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Louis Vuitton: Die feine Art des Reisens

Er ist der Erbe seines Ururgrossvaters Louis Vuitton, der vor 150 Jahren die Luxusfirma gegründet hat: Patrick-Louis Vuitton leitet die Abteilung für Sonderanfertigungen – wenn er nicht auf Jagd ist, kocht oder aquarelliert er.

Veröffentlicht 13.10.2004

Ein weisses Tischtuch musste her. Darauf bestand Patrick-Louis Vuitton, obwohl er selber genau wusste, dass dies nun wirklich nicht das Nötigste war. Denn erstens ging es nur darum, zum Aufwärmen einen Kaffee zu trinken. Zweitens befand man sich auf dem Meer auf einem Boot. Drittens war man an einer mehrtägigen Regatta beteiligt. Und viertens stand der Startschuss zur nächsten Etappe unmittelbar bevor.

 
Die Vuitton-Geschichte
Die Koffermacher der Kaiserin


Louis Vuitton ist 150 Jahre alt: die Erfolgsgeschichte des französischen Luxusunternehmens.


Alles begann im Jahre 1854. Louis Vuitton, gelernter Koffermacher und persönlicher Kofferpacker von Kaiserin Eugénie, eröffnete sein erstes Geschäft an der Rue Neuve des Capucines 4 in Paris.


1854 wurde die Werkstatt in Asnières eingerichtet, bis 1977 die einzige Produktionsstätte des Unternehmens.


1880 übernahm Sohn Georges Vuitton die Führung des Unternehmens, er liess die erste Boutique an der Londoner Oxford Street eröffnen. 1888 wurde das Schachbrettmuster (Toile Damier) erfunden, 1896 kreierte Georges Vuitton das charakteristische Toile-Monogramm als Hommage an seinen Vater. Das Muster mit dem LV-Zeichen und verschiedenen Symbolen ist heute noch das wichtigste Erkennungsmerkmal von Louis-Vuitton-Produkten. Man findet seine Elemente in der neusten Schmuckkollektion oder auf der eben lancierten Uhr Tambour fleurs précieuses.


1923 wird Gaston-Louis Vuitton, Koffermacher der dritten Generation, zum Vizepräsidenten des Salon des Arts Décoratifs et Industries Modernes gewählt. Gaston-Louis ist der Grossvater von Patrick-Louis Vuitton, der 1951 geboren wurde und unter dem die Zusammenarbeit der Firma mit bedeutenden Künstlern begann.


1981 wurden die ersten Geschäfte in der Schweiz eröffnet, an der St. Peterstrasse in Zürich und an der Rue du Rhône in Genf.


1987 fusionierte Louis Vuitton mit Moët Hennessy zum Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy). Die Familie verkaufte das Unternehmen, weil sie heillos zerstritten war.


1997 wurde der junge amerikanische Modeschöpfer Marc Jacobs zum künstlerischen Leiter des Unternehmens ernannt. Er prägt den Auftritt der Marke bis heute.


2004 feiert Louis Vuittton sein 150-jähriges Bestehen. Eine neue Schmuckkollektion wird präsentiert.

Doch wer Patrick-Louis Vuitton heisst, setzt sich durch. Das weisse Tuch kam auf den Tisch, der Kaffee wurde getrunken, und dafür liess man sich auch die angemessene Zeit. Dass die Crew darob den Start verpasste und zu spät ins Rennen ging, gehört halt zu den Imponderabilien, die echtes französisches Savoir-vivre mit sich bringen kann.

Die Tischtuch-Geschichte erzählt Patrick-Louis Vuitton mit fröhlichem Kichern, wenn er zum Thema Luxus befragt wird. So etwas, sagt er, sei eben Luxus. Luxus sei auch, wenn man in Paris bei Stau einfach aus dem Wagen steige, um im nächsten Strassencafé bei einem Drink den Sonnenuntergang zu bewundern. «Heute Abend», meint er nach einer kurzen Pause, «dürfen Sie den Sonnenuntergang in Paris auf keinen Fall verpassen. Der Himmel ist frei, die Farben werden gewaltig sein.»

Patrick-Louis Vuitton, Nachkomme des weltberühmten Kofferbauers Louis Vuitton, liebt als passionierter Aquarellmaler schöne Farben. Er liebt auch die Tiere, sammelt Taschenmesser, kocht mit Leidenschaft und hat einen Charakterzug, der ihn als echten Vuitton ausweist: Er bastelt und tüftelt fürs Leben gern.

Das hat er mit seinem Ururgrossvater Louis gemeinsam, der sozusagen der Daniel Düsentrieb der Koffermacher war. Gewiss baute Louis Vuitton luxuriöse Gepäckstücke, etwa für die damalige Kaiserin Eugénie. Vor allem aber begriff Vuitton vor seinen Konkurrenten, dass neue, immer populärer werdende Transportmittel und Reisegewohnheiten auch neue Gepäckstücke erheischten.

