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Pendragon Medical: Völlig überzuckert

Die Medtech-Firma Pendragon ist pleite. Doch Ex-Chef Max Link spricht bereits von einem Neuanfang. Nun dürfte um die Patente ein heftiger Kampf entbrennen.

Von Stefan Lüscher
22.02.2005

Der Anruf kommt aus Rio de Janeiro, aus dem Luxushotel Copacabana Palace, Zimmer 112, Junior-Suite mit Meeresblick, Preis 500 US-Dollar. «Max Link am Apparat. Sie haben mich gesucht?» Die Zürcher Firma Pendragon Medical rutscht in den Konkurs, und ihr einstiger VR-Präsident und CEO sonnt sich an Brasiliens Renommierstrand. Eine Flucht? «Ich bin auf dem Weg nach New York und habe hier einige Ferientage dazwischengeschaltet. Doch diese Geschäftsreise ist seit Monaten geplant.»

Pendragon ist zwar nicht fünf Jahre alt geworden, hat aber doch für Furore gesorgt: Ihr Produkt, Pendra genannt, sollte bei Diabetikern den Blutzuckerspiegel messen, und zwar mit elektromagnetischen Wellen und damit schmerzfrei. Ein Milliardenmarkt, Pharma- und Medizinalkonzerne verpulvern seit Jahren Unsummen auf der Suche nach Lösungen. Im Mai und Juni 2004 holte sich Pendra 30 Millionen Franken an frischem Kapital. Die Investoren lockte die Aussicht auf eine baldige Markteinführung und ein Going-public. Es kam anders. «Wir wissen seit dem Frühjahr 2004, dass Pendra unter kontrollierten Bedingungen funktioniert. Die danach gemachten Feldstudien haben aber gezeigt, dass das Produkt noch nicht alltagstauglich ist. Das Ziel war ehemals, im September europaweit einen Rollout des Produktes zu machen. Dieses Ziel haben wir klar verfehlt.»

«Klar verfehlt» heisst, das Unternehmen ging Pleite. Heute wird hinter den Kulissen emsig schmutzige Wäsche gewaschen. Geiz war bei Pendragon nicht geil; von Gratis-Geschäftsautos wird gemunkelt, von 4000-Franken- Tagesansätzen der Top-Manager, von Profitgier, aber auch von Realitätsferne. Zudem habe die Firmenleitung den Investoren zu viel verschwiegen. «Das Gegenteil ist wahr», ereifert sich Max Link. «Seit ich die Führung übernommen habe, ist der Verwaltungsrat alle zwei Wochen zusammengetreten. Danach wurden Informationen von Bedeutung umgehend an die gegen hundert Aktionäre weitergeleitet.» Auf die Frage, ob Testresultate manipuliert wurden, ist aus dem fernen Brasilien heftiger Protest zu vernehmen: «Absurd, völlig absurd, von Manipulation kann keine Rede sein. Das wäre ja illegal.»

Wie legal bei Pendragon geschäftet wurde, soll eine Zivilklage, die bald eingereicht werden soll, zeigen. Diese Klage im Namen von zehn bis zwanzig geschädigten Investoren wird ausgerechnet von City Capital Corporation 3C eingereicht. Diese Gesellschaft war anlässlich der letzten Finanzierungsrunde hauptverantwortlich für die Due Diligence und den Emissionsprospekt; Ersteres bezeichnet einer der hinter der Klage stehenden Investoren als «oberflächlich», Letzteres als «vollmundig». Am Londoner Hauptsitz will sich niemand zur Klage äussern. Kein Wunder: Ein falsches Wort, und auch 3C gerät ins Visier klagefreudiger Pendragon-Anleger.

Die Klage richtet sich gegen die Pendragon-Verwaltungsräte Rolf Kälin, Bettina S. Steffen, Max Link sowie den Firmen-Mitgründer Thomas W. Schrepfer. Ein gerüttelt Mass an Unmut trifft vor allem Link. Verbittert hat viele Investoren, dass dieser sich «flink aus dem Staub gemacht hat», so einer der Klagenden. Denn nur dank Links bislang guter Reputation in der Medtech-Branche, die er sich nicht zuletzt als Troubleshooter bei Centerpulse geholt hat, war der 30-Millionen-Finanzierungsrunde überhaupt Erfolg beschieden. «Ich habe bei Pendragon investiert wegen Max Link. Er genoss in der Vergangenheit einen ausgezeichneten Ruf auf diesem Gebiet und bewies eine gute Nase für erfolgreiche Produkte.» Der dies sagt, ist alles andere denn ein weltfremder Investor: Hans-Jörg Rudloff, ehemaliger CEO der CS First Boston, heute Präsident der Barclays Capital in London.

Für böses Blut unter den Geldgebern gesorgt hat auch Links Abseitsstehen beim allerletzten Rettungsversuch von Pendragon; Mitte Januar galt es, 5,5 Millionen Euro aufzutreiben. Schliesslich klimperten gerade mal einige hunderttausend Euro im Topf. Max Link, obwohl Multimillionär, hat nichts beigesteuert. Auch früher nicht: «Ich besitze keine einzige Aktie.» Ob die Kläger sich bei Link schadlos halten können, muss sich erst weisen. Bei Pendragon Medical dagegen ist kaum etwas zu holen, sieht man von den Patenten ab. Wenn das Blutzuckermessgerät doch noch funktionierte, wären diese Patente zig Millionen wert. Davon ist Max Link bis heute überzeugt: «Die Zukunft von Pendra ist und bleibt viel versprechend. Ich bin zuversichtlich, dass das Gerät bis in zwei Jahren alltagstauglich ist.»

Auch Stephan Rietiker, der vor Link als CEO fungierte und mit Finanzchef Andrew Moore Ende Februar 2004 Pendragon Hals über Kopf verliess, zeigt sich optimistisch: «Diese Technologie wird eines Tages funktionieren. Doch zuerst muss die Entwicklung in eine neue Richtung gelenkt werden. Ich kenne eine Forschergruppe, welche über die dazu nötigen Fähigkeiten verfügt.»

Die Patente liegen beim Konkursamt Zürich Oerlikon. Oliver Klaus, zuständig für den Pendragon-Konkurs, ist damit beschäftigt, sich einen «Überblick über die Patente respektive Akten zu verschaffen.» Bei der Verwertung der Patente muss das Konkursamt den Käufer mit dem höchsten Angebot finden. An Interessenten mangelt es nicht. Mehrere bereits bei Pendragon involvierte Gruppen versuchen, neue Investoren zu gewinnen, niemand will dazu Stellung beziehen. Ist jedoch die Technologie gut, werden auch Konzerne wie Roche mitbieten; und da wird nicht gekleckert. Anspruch auf die Patente erhebt jedoch auch Thomas W. Schrepfer, dessen Frau 15 Prozent der Aktien hält. «Am Hauptpatent sind mit mir vier Leute beteiligt. Ich und eine weitere Person haben Pendragon gewisse Rechte eingeräumt, doch wurde dieser Vertrag nicht eingehalten», begründet der einstige Zürcher Spitzenanwalt seine Forderung.

Max Link hat nach seinem Brasilien-Abstecher beim New Yorker Finanzhaus NGN Capital wegen frischer Gelder vorgesprochen. Doch auch wenn er die Patente zu ergattern vermöchte, fühlt er sich unverstanden. Er zeigt sich verbittert: «Ich werde mit Sicherheit in der Schweiz keine unternehmerischen Aufgaben mehr übernehmen.»

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