Jörg Reinhardt wollte es nicht bei der Auswahl der passenden Bilder für den jährlichen Konzernkalender bewenden lassen. Diesen Auftrag hatte ihm Vorgänger Daniel Vasella vor einem Jahr reichlich abschätzig als «Präsidialaufgabe, die ich gerne an Herrn Reinhardt übergebe», mit auf den Weg gegeben. Nein, der neue ­Präsident von Novartis ist nicht der Mann für Detailaufgaben: Mit dem dieser Tage verkündeten Grossumbau des Konzerns hat Reinhardt die Initial­zündung für eine gänzlich neue Ära bei Novartis gegeben – und mit dem Ab­stossen mehrerer Konzernteile gleich­zeitig die breite Diversifikationsstrategie seines selbstbewussten Vorgängers für obsolet erklärt.

Doch in einem Punkt unterscheidet sich Reinhardt nicht von Vasella: Er sucht genauso lustvoll wie jener die Auseinandersetzung mit dem Lokalrivalen Roche. Denn die zukünftige Fokussierung von Novartis auf den Bereich Onkologie, wo das Unternehmen durch den nun erfolgten Tausch von Geschäftsfeldern mit ­GlaxoSmithKline (GSK) an Bedeutung zulegt, ist in erster Linie eine Kampfansage an den Basler Nachbarn. Denn der ist weltweit die unangefochtene Nummer eins in diesem Markt. Der Bereich Onkologie ist für Roche zudem mehr als nur ein Geschäftssegment, er ist das Herzstück des Konzerns, der sich seit Jahren strategisch darauf fokussiert hat.

Nun tritt ein ehrgeiziger Herausforderer aufs Parkett: «Es ist unser klares Ziel, grösser als Roche zu werden», verkündete Novartis-CEO Joe Jimenez voll­mundig am Tag nach der Bekanntgabe des Konzernumbaus in der Boulevardzeitung «Blick». Dabei ist der Umsatz von Roche im Krebsbereich mit 22,5 Milliarden Franken selbst nach den jüngsten Zukäufen von Novartis noch immer doppelt so gross. Wie und bis wann Novartis es schaffen werde, den Rivalen zu überholen, liess Jimenez denn auch offen: «Wir haben noch keinen genauen Plan, lassen uns aber nicht entmutigen.»

Günstiger Zeitpunkt

Roche lässt sich durch die Kampfansage nicht aus der Fassung bringen – und reagiert mit betonter Zurückhaltung: «Der Markt für Krebsmedikamente ist ein wettbewerbsträchtiger Markt, in dem neben Novartis noch eine Reihe anderer Anbieter tätig sind. Wir stellen uns dem Wettbewerb, wie wir es immer gemacht haben», so Konzernsprecher Nicolas ­Dunant trocken. Dennoch kann es auch Roche nicht lassen, eine kleine Spitze in Richtung Novartis abzufeuern. In einer schriftlichen Stellungnahme auf eine Anfrage der BILANZ verweist Roche auf ein Zitat von CEO Severin Schwan: «Bei uns gibt die Wissenschaft den Kurs vor – es ist nicht der CEO, der sagt, wir sollten uns da oder dort noch diversifizieren.»

Die Message ist klar: hier der in erster Linie wissenschaftsbasierte Konzern Roche, dort der Lokalrivale Novartis. Ein Gemischtwarenladen, über dessen CEO Joe Jimenez, der zuvor fürs Marketing beim Ketchup-Hersteller Heinz verantwortlich war, der langjährige Roche-Präsident Franz Humer einst im BILANZ-­Interview stichelte, dieser wäre bei Roche nicht Chef geworden.

Nun sehen die Novartis-Oberen ihrerseits die Chance zurückzuschlagen. Denn der Zeitpunkt für den Angriff aufs Kerngeschäft von Roche ist günstig wie selten zuvor, steckt der Pharmagigant doch in einer empfindlichen Umbruchphase. An der Generalversammlung vom 4. März trat Franz Humer nach fast 30 Jahren in Diensten des Konzerns ab. Sein Nachfolger ist der ehemalige Lufthansa-Chef Christoph Franz, der Anfang Mai seinen neuen Job antritt. Doch Franz ist branchenfremd. Im Gegensatz zu Humer, der seine ganze Karriere im Pharmageschäft absolviert hat – vor Roche war er bei Glaxo – und der mit gezielten Käufen wie der Totalübernahme der Tochter Genentech die heutige Roche geformt hat.

