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Machtnetz von Werner Seifert: Seiferts Endspiel

Zum zweiten Mal könnte Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert beim Versuch scheitern, die London Stock Exchange zu übernehmen. Sollte sie gar bei den Franzosen landen, droht das abrupte Karrierenende.

Von Lukas Hässig
22.02.2005

Der Mann hat das Zeug zum tragischen Helden. Werner Seifert (55), Schweizer auf dem Papier, aber in Sprache und Auftreten Deutscher durch und durch, hat Eindrückliches vollbracht. Von Deutsche-Bank-Präsident Rolf Breuer 1993 engagiert, verwandelte Seifert die Deutsche Börse in ein blühendes Imperium mit unzähligen Tochterfirmen. Einst kaum grösser als das Schweizer Pendant SWX, wo Seiferts früherer Mitstreiter Reto Francioni noch immer nach einer zukunftsträchtigen Strategie sucht, lagen die Deutschen 2003 mit einer Viertelmilliarde Euro Gewinn vor allen übrigen europäischen Börsen.

Seiferts Durst nach Grösse ist nicht gestillt. Mit einer Übernahme der von der charismatischen Carla Furse geführten Konkurrentin London Stock Exchange (LSE) will er das Rennen in Europa für sich entscheiden. Doch wie beim ersten Versuch im Sommer 2000, als aus dem Nichts Per Larssons skandinavische OM-Börsengruppe mittels Gegenangebot den Deal vereitelte, droht Jean-François Théodore von der französisch-belgisch-niederländischen Euronext Seiferts Vorhaben diesmal zu Fall zu bringen. Théodores Gebilde segelt auf Erfolgskurs und erzielte 211 Millionen Euro Gewinn im Jahr 2003.

Keine der beiden Offerten ist klar besser. Sollte Seifert das Rennen verlieren, liegt das nicht an Zahlen, sondern am Charakter. «Er wird laut, ausfallend und persönlich beleidigend», zitierte die «Süddeutsche Zeitung» Kritiker nach dem missglückten ersten LSE-Übernahmeversuch. So verlor Seifert neben seinem Stellvertreter Francioni auch Jörg Franke, Chef der erfolgreichen Tochtergesellschaft Eurex, der Derivate- und Terminhandelsplattform.
Seiferts Auftreten gab in London zu

reden. Man könne ihm nicht trauen, hiess es, weil sich Seifert beim schriftlichen Fixieren der Verträge nicht mehr an Zusicherungen erinnert haben soll. Seifert liess sich nur von McKinsey-Mann Frank Mattern und dessen Team begleiten. Daran hat sich wenig geändert: Auch diesmal ist Seifert eine One-Man-Show, unterstützt von John P. Drziks Beratern von Mercer Oliver Wyman. Immerhin tauschte Seifert Mitte November an der Einführungsfeier des neuen Lord Mayor von London, Michael Berry Savory, seinen geliebten Rollkragenpullover mit dem standesgemässen Frack – für den Partymuffel ein grosser Kompromiss.

Falls die LSE bei den Franzosen landet, würde der Aufsichtsrat (Verwaltungsrat) der Deutschen Börse wohl einen CEO-Wechsel prüfen. Allianz-Finanzchef Paul Achleitner würde kaum für eine Gnadenfrist für Seifert stimmen, nur weil dieser Taufpate seines Sohns ist. Der Zufall will es, dass ausgerechnet dieses Jahr Seiferts Fünfjahresvertrag ausläuft. Einer Trennung der verdienstvollen Art stünde nichts im Wege.

Schweizer Connection

Nach seinem Studium in Deutschland wurde Seifert «durch die Welt getreten», wie er einst bemerkte. Innert fünf Jahren wurde er bei McKinsey Partner – Rekord. 1987 kehrte er in seine Heimat zurück und wurde Chef der Schweizer Rückversicherung. Zusammen mit Arnold Saxer übernahm er 1991 den Erstversicherer Elvia von Heinz Wuffli, am Chiasso-Skandal gescheiterter Ex-Chef der Kreditanstalt. Als der spätere Rück-Chef Lukas Mühlemann die Elvia weiterverkaufte, war Seifert bereits nach Frankfurt umgezogen. Dort gründete er 1998 mit der Schweizer Börse SWX die Derivate- und Terminbörse Eurex. Je 50 Prozent gehören den Partnern, der Gewinn landet zu 85 Prozent in Frankfurt.

Dass die Deutschen das Sagen haben, musste Eurex-VR-Präsident Markus Granziol erfahren, als er sich gegen die von Seifert forcierte USA-Expansion wehrte. Die Eurex liegt dort weit hinter ihren Zielen. 2004 sprach Seifert mit den SWX-Verwaltungsräten Walter Berchtold von der CS und Jacques de Saussure von der Banque Pictet über eine Kooperation. Aus Angst vor negativer Presse wurde seine Idee diskussionslos abgelehnt.

Seine erste Niederlage

Nachdem Seifert die Deutsche Börse gestärkt hatte, unterbreitete er der LSE im Frühling 2000 seinen Plan: Fusion unter dem Namen iX mit Sitz in London und unter seiner Führung. Während der Präsident der LSE, Don Cruickshank, sowie CEO Gavin Casey rasch dafür waren, übten Kommentatoren heftige Kritik. Was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht geschafft hätten, nämlich die Zerstörung Londons, würde ihnen nun gelingen. Cruickshank soll einzig wegen des Salärs von 350 000 Pfund für einen 40-Prozent-Job zugestimmt haben. Doch auch Manfred Zass, damals Chef einer deutschen Sparkasse, geisselte die Verschiebung des Handelsgeschäfts an die Themse. Heute ist die Kritik verstummt: Die Deutschen wollen bei der grossen Konsolidierungswelle obenauf schwimmen.

Die Stützen

Der Chef der Deutschen Börse versteht sich gut mit Beratern, zu denen einst der Chef der Deutschen Post, Werner Zumwinkel, zählte. Umworben werden die Börsenverantwortlichen in Mailand und Madrid. Massimo Capuano und der Spanier Antonio J. Zoido könnten Seiferts letzte Hoffnung sein, wenn die LSE bei den Franzosen landet. Notfalls müsste Seifert auf den umstrittenen Headhunter Dieter Rickert zurückgreifen, der schon seinen Wechsel von Zürich nach Frankfurt eingefädelt hat.

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