Es ist etwa ein halbes Dutzend Jahre her, da ging Peter Harf mit seiner Frau in London auf Shoppingtour. Ihr Weg führte sie ins modische Herzen der Themsestadt, nach Notting Hill. An der 187 Westbourne Grove lag ein eigenartiger Schmuckladen. Wer eintreten wollte, musste zuerst klingeln. Die Fenster mit schweren Vorhängen drapiert, mit roter Seide überzogene Wände, eine schwarze Decke mit kleinen Lämpchen, Glühwürmchen gleich.

Während sich die Gattin beraten liess, vertiefte sich Peter Harf in ein Gespräch mit Solange Azagury-Partridge. Die Schmuckdesignerin machte auf sich aufmerksam mit filigranem Schmuck, aber auch mit Stücken, die der Pop-Art entliehen sind. Zu den Kundinnen zählen Sarah Jessica Parker, Kate Moss, Jennifer Aniston oder Madonna. Peter Harf war begeistert vom Einfallsreichtum der britischen Designerin.

Shoppingtour. Monate später gründete er in Wien die Holding Labelux. Harf ist Sachwalter der deutschen Milliardärs­familie Reimann, die ein Vermögen von schätzungsweise gegen zehn Milliarden Euro besitzt. Seit über einem Vierteljahrhundert betreut er in ihrem Auftrag den Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser sowie den US-Kosmetik- und Parfumkonzern Coty. Nun sollte Harf ­Labelux mit Firmen aus den Bereichen Mode, Lederwaren, Accessoires und Schmuck füllen. Dazu warb er bei der Boston Consulting Group Berndt Hauptkorn ab, machte ihn zum CEO des Start-ups und schickte ihn mit einem prall gefüllten Portemonnaie auf Shoppingtour.

Die erste Station von Hauptkorn: 187 Westbourne Grove. Er begeisterte die Schmuckdesignerin mit seiner Vision einer global tätigen Solange-Kette. Im April 2008 verkaufte sie die Aktienmehrheit an Labelux. Nun ging es Schlag auf Schlag. Nur Tage später wechselte das angeschlagene Schweizer Traditions­unternehmen Bally von der Texas Pacific Group ins Portefeuille von Labelux. Zwei Monate danach folgte die Mehrheitsbeteiligung an Derek Lam. Unkundigen in Sachen Mode bringt Silvia Binggeli, stellvertretende Lifestyle-Chefin der «Annabelle», Erleuchtung: «Derek Lam gehört zu den wichtigen amerikanischen Desi­gnern.» Nach einer einjährigen Pause legte Labelux die Hand auf Zagliani. ­Übrigens wieder auf Anraten von Harf, der auch beim Mailänder Handtaschenhaus zum Shopping vorbeischaute.

Im November 2009 übernahm Hauptkorn die Führung von Bally, an seine Stelle rückte bei Labelux Reinhard Mieck. Der 44-Jährige, der in Diensten Reckitt Benckisers das Osteuropageschäft auf Vordermann brachte, meinte gegenüber der «Financial Times Deutschland» ­damals selbstbewusst: «Ich werde Labelux zu einem Key Player in der internationalen Luxusbranche aufbauen.» Ein Jahr später gelang ihm ein aufsehenerregender Wurf: Für geschätzte 720 Millionen Franken, das Dreifache des Umsatzes, tütete Mieck den Schuhmacher Jimmy Choo ein.

Nicht einmal der Wahnsinnspreis vermochte den Einkäufer, der einem Piratenfilm der sechziger Jahre entsprungen sein könnte, abzuschrecken. «Es ist eine fantastische Marke, und sie passt hervorragend zu unserer Labelux-Familie», meint der sonst so Verschwiegene gegenüber BILANZ. Jimmy Choo avancierte spätestens in «Sex and the City», wo die Stars auf den Killerabsätzen herumstöckelten, zum Kultlabel. Belstaff als letzte Erwerbung hat sich mit Motorradjacken in den Mode-Olymp geboxt. Inzwischen sind auch Jacken und Mäntel für Nicht­biker hinzugekommen.

