Die Gepflogenheiten des modernen Medienbetriebes bringen es mit sich, dass der geneigte Leser rund um allerlei Politvorgänge mitunter mehr Details erfährt, als er wirklich wissen will: «Als Deiss anrief», titelte zum Beispiel der «Blick» zum Rücktritt des Volkswirtschaftsministers, «stand Doris Leuthard unter der Dusche.» Sie selber hatte es so treuherzig dem Boulevardblatt erzählt.

Man kann von solchen Äusserungen halten, was man will, Doris Leuthard ist damit bisher ganz gut gefahren. Jedenfalls wird sie von Kennern des helvetischen Politbetriebs unisono als exzellente Kommunikatorin und gewiefte Medienfrau beschrieben.

Victor Schmid zum Beispiel, Senior-Partner beim Beratungsunternehmen Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten in Bern, sieht die Stärken der CVP-Präsidentin in der Kommunikation: «Sie kann Politik dem Normalbürger erklären», sagt er.

Victor Schmid ist zusammen mit Publizist Kenneth Angst, den Politologen Claude Longchamp und Regula Stämpfli sowie Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher Mitglied der BILANZ-Jury, die Jahr für Jahr die mächtigsten Politiker im Land ermittelt. Diese Jury hat die Politikerin Doris Leuthard mit der Note 8,0 eben zur einflussreichsten Schweizer Politikerin der vergangenen zwölf Monate gewählt – knapp vor SVP-Präsident Ueli Maurer (Rang 2) und SVP-Bundesrat Christoph Blocher (Rang 3).

Mit dem Medienhype nach dem Rücktritt von Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss hat das gute Abschneiden von Doris Leuthard übrigens nichts zu tun: Juriert wurde vor der Rücktrittsnachricht.

«In einer Zeit, in der die Kommunikationsfähigkeit eines Politikers über den Erfolg eines Dossiers entscheidet», sagt Jurymitglied Regula Stämpfli, «ist Doris Leuthard logischerweise eine mächtige und einflussreiche Politikerin.» Sie spiele als CVP-Präsidentin mit ihrer Fraktion oft das Zünglein an der Waage, und überdies sei sie «die ideale Projektionsfläche der modernen Schweiz»: «Relativ jung, sach- und nicht ideologiefixiert, intelligent, zielstrebig, attraktiv und sympathisch.»

Beim BILANZ-Rating über die mächtigsten Schweizerinnen und Schweizer werden verschiedene Parameter bewertet. Gemessen wird der Einfluss im eigenen Bereich, der Einfluss über den eigenen Bereich hinaus und die Präsenz in den Medien. Dazu wird untersucht, wie gefestigt ein Politiker in seiner Position ist und ob er sich notfalls gegen den Willen von Betroffenen durchsetzen kann.

Keiner schnitt bei der Bewertung so gut ab wie Doris Leuthard. Die Politikerin fiel bereits im vergangenen Jahr überaus positiv auf: «Man sieht sie schon als mögliche Bundesratskandidatin», heisst es im Artikel zum Rating.

In der Zwischenzeit hat die CVP-Strahlefrau ihre Position weiter gefestigt. Es gelang Doris Leuthard wiederholt, die Partei auf eine klare Position einzuschwören. Zuvor, so sagt etwa Jurymitglied Victor Schmid, stimmten die CVP-Politiker mitunter so, wie sie es gerade im Sinn hatten – eine Parteilinie sei nicht sichtbar geworden.

Das Kunststück vollbrachte Doris Leuthard mit einem unkonventionellen Führungsstil. Sie habe zwar rasch eine Meinung zu den verschiedenen Dossiers, heisst es, halte diese aber meist parteiintern zurück und rede zuerst mit allen Exponenten. Als gute Vermittlerin gelinge es ihr dann, die Parteischäfchen auf eine Position einzuschwören – mit nachhaltigem Erfolg.

Dabei hat die Nationalrätin aus dem Kanton Aargau selber nicht immer die klarste Haltung. Und manchmal setzt sie sich auch in die Nesseln. Als sie mit einem unausgegorenen Islam-Papier ihrer Partei in den Medien Resonanz suchte, verscherzte sie sich manche Sympathien. Doch das ist schon längst vergessen.

Das vollständige BILANZ-Rating der mächtigsten Schweizer erscheint am 7. Juni. Darin enthalten sind neben den mächtigsten Politikern die mächtigsten Manager, Verbandsvertreter, Kulturträger, Medienmacher und Vertreter der Wissenschaft.

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