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Philanthropie: Bill Gates über die Kunst des Gebens

Microsoft-Gründer Bill Gates über Wege, wie Philanthropie helfen kann, wenn die Kräfte des Marktes nicht greifen. Und wie wir mit Hilfe von Technologie das Leben von Menschen verbessern können.

Von Bill Gates
02.02.2007

Eigentlich dachte ich immer, dass Philanthropie etwas sei, womit ich mich erst später im Leben beschäftigen würde, nach meiner Pensionierung vielleicht. Doch je erfolgreicher Microsoft wurde, desto schneller wuchs auch die Summe, die ich der Gesellschaft zurückzugeben in der Lage wäre. Einer der Menschen, die mir bei meinen Planungen in diese Richtung enorm geholfen haben, war Warren Buffett. Er erklärte mir zum Beispiel, dass es nicht gut sei, seinen Kindern ein übergrosses Mass an Reichtum zu hinterlassen. Ich stimme mit ihm völlig überein. Selbstverständlich waren meine Kinder nicht reif genug, dies zu verstehen, und argumentierten kräftig dagegen. Ich war mir auch nicht sicher, ob es möglich wäre, Philanthropie zu betreiben und gleichzeitig ein Unternehmen zu führen. Das Ganze erschien mir etwas absurd: Während des Tages würde ich Geld verdienen, um es abends dann mit vollen Händen wieder auszugeben. Und bestand nicht die Gefahr, dass mich die verschiedenen Aufgaben letztlich verwirrten?

Irgendwann begann ich aber doch, mich ernsthafter mit Philanthropie zu beschäftigen. Einer der Gründe war meine Arbeit mit United Way. Ich bin mit dieser Organisation schon von früher Jugend an vertraut, weil meine Mutter dort immer sehr aktiv tätig war. Sie sprach zu Hause viel über die verschiedenen Spendensammlungen und darüber, wie das Geld unter den unterschiedlichen Organisationen aufgeteilt wurde. Es ging an lokale Sozialeinrichtungen oder an Institute, die sich bei der Erforschung von Krankheiten hervortaten (wir diskutierten mit ihr übrigens auch oft darüber, wie viel von unserem Taschengeld wir an die Kirche geben sollten und wie viel an die Heilsarmee).

Seit den Gründungstagen von Microsoft waren Initiativen zugunsten von United Way ein Mittel, unsere Mitarbeiter enger zusammenzuschweissen und sie über den Tellerrand des Unternehmens blicken zu lassen. Auf diese Weise entwickelten sie ein Gespür für die Nöte der Schwächsten der Gesellschaft. Wir wollten den Blick nach aussen zu einem festen Bestandteil unserer Unternehmenskultur machen. In den letzten Jahren haben wir ein System bei Microsoft geschaffen, das Mitarbeitern hilft, Möglichkeiten für ein freiwilliges soziales Engagement zu finden. Allein letztes Jahr spendeten Angestellte des Konzerns mehr als 68 Millionen Dollar und stellten mehr als 100 000 Stunden ihrer Zeit zur Verfügung. Manche, die sich erstmals engagierten und spendeten, haben inzwischen sogar Führungsrollen in wohltätigen Organisationen übernommen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Erfahrung sie am Ende zu besseren Angestellten macht.

Trotz all diesen Initiativen verstand ich meine Rolle viele Jahre lang vor allem im Dienste des Geschäfts. Doch irgendwann lasen meine Frau Melinda und ich einen Artikel über Millionen Kinder in Entwicklungsländern, die an Krankheiten sterben, die in unserem Land längst ausgemerzt sind. So etwa an einem Leiden, von dem ich nie zuvor gehört hatte: Rotavirus-Infektion. Wir erfuhren, dass jedes Jahr eine halbe Million Kinder an der Krankheit starben. Ich war fassungslos. Da verfolgte ich ständig die Nachrichten, las von Flugzeugabstürzen und allen möglichen Unfällen – wo aber wurde über diese halbe Million Kinder berichtet? Irgendwie, so schien es, wird das Leben einiger für wertvoller befunden als dasjenige anderer.

