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Maschinenindustrie: Jäger und Sammler

Wenn Schweizer Patrons ihr Geld in einheimische ­Aktiengesellschaften stecken, geht es nicht um Heimatschutz. Auch sie wollen mit ihren Anlagen Gewinne einfahren. Was die Grossinvestoren planen.

Von Dirk Ruschmann
09.04.2009

Wer Aktien der Rieter Holding in seinem Depot liegen hat, der braucht derzeit Gottvertrauen – oder einen so langen Atem wie Michael Pieper. Der Unternehmer (Franke Gruppe, Forbo) stört sich «überhaupt nicht» an den Kursverlusten. Mitte 2008 waren die Rieter-Papiere, die er direkt oder via Forbo hält, rund 260 Millionen Franken wert. Inzwischen sind es noch 90 Millionen. «Nur Buchverluste» seien das, sagt Pieper. «Als Unternehmer muss man bei solchen Investments über eine Zeit von fünf, zehn oder sogar fünfzehn Jahren rechnen können.»

Im Februar hat auch Peter Spuhler in das fallende Messer gegriffen – der Bahntechnikunternehmer stockte sein Rieter-Paket von 5 auf 17 Prozent auf und legte dafür 57 Millionen Franken auf den Tisch. Dabei «steht der Shareholder Value für mich nicht im Vordergrund», liess Spuhler den Winterthurer «Landboten» wissen. Vielmehr habe ihn die führende Stellung Rieters im Technologiebereich motiviert.

Spuhler war bei Rieter immerhin willkommen. Als der Schaffhauser Unter­nehmer Giorgio Behr beim ortsansässigen Autozulieferer und Maschinenbauer ­Georg Fischer (GF) einstieg, schlug ihm Ablehnung entgegen. Konzernpräsident Martin Huber stellte Behr in eine Reihe mit Financiers wie Martin Ebner oder ­Tito Tettamanti. Behr, der offiziell 6,3 Prozent der GF-Anteile hält, kommt inzwischen auf nahezu 10 Prozent an GF, sein mittlerer Einstandskurs liegt laut einem Marktkenner «bei 200 Franken» – zwischenzeitlich hatte Behr damit ein Viertel seines Investments eingebüsst.

Was treibt diese Selfmade-Unternehmer dazu, ihr Vermögen in kriselnde Schweizer Industriekonzerne zu ­stecken? Zumal gerade die Textilbranche «in der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten steckt», wie Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann sagt. Ist es ein Aufbegehren der Heimatschützer? Ein Roll-back gegen Firmenkäufer wie den Österreicher Ronny Pecik oder den russischen Oligarchen Viktor Vekselberg, die gleich zwei Schweizer Konzerne, Oerlikon und Sulzer, aufgemischt haben – der Devise folgend: Wird der Patron zum Aktionär, dann hats der Russe doppelt schwer?

Eine Überlegung, die so naheliegend wie falsch ist.

Kein Heimatschutz. Aus zwei Gründen. Erstens gilt Vekselberg nicht als Finanzjongleur, sondern als ernsthafter Investor, und die meisten kennen ihn nicht persönlich. Zweitens weisen die Schweizer selbst platte Heimatschutzmotive von sich. Auch SVP-Nationalrat Peter Spuhler sagt klar, er sei «für offene Märkte» – schliesslich würden auch Schweizer im Ausland Firmen kaufen. ­Giorgio Behr investiert da, «wo ich Geschäft, Kultur und Menschen kenne und wo ich glaube, zur Wertsteigerung beitragen zu können». Michael Pieper liebt die klaren Worte: «Heimatschutzgedanken haben keine Rolle gespielt.»

Was Pieper und Spuhler an Rieter gereizt hat, sind die technologischen Fähigkeiten. Pieper weiss, dass der Textilmaschinen-Hersteller Rieter «zu den besten drei der Welt gehört». So bietet derzeit nur Rieter eine Maschine an, die mit sehr hoher Qualität Garne im Luftstrom (Air Jet) spinnt – ein Verfahren, das die Kosten tief hält. Denn mit traditionellem Ringspinnen lässt sich weit weniger Garn ausstossen. Doch die Tech­nologie breit auf den Markt zu bringen, kostet Geld. Und Rieter steckt tief in den roten Zahlen.

