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Peter Forstmoser: Der Tausendsassa von der Bahnhofstrasse

Peter Forstmoser

Er ist Präsident der Swiss Re, mehrfacher Verwaltungsrat, Uni-Professor und Wirtschaftsanwalt. Wie schaffte es Peter Forstmoser, zum einflussreichsten Juristen der Schweiz zu avancieren?

Von Erik Nolmans
31.05.2005

Über Mittag steigt Peter Forstmoser jeweils auf sein Klappvelo. Dann radelt der 62-Jährige vom Hauptsitz der Swiss Re am Zürcher Seebecken in sein Büro an der Bahnhofstrasse. Dort, in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskanzlei Niederer Kraft & Frey, tauscht er, wenn er keine Kunden treffen muss, Anzug und Krawatte gegen Jeans und Freizeithemd.

Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und nimmt sein wichtigstes Arbeitsutensil zur Hand, ein Diktiergerät. Einen Computer besitzt er nicht. Alle seine Texte – sei es eine Rede für die Generalversammlung der Swiss Re, die er als Präsident zu leiten hat, sei es ein Skript für die Vorlesungen, die er an der Uni Zürich gibt, sei es ein Gutachten für einen Kunden, den er als Partner der Anwaltskanzlei betreut, oder sei es ein Aufsatz zum Schweizer Aktienrecht – diktiert Peter Forstmoser druckreif ins Gerät und lässt sie später abtippen.

Für viele ist diese Arbeitsmethode das Geheimnis der ungeheuren Produktivität des Juristen. Ohne besondere Arbeitstechnik wäre sein Pensum wohl kaum zu bewältigen. Forstmoser steht nicht nur einem der grössten Rückversicherungskonzerne der Welt vor, er sitzt auch in den Verwaltungsräten des Industrieunternehmens Mikron, der Bank Hofmann, der Beteiligungsgesellschaften Müller-Möhl Group und Hesta sowie zehn weiterer, kleiner Firmen und Stiftungen. Als führender Aktienrechtler in der Schweiz bestimmt er zudem seit rund dreissig Jahren den wissenschaftlichen Diskurs und die praktische Festlegung der juristischen Rahmenbedingungen der Schweizer Wirtschaft. Jeden Mittwoch gibt er ausserdem an der Universität Zürich eine vierstündige Vorlesung – es ist eine der am besten besuchten Veranstaltungen an der Uni.

Bereits 1974 wurde er zum Professor für Privat-, Handels- und Kapitalmarktrecht an der Uni Zürich gewählt. Er hat seither nicht nur eine ganze Generation von Schweizer Juristen geprägt, er ist auch nach über dreissig Jahren bei den Studenten noch einer der beliebtesten Professoren. Seine lebendige Vortragstechnik, seine Glaubwürdigkeit als Praktiker und seine Nahbarkeit kommen an.

Zum Interview empfängt Peter Forstmoser in seinem Büro bei der Swiss Re am Zürcher Mythenquai mit wunderschönem Blick auf den See. «Zwei Drittel meiner Zeit verwende ich für die Swiss Re», sagt er, «zwei Drittel für den Rest.» Gibt das nicht vier Drittel? «Das stimmt», sagt er schmunzelnd. Doch so genau abgrenzen könne man das alles ja nicht. Seine drei Haupttätigkeiten hätten enge Berührungspunkte: «Sei es als Verwaltungsrat, sei es als Anwalt, sei es als Professor, es geht eigentlich immer um das Gleiche: Organisation und Finanzierung von Unternehmen.» Seine Aktivitäten befruchteten sich gegenseitig: «Wenn ich einen wissenschaftlichen Aufsatz schreibe, bringt mir das etwas für die Praxis. Und was ich in der Praxis erlebe, schlägt sich nieder in den Publikationen.»

Forstmoser gilt als umgänglicher Typ ohne Statusdünkel. Er tritt konzentriert und doch unverkrampft auf. Und stets fällt auf: Er scheint seine Aufgaben weniger als Last denn als Lust zu empfinden.

