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Novartis: Geben und nehmen

Daniel Vasella wollte sich seinen Abschied bei Novartis versüssen lassen. (Bild: Keystone)

Seine hohen Bezüge hätte sich Daniel Vasella nicht im Alleingang zuteilen können. Im Verwaltungsrat unterstützten ihn verlässliche Gehilfen – ein austariertes System von Gefallen und Gegengefallen.

Von Dirk Schütz
19.02.2013

Der Jüngste hat das breiteste Lachen. Im Novartis-Geschäftsbericht des Jahres 2008 lässt sich ein gross gewachsener Mann namens Jeff George sichtlich zufrieden mit zwölf Mitstreitern abbilden. Es ist das erste Mal, dass der 35-jährige Amerikaner im Kreis der Konzernleitung posieren darf. Und dann gleich auf einem prominenten Platz: Schräg über ihm thront Novartis-Übervater Daniel Vasella, damals noch CEO und Verwaltungsratspräsident in Personalunion – und keiner steht ihm so nahe wie Jeff George.

Sechs Seiten weiter vorn findet sich auf einem anderen Foto ein anderer Amerikaner: William George, der Vater von Jeff George. Er ist zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren Mitglied des Novartis-Verwaltungsrats und so lange auch Mitglied des Vergütungsausschusses, den Vasella 1999 selbst gegründet hat und dem er auch beigetreten ist. Der Novartis-Lenker hatte den langjährigen Chef des amerikanischen Medizinaltechnikherstellers Medtronic in den Verwaltungsrat geholt. Man kannte sich über gemeinsame Verbindungen aus Harvard, wo Vasella einen Schnell-MBA absolviert hatte und George in der Alumni-Organisation tätig war.

Vater George war eine der Schlüssel­figuren für den gigantischen Lohnsprung Vasellas im Jahr 2000 von etwa 2 auf mehr als 20 Millionen Franken, den BILANZ in der letzten Ausgabe beschrieben hat. Er hatte dem damals frischgebackenen Doppelmandatsträger die Vereinbarung abgesegnet, inklusive der goldenen Fallschirme von bis zu 100 Millionen Franken und der langen Laufzeit von zehn Jahren.

Gewinn gesunken

Der Geschäftsbericht des Jahres 2008 wurde im Januar 2009 veröffentlicht, auf seinem ersten offiziellen Foto als Mitglied der Führungsriege war Jeff George seit wenigen Monaten Chef der Generika-Sparte Sandoz. Prä­destiniert schien er dafür kaum zu sein. Nach Harvard-MBA und drei Jahren McKinsey hatte er knapp drei Jahre in der Geschäftsentwicklung des Bekleidungsherstellers Gap in San Francisco gearbeitet, bis er plötzlich bei Novartis auftauchte und nach nur einem Jahr von Vasella auf den Chefposten der Generika-Sparte gesetzt wurde. Pharmaerfahrung hatte er bis dahin nicht. 

Der bisherige Sandoz-Chef Andreas Rummelt, 25 Jahre bei Novartis und der Vorgängerfirma Sandoz dabei, wurde abgeschoben. Die Marge in dem schwierigen Geschäft konnte George bisher nicht steigern, im letzten Jahr sank der Gewinn wegen Lieferproblemen um 17 Prozent. Andere Geschäftsleitungsmitglieder sahen in der Berufung des jungen Amerikaners vor allem eines: eine Gefälligkeit des Konzernlenkers Vasella gegenüber Vergütungsausschussmitglied William George.

Vasella verhandelte zur Zeit der Berufung von Jeff George in die Konzernleitung über eine Verlängerung seiner Zehn-Jahres-Vereinbarung. Anfang 2008 hatte er streuen lassen, dass sein Vertrag im Februar 2009 auslaufe und sein Verbleib keineswegs sicher sei. «Wir haben noch keine Einigung erzielt», sagte er im Januar 2008 gegenüber der «SonntagsZeitung.» Laut Novartis-Angaben tagte der Vergütungsausschuss 2008 fünf Mal. Jedes Mal dabei: William George. In jenem Jahr muss der Vergütungsausschuss also intensiv über die neue Vereinbarung diskutiert haben, die in die 72-Millionen-Abfindung mündete, die Mitte Februar durch das Finanzportal «Inside Paradeplatz» bekannt wurde und die Schweizer Wirtschaft in einen Schockzustand versetzte. Dass Vasella sich wegen des grossen öffentlichen Drucks erst zu einer Spende und dann zu einem Verzicht auf die Zahlung durchrang, verschönert das Bild kaum.

