Er sieht einem kleinen Jungen ähnlich, wie er dasteht, mit von Kälte und Sonne geröteten Backen. Der klein gewachsene Samih Sawiris blickt verstohlen nach oben. 34 Meter höher, auf dem Dach des neuen Fünfsternehauses Chedi, balancieren die Zimmerleute. Später wird der Ägypter mit Bauleuten, Urner Regierung, Andermatter Behörden und Angestellten die Aufrichte von Andermatts 300-Millionen-Bau feiern. «Grossartig, wie schnell wir vorwärtskommen. Das ist ein Meilenstein», sagt der 54-Jährige .

Das erste Gebäude des 1,8-Milliarden-Franken-Projekts ist hochgezogen, die Zweifler werden weniger. Am Schluss sollen sechs Hotels, 42 Häuser und 25 Luxusvillen stehen. Sawiris lacht. Immer und überall. Er charmiert der Urner Justizdirektorin Heidi Z’graggen, klatscht Andermatts Gemeindepräsidenten Roger Nager ab, plaudert nonchalant mit Handwerkern. Weit weg sind starker Franken, Eurokrise, drohende Rezession, politisches Chaos im Hauptmarkt Ägypten, Absturz an der Börse, Gewinnwarnung.

Sawiris hat keine Bedenken: «Trotz allen Finanz- und Bankenproblemen verkaufen wir in Andermatt wie noch nie.» Am Jahresziel von 120 Millionen Franken halte man fest, erfahrungsgemäss werde im dritten Quartal am meisten verkauft. Doch die Gelassenheit, die er sonst vorgibt, geht Sawiris’ Worten etwas ab – selbst wenn sich die Mundwinkel permanent nach oben biegen. Auch mit 100 Millionen könne man leben, heisst es intern.

Im Rückwärtsgang. Schlechte Nachrichten scheinen an Sawiris abzuperlen. Er strahlt selbst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht. Das ist weniger in ­Andermatt der Fall als vielmehr an der Heimatfront am Roten Meer. Die Probleme des Mutterkonzerns Orascom sind virulent. Im Vorzeigeresort El Gouna stehen die Villen leer, und die Touristen bleiben fern. Ägypten mit seiner Retortenstadt steuerte im vergangenen Jahr 74 Prozent zum Umsatz bei, 90 Prozent von Orascoms Hotelzimmer befinden sich dort.

Staatspräsident Mubaraks Ende war auch eine Zäsur für Sawiris. Als die Bilder der Revolution über den Bildschirm flimmerten, brachen die Belegungszahlen ein: Im Februar sackte die Auslastung der Hotels in El Gouna mit 17 Prozent auf den Tiefpunkt, 79 Prozent waren es im Vorjahr (siehe Tabelle unter 'Downloads'). Die Projekte in Ägypten sind auf Stand-by.

Die Probleme lassen sich nicht weg­lächeln. Cash muss her, und zwar schnell. Der Städtebauer verbrennt zu viel Geld, die Erträge sind weggebrochen. 172 Millionen Franken waren Mitte Jahr noch in der Kasse. Sechs Monate zuvor war sie 100 Millionen Franken schwerer. Der ­Aktienkurs ist im Keller (siehe Grafik unten), Orascom ist an der Börse nicht einmal mehr eine halbe Milliarde Franken wert. Der Kurs verläuft ost- bis südwärts. Analysten rechnen eher früher denn später mit einer erneuten Kapitalerhöhung. Bereits letztes Jahr holte sich Orascom 185 Millionen Franken am Markt. Ein Grossteil davon ist aber verpufft. Sawiris’ Rezept: Zuversicht und Optimismus. «Das kommt schon gut, die Touristen kehren bereits wieder zurück.»

Tatsächlich sind die Hotels an der Mündung des Suezkanals im November wieder zu fast 80 Prozent ausgelastet, 2010 lag die Quote bei 90 Prozent. Nicht nachhaltig, glaubt hingegen die Branche. Kuoni-Chef Peter Rothwell malte anlässlich der Quartalszahlen schwarz. Ägypten werde sich in der wichtigen Wintersaison 2011/12 nicht substanziell erholen. «Ich bin da anderer Meinung», meint der bestens gelaunte Sawiris.

