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Machtnetz von Dieter Zetsche: Vier-Milliarden-Mann

In den USA ist der «car guy» Kult: Dieter Zetsche, ab Januar 2006 Konzernchef von DaimlerChrysler, gewinnt schnell Sympathien. Das erleichtert es dem beinharten Manager, jede Krise zu meistern.

Von Dirk Ruschmann
23.08.2005

Nur unter Tränen werden die Amerikaner ihren Dieter Zetsche ziehen lassen. Zum Jahresanfang 2006 wird er CEO von DaimlerChrysler, Europas grösstem Industriekonzern. Misstrauisch hatten sie ihn im November 2000 in Detroit aufgenommen, dann aber mitgezogen, als er Chrysler mit eiserner Hand sanierte: Er legte sechs Fabriken still, strich 26 000 Jobs, kappte Zulieferern die Preise. Zugleich gelang es Zetsche, mit seiner geradlinigen, kumpelhaften Art Aufbruchstimmung zu verbreiten.

Als Chef, sagt er, müsse man zeigen, «dass du weisst, wo der Ausweg liegt». Zusammen mit seinem Vize, Wolfgang Bernhard, der heute beim Volkswagen-Konzern die Markengruppe VW leitet, senkte Zetsche brachial die Kosten und entwickelte zugleich neue Modelle. Seit 2003 sind die Chrysler-Zahlen schwarz, Autos wie der 300 C oder der Dogde Magnum verkaufen sich glänzend. Anders als General Motors (GM) und Ford muss Chrysler keine Rabattschlacht betreiben, um die Autos vom Hof zu bekommen.

Heute ist Zetsche Kult. In den USA nennen sie ihn «car guy», einen Autoverrückten – der höchste Ehrentitel, der für Automanager zu vergeben ist. Ihn trägt auch der Schweizer Altmeister Bob Lutz, der bei der schwächelnden GM Modellentwicklungshilfe leistet. Bei Zetsche kommt hinzu, dass ihn neben Durchzugskraft auch Showtalent auszeichnet. Am Genfer Autosalon spielte er mit E-Gitarre auf, bei der Detroit Auto Show zapfte er Bier.

David Cole vom Center for Automotive Research in Ann Arbor fasst die Meinung vieler US-Autoexperten über Zetsche so zusammen: «Sie erwarteten Adolf Hitler und bekamen Martin Luther.»

Dieter Zetsche ist keiner, der über Kontaktpflege nach oben kam. Ein Daimler-Kenner sagt, «das Geheimnis» sei, dass Zetsche im ganzen Konzern fachliche Wertschätzung geniesse. Erfolge hat er vorzuweisen: Er meisterte die Elchtest-Krise, als ein A-Klasse-Mercedes bei einem Ausweichtest umkippte; er sanierte die US-Lastwagensparte Freightliner, dann Chrysler. Es waren wohl diese Leistungen, an denen Konzernchef Jürgen Schrempp nicht vorbeikonnte. Er bot Zetsche seine Nachfolge an, obwohl ein anderer als Favorit galt: Mercedes-Lenker Eckhard Cordes. Zumal Zetsche zusammen mit Bernhard und den Ex-Vorständen Jürgen Hubbert und Manfred Gentz den Ausstieg aus dem Milliardengrab Mitsubishi durchgesetzt hatte – gegen Schrempp und Cordes. Nach seinem planmässigen Ausscheiden ist Gentz heute VR-Präsident der «Zürich». Schrempp, der stets die Steigerung des Shareholder-Value predigte, vernichtete in seiner Zeit 50 Milliarden Euro Börsenwert. Erst durch seine Rücktrittsankündigung konnte er Value schaffen: Die Börse reagierte entzückt, Daimler wurde vier Milliarden Euro wertvoller – Strafe für Schrempp und gleichzeitig Vorschusslorbeeren für Zetsche, auf dem grosse Erwartungen ruhen.

Gegner und Konkurrenten

Zetsche und Cordes – das DaimlerChrysler-Reich wäre für beide auf Dauer zu klein gewesen. Folgerichtig ist Cordes auf dem Absprung. Als Nachfolger gehandelt wird Forschungsvorstand Thomas Weber, doch fehlt ihm Erfahrung in Controlling und Vertrieb. Weitere Kandidaten sind Mercedes-COO Rainer Schmückle und Vertriebschef Klaus Maier. Konzernkenner setzen darauf, dass Zetsche den Mercedes-Chefposten dauerhaft selbst übernimmt; der «car guy» dürfte wenig Lust haben, sich als CEO auf das Präsidieren zu beschränken. Wackeln dürfte der Stuhl von Strategievorstand Rüdiger Grube. Er gilt als engster Schrempp-Buddy und mitverantwortlich für das Mitsubishi-Desaster. Schrempps Frau Lydia, die bisher das CEO-Büro geleitet hat, wird auf eine andere Position versetzt. In Acht nehmen muss sich Zetsche vor dem Aufsichtsrat. Mit so viel Nachsicht wie Schrempp kann er nicht rechnen: Die Kontrolleure – darunter der Ex-Chef von Bertelsmann, Mark Wössner, und jener von Bayer, Manfred Schneider, dazu Erich Klemm, Chef der Mitarbeitervertretung – bildeten mit dem Präsidenten Hilmar Kopper und Schrempp eine Altherrenrunde, die sich nicht wehtat. Und burschikose Typen wie Zetsche, die ungeschminkt ihre Meinung sagen, ecken in solchen Gremien häufig an.

Amerikanische Freunde

Für seinen Sanierungskurs in Detroit bekam Zetsche Unterstützung von den Mitarbeitern. Er informierte sie an Meetings, zum Mittagessen stellte er sich in der Kantine an. So einen mögen sie drüben. Nate Gooden, Daimler-VR und Vize der Autogewerkschaft UAW, sagt: «Ich danke Gott für Dieter.» Im Chrysler-Management war ein wichtiger Helfer Produktionschef Thomas LaSorda, wie Zetsche ein Kostenkiller. LaSorda wird nun Chrysler-Chef. Mike Jackson, Chef der Händlervereinigung AutoNation, nennt Zetsche als Daimler-CEO «den richtigen Mann zur richtigen Zeit». Mit George W. Bush soll sich Zetsche mehrfach getroffen haben. Was den Amis imponiert: Der Deutsche hat Chrysler zu einer coolen Marke gemacht. Rapper Snoop Doggy Dog, ein Halbgott für US-Teenies, liess den Chrysler 300 in seinem Video «Groupie Luv» auftreten – unbezahlbares Marketing.

Zetsche privat

Zetsche hat sein Ingenieursdiplom in Karlsruhe erworben. Dort engagiert er sich im Universitätsrat. Hier sitzt er neben dem Industrieerben Stefan Quandt (BMW, Altana) und dem Gründer des Europaparks Rust, Roland Mack. Am Gymnasium Oberursel bei Frankfurt/Main, wo er zur Schule ging, ist Zetsche Kurator im Förderverein. Zetsche und seine Frau Gisela haben drei Kinder. Seine Familie ist mit nach Michigan gezogen, was ihm bei Chrysler Sympathiepunkte gebracht hat.

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