Vor allem zwei Fragen drängen sich auf: Wie ist ein derartiger Deal möglich in einem Weltkonzern, der sich, so die Eigenbeschreibung, «in jeder Hinsicht einer guten Corporate Governance verpflichtet fühlt»? Und wie kann ein international anerkannter Verwaltungsrat, besetzt mit hochkarätigen Vertretern wie Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel, Rechtskoryphäe Andreas von Planta oder Sandoz-Familienstiftungs-Präsident Pierre Landolt, eine derartige Abmachung durchwinken?

Die entscheidenden Vier 

Das Beispiel des heute 70-jährigen William George, der in den USA als Harvard-Professor und ­Verwaltungsrat von ExxonMobil und Goldman Sachs höchstes Ansehen geniesst, aber bei den Verhandlungen mit Vasella kaum als Bremser auftrat, belegt: Bei Novartis entwickelte sich über Jahre ein System des Gebens und Nehmens, dem sich auch honorige Geschäftsleute nicht entzogen.

Zwar betont Novartis-Sprecher Michael Schiendorfer, dass der gesamte Verwaltungsrat Vasellas Vertrag inklusive aller Details einstimmig genehmigt habe. Dagegen stehen anonyme Aussagen einzelner VR-Mitglieder, nicht über die Einzelheiten der als Kontrollwechselklausel getarnten Abfindung informiert gewesen zu sein. Sicher ist: Der Deal hatte eine lange Vorgeschichte, und die war nicht allen Verwaltungsräten im Detail bekannt.

Entscheidend für die Zahlungen, die Vasella über zehn Jahre mehr als 400 Millionen Franken eingebracht haben, waren vier Männer: Die drei Mitglieder des ersten Vergütungsausschusses aus dem Jahr 1999, heute allesamt nicht mehr dabei –Helmut Sihler, Hans-Jörg Rudloff und William George. Und der Mann, der Vasellas Bezahlkonstrukt in die Gegenwart rettete und damit eine besonders fragwürdige Rolle spielte: Vizepräsident Ulrich Lehner, der am 22. Februar zum Interimspräsidenten gewählt werden soll, bevor Jörg Reinhardt am 1. August übernehmen wird (siehe «Machtnetz» dieser Ausgabe). Der 66-jährige Deutsche wäre der Einzige gewesen, der das System hätte durchbrechen können. Doch er tat es nicht.

Wer dieses System verstehen will, muss ins Jahr 1999 zurückgehen. Als Vasella nach dem Rücktritt des damaligen Präsidenten Alex Krauer zusätzlich zum CEO-Posten auch das Präsidium übernahm, traten neben dem von ihm selbst ausgesuchten Zugang William George zwei Veteranen in den Vergütungsausschuss ein: der deutsche Investment Banker Rudloff war seit 1994 Vizepräsident bei Sandoz, der Österreicher Sihler, lange Jahre Chef des deutschen Konsumgüterherstellers Henkel, sass sogar seit 1983 im Verwaltungsrat von Ciba-Geigy. Schnell freundete sich Vasella mit dem 23 Jahre älteren Sihler an, denn der war auch Aufsichtsratschef des deutschen Autobauers Porsche. Mit Marc Moret, dem langjährigen Sandoz-Patriarchen und Onkel seiner Frau, dem Vasella den Novartis-Chefposten verdankte, teilte der junge Konzernchef die Leidenschaft für die Stuttgarter Sportwagen. Moret fuhr einen roten Porsche – genauso wie Ende der neunziger Jahre Vasella. Doch den habe er kurz zuvor eingetauscht, da ihn Helmut Sihler «von den Vorzügen des neuen Modells überzeugt habe», verriet er 1998 in einem Interview.

