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Larry Page: «Ich bin immer noch sehr optimistisch»

Google-Mitbegründer Larry Page setzt weiter auf starkes Wachstum – und sorgt sich um die Medienbranche.

Von Dirk Schütz
27.03.2009

BILANZ: Fast alle Firmen sind von der Krise hart getroffen. Können Sie uns aufmuntern?

Larry Page: Wir haben kürzlich mehrere Unternehmenschefs befragt: Glauben Sie, dass die Internet-Innovationen trotz Krise stark zunehmen werden? Die Antwort war: Ja, sehr stark sogar. Ich bin noch immer sehr optimistisch, was unsere Produkte und unsere Marktpositionierung angeht. Es gibt keine fundamentale Kraft, die uns vom Wachsen abhalten könnte.

Aber Sie merken die Krise schon.

Wir hatten ein gutes viertes Quartal und ein gutes Jahr. Jetzt navigieren wir in unbekannten Gewässern. Sicher ist nur eines: Wir befinden uns in einer tiefen Rezession. Alle sind besorgt, alle senken die Kosten, das beschleunigt den Abwärts­trend. Deshalb sind wir vorsichtig. Wir haben unsere Barbestände stark erhöht und hatten Ende Jahr 16 Milliarden Dollar in der Kasse.

Und die investieren Sie im Rezessionsjahr 2009 auch?

Wir werden immer mit vollem Dampf vorwärtsfahren, ob es eine lange oder eine kurze Rezession gibt. Wir sind seit zehn Jahren in diesem Geschäft, und es ist fantastisch, wie viele Möglichkeiten wir noch in unserem Kernbereich sehen. Es sind heute sogar mehr als vor einem Jahr.

Besonders in zwei Bereichen wollen Sie zulegen: beim Google-Phone und bei Ihrem Webbrowser Chrome.

Für unser Google-Phone wollen wir in der Tat mehr Anwendungen auf den Markt bringen. Es gibt nur wenige Geräte, auf denen sich eine Websuche gut machen lässt. Beim Blackberry funktioniert das halbwegs, aber es ist keine grossartige Erfahrung, nicht zu vergleichen mit der Internetsuche auf einem Desktop-Computer. Das ist eine Lücke, in die wir mit unserem Smartphone G1 stossen wollen. Es hilft uns, dass die 3G-Netzwerke heute qualitativ sehr gut sind und die Kosten stetig sinken. Bald wird jedermann einen mobilen Kleincomputer mit hochwertigem Internetzugang haben wollen. Wir bieten das in Zusammenarbeit mit den grossen Telekomanbietern an. Ich sehe da grosses Potenzial.

Für die neuen Anwendungen setzen Sie auf die Nutzer.

Ja, es ist der grösste Open Source Release, den es je gegeben hat. Wir meinen es wirklich ernst mit dieser offenen ­Technologie.

Ein anderes Investitionsfeld ist der Google-Browser Chrome, den Sie im September lanciert haben.

Wir stehen auch da noch am Anfang, doch wir sind sehr zufrieden mit dem Wachstum. Chrome wächst schneller als der bislang äusserst erfolgreiche Browser Mozilla von Firefox. Auch hier setzen wir auf Open Source. Jeder soll beitragen können zur Entwicklung von Chrome. Die Stärke ist die hohe Geschwindigkeit. Chrome braucht weniger Speicherkapazität als die Konkurrenten.

Der Marktanteil liegt bei gerade 1 Prozent, beim Explorer von Windows Microsoft dagegen bei 70 Prozent. Finden Sie es richtig, dass die EU-Kommission gegen Microsoft wegen der Integration von Explorer in das Betriebssystem vorgeht?

Ja, wir finden es richtig, dass die EU-Kommission das untersucht. Wir wollen gleiche Marktbedingungen für alle. Das ist hier nicht gegeben. Eine Lösung wäre, die beiden Produkte zu trennen, doch das muss die EU-Kommission entscheiden.

Google dringt immer stärker in den ­Medienbereich vor, gleichzeitig stehen vor allem in den USA viele Zeitungen vor dem Aus.

