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Nachhaltigkeit: Sonnenfinsternis

Warten auf den Sonnen­aufgang: euro­päische Solarindustrie.

Überkapazitäten und politische Unsicherheiten beuteln ­die Solarindustrie – auch die Schweizer Zulieferer. Viele Firmen werden die Marktbereinigung nicht überleben.

Von Bernhard Raos
24.01.2012

Ende 2011 war die solare Welt nach aussen in bester Ordnung. Die vier Schweizer Bundesrätinnen wurden mit dem europäischen Solarpreis ausgezeichnet. Als Anerkennung dafür, dass die Landesregierung nach der Katastrophe in Japan den Atomausstieg proklamierte. Ein Steilpass für die Solarin­dustrie, die politisch gehätschelt und in vielen Staaten massiv subventioniert wird.

Doch der Sonnenenergiebranche ist nicht zum Feiern zumute. Sie steht vor einer schmerzhaften Restrukturierung. «Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ist zu gross», weiss Matthias Fawer, Analyst bei der Bank Sarasin und Autor einer aktuellen Solarindustriestudie. Konkret: Einem weltweiten jährlichen Absatzpotenzial von 21 Gigawatt (GW) standen Ende 2011 rund 50 GW an Produktionskapazität für Solarmodule gegenüber.

Pleitewelle. Der Verdrängungskampf ist gnadenlos. Den Takt geben die grossen Anbieter aus China mit einem Marktanteil von über 50 Prozent vor. «Dort sind die Modulpreise im letzten Jahr bis zu 45 Prozent eingebrochen», sagt Werner Buchholz vom Solarzulieferer Meyer Burger. Davon ist das Unternehmen direkt betroffen. Das zugekaufte deutsche Tochterunternehmen Roth & Rau rutschte 2011 in die roten Zahlen, und am Standort in Thun musste die Serienproduktion für Drahtsägen zeitweilig eingestellt werden. Buchholz will sich auf keine Prognosen für 2012 festlegen: «Dies ist wegen der aktuell zusätzlich erschwerten fiskalpolitischen Herausforderungen nicht möglich.»

So genügte jüngst die Forderung einer chinesischen Behörde nach mehr Sonnenstrom im Reich der Mitte, um die Meyer-Burger-Aktie Anfang Jahr um über 20 Prozent steigen zu lassen – nachdem sich deren Kurs 2011 halbiert hatte. «Diese abrupten Ausschläge widerspiegeln die starke Abhängigkeit der Solarindustrie von der Stimmung in Politik und Öffentlichkeit sowie das aktuelle Ungleichgewicht zwischen Produktionskapazitäten und Nachfrage», meint Analyst Fawer. In seiner Studie hat er den globalen Fotovoltaik-Index PPVX mit dem MSCI World übers letzte Jahr verglichen: Nach dem Nuklearunfall in Japan lag der PPVX kurzfristig um 20 Prozent über dem MSCI, verlor dann aber bis Ende Jahr rund 61 Prozent – gegenüber einem Minus von zwei Prozent der weltweiten Börse.

Für Fawer ist eine Markt­bereinigung in der Solarbranche unvermeidlich: «Vor allem in Deutschland werden nur wenige Firmen überleben.» Erste prominente Opfer gab es letztes Jahr. Die börsenkotierte Solar Millennium musste im Dezember die Insolvenz anmelden, kurz zuvor hatte es Solon getroffen – nach einem Jahresverlust von über 200 Millionen Franken. CSG Solar war bereits Mitte Jahr pleite. Allein in Deutschland gingen rund 20 000 Arbeitsplätze in der Solarindustrie verloren. Und in den USA traf es mit dem kalifornischen Unternehmen Solyndra ein ehemaliges Aushängeschild der Branche. Dies, obwohl die Firma von der US-Regierung vor der Insolvenz noch einen Kredit über 500 Millionen Dollar erhalten hatte.

Klar ist: Solarenergie ist eine Zukunftsbranche, doch sie steckt in einem Zwischentief, muss sich neu sortieren. Nicht alle werden den Stress überleben. Gut aufgestellt sind Unternehmen, «die international breit positioniert sind und mehrere Produktionsschritte abdecken», sagt Fawer. Nach einer schwierigen Übergangsphase – vor allem in Europa – würden die globalen Installationen von ­Fotovoltaikanlagen bis 2015 um durchschnittlich 18 Prozent pro Jahr wachsen. Als gut positioniert sieht Fawer bei den Fotovoltaikanbietern Suntech Power, Trina Solar und Yingli Solar aus China, First Solar und SunPower aus den USA und die deutsche SolarWorld.

Geteilter Markt. Und die Schweiz? 2011 wurden Fotovoltaikanlagen mit 85 Megawatt (MW) neu installiert, das sind mehr als doppelt so viel wie 2010 (37 MW). Es war für Hausbesitzer noch nie so günstig, Solarstromanlagen zu montieren. Davon profitierten in erster Linie Hunderte Installateure, die Solarmodule dank hartem Franken günstig beschaffen konnten. Hier brummt das Geschäft; viele Installateure haben zu wenig Fachkräfte («Solarteure»), um alle Aufträge abzuwickeln.