Vuitton war aufgefallen, dass die alten Koffer sich zwar gut eigneten, um auf Kutschen transportiert zu werden. Die gewölbten Deckel zum Beispiel liessen das Regenwasser optimal abfliessen. Doch für das Reisen in der aufkommenden Eisenbahn oder im Dampfschiff waren sie nicht wirklich praktisch. Als Lösung entstand etwa der weltberühmte Schrankkoffer mit den Schubladen, speziell für das Reisen per Schiff entworfen.

Sagenumwoben ist auch der Spezialkoffer, der für den Entdecker Pierre Savorgnan de Brazza entwickelt wurde. Er enthielt ein ausklappbares Campingbett, das dem Mann selbst im tiefen Busch guten Schlaf garantierte. Das Stück ist heute im Louis-Vuitton-Museum in Asnières ausgestellt. Und der Dirigent Leopold Stokowski erhielt einen Koffer, in dem, ausklappbar, ein Sekretär eingebaut war, inklusive Arbeitstischchen und Ablagefächern für Bücher und Partituren.

Die Passion für solch Spezielles ist bei Patrick-Louis Vuitton Beruf geworden. Er leitet nach wie vor die Abteilung für Sonderanfertigungen, wo die Marke besondere Wünsche der Kunden erfüllt.

Ein Koffer mit Spezialfächern, um die Whiskysammlung für unterwegs sicher zu verstauen? «Bien sûr!», heisst es bei Vuitton, das lässt sich machen. Oder lieber ein Louis-Vuitton-Etui für den brandneuen iPod? «Pourquoi pas?», wird erledigt. Eine Windeltasche für das Baby einer prominenten Schauspielerin? «Avec plaisir.» Patrick-Louis Vuitton kramt dann jeweils Zeichenstifte, Papier und Messinstrumente aus seiner alten Schachtel hervor und beginnt zu entwerfen. Irgendeinmal, so sagt er, werde er wohl auch die Zeit finden, als Ersatz für die alte Schachtel ein Vuitton-Stück mit allerlei Fächern anzufertigen, um sein Werkzeug adäquat zu verstauen.

Gib es etwas, was er niemals machen würde? Ja, sagt Monsieur Vuitton, nie würde er etwas Bestehendes kopieren. Einfach ein Täschchen sozusagen zu vervuittonisieren, das ginge ihm mächtig gegen den Strich. Und klar ist auch, dass jede Spezialanfertigung ein Unikat bleibt – wiederholt wird nichts.

Rund 350 Sonderanfertigungen werden pro Jahr hergestellt. Und sie tragen natürlich zum magischen Ruf der Marke bei, die heute im Luxusgeschäft zu den allerwichtigsten gehört und neuerdings auch Schmuck und edle Uhren in die Kollektion aufgenommen hat.

Lob gibt es für die Marke zum Beispiel von einer der besten Branchenkennerinnen im Land: Scilla Huang Sun, Managerin des Luxury Goods Equity Fund der Clariden Bank, sieht in Louis Vuitton eine der stärksten Luxusmarken der Welt. Im LVMH-Konzern sei Louis Vuitton sozusagen die Profit-Lokomotive: Sie steuert rund 25 Prozent an den Umsatz der Gruppe bei, aber 60 bis 70 Prozent an Ebitda oder Betriebsgewinn. Die Ebitda-Marge liegt bei 45 Prozent, das zeigt die Preis-Power der Marke.

Bei Louis Vuitton sei bemerkenswert, sagt Huang Sun, wie gut man in Asien Fuss gefasst habe. Und da bei der Marke die günstigsten Einsteigerprodukte auch für Leute mit tieferen Einkommen erschwinglich sind – eine so genannte Pochette mit Louis-Vuitton-Monogramm gibt es für etwas unter 300 Franken –, sei man gerade in den aufkommenden Märkten wie Russland oder China ausgezeichnet aufgestellt.

Ohnehin ist die Luxusmarke im asiatischen Raum bestens bekannt. Schon 1990 wurden 37 Prozent des weltweiten Umsatzes in Asien erwirtschaftet. In Europa, sagt Fondsmanagerin Scilla Huang Sun, bedeute für die Kunden Luxus vor allem Qualität. In Asien verbinde man Luxusprodukte stärker mit Status – umso besser, wenn das Logo der Marke gut sichtbar sei.

Das alles sind Überlegungen, die Patrick-Louis Vuitton fremd oder sogar lästig sind. «Wozu braucht man Marketing?» ist eine Frage, die er immer wieder gerne stellt, und die Art und Weise, wie er sie stellt, macht klar, dass er nicht wirklich eine Antwort erwartet.

