Das einzig Gute, was man über sein Büro sagen kann: Die Sicht vom zehnten Stock über die ­Dächer Zürichs beeindruckt. Ansonsten ist der Arbeitsplatz von Peter Löscher (58) ein trostloser Ort: ein grauer Betonkasten aus den siebziger Jahren, ver­winkelte Flure, speckige Steinböden in zusammengewürfelten Farben, kleine schmucklose Bürozellen. Im Erdgeschoss eine Hamburgerbraterei, ein Coiffeur und eine Tankstelle, darüber zahllose Klein- und Kleinstfirmen. Drumherum tost die Zürcher City.

Als Siemens-Chef war Löscher anderes gewohnt: Im herrschaftlichen Palais Ludwig Ferdinand in München herrschte völlige Stille im Vorstands­flügel. Dicke Teppiche, edelste dunkelbraune Hölzer, schwarze Ledersessel bestimmten das Bild, Kaffee wurde aus Nymphenburger Porzellan serviert. ­Damals, von 2007 bis 2013, kommandierte Peter Löscher 370'000 Mitarbeiter, damals hatte er drei Vorzimmerdamen sowie mehrere eigene Referenten, damals wurde er vom persönlichen Fahrer im neuesten BMW 7er chauffiert.

Heute bleiben ihm noch 30 Schäflein, heute muss er sich mit einer einzigen Assistentin zufriedengeben, heute karren ihn die SBB von Feusisberg in 40 Minuten zur Arbeit. «Hier ist alles direkter, persönlicher, kleiner», versucht Löscher dem das Beste abzugewinnen: «Wir wollen hier keine Siemens-Struk­turen hochziehen.»

Imperium nur schemenhaft nachzuvollziehen

Hier, das ist Renova, genauer gesagt die Renova Management AG, die Löscher seit eineinhalb Jahren leitet. Sie steuert die Renova Holding auf den ­Bahamas, in der der russische Oligarch Viktor Vekselberg die meisten seiner Beteiligungen zusammengefasst hat. 24 Milliarden Dollar Assets under ­Management verzeichnete Renova vor zwei Jahren (neuere Zahlen gibt es nicht), 134'000 Mitarbeiter beschäftigten damals die Tochterfirmen.

Dazu gehören in der Schweiz die Industriekonzerne Sulzer (Beteiligung von 33 Prozent) und OC Oerlikon (44 Prozent) sowie der Stahlfabrikant Schmolz + Bickenbach (41 Prozent). Woraus das Imperium sonst genau besteht, lässt sich nur schemenhaft nachvollziehen. Als privat gehaltene Firma erteilt Renova keine Auskunft.

Unternehmer sein

Peter Löscher hätte auch Honorarprofessor werden können, noch am Tage seines Rücktritts als Siemens-Chef im Juli 2013 hatte er ein entsprechendes Angebot auf dem Tisch. Oder er könnte bei einer Private-Equity-Bude Firmen filetieren, wie es etwa Ex-ABB-Chef Fred Kindle tut.

Löscher liess sich sechs Monate Zeit, dann heuerte er beim russischen Oligarchen an. «Ich wollte etwas Unternehmerisches machen», sagt er, «und für eine private Gruppe arbeiten, die ihre Indus­triebeteiligungen langfristig aufbaut.» Vekselberg hatte damals, im Frühling letzten Jahres, den Verwaltungsrat der Renova bereits mit zwei Schwergewichten bestückt: Mit Josef Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank und Ver­bündeter Löschers im 2013 verlorenen Machtkampf um die Siemens-Spitze, sowie mit Orit Gadiesh, Chefin der Beratungsfirma Bain & Company. Diese hatte für Renova die Kernaktivitäten neu definiert und die Strategie ausgearbeitet.

Duktus des grossen CEO

Und das schien ja zu passen mit dem Russen und dem Österreicher: Unter Löscher hatte Siemens den Russland-Umsatz auf 1,6 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Löscher unterhielt ein gutes Verhältnis zu Wladimir Putin, ohne das in Russland keine grossen Geschäfte zu machen sind. Vekselberg kannte er, seit dieser im Auftrag von Putin in Skolkovo nahe Moskau begonnen hatte, eine Art künstliches Silicon Valley hochzuziehen – Siemens war einer der ersten westlichen Investoren.

Dass Löscher jetzt kleine Brötchen bäckt, merkt man ihm nicht an: Noch immer verströmt er den Duktus des CEO von Europas drittgrösstem Industriekonzern, noch immer drückt seine Körpersprache unbedingte Entschlossenheit aus, die keinen Widerspruch duldet, und noch immer wird seine Stimme kalt und funkeln seine Augen, wenn ihm etwas nicht passt. Auch seine Markenzeichen, den George-Clooney-Look und die päpstlichen Handgesten, kultiviert er.

