwies auf die «Antwort» von Stoffel: «Ich habe nichts beizufügen.»

Am 15.  September hat das Gericht die superprovisorische Verfügung in acht von zehn Punkten aufgehoben. Nur in zwei – ­publizistisch nicht relevanten – Punkten hat das Gericht das Publikationsverbot unter der strengen Auflage aufrechter­halten, dass Stoffel ­innert einer 20-Tage-Frist mit einer ­Unterlassungsklage gegen die BILANZ ein Vermittlungsverfahren einleitet. Bis zum Redaktionsschluss hat Stoffel davon noch keinen Gebrauch gemacht.

Die ESTV-Ermittler untersuchen nun Berge von Bankdokumenten. Viele Transaktionen erzeugen ein verwirrendes Bild. ­Immerhin eine Einzelzahlung liess sich schnell klären. Am 7.  Juli 2005, Monate nach dem Kauf der Avireal, erteilte Remo Stoffel mit seiner Unterschrift der VP Bank den Auftrag, vom Gemeinschaftskonto Hereth/Stoffel 1,15 Millionen Franken zugunsten des Betreibungs- und Konkursamtes Chur zu überweisen. Wieder gingen die Kontobelege an Stoffel. Konto­mitinhaber Hereth wusste gemäss seiner Auskunft gegenüber der BILANZ hiervon nichts.

Wie das Konkursamt bestätigt, ersteigerte Stoffel mit dem Geld damals die Liegenschaft Storchengasse 17 in der Churer Altstadt. Der stolze Besitzer des Altstadthauses wurde von der BILANZ um Erklärung dazu gebeten. Er blieb eine Antwort schuldig.

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