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Mikron: Flecken auf den weissen Westen

Maschinenbauer Mikron kommt nicht auf Touren. Die Retter haben nur halbe Arbeit geleistet.

Von Dirk Ruschmann
17.12.2010

Sie kennen sich schon lange, helfen sich gegenseitig, sind beide erfolgreich und könnten doch kaum unterschiedlicher sein: Johann Schneider-Ammann und Anton Affentranger.

Der zurückhaltende Schneider-Ammann hat sich als Wachstumsmotor des Langenthaler Familienunternehmens ­Ammann, als Investor und mächtiger ­Präsident des Maschinenindustrieverbandes Swissmem ausgezeichnet und ist nun zum Bundesrat mit eigener Autogrammkarte (maximal drei pro Besteller) avanciert. Unter den Regierungsmitgliedern bietet nur noch die ähnlich attraktive Kollegin Doris Leuthard Autogramme via Postversand an.

Antonio, genannt Anton, Affentranger, ein flamboyanter Typ, hat aus Batigroup und Zschokke den grössten Schweizer Baukonzern, Implenia, geformt und zu hoher Gewinnkraft geführt. Zwei Mal wechselte er den Konzernchef aus und lockt mit Moritz Leuenberger einen Ex-Bundesrat in den Verwaltungsrat, legt sich ungestraft mit öffentlichen Auftraggebern wie der Stadt Zürich an und blockierte mit Implenia juristisch den Bau des neuen Gotthardtunnels, weil ein gegneri­sches Konsortium den Zuschlag erhalten hatte, bis seinem Konzern Entschädigungen ­zugesprochen wurden. So stramm gehen nicht viele vor.

Gemeinsam wehrten Schneider-­Ammann und Affentranger den Angriff des britischen Hedge Fund Laxey auf ­Implenia ab; Laxey-Investmentdirektor ­Roger Bühler holte sich dabei eine blutige Nase. 2003 stiegen sie, unter Führung von Schneider-Ammann, beim Bieler Maschinenkonzern Mikron ein und retteten das überschuldete Unternehmen per Kapitalspritze vor dem Konkurs – und damit die Arbeitsplätze in der Region.

Unbeachtet. Doch nicht einmal gemeinsam gelang es den beiden Wirtschaftsgrössen, die überschaubare Firma nachhaltig zu sanieren. Das KMU Mikron ist der Fleck auf den weissen Westen der Stars. Dass das nicht weiter auffällt, liegt vor allem daran, dass der Markt das Interesse an Mikron verlor. Nur noch eine einzige Bank, Vontobel, beobachtet mit ihren Analysten, was sich bei Mikron tut.

1991 war Schneider-Ammann in den Mikron-Verwaltungsrat eingetreten. ­Peter Forstmoser, Rechtsanwalt und Multi-Verwaltungsrat, sitzt seit methusalemischen 34 Jahren im Mikron-Führungsgremium. Beide hatten also bereits die erste Sanierung von Mikron Mitte der neunziger Jahre, nach einer schweren Rezession in der Maschinenindustrie, erlebt. Vielleicht trug diese Erfahrung dazu bei, dass sie 1999 einem Abenteuer zustimmten: Unter dem Verwaltungsratspräsidenten und IBM-Topmanager Hans Ulrich Märki übernahm Mikron erst die skandinavische Iplast, später die holländische Axxicon und diversifizierte damit in den Produktionsmarkt für Plastikteile von Mobiltelefonen. 2001 sprang jedoch Hauptkunde Ericsson ab, Ende 2001 beliefen sich die Schulden auf 350 Millionen Franken. Daraufhin verlangten die kreditgebenden Banken, dass das Kerngeschäft, die Maschinenbausparte, verkauft wird. Aber aufgrund der Unsicherheiten waren bereits zu viele Kunden abgesprungen. Kein Investor wollte einsteigen.

«Ich lasse es einfach nicht zu, dass der Werkplatz Schweiz in meinen Unternehmungen abgebaut wird», sagte Schneider-Ammann 2003, ein für «Mister Werkplatz» typisches Statement. Er trommelte eine Gruppe Einheimischer zusammen, die runde 100 Millionen für eine Kapitalspritze bei Mikron bereitstellte: allen ­voran Schneider-Ammann selbst mit seiner Familie; sie allein schossen rund 50 Millionen ein. Weitere Geldgeber waren Anton Affentranger, SFS-Chef Heinrich Spoerry, der Baselbieter Financier und ehemalige Straumann-Präsident Rudolf Maag sowie Jacob Schmidheiny. Schneider-Ammann avancierte zum Verwaltungsratspräsidenten. Zusammen hält die Gruppe nach der Bilanzsanierung gut 70 Prozent des Kapitals. Ihre Zusammensetzung ist bis heute unverändert: Den über fünf Jahre laufenden Aktionärsbindungsvertrag, den die Gruppe 2003 schloss, verlängerte sie bis 2011.