Das Bewusstsein dieser schrecklichen Tatsache trieb uns dazu, früher als eigentlich geplant mit unseren philanthropischen Aktivitäten zu beginnen. Dabei wollten wir den Kampf gegen Ungerechtigkeit zu einer Priorität unseres Gebens machen. Wir möchten dazu beitragen, dass der Tod eines Kindes in einem armen Land für genauso tragisch erachtet wird wie der Tod eines Kindes bei uns. Die Grundregel, nach der jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, wurde zu unserem Massstab und zu unserer Leitlinie. Praktisch bedeutet das, die ökonomischen Grundvoraussetzungen in den Entwicklungsländern und besonders die Gesundheitssysteme zu verbessern. Gleichzeitig wollen wir auch ein stärkeres Bewusstsein in den Vereinigten Staaten für bestehende Missstände schaffen. Ein funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen hat erstaunliche Auswirkungen: Es rettet nicht nur Leben, sondern verbessert die Lebensqualität in allen Bereichen – im Bildungssystem, im Transportwesen oder anderswo. In dem Masse, in dem sich die medizinische Versorgung verbessert, steigt der Bildungsgrad drastisch an, und die Menschen haben kleinere Familien. Alles Faktoren, die eine stabile, wohlhabende Gesellschaft ausmachen. Natürlich ist beim Thema Gesundheitsvorsorge Technologie der Schlüssel zum Erfolg. Aber manchmal kann die blosse Bereitstellung von Technologie das Problem nicht lösen – trotz besten Absichten.

1997 reiste ich nach Südafrika, um ein Sozialzentrum in Soweto einzuweihen. Microsoft hatte dem Zentrum einen Computer gestiftet, und als ich dort ankam, wollten mir die Mitarbeiter ihre Dankbarkeit zeigen. Am Ende aber zeigten sie mir unbeabsichtigt etwas ganz anderes: Das Sozialzentrum verfügte über keine eigene Stromversorgung, also mussten die Leute ein Verlängerungskabel über 200 Meter zu einem Dieselgenerator legen. Tatsächlich gelang es ihnen, den Computer in Gang zu setzen. Aber ich wusste, dass in dem Moment, da die Journalisten und ich den Ort verliessen, der Generator wieder für dringendere Aufgaben verwendet würde. Der Computer würde den Leuten im Sozialzentrum wieder ziemlich gleichgültig werden.

Mit anderen Worten: Obwohl der Computer Teil einer Lösung sein kann, müssen wir uns immer daran erinnern, Technologie in den Dienst der Menschen zu stellen. Es geht nicht darum, unseren Umgang mit Technologie einfach nur in die Dritte Welt zu transferieren und dort zu alimentieren. Wenn wir das tun, erhöhen wir die Bedeutung von Technologie in zu hohem Masse – gerade so, als sei sie das Ziel. Was wir vielmehr tun müssen, wäre, Technologie dazu zu verwenden, menschliche Bedürfnisse zu stillen. Das ist der Ausgangspunkt jeder Philanthropie.

Die Herausforderung besteht darin, das Beste aus dem Geld und der Zeit zu machen, die zur Verfügung stehen. Wir müssen die jüngsten Fortschritte in Wissenschaft und Bildung dort anwenden, wo sie am nötigsten gebraucht werden. Spendengelder sind immer dann am besten investiert, wenn man ein Problem findet, das bisher übersehen wurde, und man dort neue Lösungsansätze zum Tragen bringen kann. Nehmen Sie etwa die Menschheitsgeissel Malaria. Bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert wurden Nobelpreise für Erkenntnisse über den Malariaerreger und seine Verbreitung vergeben. Aber 100 Jahre später liegen die Malariainfektionen weltweit so hoch wie nie zuvor: Jedes Jahr werden mehr als 400 Millionen Menschen mit dem Erreger infiziert, mehr als eine Million sterben an der Krankheit. Mehr als 2000 Kinder werden jeden Tag Opfer von Malaria.

1999 stiftete die Gates Foundation über 50 Millionen Dollar im Bereich der Malariaforschung. Mir wurde damals erklärt, dass wir gerade die Summe privater Spenden zur Bekämpfung dieser Krankheit verdoppelt hätten. Ich war entsetzt und konnte es nicht glauben. Grosszügige Menschen spenden weltweit enorme Summen für alle möglichen Dinge – warum aber steht diese mörderische Krankheit nicht ganz oben auf der Prioritätenliste?

Die Antwort auf diese Frage ist, dass Technologie durch Marktkräfte angetrieben wird. Man entwickelt neue Lösungen, wenn es einen Kundenkreis für sie gibt. Bei der Malaria gab es keinen Markt für neue Entdeckungen. Im Prinzip trifft diese traurige Erkenntnis auch auf die Tuberkulose zu, aufs Gelbfieber sowie auf akute Durchfall- und Atmungserkrankungen. Jedes Jahr sterben in der Dritten Welt Millionen Kinder an diesen Krankheiten, und doch haben die Fortschritte der Biologie und der pharmazeutischen Industrie hier keinen Niederschlag gefunden. Warum? Weil diese Krankheiten in reichen Ländern schlicht nicht verbreitet sind. Der private Sektor ist an der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen diese Krankheiten nicht interessiert, weil die Entwicklungsländer sie nicht kaufen können.