Die Einkaufstour hat sich Labelux ­geschätzte 1,6 Milliarden Franken kosten lassen. Seit einem Jahr jedoch wurde keine Neuerwerbung mehr gemeldet. Auch sonst ist es um die Luxusholding ruhig geworden. Ausser der Ende 2011 ­erfolgten Sitzverlegung von Wien nach Caslano TI, dem Hauptsitz von Bally, war nichts mehr zu vernehmen. Anfragen nach Umsatz- und Ertragszahlen werden seit langem abschlägig beantwortet. Doch nun hat Mieck, der mit Gattin ­Marion und zwei Kindern in München lebt, 425 Kilometer von Caslano entfernt, erstmals den Schleier etwas gelüftet. Für dieses Jahr rechnet er auf Gruppenebene mit einem Umsatz von etwa einer Milliarde Dollar, insgesamt werden 3000 Mitarbeiter beschäftigt.

Zahlen der einzelnen Firmen hält der Deutsche unverändert unter Verschluss. Es ist anzunehmen, dass es auch bei den Labelux-Töchtern bestens läuft, wie auch sonst im Geschäft mit Luxus immer noch Boom angesagt ist. Zu den beiden Schlüsselbeteiligungen mag sich Mieck höchstens verbal äussern. «Das Geschäft läuft hervorragend», meint er zu Jimmy Choo. Und Bally «wächst sowohl beim Umsatz wie auch beim Ertrag, wir sind mit den Fortschritten sehr zufrieden». Unter internationalen Modeexperten ­erhält das Tessiner Unternehmen wieder bessere Noten. An der jüngst in Mailand abgehaltenen Milan Fashion Week wurden die Kollektionen der seit knapp zwei Jahren in Diensten von Bally stehenden Designer Michael Herz und Graeme Fidler lautstark beklatscht.

Drang in den Osten. Obgleich sich gewisse Mängel nicht übersehen lassen. «Die ­generelle Ausrichtung der beiden ist sehr gut. Doch bei der Herrenkollektion sind sie klar stärker, bei der Frauenmode ­suchen sie immer noch ihre eigene Linie», bemerkt Sithara Atasoy, Chef­redaktorin des Modemagazins «Bolero». Ein makelloses Zeugnis erhalten die Briten für ihre Art und Weise, wie sie Ballys Herkunft betonen. «Sie setzen Swissness auf frische Art in ihrem Design um», lobt Silvia Binggeli von «Annabelle».

Bally dürfte in diesem Jahr einen ­Umsatz von etwa 520 bis 540 Millionen Franken erzielen. Dagegen kommt der Betriebsgewinn mit geschätzten 70 bis 80 Millionen nicht an die saftigen Erträge mancher Konkurrenten heran. Denn Bally investiert immer noch massiv in den Um- und Ausbau der etwa 190 eigenen Boutiquen und gut 90 Duty-free Shops. Beim Ausbau steht Asien im Vordergrund, und da vor allem China. «Der chinesische Markt wird immer wichtiger, gerade weil die Mittelschicht stark wächst», ist Mieck überzeugt. Im Riesenreich ist Bally mit mehr als 60 eigenen Boutiquen vertreten.

In der Schweiz zeichnet sich bei der Luxussanierung der Shops ein Ende ab. Nun wird auch das grösste Problem ­angegangen, der überdimensionierte Laden an der Zürcher Bahnhofstrasse 66. Dort zieht Bally aus. Was in der Presse als schlechtes Zeichen für den Zustand des Luxushauses angesehen wird, bezeichnen Branchenkenner als notwendiges Übel. Denn diese Fläche liess sich nicht mehr rentabel bewirtschaften. «In Zürich wird Bally 2013 eine neue Luxusboutique beziehen», liess sich Reinhard Mieck dazu lediglich entlocken.

Der Labelux-Chef kann sich sowieso nur wenig um Bally kümmern, er reist fast ununterbrochen in der Weltgeschichte herum und hält Ausschau nach attraktiven Übernahmekandidaten. Peter Harf, bei Labelux die graue Eminenenz, will die Expansion vorantreiben. «Derzeit untersuchen unsere Teams jeden Monat mehrere vielversprechende Übernahmeziele», sagt er. «Allerdings bleiben wir ein disziplinierter Käufer, der nur nach Marken Ausschau hält, die wir innerhalb der Labelux-Familie auch erfolgreich entwickeln können.» Dabei will man im vorgegebenen Zielbereich bleiben. «Parfums und Kosmetik sind nicht Teil der Labelux-Strategie, diese gehören unter das Dach von Coty» (Harf).