Altdorf, 9. November. Am Fenster zieht der Urner Hauptort vorbei. Sawiris, am Vortag aus New York angereist, sitzt im Fond eines dunkelgrauen Audi A5. Ziel: Andermatt. Der Wagen schlängelt sich durch die Schöllenenschlucht, während der eloquente Orascom-Präsident kritische Fragen zum Urner Megaprojekt kontert. «Andermatt ist gesichert und durchfinanziert», wischt er Bedenken weg. Wie? «Wir finanzieren Planung und Infrastruktur, gebaut wird dann, was verkauft ist, also nie auf Halde. So minimieren wir die Risiken.» Steht ein Rohbau, bezahlen die Käufer die zweite Tranche, der Rest folgt bei Übergabe.

Mit der Aufrichte des «Chedi» wird die zweite Tranche erstmals fällig. 15 Millionen Franken sollen es dem Vernehmen nach sein. Ob das reicht? Denn stocken die Verkäufe, bleibt der Cash aus, die Bauten verzögern sich. Das Baujahr 2012 wird intensiv: das zweite Hotel, Radisson Blu, die Appartementhäuser auf dem Podium, die Reuss-Villen. Apropos Radisson: Mit Jean Gabriel Pérès sitzt der CEO und Präsident von Mövenpick Hotels & Resorts im Orascom-Verwaltungsrat. Trotzdem baut Radisson. Mövenpick hat abgewinkt. Man glaube nicht, dass das Projekt zum Fliegen komme, heisst es im kleinen Kreis.

Aderlass. Gemessen an der Fläche, ist Andermatt im Orascom-Konzern ein kleines Projekt. 1,5 Millionen Quadratmeter werden im ehemaligen Militärdorf verbaut, bei 119 Millionen Quadrat­metern in der ganzen Gruppe. Doch das verschlafene Bergdorf ist ein wichtiger Imageträger. Andermatt soll Türöffner sein für weitere Resorts auf dem alten Kontinent. Schlechte Nachrichten machen sich da nicht gut.

Dass es in Ägypten nicht optimal läuft, ist das eine, doch auch bei Andermatt Swiss Alps steht nicht alles zum Besten. Scharnierstellen können nicht langfristig besetzt werden. CEO Gérard Jenni geht im Mai 2012 zurück zum Konzertveranstalter Good News, Kommunikationschefin Ursi Ineichen ging zur Zuger Kantonalbank, Verkaufschef Thorsten Wieting machte sich selbständig. Jennis Nachfolger ist noch nicht gekürt.

Auf Wieting folgte Jürg Maurer (kam von Oracle), neuer Kommunikationschef ist Alain ­Gozzer (zuletzt Senior Consultant bei der PR-Agentur Weibel Communication). Das rege Kommen und Gehen sei zwar bedauerlich, heisst es am Orascom-Hauptsitz im Kloster Altdorf. Andermatt Swiss Alps sei aber ein neu gegründetes Unternehmen, das schnell wachse. ­Personalwechsel seien deshalb manchmal notwendig.

Versteckte Preissenkungen. Es harzt auch anderswo. «Betrieb und Organisation sind chaotisch», sagt ein Ehemaliger. Die ägyptisch-schweizerische Chemie will nicht so recht funken. Sawiris rede überall drein, agiere unstrukturiert, mit dem Einhalten von Sitzungsterminen tue er sich schwer. ­Ändern soll das Gerhard Niesslein. Der österreichisch-kanadische Doppelbürger ist seit Anfang November Orascom-CEO. Sawiris beschränkt sich aufs Präsidentenamt. Ob er sich zurücknehmen kann, ist die Gretchenfrage. Zweifel sind angebracht. Nicht einfach sei auch die Zusammenarbeit mit Raymond Cron. Der ehemalige Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl) ist Orascoms Europachef. Er sei ein Polteri, der Jenni ab und an mangelnde Baukenntnisse vorwerfe, sagen Insider.

Steckborn, 23. August 2005. Hinter Udo Schneider fällt die Gefängnistür ins Schloss. Das Gericht verurteilt den Sportmarketingvermittler im Schmiergeld-Skandal um den DAX-Konzern Infineon wegen Bestechung. Schneider gesteht. ­Urteil: vier Jahre Gefängnis. 2007 kommt er raus. Heute hat er ein eigenes Unternehmen, arbeitet als Berater. Ein guter Kunde: Orascom.