Mehr als 90 Prozent der Forschungsgelder im Bereich der Medizin werden für jene Menschen aufgewendet, die im Prinzip am gesündesten sind. Ungefähr eine Milliarde Dollar wird jedes Jahr investiert, um Kahlköpfigkeit zu bekämpfen. Das mag für einige Leute von grosser Bedeutung sein, aber wenn wir Prioritäten festlegen, sollte die Bekämpfung von Glatzen doch hinter Malaria stehen, bitte schön!

Philanthropie kann wirksam werden, wenn das Spiel von Angebot und Nachfrage die gestellten Aufgaben nicht bewältigt. Sie kann Experten für die gute Sache gewinnen, Preise verteilen und Verträge mit privaten Unternehmen aushandeln. Jedes Jahr bieten neue Forschungsergebnisse schier unendlich viele Möglichkeiten für neue Lösungen. Technologie ist auch deshalb zentraler Fokus unserer Stiftung, weil sie uns helfen kann zu sehen, was wirklich in der Welt vor sich geht. Im Moment haben wir noch keinen richtigen Blickkontakt zu den Leuten, die in den Entwicklungsländern leiden.

Wenn man die Weltbevölkerung nach dem Zufallsprinzip geografisch so verteilen könnte, dass reiche Menschen plötzlich in direkter Nachbarschaft von Menschen aus Entwicklungsländern leben müssten, verschöbe sich die Perspektive sofort. Dann hiesse es: «Um Gottes willen, jene Leute dort am Ende unserer Strasse verhungern ja. Und haben Sie die Mutter dort gesehen? Ihr Kind ist gerade gestorben. Und der Mann dort, der leidet unter Malaria und kann nicht zur Arbeit gehen!» Grundlegende menschliche Instinkte würden einsetzen und unsere Prioritäten verschieben.

Technologie kann uns die Augen dafür öffnen, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben. In den letzten Jahren haben die himmelschreienden Ungerechtigkeiten schon eine grössere Rolle bei der Berichterstattung in den Medien eingenommen. Und je mehr Menschen diese Probleme sehen, desto mehr drängen sie auch auf Lösungen. Wie es uns die Technologie ermöglicht, die Ungerechtigkeiten der Welt zu sehen, so kann sie auch dabei helfen, diese anzugehen. Technologie muss nicht kompliziert oder kostspielig sein. Tatsächlich bietet die einfachste Technologie oft die beste Lösung.

Der Einsatz von Technologie in der Dritten Welt erfolgt oft unter schwierigen Bedingungen: an Orten mit extremem Klima, ohne Elektrizität und ausgebildete Fachkräfte. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass jemand unter diesen Umständen zum Beispiel eine defekte Maschine reparieren kann. Und um sie zu ersetzen, fehlt erst recht das Geld. Während also Wissenschaft und Technik heute zu immer komplexeren Innovationen führen, fordert die Wirklichkeit vor Ort oft einfache Lösungen. Darin liegt die Herausforderung. Die intelligente Lösung eines Problems kann zum Beispiel ein simpler Aufkleber sein, der das Verfalldatum eines Impfstoffs angibt. Solche Etiketten verhindern, dass Millionen Dosen guter Impfstoffe weggeworfen und Millionen Dosen verdorbener Impfstoffe verabreicht werden.

Der effektive Einsatz von Technologie kann auch in Form einer Bancomatkarte kommen. In Malawi haben Frauen Schwierigkeiten, ein Bankkonto zu eröffnen. Warum? Weil sie nie gelernt haben zu schreiben und Dokumente oder Checks nicht unterzeichnen können. Das hat Folgen. Dann etwa, wenn ihr Ehemann stirbt – was angesichts von Aids sehr häufig vorkommt. Es ist in Malawi von alters her Sitte, dass die Verwandten des verstorbenen Gatten die Habseligkeiten der Witwe in Besitz nehmen. Unsere Stiftung hat nun eine Initiative unterstützt, die Bankkarten mit Fingerabdruckleser einführt, auch analphabetischen Frauen die Eröffnung eines Bankkontos ermöglicht und somit verhindert, dass die Witwen mittellos sind. Wir haben inzwischen gehört, dass Frauen in Malawi diese Neuerung bereits mit grossem Stolz ihren frisch angetrauten Ehemännern verkünden. So unterstützen wir ein Stück weit auch die dortige Emanzipation.