Nur manchmal wird alles auch für ihn etwas viel. Etwa 2001, als die Swissair unterging und er an der Generalversammlung der Crossair die Stimmen der Grossaktionäre der UBS und der Credit Suisse vertrat. Zu all den üblichen Tätigkeiten kamen damals rund sechs Stunden täglich für die Aufgaben im Rahmen der neu zu gründenden Swiss hinzu. Das sei für ihn am Rande der Machbarkeit gewesen. Körperlich ausgelaugt, habe er an der Crossair-Generalversammlung eigentlich nur eine Sorge gehabt: Hoffentlich kippe ich nicht um, hier vor all den Leuten! «Das wäre wohl ein schlechtes Signal gewesen», sagt er.

Umgekippt ist er bisher noch nie. Im Gegenteil: Für verschiedene schweizerische Grossfirmen war Forstmoser stets eine der verlässlichsten Stützen. Der Aktienrechtsspezialist hat als Anwalt und Gutachter bei entscheidenden Umbauprojekten von Schweizer Blue-Chip-Firmen mitgewirkt. Für das Pharmaunternehmen Roche konstruierte er 1989 das Holdinggerüst und damit die bis heute gültige Aktienstruktur des Milliardenkonzerns. Beim Nahrungsmittelgiganten Nestlé bereitete er juristisch das Feld vor für die Öffnung der Namenaktien für Ausländer von 1989. Für die Grossbank Credit Suisse baute er die CS Holding, die 1989 zum Dach der Bank wurde.

All diese Tätigkeiten sind im selben Netzwerk zu Stande gekommen: dem Machtkonglomerat um die Unternehmen Credit Suisse, Swiss Re, Nestlé und Roche. Diese vier Firmen sind personell traditionell eng miteinander verknüpft. Den wichtigsten Akteuren dieses Netzwerks, etwa dem langjährigen CS-Chef und späteren Nestlé-Präsidenten Rainer E. Gut, steht Forstmoser seit vielen Jahren nahe. Für die Grossbank trat er erstmals bereits im Jahr 1978 als Stimmenzähler an der Generalversammlung der SKA in Erscheinung.

In den Verwaltungsrat der mit der CS-Gruppe lange auch kapitalmässig eng verbundenen Swiss Re trat er 1990 ein. In jenen frühen neunziger Jahren sicherte der CS-Obmann Rainer E. Gut, der ab 1992 auch als Vizepräsident der Swiss Re wirkte, seine Macht im Rückversicherungskonzern, indem er eine ganze Reihe naher Vertrauter im Verwaltungsrat platzierte – einer davon war Forstmoser. Im Netzwerk um die CS ist Forstmoser so immer wieder auch benutzt worden. Damit ist er trotz der steten Betonung seiner Eigenständigkeit doch auch Teil jenes Wirtschaftsfilzes, der in jüngster Zeit unter Beschuss geraten ist.

Als der langjährige Verwaltungsratspräsident Ulrich Bremi, als CS-Verwaltungsrat auch er ein Vertrauter aus dem Umfeld von Rainer E. Gut, im Jahr 2000 aus Altersgründen seinen Platz räumte, war der stets in treuen Diensten funktionierende Forstmoser dessen Wunschkandidat für die Nachfolge.

In seiner Rolle als Verwaltungsratspräsident kümmert sich Forstmoser seither vor allem um jene Dinge, die er gut kennt, etwa den Aufbau einer tadellosen Corporate Governance. Keine andere Schweizer Grossfirma hat ein derart ausgeklügeltes System von Ausschüssen wie die Swiss Re. In den anderen Verwaltungsräten ist seine Rolle vornehmlich die des juristischen Gewissens. Dies in Übereinstimmung mit seiner Selbsteinschätzung, nach der ein Verwaltungsrat vor allem ein «spezialisierter Generalist» sein muss und nebst wirtschaftlichen Grundkenntnissen vor allem Spezialwissen einbringen sollte.

Die Einschätzung strategischer oder operativer Entscheide oder gar die Beurteilung von Marktchancen wird bei der Swiss Re durch das Dreierteam John Coomber, Walter Kielholz und Peter Forstmoser vorgenommen. Durch besondere Managementkenntnisse ist Forstmoser in keinem der verschiedenen Verwaltungsräte aufgefallen. «Ich sehe mich selber ja nicht als Manager», sagt Forstmoser, «ich könnte das auch nicht.»

