Der Coup gelang meisterhaft. Lange hatten die ­beiden Nestlé-Lenker Peter Brabeck und Paul Bulcke auf ­diesen Tag hingearbeitet: Am 27. Juni, als sich die 150 Nestlé-Top-Kader zum Managementtreffen in Vevey zusammenfanden, sollte ihnen ein ganz besonderer Überraschungsgast präsentiert werden: ihr neuer Chef.

Und so war es dann auch. Selbst für die Konzernleitung kam die Nominierung wie aus heiterem Himmel – die Kür war erst im Herbst erwartet worden. Und noch überraschender war der Name des neuen Chefs: Der Deutsch-Amerikaner Ulf Mark Schneider, seit 13 Jahren erfolgreicher Lenker des deutschen Gesundheitskonzerns Fresenius, ist der erste extern berufene Nestlé-Chef seit 1922. Die Börse zog um 3,6 Prozent an – bei Fresenius hatte Schneider ein jährliches Wachstum von durchschnittlich 13 Prozent geliefert und den Gewinn verachtfacht.

Sofort sehr angetan

VR-Präsident Brabeck hatte Schneider letzten August das erste Mal getroffen und war sofort sehr angetan. Denn Schneider war genau der Mann, den er für die nächste Phase suchte: Gesundheitsthemen werden auch für den weltgrössten Nahrungsmittelkonzern extrem wichtig, und Schneiders frischer Blick auf das Nestlé-Portfolio überzeugte ihn schnell.

CEO Bulcke wurde früh einbezogen; er war ebenfalls schnell überzeugt, und damit zeichnete sich auch die andere entscheidende Weichenstellung ab: Bulcke würde als Bewahrer der traditionellen Nestlé-Kultur wie von ihm gewünscht das Präsidium übernehmen. Bald traf sich auch der Chef des Nominierungs-Komitees, Andreas Koopmann, mit Schneider.

Der einzige externe Kandidat

Wie Nestlé-Kenner berichten, war Schneider der einzige externe Kandidat, mit dem der Verwaltungsrat verhandelte. Für ihn sprach nicht nur die Expertise im Zukunftsbereich Gesundheit, sondern auch die Erfahrung als CEO eines Grosskonzerns – Fresenius beschäftigt mehr als 220'000 Mitarbeiter. Das konnten die drei internen Kandidaten nicht bieten.

Der Amerikaner Chris Johnson soll vom Typ her nicht für die CEO-Rolle in Frage gekommen sein, der Franzose Laurent Freixe galt mit dem Belgier Bulcke als nicht kompa­tibel. Stärkste Kandidatin war Asien-Chefin Wan Ling Martello, doch der Vewaltungsrat sah mehr Potenzial in Schneider und wählte ihn einstimmig zum neuen Chef ab dem 1. Januar 2017.

Neue Struktur

Dass damit auch die Struktur des Konzerns verändert wird, gilt als wahrscheinlich. Die unterlegenen Konzernleitungsmitglieder würden dann neue Aufgaben übernehmen. Denkbar ist etwa eine divisionale Aufteilung in die drei Kernbereiche Food, Water und Nutrition.

Der 50-jährige Schneider kennt die Schweiz gut: Er studierte an der HSG, und seine Frau Anne van Aaken ist dort seit vier Jahren ordentliche Porfessorin für Law and Economics. Bisher pendelte sie zwischen St. Gallen und Frankfurt – jetzt gehts nach Vevey.

 

Weitere spannende Themen lesen Sie in der neuen «Bilanz», ab Freitag am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.

Anzeige
Anzeige