Erfolg kann es nicht gewesen sein, was die Investoren zum Bleiben veranlasste. Mikron hat ein problematisches Geschäftsmodell. Zwar sind ihre «Transfermaschinen» spezialisierte Hightech-­Produkte: Sie greifen Werkstücke, die mehrere Bearbeitungsschritte benötigen (beispielsweise wird zunächst ein Gewinde eingefräst, dann wird geschliffen, an der gegenüberliegenden Seite gebohrt und gesägt). Diese Teile transportiert die Maschine von einer Bearbeitungsstation zur nächsten. Allerdings fällt in diesem Geschäft viel Aufwand an, dem jeweiligen Kunden die Maschine masszuschneidern – das bedeutet hohe Kosten für Mikron bei eher geringen Stückzahlen, also kaum Economies of Scale. Und das «schmälert die Margen. Auch in guten Zeiten waren die meist nur im tiefen einstelligen Bereich», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter Research bei der Bank Vontobel.

Zudem war die Sanierung, die Schneider-Ammann als Präsident einleitete, finanziell schmerzhaft. Mikron sollte sich auf das Kerngeschäft der Bearbeitungs- und Montagesysteme konzentrieren. Daher zog sich die Firma aus einem Joint Venture mit dem Handyzulieferer Balda zurück, den Geschäftsbereich Formenbau, im Wesentlichen Axxicon, stiess Mikron 2004 ab – für 42 Millionen Franken. Bezahlt hatten die Schweizer beim Kauf drei Jahre zuvor 124 Millionen. Das Management des Bereichs übernahm die Sparte.

Verschämt. 2005 verkaufte Mikron ­einen weiteren Konzernbereich, wiederum quasi intern: Plastics Technology. Über den Deal geben sowohl die Firmenchronik «Mikron 1908–2008» als auch die Geschäftsberichte nur verschämt Auskunft. Die Chronik nennt nicht einmal die Namen der Käufer des Spin-off. Dabei waren diese Mikron freundschaftlich verbunden: Mehrere Investoren, darunter Schneider-Ammann, und Divisionsleiter Jörg Hotz waren an Bord, dazu Maag und Philippe Sarasin, im Zentrum aber stand Mikron-Gross­aktionär und Vizepräsident Anton Affentranger.

28 Millionen betrug der Kaufpreis, ­gemäss einer dürren Aussage im Geschäftsbericht habe kein höherer Preis erzielt werden können: Potenzielle Käufer hätten wegen der schwachen vorher­gegangenen Jahre zurückgezuckt. 2005 ­allerdings schrieb Plastics operativ wieder schwarze Zahlen und brachte immerhin rund 130 Millionen Franken Umsatz und 700 Mitarbeiter auf die Waage. Abschreibungen führten dazu, dass Mikron durch den Verkauf unter dem Strich einen ­Buchverlust von rund 26 Millionen verkraften musste.

2006 benannte sich die Sparte in Forteq um. Geschäftsergebnisse oder Einzelheiten zum Aktionariat veröffentlicht Forteq seitdem keine mehr.

Wer nach Stellungnahmen zu den Deals und den Zukunftsperspektiven von Mikron fragt, läuft gegen Mauern. Dass Schneider-Ammann, der sich persönlich aus dem Unternehmen Mikron zurück­gezogen hat und nun als Bundesrat amtiert, nichts sagen will, ist noch am ehesten nachvollziehbar.

Nur Investor? Aber auch Affentranger, heute über seine Holdings Cima und Transmission Technologies offenbar Haupteigentümer von Forteq und weiterhin bei Mikron Grossaktionär, hält sich bedeckt: «Ich bin nur Investor.»

Und Heinrich Spoerry, seit 2001 im Verwaltungsrat und seit Schneider-Ammanns Wahl in den Bundesrat Mikron-Präsident, will sich erst im März 2011 äussern, wenn der Jah­resabschluss vorliegt.

Dass angesichts der «enormen Durststrecke», die der Schweizer Maschinenbau hinter sich gebracht hat, das Resultat für 2010 besser aussehen dürfte, ist klar: ­Allgemein «sehen wir derzeit von einer sehr tiefen Basis aus hohe Wachstums­raten bei den Bestelleingängen», sagt Vontobel-Analyst Spiliopoulos.

Sogar Spoerrys Funktion zeigt eines der Probleme von Mikron: Als Präsident ersetzt er zugleich den CEO – auf diesen Posten verzichtet Mikron, weil die beiden verbliebenen Konzernsparten kaum Überschneidungen aufweisen. Also agieren sie weitgehend unabhängig und suchen kaum nach kostensparenden Synergien.

Die Investoren mögen bei der Rettung von Mikron die besten Absichten gehabt haben – was Schneider-Ammann als Verwaltungsratspräsident nicht mehr geschafft hat, ist, dem Unternehmen eine grundlegende Neuausrichtung, ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell einzubauen. Seine Wahl in den Bundesrat im September erzwang den Rückzug aus ­Mikron; Aktionär bleibt seine Familie, er selbst gab Anteile und Amt ab.

Anton Affentranger hatte sich bereits zuvor operativ verabschiedet: Anlässlich der Generalversammlung 2010 trat er ­völlig überraschend und ohne Angabe von Gründen aus dem Verwaltungsrat zurück.

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