Starke Seilschaften

Sihler wurde als Vizepräsident, Lead Director und Vorsitzender des Vergütungsausschusses zu Vasellas wichtigster Stütze im Verwaltungsrat. In der Schweiz war er praktisch unbekannt, Interviews gab er nie. Sihler teilte mit Vasella den lockeren Umgang mit anonymem Aktionärsgeld. Ob der CEO nun 5 oder 50 Millionen verdiene, sei «irrelevant», betonte Vasella etwa gerne in Interviews, da solche Beträge bei einer Firma wie Novartis mit sieben Miliarden Gewinn nur einen «marginalen Unterschied» ausmachten. Dass mit dieser Argumentation jeder Mitarbeiter eine ordentliche Lohnerhöhung rechtfertigen konnte, kümmerte Sihler nicht. Widerspruch nahm er mit Humor: «Ich bin bescheiden, wie die Österreicher nun mal sind. Aber meine Genialiät möchte ich anerkannt wissen, genau wie Mozart.» Vasellas Lohnsprung auf 20 Millionen – nach Marktwerten mehr als 30 Millionen – lohnte sich auch für ihn: Er erhöhte sein Honorar um mindestens das Fünffache auf mehr als eine Million Franken.

Dazu liess Vasella auch Sihler dessen Vertrauten nachziehen. So kam Ulrich Lehner zu Novartis. Sihler und Lehner hatten sich bei dem verschwiegenen Düsseldorfer Konsumgüterriesen Henkel (Persil, Pattex) schätzen gelernt. Mitte der achtziger Jahre betraute Sihler den gebürtigen Düsseldorfer mit immer mehr Aufgaben und holte ihn kurz vor seinem altersbedingten Austritt 1992 auch in die Konzernleitung. Beide wirkten lieber im Hintergrund, doch sie waren durchaus machtbewusst. Sihler zog seinen Vertrauten stetig nach und liess dafür seine starken Seilschaften spielen, sodass Lehner zu einem der einflussreichsten und angesehensten deutschen Wirtschaftskapitäne aufstieg. Von 2001 bis 2008 war er ebenfalls Henkel-Chef. 2002 holte ihn Sihler in den Novartis-Verwaltungsrat. Als er 2007 sein Amt als Porsche-Aufsichtsratschef aufgab, zog er Lehner in das Kontrollgremium nach, wenn auch nicht als Vorsitzender, so doch als einziges Mitglied ausserhalb der Eignerfamilien Porsche und Piëch. Lehner folgte seinem Mentor auch als Aufsichtsratschef bei der Deutschen Telekom.

Als Lehner 2006 von seinem Zieh-vater Sihler den Posten des Lead Directors und Vizepräsidenten bei ­Novartis übernahm und auch in den Vergütungsausschuss eintrat (den ­Vorsitz übernahm Rudloff), war die Stimmung in der Schweiz aufgeheizt. Die goldenen Fallschirme Vasellas und seine kaum ­leistungsbezogenen Boni brachten ­Novartis massive Kritik von Aktionärsvertretern ein. Und der Schaffhauser Unternehmer Thomas Minder lancierte seine Abzocker-Initiative explizit auch gegen den von ihm als Ober-­Abzocker empfundenen Vasella. Als Lead Director hatte Lehner die Macht, eigene Sitzungen ohne Vasella einzu­berufen und das überholte Vergütungssystem zu reformieren.

Doch nichts dergleichen geschah. Lehner verwies auf das Auslaufen des Vertrages 2009. Dann würden die goldenen Fallschirme entfallen, vertröstete er die Aktionärsvertreter. Das taten sie offiziell zwar auch, doch ersetzt wurden sie durch die 72-Millionen-Konkurrenzklausel, die kaum etwas anderes ist als eine verkappte Abgangsentschädigung. Offenbar hielt es der in der verschwiegenen Henkel-Kultur sozialisierte Lehner für ausgeschlossen, dass die Vereinbarung ans Licht kam.

Drohgebärden 

Dabei gilt Lehner eigentlich nicht als Abnicker. Durch sein gros­ses Finanzwissen hoch geachtet, tritt er bei seinen Unternehmen als sehr aktiver und kritischer Kontrolleur auf. Langjährige Wegbegleiter überrascht, dass er sich zu dem hohen Abgangssold für Vasella hergab. «Eine überhohe Bezahlung durchzuwinken, das ist für Lehner äus­serst untypisch», sagt ein Aufsichtsrat der Telekom. Warum also segnete er den 72-Millionen-Deal ab, zusätzlich zu einem Präsidentensalär von 13 Millionen, das Vasella mit Abstand zum höchstbezahlten VR-Präsidenten eines Weltkonzerns machte?