Es sollte uns allen Sorgen machen, was in der Medienindustrie passiert. Die Situa­tion ist sehr schwierig, wir haben da auch noch keine Lösung.

Viele Leser informieren sich über Google News und nicht mehr über die Tageszeitung oder deren Websites.

Das Konsumentenverhalten hat sich geändert. Die Geschäftsmodelle müssen sich dem anpassen. Wir befinden uns in einer Zeit dramatischer Umwälzungen, und das ist für viele Anbieter schmerzhaft. Wenn die Leute die News im Web nutzen, ­müssen die Medienanbieter ihre Marke im Internet neu erfinden.

Das tun sie ja. Nur lässt sich für die Newsanbieter im Web bisher kaum etwas verdienen.

Weil die Leute von Offline zu Online gehen, werden die Zeitungen insgesamt stärker genutzt. Das zeigen die Zahlen ­etwa der «New York Times» ganz klar. Wir sind also in der speziellen Situation, dass die Leute mehr Zeitung lesen, die Zeitungen aber dennoch viel weniger verdienen. Das liegt daran, dass das Geld nicht so stark in den Online-Bereich gewandert ist, wie es sollte. Wenn man die Zeit betrachtet, welche die Nutzer auf den verschiedenen Medien-Websites verbringen, und den Geldbetrag, der in diese ­Medien fliesst, dann ist das im Vergleich zum Fernsehen viel weniger. Die Werbetreibenden müssen also ihre Budgets verlagern, um das zu ändern.

Das tun sie aber nicht. In der Schweiz liegt der Marktanteil der Online-Medien am Gesamtwerbemarkt bei gerade 1,8 Prozent. Braucht es da nicht andere Einnahmequellen als nur die Werbung?

Das Problem ist, dass die Bezahlung so mühsam ist. Wenn man im Internet zehn Cent für einen Artikel zahlen will, sollte das sehr einfach sein und sehr schnell gehen. Doch heute muss man die Kreditkartennummer eingeben, dazu noch den Sicherheitscode. Das dauert alles viel zu lange. Technisch könnte man das einfach lösen, Amazon oder iTunes von Apple machen es ja vor. Die Medien- und die IT-Industrie lassen hier viel Geld auf dem Tisch liegen. Wenn man dieses Problem löste, würde es sofort viel höhere Erträge für beide Seiten geben.

Journalistischer Inhalt ist für Google elementar. Werden Sie selbst ­klassische Medien übernehmen?

Wir suchen den Weg der Zusammen­arbeit. Den Grossteil der Einnahmen, die wir aus dem Mediengeschäft erzielen, ­geben wir an die Partner weiter. Früher waren es 50 Prozent, heute ist es die grosse Mehrheit. Etwa 7 Milliarden unseres Umsatzes von 23 Milliarden Dollar geben wir so an Drittparteien weiter. Die Content-Anbieter müssen nur unser Programm Adsense abonnieren und dann unsere Anwendung «Ads by Google» auf die Website schalten, und schon bekommen sie das Geld. Für uns ist das kein grosses Geschäft mehr, weil wir den Grossteil der Erträge auszahlen. Wir unterstützen die Medienindustrie also in grossem Ausmass, und wir würden gern noch mehr machen.

Zürich ist nach Dublin der zweitgrösste Google-Standort in Europa. Werden Sie hier weiter expandieren?

Wir sind sehr zufrieden mit unserem Office. Wir haben jetzt mehr als 500 Mitarbeiter und werden auch hier weiter ­Topleute anstellen. Und wir haben eine fantastische Rutschbahn vom zweiten in den ersten Stock. Sie allein macht den Besuch schon lohnenswert.

Ist Google heute ein Grosskonzern, oder weht noch immer der Gründergeist? Sie selbst sind meist nur mit T-Shirt ­bekleidet, Ihre Topmitarbeiter dagegen bevorzugen Anzug und Krawatte.

Wir haben da keine Vorschriften. Für mich gilt: Die Zeiten sind zu ernst, um eine Krawatte zu tragen.

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