Sawiris kannte Schneider bereits vor der Verurteilung, er war auch in El Gouna an Bord. Schneider ist der zweite Verurteilte in Sawiris’ Umfeld. Europa-Chef Cron hatte vor seiner Bazl-Zeit als Batigroup-Manager eine schwarze Kasse angelegt, um leitende Mitarbeiter mit Bonuszahlungen zu belohnen. Aber vor allem die Personalie Schneider ist wenig imagefördernd. In Maklerkreisen ist er ein rotes Tuch – doch sein Handwerk versteht er. Laut Orascom ist er der beste Verkäufer im Andermatter Ferienresort.

Neben Schneider hat Andermatt Swiss Alps in der Schweiz rund 20 und im Ausland weitere gut 40 Makler unter Vertrag. Ein «konfuses Verkaufskonstrukt», kritisieren Verkäufer. Sawiris könne sich nicht zwischen einer eigenen Verkaufsorganisation und einem Maklermodell entscheiden. Mit dem Immobilienmakler Remax mischt gar ein luxusfremder Player mit. Ideal für die günstigeren Erstwohnungen, sagt Sawiris. Hier geht der Quadratmeter für 8000 Franken weg, für Zweitwohnungen müssen Käufer doppelt so tief in die Tasche langen, der Zählerstand im «Chedi» beginnt bei rund 19 000 Franken pro Quadratmeter. Das ist mehr als in Davos – im Gegensatz zu Andermatt eine Weltmarke mit grossem Skigebiet (siehe «Steine im Skigebiet» unter 'Nebenartikel').

Komme, was wolle: An der Preisschraube dreht Sawiris nicht. Sein Businessmodell beruht auf steigenden Preisen. Je mehr er verkauft, desto teurer werden die Einheiten. Sawiris: «Wir halten die Preise immer hoch. Geht die Nachfrage zurück, verringern wir das Angebot.» In 22 Jahren El Gouna seien die Preise immer gestiegen. Das funktioniert – solange er verkauft. Doch es harzt. Offiziell sind die Preise nicht verhandelbar, einen Köder hat Andermatt Swiss Alps dieses Jahr trotzdem ausgeworfen. Es wurde ein Kurs von 1.40 Franken je Euro offeriert – eine versteckte Preissenkung. Selbst Handwerker oder Skischulbetreiber dürfen mittlerweile zu günstigeren Konditionen kaufen, sagen Makler. Sawiris dementiert.

«Häuser und Villen gehen mässig weg», heisst es bei Andermatt Swiss Alps hinter vorgehaltener Hand. Besser läuft das Luxushotel Chedi, auch Sawiris’ Frau will eine Wohnung kaufen. Viele Einheiten gehen an ägyptische Freunde, und die Mehrheit an den Hotels bleibt beim Bauherrn. Die Käufer haben wenig Mitspracherecht, müssen sich aber an den Gemeinkosten beteiligen, mokieren sich Makler.

Sonderstatus mit Verfall. Der Wagen rollt aus der schattigen Schöllenen hinaus, blauer Himmel, die Sonne scheint, die Baukräne ragen in die Höhe. Sawiris: «Sollten auch die nächsten Jahre schlecht laufen, könnten wir mit unseren Assets immer noch Kapital am Markt beschaffen.» Von rund 200 Millionen Franken ist die Rede. Die Finanzierung dürfte dank Sawiris’ Solidität gesichert sein.

Doch die Stimmen mehren sich, die nicht daran glauben, dass das Resort bis 2020 steht. Damit das Projekt zieht, braucht es Schweizer Investoren. 40 Prozent der Käufer sollen heute den roten Pass haben, einer davon ist der Industrielle Giorgio Behr. Doch die Quote sinkt ­bereits gegen 35 Prozent, noch vor der Marketingoffensive in den internationalen Kernmärkten.

Diese läuft erst langsam an. Am 15. November wurde das Verkaufsbüro in Mailand eröffnet, Deutschland und London folgen Anfang 2012. Ob die kaufkräftige internationale Klientel nicht doch das gemachte Nest in St. Moritz oder Verbier dem kargen Andermatt vorzieht, ist das Pièce de Résistance. Je weiter sich das Projekt in die Zukunft verschiebt, desto näher rückt ein Verkaufskiller: die Lex Koller. Das Urner Resort ist von ihr befreit. Das erlaubt es ausländischen Investoren, ohne Einschränkungen Immobilien im Urner Bergdorf zu kaufen. Ende 2030 läuft der Sonderstatus ab. Wer seine Villa danach verkaufen will, muss einen Schweizer Käufer finden. Die Antwort in Andermatt ist eine Geste: Schulterzucken.

Anzeige
Anzeige