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Lonza: Die Schattenmänner

Martin Ebner zieht bei Lonza wieder die Fäden – und sieht sich dabei mit zahlreichen Altlasten konfrontiert, die er und Sergio Marchionne beim Chemiekonzern hinterlassen haben.

Von Albert Steck
26.01.2005

Um das Präsidium bei der Basler Lonza kümmert sich Sergio Marchionne kaum noch. Zwar wird er die Führung im April abgeben. Doch selbst für die Suche nach seinem Nachfolger findet der Lonza-Präsident nur schwerlich eine freie Minute. So ist zu hören, Marchionne habe einen der angefragten Kandidaten – der zu den renommiertesten Schweizer Managern zählt – zwei Monate lang warten lassen, bis er ihm endlich einen Termin für ein Treffen anbieten konnte. Der Italokanadier hat offensichtlich andere Prioriäten: Seit acht Monaten kämpft er in Turin gegen den Untergang des Fiat-Konzerns. Zudem ist er Vizepräsident der Genfer SGS sowie Verwaltungsrat bei Serono.

Angesichts der akuten Zeitnot von Marchionne hat sich nun sein langjähriger Weggefährte Martin Ebner tatkräftig in die Kandidatensuche eingeschaltet, wie die BILANZ aus zuverlässiger Quelle erfahren hat. Demnach hat Ebner – der Vorgänger und Förderer von Sergio Marchionne – selber potenzielle Kandidaten kontaktiert und versucht, sie für ein Engagement zu motivieren. Aus seiner Zeit als Lonza-Präsident, die im Oktober 2002 zu Ende ging, verfügt der Financier noch immer über erstklassige Beziehungen. Überdies trauen ihm Insider bei der Besetzung dieses Postens ein besseres Händchen zu als dem Haudegen Marchionne.

Der Hauptgrund für Ebners Tatendrang ist indes ein anderer: Wie verschiedene Insider unabhängig voneinander bestätigen, soll seine BZ Bank das Mandat der Ems-Chemie besitzen, einen Käufer für deren Lonza-Aktienpaket von 19,5 Prozent zu suchen. BZ-Sprecher Ralph Stadler nimmt dazu keine Stellung. Vor Jahresfrist hat die neue Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher signalisiert, dass sie die Beteiligung im Wert von rund 700 Millionen Franken mittelfristig abstossen möchte. Gelingt es Ebner, einen hochkarätigen neuen Präsidenten zu portieren, so kann die Ems-Chemie für ihr Paket einen höheren Preis herausschlagen. Auf diese Weise könnte sich der BZ-Banker bei der Blocher-Familie dafür revanchieren, dass diese auch während der finanziell schwierigen Zeiten stets zu ihm
gehalten hat.

Dank Lonza ist Martin Ebner wieder zurück im Geschäft – just in jenem Konzern, in den er besonders viel Herzblut fliessen liess und der ihm einst zu 30 Prozent gehörte. Einfach ist seine Aufgabe nicht. Unter den angefragten Kandidaten sei eine gewisse Zurückhaltung spürbar, erzählt ein Insider. Der Grund sei die Ungewissheit darüber, bei wem Ebner das Aktienpaket aus dem Besitz der Ems-Chemie letztlich platziere. Zu vermuten ist, dass der gewiefte Financier die Lonza-Aktien an einen Grossinvestor weiterreichen möchte, um so auf dem Preis einen Paketzuschlag zu erzielen. Allerdings wird ein solcher Investor bei der künftigen Strategie ein gewichtiges Wort mitreden wollen.

Möglicherweise schnappt sogar ein Branchenkonkurrent zu. Gemäss Informationen der BILANZ hat der Chef der deutschen BASF, Jürgen Hambrecht, jüngst einen seiner engsten Mitarbeiter damit beauftragt, die Vor- und Nachteile einer Akquisition von Lonza zu sondieren. BASF erzielt Rekordgewinne und schwimmt im Geld. Zudem hat Hambrecht verschiedentlich erklärt, dass er den Biotech-Bereich, in dem die Basler eine weltweit führende Stellung haben, verstärken möchte. Derzeit wäre Lonza eine leichte Beute. Seit 2002 ist der Börsenwert des Unternehmens von sechs auf gut drei Milliarden Franken gesunken. Kommt hinzu: Neben der Ems-Chemie könnten bei einer Übernahme zwei weitere Grossaktionäre Kasse machen. Die beiden amerikanischen Fondsgesellschaften Franklin Templeton und Harris Associates bauten in den letzten Monaten zu günstigen Kursen je eine Zehn-Prozent-Beteiligung auf.

Den Braten gerochen hatte zuvor bereits Christoph Blocher, als er noch die Ems-Chemie führte. Gewissermassen als Krönung seiner Unternehmerlaufbahn plante er, die Lonza unter seine Kontrolle zu bringen. Konkret wollte er sie zusammen mit der Ems-Chemie in eine neu gegründete Dachholding eingliedern, an der er eine Mehrheit von über 50 Prozent gehalten hätte. Als designierter Konzernchef der Lonza war Blochers Sohn Markus vorgesehen. Die älteste Tochter, Magdalena Martullo-Blocher, wiederum war für die Führung der Ems-Chemie gesetzt (siehe Nebenartikel «Poker um Lonza-Übernahme: Blochers schlauer Plan»). Die Wahl Blochers in den Bundesrat im Dezember 2003 liess den Plan jedoch zur Makulatur werden – mit der Konsequenz, dass die Ems-Chemie nun den Ausstieg aus dem Lonza-Engagement sucht.

