Die Haftanstalt Mannheim ist kein architektonisches Meisterwerk. Die Zellen sind in vier langen Flügeln untergebracht, stern­förmig von einem Rundturm ausgehend. Ein primitiver Zweckbau, 100 Jahre alt. So können die Wärter ihre Häftlinge vom Turm aus beim Hofgang überwachen.

Jörg Kachelmann, derzeit der prominenteste Untersuchungshäftling, darf sich dort täglich eine Stunde lang die Beine vertreten. Seit dem 24.  März geht das nun so, und es ist nicht absehbar, wie lange noch. Auch sonst ist die Bewegungsfreiheit Kachelmanns eingeschränkt. Der passionierte Naturmensch und quirlige Fernsehmoderator, den seine Kameraleute nur mit Mühe vor der Linse halten konnten, ohne dass er ihnen aus dem Bild hüpfte, muss sich beschränken. Anrufe darf er ­keine empfangen, sein Briefverkehr wird vom Richter überwacht. Alle zwei Wochen darf er einen Gast empfangen, allerdings nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Richters. Und nach einer Stunde muss der Besucher wieder gehen. Wie vergangene Woche, als er zum ersten Mal einen Manager seiner Firmengruppe zum Krisengespräch empfangen durfte.

Management by Knast. In seinem Firmenreich Meteomedia ist nämlich einiges in Bewegung. Mit jedem weiteren Tag U-Haft ihres Chefs wächst bei den Mitarbeitern die Ungewissheit über ihre Zukunft. Denn Kachelmann hat die Firmen nicht nur gegründet – seit rund 20 Jahren gilt er auch als ihr glänzendes Aushängeschild, als Türöffner und Taktgeber. Und er ist der Hauptaktionär der Gruppe, neben den Minderheitsaktionären Frank B. Werner, einem Münchner Verleger, und Peter Balsiger, einem Medienberater. Aber wie geht das eigentlich: Unternehmensführung aus dem Knast?

Die einfache Frage, wie es denn so ­stehe, löst in Kachelmanns kleinem Firmenimperium Nervosität aus. Im Zentrum die Meteomedia-Firmen mit 100 Mitarbeitern, eine mit Sitz im ­Appenzellerland, die zweite im nordrhein-westfälischen Bochum. Dazu kommen die Schweizer Tochter Meteo­radar und zwei von der Gruppe unabhängige Firmengründungen in Übersee (siehe «Kachelmanns Wettergruppe» im Anhang).

Norbert Steffen, ein treuer und langjähriger Begleiter, hält in Appenzell die Stellung, kümmert sich um die Bücher und die Finanzen. Er war es auch, der Kachelmann in der Haftanstalt besuchen durfte. «Meteomedia ist ein gewachsenes Unternehmen und bestens verankert im Markt», teilt er auf PR-Deutsch mit, «Meteomedia ist strukturell und personell so aufgestellt, dass sämtliche Dienstleistungen für unsere Kunden weiterhin in anerkannt hochwertiger Form erbracht werden.» Also alles in Butter?

Steter Aufstieg. Tatsächlich steigen die Gewinne seit Jahren, der Umsatz wächst auch 2010. Der Verlustvortrag, den die deutsche ­Meteomedia seit einigen Jahren mit sich schleppt, konnte jedes Jahr reduziert werden – in kleinen Schritten. ­Ende 2008 waren es noch 2,7 Millionen Euro, gedeckt durch die zahlungskräftige Holding. «Wir gehen heute davon aus», sagt Steffen, «dass unsere Planziele dieses Jahr erreicht werden können.»

Doch die Zukunft ist ungewiss. Wichtige Kunden wie die deutsche ARD stehen zwar offiziell zu ihren Verträgen. Es sind gewöhnliche Dienstleistungsverträge, mit denen sich der Sender einen Rundum­service einkauft: Daten, Präsentation und Moderation für den Vorabend und die ­«Tagesthemen». Hinter den Kulissen rumort es allerdings. «Ich kenne niemanden, der noch damit rechnet, dass Kachelmann auf den Bildschirm zurückkehrt», sagt ein hochrangiger ARD-Funktionär. Viele denken an den TV-Mann Andreas Türck, der selbst nach einem Freispruch wegen des Verdachts der «einfachen» Vergewaltigung nicht mehr vor die Kamera zurückkehrte.