Vorbild Wallenberg

Löscher, der ebenso aus Villach stammt wie Nestlé-Präsident Peter Brabeck, soll die Renova professionalisieren, sowohl was die Mitarbeiter (bislang häufig Freunde und Vertraute Vekselbergs) als auch was die Strategie (bislang opportunistisch) angeht. Sulzer und OC Oerlikon definieren den indus­triellen Kern, darüber hinaus sollen starke Minderheitspositionen bei weiteren Publikumsgesellschaften aufgebaut werden. Die schwedische Investor AB der Wallenberg-Familie sieht Löscher als Vorbild. Viermal im Jahr tagt der Renova-VR, dem neben Löscher, Ackermann, ­Gadiesh und Vekselberg auch noch ­dessen langjähriger Vertrauter Vladimir Kuznetsov angehört. Und die Renova Management soll Dienstleistungen wie Beratung oder Finanzierung für die Beteiligungen erbringen: «Ich bin mit ­meinen Mitarbeitern das Kompetenz­zentrum für strategische Beteiligungen», definiert Löscher seine Rolle selber.

Was sich Vekselberg aber hauptsächlich von Löscher verspricht, ist klar: seine Reputation hierzulande aufzubessern, die sich seit dem Einstieg bei Sulzer 2006 unter zweifelhaften Umständen und dem damit verbundenen Strafverfahren des Finanzdepartements nie wirklich erholt hat. Löscher hatte sich den Ruf als Saubermann erworben, als er zunächst bei Merck den Vioxx-Skandal aufräumte und danach bei Siemens die Korruptions­affäre bewältigte. Ausserdem soll er für Corporate Governance nach westlicher Art, Transparenz und Glaubwürdigkeit stehen. Gerade darauf legt Löscher Wert: «Langfristig sind Transparenz und Glaubwürdigkeit die Basis für jegliches Geschäftsgebaren», sagt er.

Reputation gegen Rubel

Das lässt sich Vekselberg (geschätztes Vermögen: 11,5 Milliarden Franken) einiges kosten. Laut zwei gut unterrichteten Quellen hat sich Löscher bei Renova ein Gesamtpaket gesichert, das sich in der Nähe des letzten Siemens-Salärs (2012: ­8 Millionen Euro) bewegt. Einzig ausgewiesen ist seine Vergütung als VR-Präsident von Sulzer von rund 770'000 Franken. Löscher und sein VR-Kollege Josef Ackermann folgen dem Beispiel von Alt-Kanzler Gerhard Schröder: Im Spätherbst der Karriere tauschen sie die erworbene Reputation gegen Rubel ein.

Löscher will zu den Eckpunkten seiner Anstellung nichts sagen: «Das ist eine private Vereinbarung zwischen mir und Herrn Vekselberg.» Nicht einmal, wie lange sein Mandat läuft, will er offen­legen, oder für welche der russischen Tochterfirmen genau er zuständig ist – geschweige denn, in welcher Höhe er sich bei Renova beteiligt hat. Transparenz soll Löscher bringen, aber mit gutem Beispiel vorangehen will er nicht.

Worthülsen

Knapp eineinhalb Jahre arbeitet der ehemalige Kapitän der österreichischen Volleyball-Nationalmannschaft bereits für Renova, stets blockte er Interview­anfragen ab. «Mir war wichtig, die organisatorische Basis zu schaffen und mein Team zusammenzustellen», erklärt er sein Schweigen. Für BILANZ tritt er erstmals auf. Was hat er in der Zwischenzeit getan? «Wir haben die neue Renova konzipiert», sagt er.

Konkret bedeute das: die Strukturen eingeführt, die Personen ausgesucht, die Entscheidprozesse definiert, die Schwerpunkte gesetzt. Jene Schwerpunkte, die er auf Nachfrage nennt, sind freilich Worthülsen: «strategische Erfahrung einbringen», «Wachstumspotenzial identifizieren», «Hochtechnologiemärkte anschauen», «sich technologisch differenzieren», «im Rahmen unseres Auftrages bestehende Assets global langfristig und nachhaltig weiterentwickeln» – dafür bräuchte es keinen hoch bezahlten ­Industriekapitän.

Detailentscheide

Löscher ist innerhalb der Renova umstritten: Für den Job seien Russischkenntnisse unerlässlich, meinen die einen – solche gehören nicht zu Löschers beachtlichem Sprachrepertoire. Er sei es gewohnt, grosse Organisationen mit umfangreichen Stäben zu führen, sagen andere – beides gibt es bei Renova nicht. Entscheidend wird sein, wie gut Löscher mit seinen Vorschlägen im russischen Firmengeflecht durchkommt. Vekselberg hat den Ruf, vieles selbst entscheiden zu wollen, häufig auch in Detailfragen. Es gebe klare Richtlinien, was seine eigenen Entscheidungsbefugnisse sind, ab wann der VR eingebunden wird und ab wann Vekselberg, sagt Löscher dazu. Wie diese Richtlinien aussehen, will er nicht skizzieren. Er sagt nur: «Wir stimmen uns regel­mässig ab.»