In Regionen, in denen es keine Infrastruktur für Bankverkehr gibt, fördert unsere Stiftung Unternehmen mit Satellitentechnologie, um Menschen auch dort Finanzdienstleistungen anbieten zu können, etwa bei der Aufnahme von Krediten oder beim Abschluss von Versicherungen.

Probate Lösungen können auch in Form von veredeltem Saatgut kommen. Beispiel Maniok: Diese Nutzpflanze ist eine Hauptnahrungsquelle in vielen Teilen Afrikas und Südamerikas. Maniok ist preiswert, reichlich vorhanden und reich an Protein und Kalzium, enthält aber auch Giftstoffe, so etwa einen Vorläufer des Cyanids. Menschen, die hauptsächlich von Maniok leben, leiden oft an Vergiftungserscheinungen und Unterernährung. Moderne Saatveredelung nun ermöglicht es, Maniok mit geringerem Anteil an Giftstoffen zu züchten.

Geeignete Technologie kann auch in Form einer Wasseraufbereitungsanlage kommen, die UV-Strahlen nutzt, um Bakterien, Viren und Parasiten wie das Cryptosporidium abzutöten, einen Erreger von Durchfallerkrankungen, der jährlich Millionen Kinder tötet. Unsere Stiftung unterstützt ein Unternehmen, das Anlagen vermarktet, die sauberes Trinkwasser für weniger als einen Cent pro Person und Tag zur Verfügung aufbereiten kann.

Keine Stiftung kann die Gesundheitsprobleme der Dritten Welt im Alleingang lösen. Wir brauchen Unternehmen und Regierungen als unsere Partner. Das bedeutet, dass wir die drängenden Themen auf die politische Tagesordnung setzen und die Marktkräfte involvieren müssen, um den privaten Sektor einzubeziehen. Wir alle haben dabei eine grössere Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen das Versagen bisheriger Bemühungen analysieren und uns überlegen, was wir ändern könnten. Die Herausforderungen sind unendlich komplex.

Die Gates Foundation bringt heute ein Prozent aller privaten Spenden in Afrika auf. Wenn es uns gelingt, dass Menschen bestimmte Krankheiten nicht mehr nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt nicht mehr länger akzeptieren, können wir gewaltige Kräfte freisetzen. Ein Anfang wäre damit getan, dass wir unseren Regierungen erlauben, mehr Geld für die beschriebenen Herausforderungen aufzuwenden. Das wäre ein erster Schritt zu einem wirklichen Umdenkprozess.

Mit unserer Stiftung haben wir inzwischen viel gelernt. Ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Leute begreifen, dass Philanthropie etwas sehr Befriedigendes sein kann. Die Führung einer Stiftung ist durchaus mit der Führung eines erfolgreichen Unternehmens zu vergleichen – und sie bedarf meiner Ansicht nach auch ähnlicher Fähigkeiten. Es scheint mir ein Privileg zu sein, in diesem Bereich tätig sein zu dürfen. Selbstverständlich machen wir auch Fehler, das gehört dazu und hält uns davon ab, zu übermütig zu werden. Doch am Ende fällt die Lösung dieser Probleme auf uns alle zurück. Wir haben die Chance, das Leben von Milliarden von Menschen auf der Welt zu verbessern. Ich kann mir keine noblere Aufgabe vorstellen.

Bill & Melinda Gates Foundation

Milliarden für Arme

Spenden, die seit 2000 von der Gates-Stiftung vergeben wurden.

1. Gesundheitsprogramm weltweit: 7,8 Milliarden Dollar
– Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und anderen Krankheiten, Impfprogramme.
– Globale Gesundheitsstrategien, Unterstützung von lokalen Gesundheitsorganisationen.
– Forschung, Gesundheitsförderung.

2. USA-Programm: 4,6 Milliarden Dollar
– Weiterbildung und Unterstützung von minderbemittelten Studenten in den Bundesstaaten Washington und Oregon.
– Finanzierung von Bibliotheken (inklusive Internet) und NGO.

3. Globale Entwicklung: 492 Millionen Dollar
– Entwicklung widerstandsfähiger Samen in der Landwirtschaft, günstige Setzlinge, Anschubfinanzierung, Weiterbildung für Bauern.
– Finanzhilfen für Arme.
– Finanzierung von Bibliotheken.

4. Andere: 323 Millionen Dollar.

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