Über Zahlen redet er nicht gerne, über Positionierung der Marke, Zielpublikum und ähnlichen Kram schon gar nicht. Strahlend erzählt er dafür, wie er mit seinem Enkelkind kürzlich Passanten erschreckte: mit einem täuschend echt aussehenden Glace-Cornet, dessen Kugeln aus Schaumstoff man dank einem Springmechanismus auf die Anzüge der Leute hopsen lassen konnte.

Patrick-Louis Vuitton, muss man wissen, gehört zu den Männern, die bei anderen unweigerlich das Gefühl aufkommen lassen, sie machten in ihrem Leben etwas falsch. Immer wieder geht er auf die Jagd, er streift gerne durch die Wälder, um Tiere zu zeichnen. Oder er tüftelt in seinem privaten Atelier an Lösungen für Spezialanfertigungen herum, mit Holzresten, wie er strahlend gesteht, die er in den Louis-Vuitton-Ateliers stibitzt habe.

Über hundert Hunde hat er, Foxterriers vor allem, und er soll sie alle beim Namen kennen. Wenn Patrick-Louis Vuitton über sie redet und wenn er berichtet, wie er am Nachmittag gerne in den Wald geht, um Hirsche zu erspähen, dann staunt auch niemand darüber, dass er eigentlich Tierarzt werden wollte. Dass es nicht so kam, hat seine Grossmutter verfügt, nachdem der Grossvater gestorben war. Sie gab ihrem Sohn Claude-Louis die Order, den Enkel ins Unternehmen zu holen.

Patrick-Louis Vuitton erzählt dies im Garten des Pariser Vorortes Asnières. Nach Asnières war Firmengründer Louis Vuitton gezogen, um hier die ersten Ateliers zu eröffnen. Damals war es ein Ort im Grünen, und die Idee, sich hier niederzulassen, galt als eher verwegen. Doch Louis Vuitton überzeugte, dass Waren per Schiff gebracht werden konnten und dass der Ort vom Pariser Zentrum aus rasch mit der Eisenbahn erreichbar war. Heute, brummt Enkel Patrick-Louis Vuitton, der eben noch im Stau steckte, brauche man für den Weg ja länger als damals.

Bis 1977 wurde ausschliesslich in Asnières produziert, heute werden hier nach wie vor die Sonderanfertigungen hergestellt. Das alte Familienhaus wurde zum Firmenmuseum, hier werden auch Gäste empfangen.

Am Tisch im Garten, selbstverständlich mit weissem Tischtuch, lädt sich Patrick-Louis Vuitton ein bisschen Gemüse auf dem Teller, gibt das Rezept von jenem Fisch-Couscous preis, mit dem er jüngst als Koch Gäste bezauberte, und gönnt sich einen Schluck Bordeaux. Dann redet er über seinen Grossvater.

Von Grossvater Gaston-Louis Vuitton hat er seine Liebe zur Kunst geerbt. Der Mann, so meint Patrick-Louis, sei wohl der letzte «universelle Patron gewesen». Natürlich war er Chef im Unternehmen. Aber er war auch Mitglied von 60 Organisationen, passionierter Kunstfan und Freund des Aquarellierens. Seinen Enkel Patrick-Louis holte er am Sonntagmorgen jeweils mit dem Citroën DS zu Hause ab. Der Chauffeur brachte die zwei dann in die Museen der Region.

Das hat den Mann geprägt. Bei seinen Reisen als «wandelnder Botschafter der Marke» , wie er sagt, hält er ganz besonders Ausschau nach Utensilien für kreatives Schaffen. Hätte ein Zöllner jüngst seinen Koffer durchsucht, er wäre wohl ein bisschen verwundert gewesen. Patrick-Louis hatte Dutzende von besonders gut geschmiedeten Hämmern und Meisseln dabei, alle aus Japan.

Und nicht nur dies. In einem fünfstöckigen Geschäft für Kunstzubehör in Tokio hatte er sich per Aufzug in die oberste Etage bringen lassen. Dann ging er systematisch durch den Laden, nahm sich Stock für Stock vor und hatte schliesslich, wie immer in solchen Fällen, einen gigantischen Einkauf zusammen, edles Papier vor allem und schöne Farben.

Zeit für so etwas muss sein, findet Patrick-Louis Vuitton, und wer das ein bisschen schrullig findet, hat nicht verstanden, welche Lebensart dieser Mann vertritt. Überdies weiss Patrick-Louis Vuitton aus eigener Erfahrung, dass man auch schnell sein kann, wenn man sich Zeit nimmt. Die Regatta vor den Küsten der Bretagne, wo er auf dem weissen Tischtuch bestand – dies als Nachtrag –, wurde für die Crew von Patrick-Louis Vuitton ein Erfolg. Sie waren am Schluss die Sieger.

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