So verwundert es wenig, dass sein Einsitz im VR in operativen Ausnahmesituationen bisher meist keine grosse Hilfe war. Beispiel dafür ist die Firma Mikron, bei der Forstmoser seit dreissig Jahren im Verwaltungsrat ist. Im Jahr 2000 schätzte das Management das Potenzial des Handymarktes völlig falsch ein und startete eine teure Expansion in den Bereich Mobiltelefon-Zulieferung. Das Business brach zusammen, und Mikron entkam nur knapp dem Konkurs. «Wir haben einen Fehler gemacht, den viele andere auch gemacht haben: Wir meinten, das Handybusiness sei ein Wachstumsbereich», sagt Forstmoser dazu. Aus damaliger Sicht sei der Entscheid nachvollziehbar gewesen. Wichtig für ihn ist: «Wir sind auch in der Krise an Bord geblieben.»

Nun müssen strategische Marktbeurteilungen nicht unbedingt zu den Fähigkeiten eines einfachen Verwaltungsrats gehören. Anders ist es jedoch, wenn ein Verwaltungsrat die Präsidentenfunktion übernimmt und damit letztlich für die Strategie verantwortlich ist.

Schon bei seiner Berufung im Jahr 2000 wunderten sich Rückversicherungsspezialisten, was der branchenfremde Jurist auf dem Präsidentensessel der Swiss Re sollte. Vom Geschäft auf den riskanten Rückversicherungsmärkten hat Forstmoser ja wenig Ahnung.

De facto indes war das für die Firma kein Hinderungsgrund. Denn mit dem damaligen CEO der Swiss Re, Walter Kielholz, gab es im operativen Management ja einen bestausgewiesenen Branchenprofi. Im engen Zusammenspiel zwischen Forstmoser und Kielholz liesse sich – so die Meinung vieler Analysten und Investoren – die Swiss Re strategisch schon richtig ausrichten.

Problematisch wurde die Konstellation allerdings 2002, als Kielholz Hals über Kopf als Ersatz für den glücklosen Lukas Mühlemann ins Präsidium der CS berufen wurde. Nun stand die Swiss Re vor dem Problem, ihren besten Mann an die befreundete Bank zu verlieren. Die Lösung, die schliesslich gefunden wurde, zeigt sehr schön die Rollen der Keyplayer bei der Swiss Re: Sie wurden geschickt auf die jeweiligen Fähigkeiten der involvierten Personen abgestimmt.

Forstmoser blieb nach dem Abgang von Kielholz als CEO Präsident, aber Kielholz wurde zum Vizepräsidenten und Delegierten des Verwaltungsrats berufen. In dieser Funktion soll er die strategische Ausrichtung der Gruppe und die «Entwicklung des Managements» überwachen. Zum CEO wurde John Coomber, lange im Management des Rückversicherers, befördert.

Kielholz ist nach wie vor der starke Mann bei Swiss Re und stellt strategisch und personell alle wichtigen Weichen. Coomber setzt um, und Forstmoser macht das, was er von jeher am besten kann: die organisatorischen Rahmenbedingungen für diese Konstellation garantieren.

Kielholz erklärt seine Position bei der Swiss Re mit der speziellen Situation in einer Branche, in der es nur wenige Mitspieler gebe: «In diesem spezialisierten Geschäft haben Branchenkenntnisse eine wichtige Funktion», sagt Kielholz. Solche Kenntnisse seien nicht breit gestreut: «Wir können diese Branchenkenntnisse ja nicht einfach von der Konkurrenz holen», so Kielholz.

Doch warum wurde Kielholz dann nicht einfach nebst seinem Job als CS-Präsident auch zum Präsidenten der Swiss Re berufen, wenn er dort ja doch eine so wichtige Rolle spielt? «Eine doppelte Präsidentschaft stand wegen der grossen Arbeitsbelastung nicht zur Debatte», sagt Kielholz. Forstmoser sieht einen weiteren Grund: «Diese Machtballung wäre sicherlich kritisiert worden.»