Zwar habe die Firma noch genug Eigen­kapital, heisst es aus dem Rieter-Verwaltungsrat. Das Problem: Der Cashflow ist implodiert. Selbst das Sanieren wird deshalb schwierig, denn Arbeitsplätze abzubauen, kostet auch erst einmal Geld. In der aktuellen Konsolidierungsphase Zukäufe anzu­gehen, gilt als kaum realistisch in der ­Rieter-Teppichetage. «Dabei gibt es irrsinnige Möglichkeiten, gerade jetzt», sagt ein Verwaltungsrat. So interessiert sich Rieter schon seit längerer Zeit für Saurer, die Textilsparte bei OC Oerlikon. Als interessant gelten dort vor allem die Teile Schlafhorst, Barmag, Neumag und das Komponentengeschäft. Aber selbst Teil­übernahmen dürften vorerst ein Traum bleiben.

Rieter hat das Pech, dass beide Sparten leiden, Textil und Autozulieferung. Letztere ist mit ihren Dämmelementen und Fussmatten zwar «technologisch führend und ein absolut zentraler Lieferant», sagt Zulieferexperte Jan Dannenberg von der Beratungsfirma Oliver Wyman – aber kaum unverzichtbar. Allein in Europa gibt es eine dreistellige Zahl Wettbewerber, die sich einen «ungesunden Preiskampf» liefern. Im Textilbereich war ein Abschwung ohnehin programmiert: Die Branche weiss, dass sie zu den zyklischsten überhaupt gehört und die Ausschläge bei den Umsätzen jeweils enorm sind. In guten Zeiten steigen dafür die Gewinnmargen bis weit in den zweistelligen Bereich.

Frische Liquidität. Spuhler und Pieper warten jetzt auf bessere Zeiten für Rieter. Spuhler half mit seinen erstklassigen Kontakten, dass die Banken der Firma frische Liquidität zusagten. Die beiden sind sich nur einmal begegnet, zufällig an einem Anlass; Pieper fand ­Spuhler «sehr lustig». Trotzdem wird es mehr Kontakt erst geben, wenn beide in den VR eingezogen sind.

Woran Rieter Mangel leidet, davon hat Schweiter zu viel: Bargeld. Nach dem Verkauf der Optiksparte Satisloh liegen 600 Millionen Franken herum. Schon zuvor war die Bilanz mit einer Eigenkapitalquote von über 60 Prozent beneidenswert gesund. Schweiter hat im Textilbereich bereits vor mehr als zehn Jahren «die Kosten variabilisiert», sagt der langjährige CEO und heutige Verwaltungsrat Beat Siegrist: Kundenkontakt, Design, Konzept und Anpassung der Maschinen behält Schweiter in eigenen Händen, ansonsten kommen Partner zum Zug. Auch das Horgener Unternehmen schielt auf Oerlikons Textilperlen. Siegrist will aber lediglich bestätigen, dass sich Schweiter «ganz gezielt nach interessanten Übernahmekandidaten in der Branche umsieht».

Vekselbergs Dilemma. So könnte Schweiter zum Rettungs­anker für Viktor Vekselberg werden. Dieser hat auf seinen Beteiligungen Oerlikon und Sulzer einen milliardenschweren Buchverlust erlitten und steckt im Dilemma: Bei Oerlikon kann er nicht heraus, weil der Konzern derzeit unverkäuflich ist; zunächst bedürfen die blutrote Geschäftsbilanz sowie ein Schuldenberg von zwei Milliarden Franken der Sanierung. Bei Sulzer will er nicht heraus, weil der Pumpenhersteller auf über 300 ­Mil­lionen liquiden Mitteln sitzt – und ­Interesse hat an Oerlikons schönster ­Konzerntochter: dem Beschichtungs­anbieter Balzers. Denn auf Rieter als Käufer von Oerlikon-Teilen kann Vekselberg nicht hoffen.

Deshalb gehört es zur Vernebelungstaktik, dass sein Statthalter Vladimir Kuznetsov damit wedelt, dass es zwischen Saurer und Rieter «Synergien» gebe und die beiden Firmensitze «kaum 75 Kilometer voneinander entfernt» seien – als ob das etwas zu bedeuten hätte. Und dass neuerdings das Kerngeschäft von Oerlikon («Balzers, Systems, Solar und Vakuum») hart definiert und als unverkäuflicher Kern einer «neuen Oerlikon» bezeichnet wird. Sobald Vekselberg bei Sulzer die Macht hat, werden die Karten neu gemischt.

