Bük ist tiefste ungarische Provinz. Die Stadt liegt rund 100 Kilometer südlich von Wien, nahe an der ungarischen Westgrenze zu Österreich. Zwischen 3000 und 4000 Personen leben hier. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts suchten die Kommunisten in dieser Gegend nach Öl. Gefunden haben sie heisses Wasser, seither ist das Städtchen bekannt als Wellness-Oase – zumindest in Ungarn.

Dieses beschauliche Dorf wird nun Hort der grössten Produktionsstätte für Haustiernahrung in Europa. Der Lebensmittelgigant Nestlé investiert 20 Milliarden ungarische Forint (71 Millionen Franken) in den Ausbau seines Werks. Mit dem Geld will Nestlé eine 5000 Quadratmeter grosse Produktionshalle bauen, die Platz für zwei weitere Produktionslinien bietet. 1,6 Millionen Produkte sollen damit zusätzlich hergestellt werden. Pro Tag.

Bulcke öffnet das Portemonnaie zum zweiten Mal

Es ist nicht das erste Mal, dass Nestlé die Kapazität des Werkes ausbaut. 1998 erwarb das Unternehmen die Fabrik. In den Folgejahren investierte Nestlé einige Milliarden Forint.

2012 öffnete der damalige und heutige CEO Paul Bulcke das grosse Portemonnaie und baute vier neue Produktionslinien. Das Fabrikgelände wurde für 13 Milliarden Forint von 5000 Quadratmetern auf über 50'000 Quadratmetern ausgebaut. An der Feier nahm seinerzeit auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán teil.

Grösstes Investment in Ungarn-Geschichte

Das jetzige Investment ist aber beispiellos in der ungarischen Nestlé-Geschichte. Nach der Erweiterung sollen rund 1000 Personen im Werk eine Arbeit finden. Rund 200'000 Tonnen Tiernahrung sollen jährlich von den Bändern rollen, das meiste für den Export. 40 Prozent der Produktion geht nach Deutschland, Österrreich oder in die Schweiz.

Nestlé gehört damit zu den grössten der 300 Schweizer Unternehmen, die in Ungarn aktiv sind. Landesweit beschäftigt der Konzern rund 2200 Personen. Der Jahresumsatz der ungarischen Ländergesellschaft beläuft sich auf 120 Milliarden Forint, 10 Milliarden fliessen in die ungarischen Steuerkassen, wie Nestlé-Länderchef Jean Grunenwald laut «Tages-Anzeiger» an der Projektpräsentation in Budapest gesagt hat.

Feier ohne Orbán

Orbán persönlich nahm an der Projektfeier nicht teil, dafür aber sein Wirtschaftsminister Mihaly Varga. Vom Schweizer Investment verspricht sich Varga einen Schub für die eigene Agrarindustrie, da Nestlé versprochen habe, 60 Prozent der Rohstoffe von lokalen Betrieben zu beziehen.

Bei der Feier anwesend waren auch der Schweizer Botschafter Jean-François Paroz sowie Nationalratspräsidentin Christa Markwalder mit einer parlamentarischen Delegation aus Bern.

Lukratives Business

Für Nestlé selbst ist das Projekt nicht nur ein millionenschweres Bekenntnis zum Standort Ungarn, sondern eine Investition in eines der grössten Wachstumsfelder. 2015 erwirtschaftete der Konzern weltweit über 11 Milliarden Franken mit Tiernahrung. Gemessen am Umsatz ist das Business mit Katzen- und Hundefutter damit deutlich grösser als das Geschäft mit Süsswaren oder der oft kritisierte Handel mit Wasser. Nur zwei Sparten haben im letzten Jahr ein höheres, organisches Wachstum gezeigt.

Hauptmarkt für Tierprodukte ist die Region Nord- und Südamerika. 70 Prozent des Umsatzes wird hier erwirtschaftet. Nur jeder vierte Franken fliesst aus der Region Europa, Naher Osten und Nordafrika. In Westeuropa gehört Tiernahrung aber zu einem der wenigen Geschäfte, die im letzten Jahr zulegen konnten. Zugpferd sind die beiden Katzenfutter-Marken Felix und Purina One.

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