Wenn Ebner heute bei Lonza aus dem Hintergrund wieder die Fäden zieht, so sieht er sich mit zahlreichen Altlasten konfrontiert, die er zusammen mit Sergio Marchionne während der letzten fünf Jahre hinterlassen hat. Die permanenten Änderungen an der Führungsspitze und im Aktionariat haben das Unternehmen geschwächt (siehe Nebenartikel «Börsenkurs: Ständige Unruhe an der Lonza-Spitze»). Noch ganz anders klangen die vollmundigen Versprechungen des Duos Ebner/Marchionne anlässlich des Börsengangs von Lonza, nachdem die Basler Industrieperle Ende 1999 aus der Alusuisse-Gruppe herausgelöst worden war. In Sachen Wachstum sitze man im «driver’s seat», liess Ebner damals wissen. Marchionne prognostizierte eine jährliche Gewinnzunahme von 15 Prozent – stattdessen hat sich der Reingewinn von 1999 bis 2004 praktisch halbiert.

Fragwürdig bleibt auch die Bilanzierungspraxis der beiden: Zwar konnten sie durch eine Verlängerung der Abschreibungsdauer das Betriebsergebnis zunächst um 51 Millionen Franken pro Jahr erhöhen. Prompt jedoch kam es in der Folge zu Sonderabschreibungen in jeweils ähnlicher Höhe, wie Analyst Bernd Pomrehn von der Bank Sarasin nachgerechnet hat. Zum teuren Flop geriet zudem der Rückkauf von eigenen Aktien im Wert von 262 Millionen Franken im Sommer 2002. Der bezahlte Stückpreis lag mit 118 Franken nur knapp unter dem Allzeithöchst von 120.50 Franken – hingegen doppelt so hoch wie der Kurs ein Jahr später.

Als wohl schwerste Hypothek der letzten fünf Jahre erweist sich für Lonza indes der autokratische Führungsstil von Sergio Marchionne. Als CEO scharte er eine Gruppe treu ergebener Jünger um sich. Auch nach seinem Wechsel an die Konzernspitze der Genfer SGS Anfang 2002 – im Lonza-Verwaltungsrat blieb er gleichwohl Vize, später beerbte er Ebner als Präsident – behielt Marchionne die Fäden in der Hand. Aus dem Kreis seiner Ziehsöhne bestimmte er Markus Gemünd zum Nachfolger. Der frühere Firmenjurist agierte als Marchionnes Marionette, bis er zwei Jahre später schon wieder fallen gelassen wurde. Wie Insider berichten, habe Gemünd bei seinem mächtigen Übervater per Mobiltelefon ständig Ratschläge eingeholt. Auch andere Lonza-Manager mussten regelmässig an Marchionnes neuen Arbeitsort nach Genf reisen, um selbst Entscheide von geringer Tragweite absegnen zu lassen.

Im Frühjahr 2003 spitzte sich die Lage zu: Verschiedene Kaderleute warnten Gemünd, dass die Gewinnziele nicht zu schaffen seien. Dieser jedoch hielt bei seinem Auftritt vor der Generalversammlung unbeirrt an den Vorgaben fest. Laut einem Vertrauten scheute er sich, Marchionnes Erwartungen zu enttäuschen. Keine zwei Monate später musste Lonza dann dennoch eine Gewinnwarnung verkünden, worauf der Aktienkurs innert Tagesfrist um 18 Prozent abstürzte.

Trotz der schlechten Börsenperformance während der Ära Ebner/Marchionne: Die mutige Strategie der beiden, mit Lonza auf die Biotechnologie zu setzen, scheint langsam Früchte zu tragen. Die Bank Vontobel schätzt, dass die Biotech-Sparte den Umsatz von gegenwärtig 250 auf 500 Millionen Franken im Jahr 2006 verdoppeln kann, verbunden mit einem Gewinnanstieg von 16 auf über 100 Millionen. Für die Pharma- und Biotech-Konzerne ist Lonza die weltweit erste Adresse bei der Produktion neuer Medikamente auf biotechnologischer Basis – etwa beim Krebsmittel Rituxan der Roche-Tochter Genentech, das einen Milliardenumsatz generiert. Sehr positiv hat sich bislang auch Stefan Borgas, CEO seit letztem Juni, in Szene gesetzt. Dass der 40-Jährige vorher 15 Jahre für BASF tätig war, dürfte das Interesse des deutschen Chemieriesen an Lonza zusätzlich anregen.

Vieles ist beim 1897 gegründeten Basler Traditionskonzern derzeit offen, insbesondere der Name des neuen Grossaktionärs und, damit verbunden, die künftige Strategie. Für Martin Ebner bildet eine solche Konstellation den idealen Nährboden, um sich in der Finanzbranche wieder einzunisten. Das Suchen nach einem neuen VR-Präsidenten und die Platzierung des Ems-Pakets zu einem möglichst guten Preis sind Aufgaben ganz nach dem Gusto des Financiers aus Freienbach. Unter Wahrung der nötigen Diskretion kann er dabei zeigen, wie gut geknüpft sein Netzwerk auch heute noch ist. Gleichzeitig erhält er die Gelegenheit, seinen Leistungsausweis – und zugleich denjenigen von Sergio Marchionne – bei Lonza nachträglich in ein besseres Licht zu rücken. Dem beharrlichen BZ-Banker ist zuzutrauen, dass er dieses Kunststück fertig bringt.

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