In der Schweiz gibt es keine grossen Hersteller für Solarmodule und Solarzellen, aber bedeutende Zulieferer. Und die sind von den aktuellen Verwerfungen ebenfalls betroffen. So, wie bereits erwähnt, die Firma Meyer Burger, in der solaren Wertschöpfungskette in den Bereichen Wafer, Zellen und Module tätig. Zwar kündigte die Unternehmensgruppe für 2011 erstmals die Umsatzmilliarde an, doch die Erträge sind unter Druck. Seine Zahlen wird das kotierte Unternehmen im März präsentieren.

Analyst Fawer traut dem Technologieführer zu, die Durststrecke zu überstehen: «Wenn der Markt dreht, wird Meyer Burger rasch profitieren.» Gut unterwegs sei auch die Firma Sputnik Engineering mit Hauptsitz in Biel, die Solarwechselrichter vertreibt und in dieser Nische ebenfalls einen technologischen Vorsprung hat. 98 Prozent der Produktion werden exportiert.

Gewagte Projekte. Als eher wagemutig stufen Experten die beiden Projekte für zwei neue Schweizer Solarmodulfabriken ein: Genesis Solartec plant in Raron, Solar Industries will in Langenthal ab dem Sommer produzieren. Um von ­Skaleneffekten zu profitieren, sind beide ­Fabriken zu klein. Eine lukrative Nische böten bahnbrechende Technologien. Diesen Beweis müssen die beiden erst erbringen.

Bedingt optimistisch gibt sich Fawer für die Solarsparte von OC Oerlikon, wo der Bestellungseingang in den ersten neun Monaten 2011 um 100 Millionen Franken abgenommen und sich damit mehr als halbiert hat: «Irgendwann muss die Solarsparte ins Fliegen kommen. Es ist wohl die letzte Chance.» Bereits machen Gerüchte die Runde, die Solarsparte werde nach China verkauft, nachdem OC Oerlikon vor Monatsfrist eine strategische Partnerschaft mit der chinesischen Gesellschaft für erneuerbare Energien (CRES) annonciert hat.

Dabei hatte man jahrelang die Solar-Arie gesungen und so Aktienfantasien befeuert. Bisher aber hat die Vekselberg-Firma im Sonnenstromgeschäft nichts verdient. Endlich Gewinne erhofft sich OC Oerlikon nun von der neuen Generation ihrer Solarpanel-Fertigungsanlage, die billiger und effizienter produzieren soll als das Vorgängermodell. OC Oerlikon setzt auf die Dünnschichttechnologie, die im Vergleich zur Siliziumtechnologie bisher einen tieferen Wirkungsgrad ausgewiesen hat. Der globale Marktanteil des Dünnschichtsegments ist denn auch ­gemäss Sarasin-Studie seit 2009 um 5 Prozentpunkte auf noch 13 Prozent zurückgegangen. Auch hier ist die Marktbereinigung im Gang. Seit 2010 hat ein Drittel der Hersteller von Dünnschichtmodulen aufgegeben.

Eine deutlich nachlassende Nachfrage im zweiten Halbjahr 2011 bei ihren Steckerverbindungen, Kabeln und Boxen für Solarmodule meldet auch Huber + Suhner, Hersteller von Systemen der Verbindungstechnik. Der Gruppenumsatz glitt um fünf Prozent auf 758 Millionen Franken zurück. Das Solargeschäft galt bisher als Wachstumstreiber und trug 2010 gut 15 Prozent zum Umsatz bei. Firmensprecher Axel Rienitz sieht 2012 als «Jahr der grossen Konsolidierung», ohne sich näher festzulegen.

Volatile Politik. Zu schaffen machen der Sonnenenergiebranche nicht nur die Überkapazitäten und ein ruinöser Preiskampf, sondern auch die Förderpolitik. Während die Schweiz die Subventionen an Produzenten von Sonnenstrom begrenzt hat, rührte das solare Vorzeigeland Deutschland bei den Einspeisevergütungen mit der grossen Kelle an. 2011 wurde im Nachbarland gut ein Drittel der weltweiten Fotovoltaik-Kapazitäten installiert.

Solarstrom dürfte zwar die Preisparität zum Endverbrauchertarif rascher erreichen als angenommen und keine Stützung mehr benötigen, doch die Subventionslasten seit Einführung im Jahr 2000 haben bereits die Grenze von 100 Milliarden Euro überschritten. Jede neue Anlage hat Anspruch auf 20 Jahre Förderung, belastet alle deutschen Stromverbraucher also noch lange. Sie bezahlen einen Ökostromzuschlag auf jede Kilowattstunde. Das ist energiepolitisch so gewollt.

Weil die Sonne nicht immer so scheint, wie es die Stromkonsumenten benötigen, führt dies zu Verteilproblemen und Überlastungen in den Stromnetzen. Die Betreiber müssen damit klarkommen, dass Zehntausende Fotovoltaik-Besitzer mal Strom einspeisen, mal abzapfen. Es braucht Reservekapazitäten für sonnenarme Phasen. Nun diskutiert auch die deutsche Regierung darüber, die Solarförderung über den weiteren Ausbau zu deckeln – statt 7500 Megawatt wie 2011 sollen es dieses Jahr nur noch 1000 ­Megawatt sein.

Im klammen Sonnenland Spanien hat die rigorose Deckelung die Fotovoltaik-Investitionen marginalisiert. Das sind keine Frohbotschaften für die Solarindustrie. Der europäische Solarpreis 2012 wird wohl nicht mehr an eine Landes­regierung gehen.

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