Nestlé-Chef Paul Bulcke sympathisiert mehr mit dem Wandel, als es sein Posten beim weltgrössten Nahrungsmittelkonzern Nestlé vermuten lässt. «Es ist ein Privileg, in einer Zeit zu leben, in der sich so viele Dinge neu entwickeln», sagte er im Sommer bei einem Anlass der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer. Niemand ahnte, wie sehr das auf Nestlé selbst zutreffen würde. Der Aktienkurs des Konzerns hielt jüngst mit wichtigen Rivalen nicht mit, der Erlös wächst nicht mehr so schnell und verfehlt öfter das Ziel von fünf bis sechs Prozent Zuwachs. CEO Bulcke reagiert: Er durchforstet Nestlé nach Sparpotenzial – und hat schon Verkaufskandidaten.

Quer durch die Geschäftsfelder haben Nestlé-Manager den Konzern mit seinem Umsatz von mehr als 90 Milliarden Franken abgeklopft. Resultat: zwei Listen mit schwachen oder unpassenden Marken – die einen sollen verkauft, die anderen vor einer weiteren Entscheidung über ihre Zukunft gestärkt werden. Stiesse Nestlé alle in Frage kommenden Marken ab, lies­sen sich laut Zürcher Kantonalbank (ZKB) bis zu 17 Milliarden Franken erlösen. Werden, wie Investoren erwarten, auch die 30 Prozent an L’Oréal verkauft, kämen 28 Milliarden Franken hinzu.

Ins Visier soll Nestlé bereits die US-­Diätfirma Jenny Craig genommen haben, um sie abzustossen. Die Sportriegelfirma PowerBar will Nestlé eher selbst aufpäppeln, sie könnte aber noch auf dem Verkaufszettel landen. Der Wurstfabrikant Herta passt nicht ins Portfolio, weil er nur in Deutschland agiert. Die Dermatologiefirma Galderma läuft gut, doch andere Konzerne könnten sie eher vorantreiben.

Auch bei Fertiggerichten, etwa Tiefkühlpizzen, sind Marken zu schwach und überflüssig. Genauso bietet das Geschäft mit Eis in Grossmengen geringe Margen. Selbst bei dem von Präsident Peter Brabeck geliebten Wassergeschäft liessen sich lokale Marken abspalten, wie im Juli schon ein französisches Label.

Im Konzern mit seinen vielen Sparten konnten sich schlecht laufende Geschäfte jahrelang gut verstecken und Nestlé ohne Not auf Besserung warten. «Ein Luxus», findet Bulcke, den er sich nicht mehr leisten will. 

Anzeige
Anzeige