1. Home
  2. Unternehmen
  3. Nachhaltigkeits-Rating: Die Sieger

 
Nachhaltigkeits-Rating: Die Sieger

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und überhöhte Managerboni trugen Transocean Minuspunkte in Sachen Nachhaltigkeit ein.

Wer schont die Umwelt? Wer entwickelt zukunftsweisende Produkte? Wer spart beim Abfall, wer bei den Ressourcen? Das dritte BILANZ-Nachhaltigkeits-Rating analysiert die 20 SMI-Grosskonzerne – von ABB bis «Zürich».

Von Stefan Barmettler
23.08.2011

Klar, Swisscom-Chef Carsten Schloter geniesst einen Startvorteil. Der Konzern ist ein Fastmonopolist, die Marge fett, die Kundschaft zahlungskräftig. Auch Swiss-Re-Chef Stefan Lippe geht aus einer Spitzenposition ins Rennen. Das Geschäftsmodell des Rückversicherers richtet sich auf die Folgen des Klimawandels und auf Risikominimierung aus. Die beiden, Swisscom und Swiss Re, sind die Sieger im BILANZ-Nachhaltigkeits-Rating 2011.

Inrate, eine international anerkannte Nachhaltigkeits-Rating-Agentur, zeichnet den Berner und den Zürcher Grosskonzern je mit der Bestnote +6 aus. Keine andere der 20 Firmen, die im SMI erfasst sind, erreicht eine gleich hohe Bewertung.

Zum dritten Mal liess BILANZ die Nachhaltigkeit von Firmen bewerten. Inrate errechnete aus 100 Kriterien eine Gesamtnote von –6 bis +6 (siehe «100 Kriterien – eine Note» unter 'Nebenartikel'). Nachhaltigkeits-Ratings sind relevant: Sie zeichnen aus und leiten Investoren bei ihren Anlageentscheiden. Das Fazit von Tobias Jung, Leiter der Inrate-Researchabteilung: «Im Vergleich zu früher machen wir 2011 eine generelle Zunahme des Nachhaltigkeitsreportings aus.»

Siegerin Swisscom kein Newcomer

Es gibt 2011 auch Verlierer: Schlecht fällt die Bilanz der Ölförderfirma Trans­ocean aus, die seit gut einem Jahr im SMI gelistet ist. Die Firma war ins Deepwater-Horizon-Debakel im Golf von Mexiko verwickelt, zudem sorgten die Superboni des Topmanagements für negative Schlagzeilen.

Siegerin Swisscom ist kein Newcomer: Die Firma steht seit Beginn des BILANZ-Ratings auf den Spitzenplätzen. Zu Recht: In den letzten zehn Jahren hat man den CO2-Ausstoss der Fahrzeugflotte und der Immobilien um 44 Prozent reduziert. Auch international setzt Schloters Firma Standards: Die britische Agentur Verdantix kürte Swisscom kürzlich zu einem der fünf europäischen Branchenleader, vor Vodafone und der Deutschen Telekom.

Der Klimawandel und die damit verbundenen Herausforderungen sind zentral für das Kerngeschäft von Lippes Swiss Re. Stefan Lippe: «Wir haben zahlreiche Initiativen und Lösungen entwickelt, die ökologische und soziale Herausforderungen nachhaltig angehen.» Während Swisscom und Swiss Re unter den SMI-Firmen Klassenprimi sind, erreichen nur noch ein paar ausgewählte Small and Mid Caps, klein und mittel kapitalisierte Firmen, eine +6: Geberit, Georg Fischer, Bank Sarasin.

Für den Geberit-Chef Albert Baehny geht es nicht nur um einen Trend. «Weniger Energie und Wasser verbrauchen oder sparsam mit Rohmaterial umgehen hat einen positiven Einfluss auf die Kostenstruktur.» Konkret: Im Geberit-Forschungslabor in Jona SG gurgeln 200 000 Kubikmeter Wasser durch Abflüsse, 95 Prozent davon aus dem geschlossenen Wassersystem.

Holcim ist ein heikler Fall

Auch die Bank Sarasin, die traditionell auf nachhaltiges Geld­anlegen setzt, ­gehört zu den Siegern: Die detaillierte Nachhaltigkeits-Berichterstattung ist vorbildlich, die Sensibilität beim ­Personal hoch. Letztes Jahr wurde der Abfall pro Kopf von 215 auf 179 Kilo ­reduziert.

Für Experten sind die Namen dieser «Class of +6» nicht überraschend: Bereits in den BILANZ-Ranglisten 2009 und 2010 gehörten sie zur Spitzengruppe.

Weitere Schweizer SMI-Firmen holen sich bei Inrate einen Kranz, darunter ABB, Adecco und – ja – Holcim. ABB (Note +5) setzt auf effiziente Produkte und Produktion, bloss wegen Kontroversen um Korruptionsfälle und Wettbewerbsverstösse schafft der Technologiekonzern keine +6. Inrate-Analystin Judith Reutimann: «ABB legt Wert auf die ökologische Optimierung ihrer ­Produkte, indem sie Kennzahlen zur Umweltperformance einzelner Produkte ermittelt.»

Holcim ist ein heikler Fall. Die Firma ist in der Zementindustrie tätig und konsumiert gigantische Summen von Energie. Gleichwohl gilt die Schmidheiny-Firma gemäss diversen internationalen Öko-Ratings als weltweiter Branchenleader. Von 2008 bis 2010 hat Holcim den weltweiten Schwefeldioxydausstoss auf 24,9 Tonnen halbiert.

Das Handicap der Schweizer

Komplex ist das Bild bei den Finanzkonzernen. Während Sarasin obenaus schwingt, liegen Credit Suisse und ­«Zürich» bei +3, UBS bei +2, Julius Bär bei 0. Judith Reutimann: «Die CS ist seit 2006 CO2-neutral, die UBS hat sich ein quantitatives Reduktionsziel gesetzt.»

Ein Vergleich mit der globalen Konkurrenz, die besser abschneidet, zeigt das Handicap der Schweizer. Die Nachhaltigsten, die australische Bank Westpac (+6) und der niederländische Versicherungskonzern Aegon (+6), profitieren vom engen Geschäftsmodell: Sie sind weniger global und nicht im Investment Banking tätig. Globale Universalbanken aber bieten Angriffsflächen. Denn bei Corporate Finance lauern Risiken, etwa bei der Finanzierung von Kohlekonzernen, die mit der Abbaumethode Mountain Top Removal (MTR) arbeiten. Die UBS kennt das MTR-Risiko. Bei Geschäften mit dieser Branche sei «die Einschätzung des UBS-Senior-Managements nötig, und der Bewilligungsprozess wird auf eine höhere Stufe ausgedehnt».

Immerhin, im Vergleich zu anderen globalen Banken schneiden die Schweizer ansprechend ab: Bank of America und Citigroup bringen es gemäss Inrate auf eine Note 0, die Deutsche Bank von Josef Ackermann bloss auf eine –1.

Anzeige