Die Schritte sind vorbereitet: Mit seinem Stimmenpaket von 31,2 Prozent Sulzer-Aktien verweigert Vekselberg dem ungeliebten Konzernpräsidenten Ulf Berg die Wiederwahl. Sodann tritt Jürgen Dormann als Kandidat für das Präsidium an. Der ehemalige ABB-Präsident firmiert als «unabhängig», fährt aber auf Vekselbergs Ticket. Ist Dormann installiert, fliegen weitere Verwaltungsräte aus dem Gremium, die ebenfalls durch – wie Kuznetsov treuherzig versichert – «Unabhängige» ersetzt werden. Dann würde Vekselbergs Investmentvehikel Renova den Sulzer-VR dominieren. Kuznetsov sucht bereits Kandidaten. Unter anderen sei Holcim-Präsident Rolf Soiron angegangen worden.

Vergiftete Stimmung. Wie ein Insider berichtet, hat Kuznetsov im Sulzer-VR offen gefordert, dass zwei weitere Mitglieder zurücktreten und Platz für Neue machen sollten. Die Mitglieder weigerten sich; jetzt ist die Stimmung vergiftet – auch wenn der «Unabhängige» Dormann bereits versucht hat, die Wogen zu glätten. Der Vorstoss soll ungewohnt konkret gewesen sein. Denn ansonsten, heisst es, lieferten die Renova-Abgesandten Kuznetsov und Urs Meyer kaum Input (ausser Statements wie: «Gute Idee»). Allerdings ist umstritten, ob sich die beiden strategisch äussern dürfen, weil noch bis Ende Mai ein Stillhalteabkommen zwischen Renova und Sulzer gilt.

Planspiele vorhanden. Im gesamten Oerlikon-Konzern, ausser bei Balzers, inspiziert die Beratungs­firma Bain derzeit sämtliche Stellschrauben. Sollte die Sanierung nicht bis Ende 2009 gelingen, kommt das Thema einer Fusion mit Sulzer erneut auf den Tisch, bei Vekselberg existieren längst Planspiele dafür. Er selbst sagte gegenüber der «NZZ», eine ­Fusion würde «von beiden Unternehmen auf der Basis industrieller Synergien ­beschlossen». Praktisch, dass Vekselberg bald beide Firmen beherrscht. Umso mehr, als intern für Balzers ein Umsatzrückgang für 2009 von einem Drittel erwartet wird; entsprechend sinken Firmenwert und Kaufpreis. Insofern würde wohl eine Verschiebung des Oerlikon-Juwels Balzers zu Sulzer nicht genug Cash ­bringen. Aber Cash braucht Vekselberg dringender denn je.

Geld hat Giorgio Behr genug. Als er im Oktober seinen Anteil an Sia Abrasives ­abstiess, wurden über 150 Millionen Franken frei. Ausserdem gilt seine BBC Group als hochgradig gewinnträchtig. Behr kennt Georg Fischer schon lange. Als er im vorigen Jahrtausend an der Hochschule St.  Gallen Rechnungslegung lehrte, liess er seine Studenten regelmässig die Bilanz von ­GF auseinandernehmen.

Teure Abwehrschlacht. Aus alter Liebe ist Behr aber nicht bei GF eingestiegen, es gibt auch keine Lieferantenbeziehung wie zu seiner Beteiligung Quadrant. Nicht einmal die herzliche Abneigung, die Behr mit GF-Präsident Martin Huber verbindet, dürfte ein Motiv sein; die entstand erst nach Behrs Einstieg. Die Schlacht gegen Behr – das Abwehrdispositiv soll «Crossbow» (Armbrust) heissen, ein Zürcher PR-Berater, der Wirtschaftsanwalt Urs Schenker und die Credit Suisse sollen ­eingeschaltet sein – lässt sich Huber eine halbe bis ganze Million Franken ­kosten.

«Giorgio Behrs Investments müssen sich immer rechnen», sagt ein Insider. Im Fall GF heisst das: Die Bilanz ist gesund, das Kerngeschäft Metallgussteile für die Fahr­zeug­industrie ist eher temporär schwer getroffen, weil GF viel an Nutzfahrzeughersteller liefert, denen die Krise stärker zusetzt als reinen Autobauern. Behr sagt, er sei «überzeugt, dass man aus GF wieder einen erfolgreichen Konzern machen kann».

Dazu, sagt ein Branchenkenner, müssten im Autogeschäft die Produkte «outstanding» und unersetzbar für die Kunden werden; derzeit konkurriert GF in Europa mit rund 100 Anbietern. Zudem bewirte GF in der Konzernleitung und den drei Divisionen umfangreiche Stabsabteilungen; allein hier könne man jährlich 10 bis 30 Millionen Franken einsparen.

Behr scheut Konflikte nicht, das hat er bei Sia Abrasives gezeigt. Und wie Michael Pieper und Peter Spuhler hat er Zeit und Geld. Dies hätte Vekselberg auch gern.

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