Prall gefüllte Kriegskasse. Labelux ist noch weit entfernt von Miecks Wunschform, ein Key Player der Branche zu sein. Unter den zehn grössten Luxushäusern gurkt die Tessiner Holding am Schwanz herum (siehe «Geballte Ladung an Prunk» unter 'Downloads'). Doch Harf legt vor: «Wir gehen davon aus, dass der Gruppenumsatz bis 2020 um ein Vielfaches steigen wird. Idealerweise sollte dieses Wachstumstempo auch in späteren Dekaden aufrechterhalten bleiben.» Gehen diese Pläne auf, würde Labelux bis 2030 zu den Grossen aufschliessen.

Am nötigen Treibstoff für eine aggressive Expansionsstrategie herrscht kein Mangel. Im Mai veräusserte Harf einen Drittel des Reimann-Anteils an Reckitt Benckiser, Coty soll so rasch als möglich an die Börse geführt werden. Das wird die Kriegskasse mit Milliarden füllen. Von einem Going public von Labelux ­dagegen will der 66-Jährige nichts wissen. «Das ist nicht unsere Absicht. Labelux ist noch jung, und wir sind finanziell gut aufgestellt. Für die weitere Expansion benötigen wir kein Fremdkapital.»

Die einjährige Pause beim Ausbau von Labelux kommt nicht von ungefähr. Reinhard Mieck ist vollauf damit ­beschäftigt, die bei einigen Firmen ausgebrochenen Schwelbrände zu löschen. Bei Bally geben sich Führungskräfte seit langem die Klinke in die Hand. So hat ­Ex-Bally-Chef Marco Franchini vor gut drei Jahren das Unternehmen unter bis heute unklaren Umständen verlassen. Sein Nachfolger Berndt Hauptkorn zwang den Star-Schuhdesigner Brian Atwood aus der Firma. Ende 2011 musste auch Hauptkorn seinen Schreibtisch in Caslano räumen.

Mieck meinte damals, Hauptkorn habe von sich aus gekündigt, um «neue Chancen zu ergreifen». Bei Bally wird hinter vorgehaltener Hand erzählt, Hauptkorn sei nicht mehr sozialverträglich gewesen. Der Deutsche, der sich gegen aussen als feinsinniger Mensch gab, sei intern hart und undiplomatisch aufgetreten, habe zu oft «mit der flachen Hand reingeklatscht». Der 43-Jährige fand erst ein halbes Jahr nach seinem harschen Abgang wieder einen Job: Seit kurzem amtiert er als CEO ­Europa der ­japanischen Modemarke ­Uniqlo.

Als interimistischer Bally-CEO agiert Mieck – gemäss Arbeitskollegen nahbar, feinfühlig, einfach nett und unprätentiös. Seit über sechs Monaten wird ein neuer Chef gesucht. Mieck lässt sich dazu nur vernehmen: «Wir sind in unseren ­Gesprächen weit gediehen.» Aus seinem Umfeld heisst es, dass er Gefallen am ­vorübergehenden Job gefunden habe. So wird die CEO-Suche kaum mit Hochdruck geführt.

Auch in anderen Töchtern hat es gerumst. Letzten November schmiss Tamara Mellon, Mitgründerin und Minderheitsaktionärin von Jimmy Choo, ihren Job hin – ein halbes Jahr nach der Übernahme. «Das war ein sehr sorgfältig geplanter Übergang», will Mieck glauben machen. Nach dem 2001 erfolgten Abgang des malaysischen Schuhmachers Jimmy Choo war Mellon das Aushängeschild für die Kult-Pumps. «Mit solch entscheidenden Personen schliesst man langfristige Verträge ab», meint eine Branchenkennerin. Tamara Mellon stöckelte bei Jimmy Choo mit 80 Millionen Pfund in ihrer Handtasche davon.

Auch bei Zagliani hängt der Haus­segen schief. Gut ein Jahr nach dem Verkauf ihrer Firma haben der Kreativdirektor Mauro Orietti-Carella und Vater Mario gekündigt – so jedenfalls liess ­Labelux verlauten. Worauf Orietti junior im Modeblog der «Financial Times» klagte: «Sie haben mich und meinen Vater buchstäblich hinausgeschmissen. Ich werde mit allen Mitteln gegen dieses Unrecht kämpfen.»

Wo kreative Köpfe auf Erbsenzähler treffen, kann es schnell einmal krachen. Daran muss sich Labelux-Chef Reinhard Mieck gewöhnen.

Anzeige
Anzeige