Dass Löscher seine Vertrauensleute in Schlüsselpositionen setzt, gefällt naturgemäss auch nicht allen. Tim Summers beispielsweise, VR-Präsident bei OC Oerlikon und langjähriger Vekselberg-Vertrauter, musste gehen. Löscher hielt ihn für zu wenig kompetent, zudem passte sein exaltierter Lebensstil (zur Arbeit etwa kam er gerne im Rolls-Royce-Cabrio) nicht zum neuen Renova-Bild, das Löscher vermitteln will.

Vertrauensleute

An seine Stelle platzierte er Michael Süss, der bei Siemens unter ihm die Energiesparte leitete. Doch fraglich ist, wie der kantige Oberbayer mit seinem rustikalen Führungsstil und seiner sehr deutlichen Sprache in der Schweiz ankommt. «Das wird nicht gut gehen», befürchtet einer aus dem Renova-Umfeld. «Oerlikon-CEO Brice Koch wird sich das nicht lange gefallen lassen.» Im Sulzer-VR hat Löscher mit Gerhard Roiss einen Landsmann installiert, der ebenfalls als Vertrauter gilt.

Auch Anwalt Carl Stadelhofer, der für Vekselberg das komplexe Firmengeflecht entworfen hatte, musste seinen Platz im VR und als Chefjurist räumen. Die HR-Abteilung hat Löscher mit einem prominenten Berater verstärkt: Gary Steel sass zehn Jahre lang in der Konzernleitung von ABB, bis er sich Ende 2013 eigentlich in den Ruhestand verabschiedete. Insgesamt hat Löscher den Personal­bestand bei der Renova Management AG von 25 auf 30 Stellen aufgestockt.

Gut versteckte Erfolge

Falls Löscher mit Renova Erfolge zu verzeichnen hat, versteckt er sie gut. Von aussen sind sie nicht erkennbar, darüber reden will er nicht. Offensichtlich ist hingegen die Performance der Schweizer Firmen, für die er als Renova-Vertreter zuständig ist. In der Ära Löscher verlor Sulzer 40 Prozent des Börsenwertes, OC Oerlikon 28 Prozent, Schmolz + Bickenbach 27 Prozent. Der SMI gewann in dieser Zeit 4,5 Prozent, der weltweite Industrieindex Stoxx 600 zwei Prozent.

Um über 1,4 Milliarden Franken musste Vekselberg den Wert seiner Schweizer Renova-Beteiligungen seit Löschers Amtsantritt korrigieren. «Als Aktionär können wir damit natürlich nicht zufrieden sein», sagt Löscher. Verantwortlich dafür sieht er sich nicht: «Dazu müssen sich die einzelnen Firmen äussern. Ich spiele da keine Rolle.»

Chef ohne Mission

Bei Sulzer als Präsident spielt er eine entscheidende Rolle – auch hier will er nichts sagen. Stattdessen versteckt er sich hinter Corporate Governance: «Sie sprechen mit mir als CEO von Renova, nicht als Sulzer-Präsident», sagt er. «Ich trenne das grundsätzlich, damit keine Missverständnisse aufkommen.»

Was genau seine Mission bei Renova ist, das ist Löscher möglicherweise selbst nicht ganz klar. Einerseits nennt er es als eine seiner Aufgaben, «bestehende Assets global langfristig und nachhaltig weiterzuentwickeln». Andererseits betont er immer wieder, die Firmen würden selber bestimmen und stünden alleine in der Verantwortung, strategische Fortschritte zu machen: «Renova kann da als Aktionär nicht unmittelbar etwas beeinflussen.» Als Sulzer-Präsident freilich müsste Löscher dringend etwas be­einflussen. Der Firma gelang das Kunststück, über zehn Jahre in einem wachsenden Markt zu schrumpfen.

Akquisitionen sind schwierig

Löscher muss dem Unternehmen eine Vision geben für die Zukunft. Und er muss eine vernünftige Verwendung finden für jene 850 Millionen Franken, die seit dem Verkauf der Sparte Beschichtung letztes Jahr an OC Oerlikon in den Sulzer-Kassen liegen. Doch derzeit sind Akquisitionen schwierig, es gibt viel Geld im Markt, aber wenig Firmen.