Die Kachelmann-Firmen verkaufen allerdings nicht nur ihren Chef als Wetterfrosch. Sie haben ein eingespieltes Moderatorenteam. Sie liefern Wetterdaten an TV- und Radiosender sowie Internet­medien. Ihr stilles Geschäft: historische Wetterdaten für Versicherungen, Hagelgutachten für Gerichte, Unwetter­warnungen für Unternehmen, Hochwassermeldungen für die Wasserwirtschaft.Anders als die grossen Mitbewerber arbeitet Meteomedia nicht mit riesigen Wetterstationen, sondern mit vielen Mini-Geräten, die übers ganze Land verteilt sind – ein Messnetz vom Grossen St.  Bernhard bis Altenrhein. Wie beim System der Leser­reporter darf jeder mitmachen, soweit er auf einer Wiese einen Flecken von zehn Quadratmetern für Kachelmanns semi­professionelle Wetterstation bereitstellt. Die digitale Station ist für 3500 Franken zu haben und sendet die Daten direkt an die Zentrale.

Für Mitarbeiter und Kunden bleibt ein unkalkulierbares Rechtsrisiko, denn sie kennen die Wahrheit nicht. Kachelmann bestreitet die Vorwürfe. Auch sein Statthalter Steffen will es wissen: «Er ist unschuldig.» Das Landgericht Mannheim prüft seit Wochen die Anklageschrift der Staatsanwälte, die den «Verdacht der besonders schweren Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung» erheben. Als besonders schwer gilt die Vergewaltigungstat, wenn eine Waffe oder eine manifeste Körperverletzung im Spiel war. So soll es am 9.  Februar gewesen sein, als Kachelmann seine langjährige Freundin mit einem Küchenmesser zu Sex gezwungen haben soll.

Öffentliche Null. Die Strafkammer entscheidet auch, ob er in der U-Haft bleibt. Sie muss dabei die erwartete Strafe berücksichtigen. Da Kachelmann eine schwere Vergewaltigung vorgeworfen wird, drohen ihm bei einem Schuldspruch mehr als fünf Jahre Haft. Daher könnte er inhaftiert bleiben, bis der Prozess spätestens im September eröffnet werden muss.

Allein diese Verdachtslage kann jeden Promi zur öffentlichen Null degradieren. Doch Kachelmann passierte das Allerschlimmste, was einem deutschen Medienmenschen geschehen kann: «Post von Wagner», eine Kolumne des bitterbösen «Bild»-Journalisten Fanz Josef Wagner. «Wie immer der Prozess ausgeht, ein Messer hat im Bett nichts verloren», giftete der Kolumnist. Nun wurde Kachelmanns Liebesleben zum Thema, weil etliche seiner Freundinnen als Zeuginnen gefragt sind, von denen wohl jede überzeugt war, dass der Haftrichter ihr den exklusiven Geliebten weggenommen habe. Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker erreichte gerichtliche Verfügungen gegen Intim-Reporte. Aber es ist absehbar, dass selbst im Fall eines Freispruchs Enthüllungen über Kachelmanns Multitasking einen bleibenden Reputationsschaden hinterlassen. Was er selbst darüber denkt, können seine Mitarbeiter nur erahnen. Der direkte Kontakt zum Häftling bleibt beschränkt, der Informationsfluss läuft über die Anwälte. Vor allem über seinen Kölner Verteidiger Reinhard Birkenstock, der im «Klingelpütz», dem grossen Gefängnis der Rheinmetropole, einen Ruf geniesst wie Staranwalt Valentin Landmann an der Zürcher Langstrasse.

Kommunikationsprobleme sind kaum zu vermeiden. So kam es, dass Kristina Schless, die versierte Geschäftsführerin der deutschen Meteomedia, Anfang Mai per Anwaltsdekret urplötzlich freigestellt wurde. Sogar von einem Hausverbot war die Rede. Kachelmann soll es im Knast angeordnet haben. Unter den Mitarbeitern brodelte es, sie suchten nach dem Motiv für den Rausschmiss, vermuteten den Grund darin, dass sie einem Journalisten die Einschaltquoten der Meteomedia in der ARD – mit und ohne Kachelmann – mitgeteilt hatte. Das war eigentlich kein Betriebsgeheimnis. Aber das Resultat, so wurde gemunkelt, könnte das Selbstwertgefühl des Untersuchungshäftlings erschüttert haben: Die Quoten blieben auch mit den Moderatoren Claudia Kleinert und Sven Plöger stabil.

Wie auch immer, die Chefin darf die Geschäfte wieder leiten, Kachelmann hat es sich anders überlegt. Kachelmanns Statthalter Steffen will Fragen «nicht detailliert beantworten». Unternehmenslenkung aus der Haftanstalt ist nicht einmal Al Capone richtig gelungen.

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