Prall gefüllte Pipeline

Das Pharmabusiness ist langfristig ausgerichtet. Experten rechnen mit einem Horizont von zwanzig Jahren, bis sich eine Firma in einem Krankheits­gebiet als Leader zu etablieren vermag. Auf ihre hauseigene Entwicklungskraft verweist Roche selbst. Es sei am wichtigsten, stetig neue Medikamente auf den Markt zu bringen, die das Leben der ­Patienten verbessern und verlängern: «Und wir haben eine volle ­Onkologie-Pipeline. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, um Weltmarktführer zu bleiben.» 35 neue Produktkandidaten und weitere 30 als mögliche Zusatzindikationen für existierende Produkte hat Roche in der klinischen Entwicklung. Die derzeitigen Umsatzrenner im Port­folio sind die Blockbuster MabThera, Avastin und Herceptin; diese Medikamente sorgen jeweils für einen Umsatz von zwischen sechs und sieben Milliarden Franken.

Nicht nur ist Roche umsatzmässig meilenweit entfernt von Novartis – der Konzern ist im Vergleich zum Konkurrenten auch strukturell besser auf­gestellt, was die Entwicklung der Medikamente betrifft. So basieren die Produkte von Roche vornehmlich auf der Biotechnologie. Novartis dagegen ist stark auf sogenannte kleinmolekulare Medikamente ausgerichtet, die traditionell, also chemisch hergestellt werden.

Nur ist die Biotechnologie seit Jahren der grösste Wachstumstreiber im Gesundheitswesen. Im globalen Medikamentenmarkt haben Biotechnologie­produkte vor zehn Jahren einen Umsatz von 46 Milliarden Dollar erzielt, heute ist es viermal mehr. Die Wachstumsraten dürften sich zwar etwas verflachen, aber immer noch weit über dem Zuwachs ­liegen, den chemisch hergestellte Medikamente verzeichnen. An der Vormachtstellung von Roche im Sektor der Biotechnologie wird sich so schnell nichts ändern. Dabei profitiert das Unternehmen von der Zusammenarbeit mit der amerikanischen Genentech, an der die Basler seit langem beteiligt sind und die 2009 vollständig übernommen wurde.

Die Hersteller von Generika, also von Nachahmerpräparaten, fertigen seit langem mühelos identische Kopien von ­chemischen Arzneien. Biotech-Medikamente dagegen sind nur imitierbar. Das erschwert das Leben der Nachahmer, ja sichert den biotechnologisch hergestellten Medikamenten auch nach dem Ablauf der Patentfrist die Stellung im Markt – oft noch Jahre über den Patentablauf hinweg. Bei den Blockbustern mit ihren milliardenschweren Umsätzen zählt jedes gewonnene Jahr.

Fusion kein Thema mehr

Miteinander verkettet sind die Basler Kontrahenten durch die Beteiligung von 33 Prozent der Stimmen, die Novartis an Roche hält. Die Möglichkeit, durch eine Fusion zu einem Powerhaus zu avancieren, hat die Roche-Besitzerfamilie stets zurückgewiesen – eine Fusion störe nur die Forschung und gefährde damit die DNA des Konzerns. Inzwischen will auch Novartis von dieser Möglichkeit nichts mehr wissen. «Es ist sinnvoller, wenn die beiden Konzerne separate Wege gehen», sagt CEO Jimenez in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft».

Unmittelbare Verkaufsabsichten gibt es aber offenbar nicht: Die Beteiligung soll – wenn schon – mit einem saftigen Zuschlag losgeschlagen werden: «Wir wollen das Paket nicht einfach am Markt verkaufen, da wir dann nicht den wahren Wert erhalten würden.» Nur schon der aktuelle Börsenwert ist enorm: Gegen 14 Milliarden Franken ist die Beteiligung wert. Und das Investment hat sich über die letzten Jahre als höchst lukrativ erwiesen.

Novartis ist hinter den Hoffmanns und Oeris, den stark zersplitterten Nachkommen der Gründerfamilie, zweitgrösster Aktionär bei Roche. Solange Novartis das Paket hält, wird der Argwohn bleiben, den die Roche-­Besitzer seit dem verunglückten Übernahmeversuch durch Daniel Vasella gegenüber den Basler Nachbarn hegen. Dass Novartis Roche nun auch auf deren wichtigstem Geschäftsfeld gezielt angreift, dürfte die Stimmung nicht eben aufhellen. Dabei hatten viele Kenner der Branche geglaubt, dass mit dem Abgang der beiden Alphatiere, Vasella vor einem Jahr bei Novartis und nun Humer bei Roche, eine Zeit des Tauwetters anbrechen würde.

Mit ihrer Kampfansage – «nicht eine Kriegserklärung, aber fast», wie «Le Matin Dimanche» kommentierte – haben Reinhardt und Jimenez dem dieser Tage antretenden neuen Roche-­Präsidenten Christoph Franz jedenfalls noch vor dessen erstem Arbeitstag ­gezeigt, dass auch auf ihn unruhige ­Zeiten warten.

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