Löscher hat es versucht, als er kurz nach Amtsantritt das Winterthurer Unternehmen mit der texanischen Dresser-Rand fusionieren wollte. «Das wäre ein strategischer Wurf gewesen», sagt er: «Die Firma hätte im Öl- und Gasmarkt eine völlig andere Grössenordnung bekommen und auch für den Kunden in einer anderen Gewichtsklasse gespielt.» Doch ausgerechnet Joe Kaeser, gegen den Löscher vor zwei Jahren den Machtkampf um die Siemens-Spitze verloren hatte, schnappte ihm die Firma weg. Im Nachhinein ein Glücksfall für Löscher: Durch den Verfall des Ölpreises hat auch Dresser-Rand stark an Wert verloren; der Verkaufspreis von 7,6 Milliarden Dollar erwies sich rückblickend als viel zu hoch. Das ist nun Kaesers Problem, nicht Löschers.

Weiterer Flop droht

Ein weiteres strategisches Projekt droht zu floppen. Anfang August überschritt Renova mit ihrer Sulzer-Beteiligung die Schwelle von 33 Prozent aller Aktien und löste damit ein Pflichtangebot an die übrigen Aktionäre aus. Der Schritt war geplant und soll Renova mehr Bewegungsfreiheit geben, indem die Firma von zukünftigen Pflichtangeboten befreit wird. Weil Vekselberg die Sulzer-Position aber nicht ausbauen will, gestaltete er das Angebot so unattraktiv wie möglich und bot nur den börsenrechtlich vorgeschriebenen Minimalpreis.

Doch seither sind die Börsen wegen der China-Krise stark gefallen, der gebotene Preis ist plötzlich attraktiv. Diverse Grossanleger wollen nun ihre Sulzer-Aktien andienen. «Es würde nicht überraschen, wenn Vekselberg am Ende mehr als 50 Prozent an Sulzer hielte», zitierte die «Handelszeitung» kürzlich einen Banker. Das würde Renova 550 Millionen Franken kosten.

«Primadonna»

Dringend muss Löscher einen neuen CEO für Sulzer finden, nachdem ihm der bisherige Chef Klaus Stahlmann im August abgesprungen ist. Menschlich konnten die beiden nie mit­einander; dass Stahlmann das selbst auferlegte Renditeziel von 18 Prozent jedes Quartal verfehlte, sorgte zudem ständig für harte Diskussionen. Via Headhunter liess Löscher bereits einen Nachfolger suchen. Als Stahlmann davon erfuhr, warf er den Bettel hin; seither führt Finanzchef Thomas Dittrich die Geschäfte interimistisch.

Grund für die Verstimmung der beiden Alphatiere war wohl auch, dass sich Löscher nicht an Abmachungen gehalten haben und die Strategie mehrmals willkürlich geändert haben soll. Das Wort «Primadonna» fällt gleich mehrmals, wenn man sich in den Teppichetagen der Schweizer Renova-Beteiligungen über Löscher umhört. Ein Manager spricht von einer «grossen Bugwelle, gefolgt von einem relativ kleinen Schiff». Tagelang sei Löscher nicht erreichbar, wenn man ihn brauche. Dann wieder mische er sich in Details ein, die ihn eigentlich nichts angingen. Den Vorwurf weist Löscher weit von sich: «Glauben Sie mir, dass ich den Unterschied zwischen VR-Präsident und CEO genau kenne und beachte!»

Wie viel Zeit bleibt Löscher?

Die Frage ist, wie viel Zeit Vekselberg dem Österreicher noch geben wird, bis sich der Erfolg einstellt. «Bisher hat Löscher nicht geliefert», heisst es in seinem Umfeld. «Langsam merkt man bei Renova, dass man mit Zitronen handelt.» Ein Renova-Topmanager spricht Löscher gar die Kompetenz ab, in der Firmengruppe etwas zu bewegen. Sollte Löscher einen konkreten Plan haben, wie er die Beteiligungen des Oligarchen vorwärtsbringen will, dann behält er ihn für sich: «Das ist das Wunderschöne eines privaten Unternehmens», sagt er: «Es muss nicht durch Ankündigungen glänzen.»

Nur über ein Projekt berichtet er freimütig: Noch dieses Jahr wird Renova Management den trostlosen Betonklotz aus den siebziger Jahren räumen. «Der Platz reicht nicht aus, und die Kommunika­tionswege sind umständlich», sagt Löscher. Am neuen Ort, einem fast vollständig verglasten dreistöckigen Zweckbau nahe des Stadtzürcher Seeufers, solle die Kommunikation einfacher sein. Derzeit laufen dort die Renovierungsarbeiten.

Schon als Siemens-Chef hatte Löscher einen neuen Hauptsitz in Auftrag gegeben, im Jahre 2010. Die Fertigstellung des Gebäudes am Münchner Wittelsbacherplatz ist für nächstes Frühjahr geplant. Eröffnen wird es Löschers Nachfolger.

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