So wurde die Struktur um die personelle Situation herum gebaut. Mit Erfolg, wie Privatbankier und Swiss-Re-Verwaltungsrat Bénédict Hentsch aus nächster Nähe beobachten kann: «Der Präsident stellt die Materie vor seine eigene Persönlichkeit. Man hat es nicht mit dem Ego von Peter Forstmoser zu tun, sondern mit seinem Wissen.» Für Kielholz ist Forstmoser «ein ausgesprochen starker Präsident, der aber stets weiss, wo er sich selber einbringen soll und wo er die Sache der operativen Führung überlassen muss.» Kielholz ist sich auch der Gefahr seiner eigenen Rolle bewusst: «Natürlich muss er auch schauen, dass ich nicht zu einer Art zweitem Chief Executive werde. Auch das funktioniert gut.» Verwaltungsrat Hentsch bestätigt, dass Forstmoser auch diese Aufgabe ernst nimmt: «Coomber und Kielholz spielen vielleicht die ersten Geigen. Doch Forstmoser ist der Dirigent.» Peter Forstmoser selber definiert seine Rolle bei Swiss Re als «Oberleitungsfunktion». Seine Aufgabe sei vorrangig, «den Verwaltungsrat zu koordinieren».

In sämtlichen Verwaltungsräten, in denen Forstmoser tätig ist, fällt er mehr durch geschickte Leitung und Coaching denn als strategischer Weichensteller auf. Teilt man das Lebenswerk von Peter Forstmoser grob in zwei Bereiche auf, nämlich in seine Rolle als Verwaltungsrat von Firmen und seine Rolle als Aktienrechtler, so ist klar: Seine Bedeutung als Jurist übertrifft seine Bedeutung als Firmenverwaltungsrat bei weitem. In allen VR, sei es Swiss Re, Mikron oder Bank Hofmann, hat er im Grunde nie eine echte Schlüsselrolle erreicht – ganz im Gegensatz zu seiner Tätigkeit als Anwalt, Gutachter und Aktienrechtler: Hier hat er eine unverwechselbare Bedeutung.

In der Schweiz gibt es heute neben ihm höchstens noch einen Mann, der das Aktienrecht ähnlich stark geprägt hat wie er: der Basler Anwalt und langjährige Professor Peter Böckli. Die Urgesteine Forstmoser und Böckli haben das Schweizer Aktienrecht in den letzten dreissig Jahren von Grund auf neu aufgebaut. Dabei gilt Böckli als der etwas Intellektuellere, Forstmoser als der etwas Praktischere.

Interessant ist, dass die führenden Aktienrechtler der Schweiz trotz einzelnen Überschneidungen klar den jeweiligen Machtblöcken der Schweizer Wirtschaft zuzurechnen sind. Ist Forstmoser als Verwaltungsrat von Swiss Re und Bank Hofmann (einer Tochterbank der CS) im Umfeld der Credit Suisse Group eingebunden, so wirkt Böckli seit Jahren als Verwaltungsrat des CS-Konkurrenten UBS. Vorgeworfen wird Forstmoser mitunter auch, dass er nur darum eine so grosse Rolle in der Diskussion um die Corporate Governance bei Schweizer Grossfirmen spielen könne, weil er die Gesetze, auf denen die Regelungen beruhen, selber gemacht hat.

Ihn einfach als Adlatus des Grosskapitals zu sehen, wäre aber falsch. Denn meistens hat er zuerst publiziert und wurde nachher erst beigezogen. Er hat nicht in den Büchern vertreten, was seinen Kunden nützt, sondern er ist im Nachhinein engagiert worden, um seine Einschätzungen umzusetzen. Sein Lebensentwurf war stets, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden: «Meine Tätigkeiten als Professor, als Anwalt und als Verwaltungsrat befruchten sich gegenseitig.»

Mit Juristerei beschäftigt er sich sogar in seiner spärlichen Freizeit. Gerne liest er die Justizkrimis des amerikanischen Bestsellerautors John Grisham. Eines der Werke, «The Street Lawyer», handelt von einem Anwalt einer Top-Kanzlei, der als Strassenjurist für kleine Leute eine neue Rolle im Leben findet. Dieses Buch habe ihm gut gefallen, erzählt Forstmoser.

Wäre für ihn, den Partner der mächtigen Wirtschaftskanzlei Niederer Kraft & Frey, eine solche Rolle als «street lawyer» eine Zukunftsperspektive? «Reizen würde mich so etwas schon», sagt er, «doch dazu bin ich längst viel zu sehr Spezialist. Ich glaube, ich könnte das gar nicht mehr.» Peter Forstmoser wird uns wohl noch ein Weilchen als Aktienrechtler und Mehrfachverwaltungsrat erhalten bleiben.

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