1. Home
  2. Unternehmen
  3. KMU-Serie: Krieg gegen Schädlinge

 
KMU-Serie: Krieg gegen Schädlinge

Mit biologischen Mitteln rettet Andermatt Biocontrol Obst und Gemüse vor Viren und Käfern. Und dies äusserst erfolgreich, wie die Geschäftsentwickung beweist.

Von Harald Fritschi
07.03.2008

Marienkäfer gegen Blattläuse, ein ätherisches Öl gegen die Varroa-Milbe, die ganze Bienenvölker ausrottet, oder Zuchtviren gegen den Apfelwickler, der die Obsternte bedroht – der Siegeszug des biologischen Pflanzenschutzes ist nicht mehr aufzuhalten. Und in der Schweiz hat dieser einen Namen: Andermatt Biocontrol in Grossdietwil. Zwar dürfte das Bauerndorf im Luzerner Hinterland für innovative Firmen nicht unbedingt die erste Adresse sein. Doch Andermatt Biocontrol hat in dieser Umgebung das richtige Ambiente angetroffen: «Die ländliche Umgebung», sagt Firmenchef Martin Andermatt, «ist für unsere Arbeit ideal.» Hier findet er die geeigneten Mitarbeiter für seine Biokulturen.

«Das Virus gegen den Apfelwickler», sagt Andermatt, «haben wir vor gut 20 Jahren für Schweizer Biobauern entwickelt.» Diese pflanzten damals auf 50 Hektaren Kernobst an, doch die Hälfte der Äpfel sei wurmstichig gewesen. Auf das Granulose-Virus war der Agronom ETH während des Studiums gestossen. Es gab zwar umfangreiche Literatur darüber, doch selbst auf dieser Wissensbasis war noch kein Produkt zur Marktreife gelangt. «Damals wirkte die Chemie noch hervorragend.» Für die geplagten Biobauern war dies jedoch keine Alternative.

«Gegründet habe ich die Firma mit meiner Frau Isabel 1988 in einer Studentenbude in Oberglatt», sagt Andermatt rückblickend. Die beiden Doktoren der Agronomie respektive der Tiermedizin hatten innert elf Monaten die Bewilligung für das Mittel, das den Apfelwickler mit einem tödlichen Virus infiziert. Sie nannten es sinnigerweise Madex – Exitus für die Apfelwicklermaden. Madex wurde zum eigentlichen Erfolgsrezept für das neu gegründete Unternehmen. Heute wird das Produkt fast in der ganzen Welt vertrieben. «Es gibt schon noch einige weisse Flecken wie Russland», sagt Andermatt. 30 Prozent des Umsatzes von zwölf Millionen Franken und 90 Prozent der Eigenproduktion gehen in den Export. Europa ist der Hauptmarkt, aber auch die USA, Südamerika, Südafrika, Neuseeland und die Türkei gehören zu den Abnehmern.

«Die Bewilligungsunterlagen für Madex bestanden aus einem dünnen Ordner», evoziert Andermatt die gute alte Zeit. Heute brauche es für die EU-Registrierung 14 Bundesordner. Das Verfahren dauere fünf Jahre oder gar länger – und ist kompliziert. Bei Pflanzenschutzmitteln erteilt zuerst die EU eine Bewilligung für die Aktivsubstanz, und erst danach kann das Endprodukt in jedem einzelnen Land zugelassen werden. Die Registrierung im Ausland läuft über die einheimischen Distributoren und kann durchaus auf 100 000 Franken zu stehen kommen.

Heute vertreibt die Firma 30 eigene Produkte, fast alle im Bereich Pflanzenschutz. Es führt aber auch zahlreiche Fremdprodukte im Sortiment. Über die letzten 20 Jahre ist der jährliche Umsatz im Schnitt um 15 Prozent gewachsen. «Dies entspricht einer Verdoppelung alle fünf Jahre», sagt Andermatt stolz. Mittlerweile ist aus Biocontrol eine Gruppe geworden – mit Töchtern in Deutschland und drei Minderheitsbeteiligungen, zwei davon in Österreich. 2003 wurde der Haus- und Gartenbereich in die Andermatt Biogarten AG ausgegliedert, der Imkereibereich in die Andermatt Biovet AG. «Die zwei Schwestern von Biocontrol sind reine Handelsfirmen», sagt Andermatt. Biogarten mit ihren Ökoprodukten müsse ein positives Image vermitteln, was bei der Schädlingsbekämpfung nicht unbedingt der Fall sei. «Biocontrol», sagt Andermatt offen, «das ist Krieg gegen den Schädling.»

Doch die Mittel aus dem Hause Andermatt werden im Gegensatz zur Chemie nur auf ganz bestimmte Schädlinge angesetzt, die in der Fachsprache so genannten Zielschädlinge. Chemische Keulen dagegen rotten auf Feld und Flur flächendeckend ganze Insekten- oder Käferpopulationen aus. Es werden deshalb vorab in der EU immer mehr Substanzen verboten. Ein grosses Problem besteht auch darin, dass immer mehr Schädlinge resistent sind, die Chemie also nichts mehr nützt. Dies bedeutet eine grosse Chance für den biologischen Pflanzenschutz, der mit natürlichen Ressourcen eingreift. Deshalb will sich das Unternehmen im angestammten Bereich aus eigener Kraft weiterentwickeln. «Wir haben so viele Ideen», sagt Andermatt, «die wir leider gar nicht alle verwirklichen können.» Sicher werde die Firma auf den beiden bisherigen Schienen weiterfahren: der Züchtung von Viren und von Nützlingen. Von Letzteren bietet Andermatt Biocontrol nicht nur Marienkäfer an, sondern auch Fadenwürmer gegen die Larven des Dickmaulrüsslers, die im Biogarten grosse Schäden anrichten können. Auch diverse Raubmilben oder Schlupfwespen, die dem Befall von Zimmerpflanzen entgegenwirken, werden per A-Post vertrieben – 500 Schlupfwespenpuppen à 19.50 Franken.

«Wir verfügen weltweit über das grösste Sortiment an biotauglichen Pflanzenschutzmitteln», sagt Andermatt. Dass dies so bleibt, dafür will er selber sorgen. Mit einer hochmotivierten Crew von 67 Leuten, die am Erfolg des Unternehmens beteiligt sind. Ansonsten stecken die Andermatts alle Erträge in die Firma. Schliesslich will auch die Forschung und Entwicklung bezahlt sein. Und die macht laut Andermatt rund zehn Prozent des Umsatzes aus: «Das ist für ein KMU doch ein gefährlich hoher Wert.»

Andermatt-Gruppe

Firmenname: Andermatt Biocontrol AG
Hauptsitz: Grossdietwil LU
Gruppenumsatz: 12 Millionen Franken
Mitarbeiter: 67
Produktionsstandort: Schweiz
Exportanteil: 90 Prozent
Produkte: Biologischer Pflanzenschutz

Zum BILANZ-Dossier "KMU"

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel.

Anzeige