Mit marktüblicher Vergütung konnte er nicht ernsthaft argumentieren. Hauptgrund war sicher die Angst, den allmächtigen Konzernlenker ersetzen zu müssen. Vasellas Drohgebärden zu Beginn der Vertragsverhandlungen 2008 versetzten Lehner und seine Mitstreiter fast in Panik. Doch auch Lehner hatte es sich bei seinem einzigen Auslandsmandat mit einem Honorar von 1,2 Millionen Franken behaglich eingerichtet. Wie Vasella ging er gerne auf die Jagd. Auch die Porsche-Connection gewann an Bedeutung. Zusammen mit Sihler hatte Lehner 2003 den damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in den Verwaltungsrat gehievt. Dort war Lehner grosse Zahlungen gewohnt: Wiedeking hatte bei seinem Abgang 2009 eine Abfindung von 50 Millionen Euro erhalten. Von Widerstand des Aufsichtsratsmitglieds Lehners ist nichts bekannt.

Vor allem wäre ein Aufstehen gegen Vasella eine Art Vatermord gewesen. Es war ja sein Ziehvater Sihler, der das Paket mit Vasella geschnürt hatte. Als die Verhandlungen im Verwaltungsrat Anfang 2008 begannen, sassen Lehner im Vergütungsausschuss mit Rudloff und George die beiden Männer gegenüber, die 1999 zusammen mit Sihler den Deal ermöglicht hatten. Der Ausschusschef Rudloff, seit mehreren Jahren Chairman der englischen Investmentbank Barclays Capital, war immer sehr nah an Vasella und schwärmte im kleinen Kreis fast euphorisch von ihm. Dieser intellektuell brillante Mann könne alles werden, vom Uno-Sonderbotschafter bis zum Bundesrat, und deshalb müsse man ihn unbedingt langfristig an Novartis binden. Nach aussen gab Rudloff gerne den demütigen Banker, der die Selbstbedienungsmentalität in der Finanzwelt geis­selte und exzessive Bonuszahlungen anprangerte. Den Novartis-Verwaltungsrat verteidigte er aggressiv. «Irgendwelche Anspielungen, dass der VR ein Ja-Sager-Gremium sei, sind falsch und geradezu lächerlich», sagte er 2007 in einem Interview. Mehr als Phrasen waren das nicht. Rudloff schrieb willfährig den Vasella-Vertrag fort, den er 1999 aufgesetzt hatte.

Keine Kontroverse 

George verliess den Verwaltungsrat im Februar 2009 – pünktlich zur Vertragsverlängerung Vasellas. 2010 wurde die 72-Millionen-Zahlung laut «Inside Paradeplatz» bei der Bank Wegelin angelegt. Rudloff trat im Februar 2011 aus dem Verwaltungsrat aus. Dass der Vergütungsausschuss unter seiner Leitung die Lohnfrage nicht gross diskutiert hatte, gab er ein Jahr später sogar in der BILANZ zu: «Es hat im Verwaltungsrat selbstverständlich immer wieder kontroverse Diskussionen gegeben, doch in der Lohnfrage war das nicht der Fall.»

Als letzter Hauptverantwortlicher bleibt der Mann, der bisher einen tadel­losen Ruf genoss: Ulrich Lehner. «Bei Novartis wird eine Atmosphäre gefördert, die es den Verwaltungsratsmitgliedern erlaubt, heikle Fragen zu stellen und abweichende Meinungen zu äussern», heisst es im aktuellen Geschäftsbericht. Dass Lehner diese heiklen Fragen gestellt hat, ist nicht bekannt. Fest steht: Er hat als ­Vizepräsident die 72-Millionen-Abfindung abgesegnet. Belohnt wird er mit dem Interimspräsidium. So ist das eben in einer Firma, die sich in jeder Hinsicht einer guten Corporate Governance verpflichtet fühlt.

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